1.
Wie in der Tunnelstadt auf amerikanischem Boden, so fraßen sich
Armeen schweißtriefender Menschen in Frankreich, Finisterre und auf
den ozeanischen Stationen in die Erde hinein. Tag und Nacht stiegen
an diesen fünf Punkten des Erdballs ungeheure Rauch- und Staubsäulen
empor. Das hunderttausendköpfige Arbeiterheer rekrutierte sich aus
Amerikanern, Franzosen, Engländern, Deutschen, Italienern, Spaniern,
Portugiesen, Mulatten, Negern, Chinesen. Alle lebenden Idiome
schwirrten durcheinander. Die Bataillone der Ingenieure bestanden zum
größten Teil aus Amerikanern, Engländern, Franzosen und Deutschen. Bald
aber strömten Scharen von Volontären aller technischen Hochschulen der
Welt herbei, Japaner, Chinesen, Skandinavier, Russen, Polen, Spanier,
Italiener.
An verschiedenen Punkten der französischen, spanischen und
amerikanischen Küste, der Bermudas und der Azoren erschienen Allans
Ingenieure und Arbeiterhorden und begannen wie an den Hauptbaustellen
zu wühlen. Ihre Aufgabe war es, die Kraftwerke zu bauen, Allans
»Niagara«, dessen Gewalt er brauchte, um seine Züge von Amerika nach
Europa zu jagen, die ungeheueren Stollen zu beleuchten und zu belüften.
Nach dem verbesserten System der Deutschen Schlick und Lippmann ließ
Allan ungeheure Reservoire anlegen, in die das Meer zur Zeit der
Flut strömte, um von da in niedriger gelegene Bassins zu donnern,
niederschießend die Turbinen zu drehen, die aus den Dynamos den Strom
schlugen, und bei Ebbe ins Meer zurückzukehren.
Die Eisenhütten und Walzwerke von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma,
Kentucky, Colorado, von Northumberland, Durham, Südwales, Schweden,
Westfalen, Lothringen, Belgien, Frankreich buchten Allans ungeheure
Bestellungen. Die Kohlenzechen beschleunigten die Förderung, um
den erhöhten Kohlenbedarf für Transport und Hochöfen zu decken.
Kupfer, Stahl, Zement erlebten eine unerhörte Hausse. Die großen
Maschinenfabriken Amerikas und Europas arbeiteten mit Überschichten. In
Schweden, Rußland, Ungarn und Kanada wurden Wälder niedergemäht.
Eine Flotte von Frachtdampfern und Segelschiffen war ständig
zwischen Frankreich, England, Deutschland, Portugal, Italien und den
Azoren, zwischen Amerika und den Bermudas unterwegs, um Material und
Arbeitskräfte nach den Baustellen zu transportieren.
Vier Dampfer des Syndikats, mit den ersten Kapazitäten (zumeist
Deutschen und Franzosen) an Bord, schwammen auf dem Ozean, um die
Maße und Lotungen der nach den bekannten ozeanographischen Messungen
projektierten Tunnelkurve auf einer Breite von dreißig Seemeilen zu
kontrollieren und nachzuprüfen.
Von all den Stationen, Arbeitsstellen, Dampfern, Industriezentren aus
liefen Tag und Nacht Fäden nach dem Tunnel-Syndikat-Building, Ecke
Broadway-Wallstreet, und von hier aus in eine einzige Hand -- Allans
Hand.
In wenigen Wochen angestrengtester Arbeit hatte Allan die große
Maschine in Schwung gebracht. Sein Werk fing an, die Welt zu umspannen.
Sein Name, dieser vor kurzem noch gänzlich unbekannte Name, leuchtete
wie ein Meteor über den Menschen.
Tausende von Journalen beschäftigten sich mit seiner Person und nach
geraumer Zeit gab es keinen Zeitungsleser in der Welt mehr, der nicht
ganz genau Allans Lebensgeschichte kannte.
Diese Geschichte aber war keineswegs alltäglich: Von seinem zehnten bis
dreizehnten Jahr gehörte Allan zur Armee der unbekannten Millionen, die
ihr Leben unter der Erde verbringen und an die niemand denkt.
Er war in den westlichen Kohlenbezirken geboren, und der erste
Eindruck, der in seinem Gedächtnis haften geblieben war, war _Feuer_.
Dieses Feuer stand nachts an verschiedenen Stellen am Himmel, wie
feurige Köpfe auf dicken Leibern, die ihn schrecken wollten. Es kam
aus Öfen gegenüber heraus in der Gestalt glühender Gebirge, auf die
glühende Männer von allen Seiten Wasserstrahlen richteten, bis alles in
einer großen weißen Dampfwolke verschwand.
Die Luft war voll von Rauch und Qualm, dem Geschrei von Fabrikpfeifen,
es regnete Ruß, und zuweilen brannte nachts der ganze Himmel lichterloh.
Die Menschen erschienen immer in Haufen in den Straßen geschwärzter
Backsteinhäuser, sie kamen in Haufen, sie gingen in Haufen, sie waren
immer schwarz und selbst am Sonntag hatten sie Kohle in den Augen. In
allen ihren Gesprächen kehrte stets das eine Wort wieder: Uncle Tom.
Vater und Fred, der Bruder, arbeiteten in Uncle Tom, wie alle
Welt ringsum. Die Straße, in der Mac aufwuchs, war fast immer mit
glänzendschwarzem Morast bedeckt. Danebenher floß ein seichter Bach.
Die wenigen Gräser, die an seinen Ufern wuchsen, waren nicht grün,
sondern schwarz. Der Bach selbst war schmutzig und meist schwammen
buntschillernde Ölflecken darauf. Hinter dem Bach standen schon die
langen Reihen der Koksöfen, und hinter ihnen erhoben sich schwarze
Eisen- und Holzgerüste, auf denen unaufhörlich kleine Karren liefen.
Am stärksten aber fesselte den kleinen Mac ein großes, richtiges Rad,
das in der Luft hing. Dieses Rad stand zuweilen auf Augenblicke still,
dann begann es wieder zu »schnurren«, es wirbelte so rasch, daß man die
Speichen nicht mehr sah. Plötzlich aber sah man die Speichen wieder,
das Rad in der Luft drehte sich langsamer, das Rad stand still! Und
darauf begann es wieder zu »schnurren«.
In seinem fünften Lebensjahre wurde Mac von Fred und den übrigen
Pferdejungen in das Geheimnis eingeweiht, wie man ohne jegliches
Anlagekapital Geld machen könne. Man konnte Blumen verkaufen,
Wagenschläge öffnen, umgefallene Stöcke aufheben, Autos herbeiholen,
Zeitungen aus den Trams sammeln und wieder in den Handel bringen.
Voller Eifer nahm Mac seine Arbeit in der »City« auf. Jeden einzelnen
Cent lieferte er an Fred ab und dafür durfte er die Sonntage mit
den Pferdejungen in den »~saloons~« verbringen. Mac kam nun in das
Alter, wo ein witziger Junge den ganzen Tag fährt, ohne einen Cent
zu bezahlen. Wie ein Parasit lebte er auf allem, was rollte und ihn
vorwärtsbrachte. Später vergrößerte Mac sein Geschäft und arbeitete auf
eigene Rechnung. Er sammelte leere Bierflaschen in den Neubauten und
verkaufte sie, indem er sagte: »Vater schickt mich.«
Aber er wurde abgefaßt, jämmerlich verprügelt und damit war das
blühende Geschäft zu Ende.
In seinem achten Lebensjahr bekam Mac von seinem Vater eine graue
Kappe und große Stiefel, die Fred getragen hatte. Diese Stiefel waren
so weit, daß Mac sie mit einem einzigen Schlenkern des Fußes in die
nächste Stubenecke befördern konnte.
Der Vater nahm ihn an der Hand und führte ihn nach Uncle Tom. Dieser
Tag machte auf Mac einen unauslöschlichen Eindruck. Noch heute
erinnerte er sich deutlich, wie er, erschreckt und aufgeregt, an der
Hand des Vaters durch den lärmenden Zechenhof schritt. Uncle Tom war
mitten im Betrieb. Die Luft bebte von Geschrei, Pfeifen, Kärrchen
sausten durch die Luft, Eisenbahnwaggons rollten, alles bewegte sich.
Hoch oben aber schwirrte die Förderscheibe, die Mac schon jahrelang aus
der Ferne gesehen hatte. Hinter den Koksöfen stiegen Feuersbrünste und
weiße Rauchwolken empor, Ruß und Kohlenstaub sank vom Himmel herab, es
surrte und zischte in mannsdicken Röhren, aus den Kühlanlagen stürzten
Wasserfälle, und aus dem dicken, hohen Fabrikschlot quoll unaufhörlich
pechschwarzer Qualm in den Himmel empor.
Je näher sie aber den rußigen Backsteingebäuden mit den geplatzten
Fensterscheiben kamen, desto lauter und wilder wurde das Getöse. Es
schrie in der Luft wie tausend gemarterte kleine Kinder; die Erde
zitterte.
»Was schreit so, Vater?« fragte Mac.
»Die Kohle schreit.«
Nie hatte Mac gedacht, daß die Kohle schreien könne!
Der Vater stieg die Treppe eines großen bebenden Hauses empor, dessen
Wände Risse zeigten, und öffnete die hohe Tür ein wenig.
»Tag, Josiah! Ich will dem Jungen deine Maschine zeigen,« rief er
hinein, und dann wandte er sich um und spuckte auf die Treppe. »Komm,
Mac!«
Mac lugte in den großen reinlichen, mit Fliesen belegten Saal. Der Mann
namens Josiah wandte ihnen den Rücken zu. Er saß in einem bequemen
Stuhl, hatte die Hände an blanken Hebeln und starrte regungslos auf
eine Riesentrommel im Hintergrunde des Saales. Ein Glockensignal
ertönte. Da bewegte Josiah einen Hebel und die großen Maschinen links
und rechts begannen ihre Schenkel zu schwingen. Die Trommel, die Mac
haushoch vorkam, lief immer rasender, und um sie herum sauste ein
schwarzes armdickes Drahtseil.
»Der Korb geht nach Sohle sechs,« erklärte der Vater. »Er fällt rascher
als ein Stein. Er wird gerissen. Josiah arbeitet mit achtzehnhundert
Pferden.«
Mac war ganz wirr im Kopfe.
An einer weißen Stange vor der Trommel stiegen Pfeile auf und ab, und
als die Pfeile in nächster Nähe waren, bewegte Josiah wieder einen
Hebel und die sausende Trommel wurde langsamer und stand still.
Mac hatte nie etwas so Gewaltiges gesehen wie diese Fördermaschine.
»~Thanks~, Josiah!« sagte der Vater, aber Josiah wandte sich nicht um.
Sie gingen um das Maschinenhaus herum und stiegen eine schmale
eiserne Treppe empor, auf der Mac in seinen großen Stiefeln nur
mühsam vorwärtskommen konnte. Sie stiegen dem schrillen, winselnden
Kindergeschrei entgegen, und hier war der Lärm so groß, daß man kein
Wort mehr verstehen konnte. Die Halle war riesig, dunkel, voller
Kohlenstaub und rasselnder eiserner Karren.
Macs Herz war beklommen.
Gerade da, wo die Kohlen winselten und schrien, übergab ihn der Vater
den geschwärzten Männern und ging davon. Da sah Mac zu seinem Erstaunen
einen Bach von Kohlen! Auf einem meterbreiten langen Band liefen
unaufhörlich Kohlenstücke dahin, um endlich durch ein Loch im Boden wie
ein endloser schwarzer Wasserfall in Eisenbahnwaggons hinabzustürzen.
Zu beiden Seiten dieses langen Bandes aber standen geschwärzte Knaben,
Knirpse wie Mac, und griffen hastig in den Kohlenstrom hinein und
suchten bestimmte Brocken heraus, die sie in eiserne Karren warfen.
Ein Junge schrie ihm ins Ohr, er solle zusehen. Dieser Knirps hatte
ein geschwärztes Gesicht und erst nach einer Weile erkannte ihn Mac an
einer Hasenscharte. Es war ein Junge aus der nächsten Nachbarschaft,
mit dem er erst gestern noch eine Schlägerei gehabt hatte, weil er ihm
seinen Spottnamen »Hase« nachrief.
»Wir suchen die Berge heraus, Mac,« schrie der »Hase« mit gellender
Stimme in Macs Ohr, »wir dürfen die Steine nicht mit verkaufen.«
Am nächsten Tage schon sah Mac so gut wie die andern, was Kohle war und
was Stein war, am Bruch, am Glanz, an der Gestalt. Und acht Tage später
war es ihm, als sei er seit Jahren in dieser schwarzen Halle voller
Lärm und Kohle gewesen.
Über den ewig gleitenden Kohlenbach gebeugt, mit den schwarzen Händen
nach den »Bergen« fahrend -- so stand Mac zwei volle Jahre, jeden Tag,
an seinem bestimmten Platz, der fünfte von oben. Tausende von Tonnen
Kohlen glitten durch seine kleinen raschen Hände.
Jeden Sonnabend holte er seinen Lohn, den er an den Vater (bis auf
ein kleines Taschengeld) abgeben mußte. Mac war neun Jahre alt und
ein Mann geworden. Wenn er am freien Sonntag in den »Saloon« ging, so
trug er einen steifen Hut und einen Kragen. Eine Pfeife hing zwischen
den Haifischzähnen; er kaute Gummi und hatte allezeit ein reichliches
Reservoir von Speichel zwischen Zunge und Gaumen. Er war ein Mann,
sprach wie ein Mann und hatte nur die helle, gellende Stimme eines
Knaben, der die Woche in einem lärmenden Arbeitsraum verbringt.
Das war die Kohle über der Erde, und er, Mac, kannte sie und wußte
in allen Dingen Bescheid -- besser als der Vater und Fred! Es gab
hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten,
woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblöcken,
die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen
Türen des Schachtes und der triefende Förderkorb spie Tag und Nacht,
ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fünfzig Zentner auf
einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde über die Eisenplatten der
Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle über
einer Öffnung am Boden (wie Hühner am Spieß!) und schütteten die Kohle
hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle
auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf großen Sieben hin
und her gerüttelt und hier _schrie_ die Kohle. Die große Kohle, die
Förderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja, ~well~, das wußten auch
die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem
Monat gesagt, daß die Hunde, die durch die Halle polterten, unmöglich
all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Täglich kamen Hunderte
von Waggons an -- von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV
-- und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wäschereien und
Kokereien und der »chemische Betrieb« waren. Mac hatte sich umgesehen
und wußte alles! Er wußte, daß die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch
ein Paternosterwerk in die Wäscherei transportiert wurde. Hier lief
sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortspülte, während
die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fünf
Sieben, mit verschieden großen Löchern; hier ging sie herum, rasselnd
und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch
Kanäle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stückkohle, melierte
Kohle, Nuß I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die
Feinkohle aber, all die Splitter und der Staub -- die warf man fort,
glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjährigen Ingenieur, und er wird
dir sagen, daß man die Kohle »aussaugt«, bis nichts mehr von ihr da
ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlöcherte Treppe empor.
Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen,
aber wenn man genau hinsah, so sah man, daß sie sich langsam -- ganz
langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um
und schüttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in
die Koksöfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen
Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mögliche daraus
gemacht. Das war der »chemische Betrieb« von Uncle Tom I und Mac wußte
alles.
In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus
gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum
erstenmal ein -- dahin, wo die Kohle herkam.
Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb stürzte
ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, daß Mac glaubte,
der Boden, auf dem er saß, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick
schwarz vor den Augen, sein Magen schnürte sich zusammen -- dann aber
hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lärm sauste der
eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen
die Führungsschienen, daß es klirrte und krachte, als springe er in
Stücke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze
Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen
an den offnen Türen des Korbes in die Höhe. Mac sagte sich, daß es
so sein müsse. Zwei Jahre lang hatte er täglich beim Schichtwechsel
die Hauer und Bergleute mit ihren Lämpchen -- die wie Glühwürmchen in
der dunklen Halle tanzten -- aus dem Korb steigen sehen und mit dem
Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der
Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schädel
eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger
und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestürzt. Das konnte vorkommen,
aber es kam nicht vor.
Plötzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf
einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwärzte,
halbnackte Gestalten empfingen sie.
»Du bringst uns deinen Jungen, Allan?«
»~Yep!~«
Mac befand sich in einem heißen Tunnel, der, beim Schacht schwach
erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile
schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay,
der Pferdejunge -- den Mac schon lange kannte -- an der Seite, und
hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.
Jay grinste. »Hallo! Da ist er ja!« schrie er. »Mac, ich habe gestern
noch drei ~drinks~ im Pokerautomaten gewonnen. ~Hej, hej, stop Boney!~«
Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er
wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand
Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.
Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, daß ein Junge
von zehn Jahren etwas anderes sein könne als ein Ponyboy. Anfangs hatte
ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten
bedrückt. Ja, was für ein ~fool~ war er doch gewesen, zu glauben, daß
es hier unten von allen Seiten picken und klopfen würde! Es war im
Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen,
verstehst du? Nur beim Schacht, wo der Korb lief und ein paar Leute
die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flözen, wo die Hauer,
zumeist unsichtbar für Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen
und die Kohle schlugen, war ein wenig Lärm. Eine Stelle aber gab es
auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lärm war. Dort arbeiteten die Bohrer.
Zwei Männer, die längst taub sein mußten, preßten die pneumatisch
betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war
kein Wort zu verstehen.
Auf Sohle 8 arbeiteten einhundertundachtzig Menschen -- und doch sah
Mac selten jemand. Zuweilen einen Steiger, den Schießmeister, das
war alles. Es war stets ein Ereignis, wenn irgendein Lämpchen im
finsteren Stollen auftauchte und ein einsamer Wanderer angestapft kam.
Seine ganze Schicht lang fuhr Mac in diesen öden, schwarzen, niedern
Gängen hin und her. Er sammelte die Kohlenkarren bei den Flözen und
Bremsbahnen und fuhr sie zum Schacht. Hier hängte er sein Pferd vor
den fertigen Zug, leere Hunde, Hunde mit Gestein zum Ausfüllen der
abgebauten Flöze, mit Stempeln, Balken und Brettern zum Verzimmern
der Stollen, und brachte die Wagen an die betreffenden Stellen. Er
kannte das ganze Labyrinth der Stollen, jeden einzelnen Balken, den
der hereindrückende Berg geknickt hatte, alle Flöze, sie mochten
heißen George Washington, Merry Aunt, Fat Billy oder wie immer. Er
kannte die Wettervorhänge, aus denen schwere Grubengase stiegen. Er
kannte jeden »Sargdeckel«, ins Gestein eingesprengte kurze Säulen,
die plötzlich herausfahren können, um dich an die Wand zu nageln. Er
kannte die Wetterführung genau, Türen, die der stärkste Mensch nicht
öffnen konnte, bevor er nicht die dagegenpressende Luft durch ein
kleines Fenster in der Türe hatte ausströmen lassen -- dann pfiff die
Luft wie ein eisiger Sturmwind. Und wieder, da gab es Stollen voll
dumpfer, heißer Luft, daß einem sofort der Schweiß vom Gesicht stürzte.
Hundertmal in der Schicht durchquerte er diese eisigen und kochenden
Stollen, ganz wie es tausend Pferdejungen in diesem Augenblick tun.
Nach der Schicht fuhr er aus mit den Kameraden im aufwärtsschießenden,
klirrenden Korb, aus und wieder ein, ohne sich dabei etwas zu denken,
genau wie ein Clerk den Lift nimmt, um in seine Office und von der
Office auf die Straße zu kommen.
Da drunten auf Sohle 8 machte Mac die Bekanntschaft von Napoleon
Bonaparte, gekürzt Boney. So hieß sein Schimmel. Boney hatte Jahre da
unten in der Dunkelheit zugebracht und war halb blind. Sein Rücken war
gebogen und der Kopf bis zum Boden gesenkt, von dem ewigen Bücken in
den niedrigen Stollen. Boney hatte sich in den Pfützen zwischen den
engen Schienen die Hufe breitgetreten, so daß sie wie Kuchen waren.
Er war aus den besten Jahren heraus und die Haare gingen ihm aus. Um
die Augen und die Nüstern hatte er fleischrote Ringe, die nicht hübsch
aussahen. Dabei aber ging es Boney prächtig, er war dick und fett und
phlegmatisch geworden. Er ging stets im gleichen Trott. Sein Gehirn
hatte sich auf diesen Trott eingestellt und er konnte jetzt nicht mehr
anders. Mac konnte mit der Bürste (von ihr wird gleich die Rede sein)
vor ihm hertanzen -- Boney ging nicht rascher. Mac konnte ihn schlagen
-- da tat dann Boney, der alte Schwindler, als werde er eifriger,
er zeigte seinen Willen, nickte rascher mit dem Kopf, klatschte
nachdrücklicher in den Schmutz -- aber er ging nicht rascher.
Mac behandelte ihn nicht besonders zärtlich. Wenn er Boney zur Seite
haben wollte, so rannte er ihm den Ellbogen in den Wanst; anders tat
es Boney nicht, denn obwohl er sah, daß er Platz machen sollte und die
Ohren spitzte, ließ er es erst zu Rippenstößen kommen. Wenn Boney
einschlief, was häufig vorkam, so schlug ihn Mac mit der Faust auf die
Nase -- denn Mac mußte fördern und flog hinaus, wenn er seine Karren
nicht bewältigte. Er konnte keine Rücksicht nehmen. Trotz alledem waren
sie gute Freunde. Zuweilen -- wenn Mac sein Repertoire abgepfiffen
hatte -- klopfte er Boney auf den Hals und plauderte mit ihm: »~He, old
Boney, how are you to-day, old fellow? All right, are you?~« --
Nach halbjähriger Bekanntschaft fiel es Mac auf, daß Boney schmutzig
war. Er sah nur hier in der Finsternis, bei der Lampe, wie ein Schimmel
aus. Hätte man ihn ans Tageslicht gebracht -- ~holy Gee!~ -- wie hätte
Boney sich schämen müssen!
Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war
keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte
den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt
wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hängebauch vor Vergnügen hin
und her, um die Wollust des Bürstens auszugenießen. Mac versuchte es
auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney
schneeweiß herzurichten. Aber sobald Boney Wasser spürte, zuckte seine
Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte
unbehaglich die Füße. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn
Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney plötzlich den Hals
vor und ließ ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hören -- die
Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, daß der Stollen hallte. --
Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von
ihm. Er hat ein außergewöhnliches Interesse für alte, krummrückige,
fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines
Schimmels und sagt: »So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!«
Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, daß sie an
der Ähnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von
Gemälden und hat nie einen Cent dafür ausgegeben. Aber Maud entdeckte
einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war
übrigens schon über zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine
Sympathie für alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills,
hielt er plötzlich das Auto an.
»Sieh dir mal den Schimmel an, Maud!« sagte er und deutete auf einen
alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.
Maud mußte laut heraus lachen. »Aber Mac, das ist ein alter Schimmel,
wie es Tausende gibt.«
Das sah Mac natürlich ein und er nickte. »Das mag schon sein, Maud,
aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.«
»Wann?«
»Wann?« Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde,
als von sich selbst zu sprechen. »Das ist schon lange her, Maud. In
Uncle Tom.«
Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender
Raubvogelschrei -- hej! -- hej! -- den Mac unwillkürlich ausstößt, wenn
ihm jemand vor den Reifen des Autos herumläuft. Diesen Schrei hat er in
Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte,
und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen
war.
* * * * *
Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang
in den Stollen von Uncle Tom zurückgelegt, als die Grubenkatastrophe
eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete
zweihundertundzweiundsiebzig Menschen das Leben, aber sie sollte Macs
Glück werden.
In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete
sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle
Tom.
Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurück und pfiff einen Gassenhauer,
den gegenwärtig der Phonograph in Johnsons »Saloon« jeden Abend
brüllte. Plötzlich hörte er durch das Gerassel der eisernen Hunde
hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer
noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhölzer
knickten und der Berg hereinbrach. Er riß Boney mit aller Gewalt
am Halfter und gellte ihm in die Ohren: »Hej, hej! ~Git up -- giit
up!~« Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hörte,
versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib,
daß er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifelten
~finish~ -- dann verschwand er unter dem stürzenden Gestein. Mac lief
wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu
seinem Entsetzen sah er, daß die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls
knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal
im Kreise, wie ein Kreisel, die Hände an den Schläfen und stürzte
in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der
Seitenverschlag krachte, und gehetzt von stürzendem Gestein flog Mac
dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hände
am Kopf, und schrie!
Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, daß er
in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben würde,
wenn ihn der Berg nicht erfaßt hätte. Er mußte sich setzen, da ihn die
Knie nicht mehr trugen, und da saß er nun, betäubt vom Schrecken, und
dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschäftigte er sich mit
seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab;
er war vollkommen eingeschlossen von Geröll und Kohle. Er versuchte zu
denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.
So saß er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit,
dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stück Kaugummi und seine
Lebensgeister kehrten zurück.
Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest.
Boney hatte der Berg erschlagen -- und ihn, nun ihn würden sie wohl
herausgraben!
Mac saß neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er
wartete ein paar Stunden, dann überschlich ihn eine eisige, kalte
Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die
Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Geröll ab, ob kein
Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts übrig, als zu warten. Er
untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und ließ die
Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an
Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das
Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in
Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine
fünf Cent ein, drehte die Kurbel, ließ los -- und merkwürdig, immer
gewann er: ~full hand~, ~royal flush~ ...
Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentümlicher Laut. Es zischte und
knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hörte er, daß er
nichts gehört hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber
diese schreckliche Stille war unerträglich. Er steckte die Zeigefinger
in die Ohren und schüttelte sie. Er räusperte sich und spuckte laut
aus. Dann saß er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin
auf das Stroh, das für Boney da war. Schließlich legte er sich auf das
Stroh, und mit einem jämmerlichen Gefühl der größten Hoffnungslosigkeit
schlief er ein.
Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von
Nässe; die Lampe war ausgegangen und er plätscherte mit den Füßen
im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine
Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren,
zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn.
Dabei lauschte er, aber er hörte weder Klopfen noch Stimmen, nur das
Rieseln und Tröpfeln von Wasser.
Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab,
knirschte mit den Zähnen und raufte sich das Haar, während er toll
vorwärtsrannte. Er stieß gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den
Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fäusten aufs Gestein ein. Seine
verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg
zum Barren zurück und fuhr fort, Hafer zu kauen, während er die Tränen
laufen ließ.
Stundenlang saß er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!
Mac saß, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten,
er wurde ganz kühl. In dieser furchtbaren Stunde mußte es sich zeigen,
was an Mac war. Und es zeigte sich!
Plötzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der
Luft: »Wenn ~those blasted fools~ mich nicht holen,« schrie er, »so
werde ich mich selbst ausgraben!«
Aber Mac begann nicht sofort zu wühlen. Er nahm wieder auf dem Barren
Platz und dachte lange und sorgfältig nach. Er zeichnete sich im Kopf
den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Südstollen war es unmöglich!
Wenn er überhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt,
Pattersons Flöz, sein. Die Abbaustelle dieses Flözes lag siebzig,
achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wußte Mac ganz genau.
Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brüchig
geworden. Das war von großer Wichtigkeit.
Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: »He, Pat,
Hikkins sagt, wir fördern nur noch Dreck!«
Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und
Pat hatte wütend geheult: »Hikkins ~shall go to the devil~, sag' ihm
das, Mac! ~To hell~, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat
sie zerdrückt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag' ihm das, sie
sollen besser versetzen!«
Pat hatte das Flöz mit neuen guten Stempeln solid gestützt, denn er
hatte befürchtet, daß ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flöz war
steil, zweiundfünfzig Meter hoch und führte über eine Bremsbahn auf
Sohle 7.
Mac zählte die Schritte ab, und als er siebzig gezählt hatte, wurde ihm
eiskalt, und als er fünfundachtzig gezählt hatte und ans Gestein stieß,
jubelte er hell auf.
Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich
sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er -- knietief im
Wasser stehend -- eine große Nische aus dem Geröll geschlagen. Aber
er war erschöpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mußte
ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen.
Er mußte die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu
sichern, nicht verschüttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen
gefährlich hängende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall
zum Stützen holen und die Felsstücke herauswälzen. So arbeitete
Mac stundenlang, keuchend, kurz und heiß atmend. Dann war er total
erschöpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte
er, und als er nichts hörte, machte er sich wieder an die Arbeit.
Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage -- und im ganzen
waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er später geträumt, daß er
gräbt und gräbt und sich durchs Gestein wühlt ...
Dann fühlte er, daß er an der Mündung des angeschlagenen Flözes war.
Er fühlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den
abgerutschten Kohlen. Mac füllte sich die Taschen mit Hafer und stieg
in das Flöz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig
Kohle hereingedrückt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als
er merkte, daß sich die Kohle leicht wegschieben ließ, denn er hatte
zweiundfünfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend,
stieg er das schwarze Flöz in die Höhe. Zurück konnte er jetzt nicht
mehr, denn er verschüttete sich selbst den Weg. Plötzlich spürte er
einen Stiefel und am rauhen, abgeschürften Leder erkannte er sofort
Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschüttet, und der Schrecken und
das Entsetzen lähmten Mac derartig, daß er lange Zeit untätig kauern
blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu
denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam höher. Dieses Flöz
war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen.
Aber da Mac erschöpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen
wegräumen mußte und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die
Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweißtriefend,
zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn führte von
Sohle 8 direkt zur Sohle 7.
Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die
Gleise hinauf.
Endlich war er oben: Der Stollen war frei!
Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hände
ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7
so genau wie die Sohle 8, aber verschüttete Stollen zwangen ihn immer
wieder, den Weg zu ändern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in
seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mußte er, zum Schacht -- die Glocke
ziehen ...
Plötzlich aber -- als er schon zitterte vor Angst, nun _hier_
eingeschlossen zu sein -- plötzlich sah er rötliche Lichtfunken:
Lampen! Es waren drei.
Mac öffnete den Mund, um zu schreien -- aber er brachte keinen Ton
heraus und brach zusammen.
Es ist möglich, daß Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den
Männern schworen, nichts gehört zu haben, während der dritte
behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehört.
Mac fühlte, daß ihn jemand trug. Dann fühlte er, daß er sich im
ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so
langsam ging. Dann fühlte er, wie man Decken über ihn breitete und ihn
wieder trug -- und dann fühlte er nichts mehr.
Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er
glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war
er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der
zerstörten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle
Blätter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild,
wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwärzte kleine Hand
hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht saß, erschien in allen
Journalen.
Die ganze Welt lachte gerührt über Macs erste Bemerkung, als er
erwachte. Er fragte den Arzt: »Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?«
-- Diese Bemerkung war aber ganz natürlich. Macs Mundhöhle war
ausgetrocknet, er hätte ebensogut um Wasser bitten können.
Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater
und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hände vors
Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der
plötzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac
vorzüglich. Er wurde gefüttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld,
Wein. Damit aber wäre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine
reiche Dame in Chikago -- gerührt durch das Schicksal des verwaisten
Pferdejungen -- sich seiner angenommen hätte. Sie leitete fortan seine
Erziehung.
Mac kam es nicht in den Sinn, daß man etwas anderes werden könne als
Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie.
Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurück,
wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez
in Bolivia -- in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mußte, wann
der richtige Moment für einen gutsitzenden Faustschlag gekommen
war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel
der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine »Idee« gekommen. Die
Durchführung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab --
und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer
mußte durch ein billiges Material von annähernder Härte ersetzt werden.
Mac trat bei den Versuchswerkstätten der Edison Works Limited ein und
versuchte einen Werkzeugstahl außerordentlicher Härte zu schaffen.
Nachdem er zwei Jahre mit Zähigkeit gearbeitet hatte und seinem
Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich
selbständig.
Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud
kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kümmern und machte
sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr
zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, großen Augen, die in der
Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene
Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzündetes und
entzücktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn.
Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und
weißeste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, daß sie
nicht beim kleinsten Luftzug zerriß. Es imponierte ihm, wie mutig sie
ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo
und war von früh bis nachts tätig. Er hörte sie einmal über Musik,
Kunst und Literatur sprechen -- lauter Dinge, von denen er gar nichts
verstand -- und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war
grenzenlos. Er verschoß sich regelrecht in Maud und beging die gleichen
Dummheiten wie alle Männer in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen
Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages
aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen -- was für ein Blick war
es doch? -- und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er
ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf
widmete er drei weitere Jahre rastloser Tätigkeit der Ausarbeitung
seiner »Idee«.
Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssänger in den
Concerthalls der Vorstadt besangen.
2.
In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.
Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, daß seine jetzige Arbeit von
ganz anderer Art war als seine Tätigkeit in der Fabrik in Buffalo, und
sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu
opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er
war auf der Baustelle, in den Versuchswerkstätten von Buffalo, oder
er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um
sechs Uhr und sie hielt ihn häufig bis spät in die Nacht hinein fest.
Vollkommen ermüdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines
Arbeitsraumes zu übernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.
Auch darein fügte sich Maud.
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie
ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude
ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen,
Wäsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie überließ ihm Lion, den
chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac
umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal
nacheinander sagen -- immer mit einer kleinen angemessenen Pause
dazwischen --: »~Dinner, sir -- Dinner, sir.~« Er verlor weder die
Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er
arbeitete lautlos und gleichmäßig wie eine gutgeölte Maschine und doch
war stets alles in peinlicher Ordnung.
Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer.
Solange es die Witterung erlaubte, arrangierte sie am Abend kleine
Diners auf dem Dach des Syndikatgebäudes, das einen berückenden
Blick über New York gewährte. Diese Diners mit einigen Freunden und
Mitarbeitern Macs machten ihr große Freude und sie verwandte den ganzen
Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdroß sie auch nicht, wenn Mac
zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.
Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmäßig in Bronx bei ihr und
Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versäumnisse der Woche
wettmachen, so ausschließlich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter
und harmlos wie ein großer Knabe.
Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in
New Jersey, um »Hobby etwas Dampf aufzusetzen«.
Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Gründern und
Großaktionären des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten,
Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf große Mengen
Wassers gestoßen, in »Bermuda« verursachte der Bau des Serpentintunnels
unerwartete Schwierigkeiten. In »Finisterra« war das Arbeitermaterial
minderwertig und mußte durch besseres ersetzt werden. Und dazu häuften
sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.
Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war
selbstverständlich, daß sie an solchen Tagen keine Ansprüche an ihn
erhob.
Mac versicherte ihr, daß es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn
der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war,
daß Mac sich überarbeiten könne.
Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen
Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den
»Eroberer der submarinen Kontinente« nannten und die Genialität und
Kühnheit seiner Entwürfe priesen. Übrigens hatte sie sich noch nicht
ganz daran gewöhnt, daß Mac nun plötzlich ein berühmter Mann geworden
war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber
dann fand sie, daß er ganz genau so aussah wie früher, schlicht, gar
nicht ungewöhnlich. Sie befürchtete auch, daß sein Nimbus in der
Öffentlichkeit verblassen würde, wenn die Leute wüßten, wie simpel sein
Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufsätze und
Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat
sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst
zu sehen, »~Mac's wife~«, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil
stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten
nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte
sich tot vor Vergnügen, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung einen
Artikel fand: »Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New
Yorks.«
Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die
Leute in Geschäften, wo sie Einkäufe machte, sie neugierig anstarrten,
und ein großer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen
am Union-Square abstoppen ließ und sie ihren Freundinnen zeigte.
An den schönen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwägelchen
im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten,
wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkäfigen amüsieren konnten,
und zwar amüsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der
Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte
dieses Vergnügen ein Ende.
Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar -- ohne
jede Arbeit! -- mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon
Wochen vorher. Es sollte genau so werden wie ihr erstes gemeinsames
Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten
Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm für
die drei Tage ausgearbeitet.
Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast
nicht zu sehen. Allan war tagtäglich von Beratungen mit Finanzleuten
in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen für die finanzielle
Kampagne trafen, die im Januar eröffnet werden sollte.
Allan brauchte -- vorerst! -- die hübsche Summe von drei Milliarden
Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er sie bekommen
würde.
Wochenlang war das Syndikatgebäude von Journalisten belagert gewesen,
denn die Presse hatte mit der Sensation glänzende Geschäfte gemacht.
Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet?
Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die
Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, daß die Tunnelkurve, trotz
kleiner Umwege, um ein Fünfzigstel kürzer werden würde als der Seeweg?
(»Stich eine Nadel durch einen Globus und du weißt es!«) Das waren
alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schluß
hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen »Tunnelkrieg«
in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem
gleichen Lärm geführt wurde wie der erste.
Die gegnerische Presse führte wiederum ihre alten Argumente ins
Feld: daß niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis
herauszubohren imstande sei, daß eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern
unter dem Meeresspiegel jede menschliche Tätigkeit ausschließe, der
ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten
würde -- daß aus all diesen Gründen der Tunnel ein klägliches Fiasko
erleiden würde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren
Lesern zum tausendstenmal die Vorzüge des Tunnels klar: Zeit! Zeit!
Zeit! Pünktlichkeit! Sicherheit! Die Züge würden so sicher laufen wie
die Züge auf der Erdoberfläche -- ja, sicherer! Man sei nicht mehr
vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhängig und setze sich nicht
der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu
werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der »Titanic«, bei der
sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der
»Kosmos«, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean
verscholl!
Die Luftschiffe kämen überhaupt niemals für einen Massenverkehr in
Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen,
den Atlantik zu überfliegen.
In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die
Hand nehmen, ohne auf das Wort »Tunnel« und auf Illustrationen und
Abbildungen zu stoßen, die sich auf den Tunnel bezogen.
Im November wurden die Nachrichten spärlicher und schließlich erloschen
sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hüllte sich in Stillschweigen.
Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmöglich, neue
Illustrationen zu veröffentlichen.
Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und
nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, für die
man kein Interesse mehr übrig hatte. Etwas Neues stand momentan im
Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!
Der Tunnel aber war vergessen.
Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wußte recht gut, daß
diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht
hätte. Er selbst wollte, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen
wähnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf
Sensation beruhte!
Im Dezember ging eine ausführlich kommentierte Nachricht durch die
Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des
Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining
Company erwarb für die Summe von zwölfeinhalb Millionen Dollar das
Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage geförderten Materialien,
die sich hüttentechnisch verarbeiten ließen. (Die Aktien der P. S. R.
C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig
erschien die Notiz, daß die Edison-Bioskop-Gesellschaft für eine
Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und
kinematographische Aufnahmen vom Tunnel während der ganzen Bauzeit zu
machen und zu veröffentlichen.
Die Edison-Bio verkündete in grellen Plakaten, daß sie »das ewige
Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten
Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die
Geschichte des größten menschlichen Werkes zu überliefern.« Sie
beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzuführen,
um sie von da aus über dreißigtausend Theater des ganzen Erdballs zu
schicken.
Es war unmöglich, eine bessere Reklame für den Tunnel zu ersinnen!
Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert
Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des
Atlantic, sie zeigte die fünf gewaltigen Staubsäulen der einzelnen
Baustellen, die Steinfontänen, die das Dynamit emporjagt, die
Abfütterung von hunderttausend Menschen, den Anmarsch der
Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstück
den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er
stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fünfzehn frischen
Hügeln. Sie zeigte Holzfäller in Kanada, die einen Wald für Allan
niederschlagen -- sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle
die Buchstaben A. T. S. trugen.
Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen
»Eisenbahnwagen« trug, machte den stärksten und in der Tat einen
überwältigenden Eindruck. Güterzüge, nichts sonst. Güterzüge in
Schweden, Rußland, Österreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich,
England, Amerika. Züge mit Erzen, Holzstämmen, Kohlen, Schienen,
Eisenrippen, Röhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten
vorüber -- alle rollten! -- ohne Aufhören rollten sie vorüber, so daß
man sie schließlich rollen und rauschen _hörte_.
Zum Schluß kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby über die
Baustelle in New Jersey.
Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen »Tunnelfilm«, und am
Schluß erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.
Während Allans Name früher kaum mehr gewesen war als der Name eines
Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht
und übermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem
Namen und seinem Werk festgefügte und klare Vorstellungen.
Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle großen und kleinen
Städte der Staaten mit möbelwagengroßen Plakaten überschwemmt, vor
denen sich die Menge trotz dem Geschäftsfieber der Weihnachtswoche
ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean
von Häusern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein
Mensch etwas Ähnliches gesehen oder erträumt! In der Mitte dieser
Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an
einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose
Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und
Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender
Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu
den Tunnelmündungen führte, waren von unzähligen Brücken überspannt,
von Parkanlagen mit Fontänen und blühenden Terrassen eingesäumt. Ein
dichtgedrängtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich
um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhäuser, Banken, Officebuildings.
Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische
Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Häuserblöcken,
die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren
märchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhäuser, Docke,
Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an
Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger
Strand voller Strandkörbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und
unter dieser blendenden Märchenstadt stand: »Mac Allans Städte in zehn
Jahren.«
Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz
oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht größer als eine Möwe. Man sah,
daß der Pilot etwas mit der Hand über Bord warf, das anfangs wie Sand
aussah, dann aber rasch größer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu
Zetteln wurde, von denen einzelne dicht über der Stadt so groß waren,
daß man deutlich lesen konnte, was darauf stand: »Kauft Baustellen!«
Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an den Kopf zu klopfen
brauchte und die großartigsten Dinge kamen heraus.
Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen großen
Zeitungen bei. Jeder Quadratfuß New Yorks war damit bedeckt. In allen
Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zügen, Stationen, Ferryboats,
überall stieß man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dünen stampfen
wollte. Man belächelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte
jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in
Mac Allan City gewesen zu sein!
In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!
»~Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!~«
Aber unter zehn, die »Bluff« schrien, sah man immer einen, der die
Hände rang, die andern an den Schultern schüttelte und sich blau schrie:
»~Bluff?~ ~Nonsense~, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!!
Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!«
Waren diese Riesenstädte in Zukunft überhaupt wahrscheinlich und
möglich? Das war die Frage, an der man sich die Köpfe einstieß.
Schon am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten
der berühmtesten Statistiker, Nationalökonomen, Bankiers,
Großindustriellen. ~Mr. F. says~: --! Sie stimmten alle darin überein,
daß allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb
viele Tausende von Menschen erfordern würde, die an und für sich
respektable Städte füllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika
und Europa würde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitäten zu drei
Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden.
Heute waren täglich rund fünfzehntausend Menschen zwischen den
Kontinenten unterwegs. Mit der Eröffnung des Tunnels würde sich der
Verkehr versechsfachen, ja -- nach einigen -- verzehnfachen. Die
Ziffern konnten ins Unfaßbare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen
würden täglich in den Tunnelstädten eintreffen. Es war sogar möglich,
daß diese Tunnelstädte in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren
Dimensionen annehmen würden, die wir Menschen von heute mit unseren
kleinlichen Maßstäben gar nicht auszudenken vermochten.
Allan führte nun Schlag auf Schlag.
Am nächsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!
Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu
verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter
mit Tausend-Dollarnoten auslegen mußte, nein, aber trotzdem waren
seine Preise unverschämt und machten den stärksten Mann mundtot. Die
Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen hätten. Sie
machten Bewegungen, als hätten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt.
Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hüte: Mac! Wo war er,
dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen
Jahren ein Vermögen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld
in die eigenen Taschen zu schieben?
Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die größte und
kühnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte
Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern!
-- In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstädte -- die
noch gar nicht existierten! -- verhundertfachte, in der teuersten Zone
vertausendfachte er sein Geld!
Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten
einander argwöhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste,
Konzerne!) Wie eine feindselig geschlossene Phalanx stand sie Allans
unverschämten Forderungen gegenüber. Allan hatte noch dazu die Nerven,
zu verkündigen, daß er dieses »günstige« Angebot nur drei Monate offen
lassen werde. Sollte er! Es würde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab
für seine Schmutzpfützen -- hoho! -- Narren, die einfaches Wasser für
Whisky bezahlten -- -- --
Und es zeigte sich!
Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf
den Leib gerückt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie,
Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus
Wannamaker folgte.
Nun mußte man! Man mußte! Jeden Tag veröffentlichten die Zeitungen neue
Ankäufe -- sinnlose Summen für nichts als Sand, Geröll -- in einer
Bluffstadt! -- aber man mußte, wollte man nicht zu spät kommen. Es gab
Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.
~Nearer my God to thee~, -- es gab kein Zurück mehr ...
Allan machte keine Pause. Er hatte die Öffentlichkeit auf die nötige
Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.
Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen
Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von
welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa
entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch
Shares aufgebracht werden.
Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche über Baukosten,
Eröffnung des Tunnels, Rentabilität, Verzinsung, Amortisation.
Dreißigtausend Passagiere täglich angenommen, würde sich der Tunnel
schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel täglich mit vierzigtausend
und mehr zu rechnen. Dazu kämen die enormen Einnahmen für Fracht,
Post, pneumatische Expreßpost und Telegramme ...
Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende,
beschwörende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!
Die Zeichnungsaufforderung war von den Gründern und Großaktionären
des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den führenden
Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur
größten Überraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als »Lloyds
~right-hand-man~« bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von »Lloyds
Bank.«
3.
Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und
damit war S. Woolfs Name für ewige Zeiten mit dem Tunnel verknüpft.
Sein Porträt erschien in den Abendblättern: ein würdevoller, ernster,
etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine
starke, gekrümmte Nase, kurzes, schwarzes, gekräuseltes Haar und kurzer
schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem
Glanz.
»Beginnt als Händler mit alten Kleidern -- jetzt finanzieller Leiter
des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jährlich. Spricht zwölf
Sprachen.«
Die Sache mit den alten Kleidern war ein Märchen, das S. Woolf selbst
einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S.
Woolf von »da unten« herauf. Bis zu seinem zwölften Jahre hatte er als
Samuel Wolfsohn den Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den
Füßen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernährt. Sein Vater war
Leichenwäscher und Totengräber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling
in eine Bank nach Budapest, wo er fünf Jahre blieb. Hier in Budapest
begann ihn zuerst »der Rock zu zwicken,« wie er sich ausdrückte.
Ausgehöhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelüsten war er,
krank von tollen Wünschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten
Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und
Nacht, die Zähne zusammengebissen, mit wütender Energie. Er lernte
Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und
siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne große Schwierigkeiten
auf wie ein Löschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhändler,
Orangenverkäufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in
der Aussprache zu üben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch
hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt
vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er
nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedächtnis und
lernte die ausländischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang
es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Börsenmakler
in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier
war er plötzlich _Ungar_ und _Jude_. Er sagte sich, daß der Weg über
London führen müsse und bombardierte die Londoner Bankhäuser mit
Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er,
Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt
wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige
Sprache auf; die Aussprache übte er mit einem chinesischen Studenten,
dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte. Samuel Wolfsohn lebte
elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte
den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu überhören.
Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf
seinen elenden, schmerzenden Plattfüßen, die voller Hühneraugen waren,
dahin; er gab Sprachstunden für achtzig Pfennig, er übersetzte.
Geld! Seine tollen Wünsche schüttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte,
die kühnsten Verheißungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine
Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demütigungen und Züchtigungen,
die das Leben über ihn verhängte, konnten ihn nicht mürbe machen,
er krümmte den Rücken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder!
Plötzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kündigte seine
Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreißig Mark für eine Plombe und
das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, ließ sich
bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte
als Gentleman nach London. Nach vierwöchigen fruchtlosen Bemühungen
stieß er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der
schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach
genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spaß daraus, dem
jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war
der größte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn ließ einen
chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hörte, daß die
beiden eine regelrechte Unterhaltung führten. Drei Tage später war
Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber -- ~if you please!~ -- nicht,
um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach
ausschließlich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender,
der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai
weiter. In Schanghai fühlte er sich schon wohler. Er sah Luft, den
Horizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war
er _kein Engländer_, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen
kopierte. Er ließ sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand
von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte
seine Leichenwäscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte
er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich
wohlfühlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in
sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stieß er die
Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte
sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er
sei ein _Deutscher_, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen
englischen Akzent, ließ sich den englischen Schnurrbart rasieren und
sprach durch die Nase; er gebärdete sich laut und gutgelaunt, er war
der erste, der den Rock auszog und in Hemdärmeln über die Straße ging.
Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit
war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen
konnte, dreieckig, viereckig, kugelförmig, wie es sein mußte. S. Woolf
stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen nötig gehabt, um er selbst
zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbörse
in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her,
um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehörte. Seine
Kenntnisse, sein Genie, seine unerhörte Arbeitskraft brachten ihn rasch
in die Höhe, und nun preßte er mit seinen Patentsohlen fest und gehörig
auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepreßt hatte. Er
legte den lauten Brokerton ab, er wurde würdevoll, und zum Zeichen,
daß er arriviert sei und tun könne, was er wolle, schaffte er sich ein
individuelles Gesicht an: er ließ sich einen kurzen Backenbart stehen.
In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein ähnliches Glück wie vor
Jahren in London. Er stieß auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen
S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stieß auf Lloyd! Damals war er
bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glück
wollte es, daß er ein kleines Manöver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er
machte ein paar geschickte Schachzüge, und Lloyd -- beschlagen in allen
Eröffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner -- fühlte, daß er
es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P.
Griffith' und T. Lewis', nein -- und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf
heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg
-- sein Auftrieb war so gewaltig, daß er nicht stillstehen konnte,
bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig
Jahren -- etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz --
im Atlantik-Tunnel-Syndikat.
S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und
sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine
hübsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schönheit der
Wienerin, die seine Sinne entzündete, war bald verblüht, und nichts war
geblieben als eine zänkische, arrogante, kränkelnde Ehefrau, die ihn
mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen
war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte
seine zwei Söhne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern
nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden
sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte,
ein kleines Appartement in Brooklyn ein -- und dann nahm er einen
tiefen Atemzug und begann seine Tätigkeit im Syndikat.
Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalien seines ungeheuren
Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks,
Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er sämtliche Zügel in die Hand
genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit
Jahren bekleidete.
Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker,
den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die
Persönlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mußte schon
nach wenigen Tagen gestehen, daß er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein
bewundernswerter Arbeiter war.
4.
Die Subskriptions-Einladung war veröffentlicht, und der Tunnel begann
zu schlucken!
Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig
und zehn Dollar.
Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdröhnte am Tage der
Emission von ungeheurem Lärm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr
auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen
ließ. Sie konnte unerhört glänzend sein, sie konnte keinen Cent
Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich
aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S.
Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die
Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das größte Interesse
am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenüber einnahm. Er ratifizierte
keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht überzeugt hatte, daß
sein Mann ihm sicher war. So kam es, daß die Agenten der schweren
Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben für rund
fünfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.
Der Damm war gebrochen ...
Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht
eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er
sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, der _ganzen_ Welt werden.
Und das Geld des Volkes ließ nicht auf sich warten.
Die Menschen haben stets die Kühnheit und den Reichtum bewundert. Die
Kühnheit ist ein Triumph über den Tod, der Reichtum ein Triumph über
den Hunger, und nichts fürchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.
Selbst unfruchtbar, stürzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um
sich daran zu erwärmen, zu entflammen und über die eigene Dumpfheit und
Langeweile wegzutäuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die
dreimal täglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen
heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stündlich an
den tausendfältigen Kapriolen und tausendfältigen Todesstürzen ihrer
Mitmenschen ergötzten, in dumpfem Grimm über die eigene Ohnmacht und
Bettelarmut. Nur wenige Auserwählte konnten sich den Luxus leisten,
selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das
Leben ließ ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden
Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und
den Atem verlor, stürzte ab und zerschmetterte und niemand kümmerte
sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu
kümmern, auch das Mitgefühl war Luxus geworden. Die alten Kulturen
waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas
Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie und
spiritistischer Schwindel -- kaum genug, um den seelischen Bedarf einer
Handvoll Menschen zu decken. Ein bißchen billige Zerstreuung, Theater,
Kinos, Boxkämpfe und Varietés, wenn der sausende Treibriemen auf ein
paar Stunden stillestand -- um das Schwindelgefühl zu überwinden. Aber
viele hatten alle Hände voll zu tun, ihren Körper zu trainieren, damit
sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu können.
Dieses Training nannten sie Sport.
Das Leben war heiß und schnell, wahnsinnig und mörderisch, leer,
sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten
dürfen, nicht die alten Gassenhauer!
Und Allan gab sie ihnen. Er gab ihnen ein Lied aus Eisen und
knisternden elektrischen Funken, und sie verstanden es: es war das Lied
ihrer Zeit und sie hörten seinen unerbittlichen Takt in den rauschenden
Hochbahnzügen über ihren Köpfen.
Dieser Mann versprach keine Claims im Himmel, er behauptete nicht,
daß die menschliche Seele sieben Etagen habe. Dieser Mann trieb
keinen Humbug mit endgültig vergangenen und unkontrollierbaren
zukünftigen Dingen, dieser Mann war die Gegenwart. Er versprach etwas
Handgreifliches, das jeder verstehen konnte: er wollte ein Loch durch
die Erde graben, das war alles!
Aber trotz der Einfachheit erkannte jedermann, wie unendlich kühn das
Projekt dieses Mannes war. Und: es war umblendet von Millionen!
Zuerst floß das Geld des »kleinen Mannes« nur spärlich, dann aber in
Strömen. Durch New York, Chikago, San Franzisko, ganz Amerika schwirrte
das Wort »Tunnel-Shares.« Man sprach von den Viktoria-Rand-Mine-Shares,
den Continental Radium-Shares, die ihren Mann reich gemacht hatten.
Die Tunnel-Shares konnten alles bisher Dagewesene glatt hinter sich
lassen. Man konnte --! O, ~go on~, ja, und man brauchte es! Es handelte
sich nicht um tausend Dollar mehr oder weniger, es handelte sich darum,
sich den Rückzug ins Alter zu decken, bevor einem die Zähne aus dem
Kiefer fielen.
Wochenlang wälzte sich ein Strom von Menschen über die Granittreppe
des Syndikatgebäudes. Denn obwohl man die Shares an hundert anderen
Orten ebensogut kaufen konnte, wollte sie doch jedermann frisch aus
der Quelle haben. Es waren Kutscher, Chauffeure, Kellner, Liftboys,
Clerks, Ladenmädchen, Handwerker, Diebe, Juden, Christen, Amerikaner,
Franzosen, Deutsche, Russen, Polen, Armenier, Türken, alle Nationen
und Schattierungen der Haut, die sich vor dem Gebäude des Syndikats
zusammenknäulten und erhitzten durch Gespräche über Shares, Minen,
Dividende, Gewinn. Ein Geruch von Geld lag in der Luft! War es nicht,
als ob solides Geld, solide Dollarnoten aus dem grauen Winterhimmel
über Wallstreet herabregneten?
An manchen Tagen war der Andrang so groß, daß die Beamten gar nicht
die Zeit hatten, das einkassierte Geld zu ordnen. Es war, bei Gott,
wie in den fernen Tagen des Franklin-Syndikats, den Tagen des seligen
»520% Miller.« Die Beamten warfen das Geld einfach hinter sich auf den
Boden. Sie wateten bis an die Knöchel im Geld, und unaufhörlich waren
Diener beschäftigt, das Geld in Waschkörben wegzuschleppen. Diese Flut
von Geld, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz
wahnsinniger Gier in die Augen der Köpfe, die sich in die Schalter
zwängten. Eine Handvoll -- soviel als sie mit einer Hand packen
konnten! -- und sie, die Nummern, Motoren, Automaten, Maschinen,
waren: Menschen. Schwindlig im Hirn wie nach Ausschweifungen gingen sie
weg, berauscht von Träumen, Fieber in den Augen; wie Millionäre.
In Chikago, St. Louis, Frisko, in allen großen und kleinen Städten der
Staaten spielten sich ähnliche Szenen ab. Es gab keinen Farmer, keinen
Cowboy, keinen Miner, der nicht in A. T. S.-Shares spekulierte.
Und der Tunnel schluckte, der Tunnel trank das Geld, wie ein
Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst. Auf beiden Seiten des
Ozeans schluckte er.
5.
Die große Maschine lief mit ihrer vollen Geschwindigkeit, und Allan
sorgte dafür, daß sie das Tempo beibehielt.
Sein Prinzip war, daß man alles in der Hälfte der Zeit tun könne, die
man zu brauchen glaubt. Alle Menschen, die mit ihm in Berührung kamen,
nahmen unbewußt sein Tempo an. Das war Allans Macht.
Der zweiunddreißigstöckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton
roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf
dem flachen Dach nach Schweiß und Arbeit. Seine achthundert Zellen
wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts
schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzüge,
in die man hineinsprang, während sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die
nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab
einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger
Quadratmeter der zweiunddreißig Etagen lag brach. Post, Telegraph,
Kassen, Zentralen für Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke, Städtebau,
Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spät in die Nacht
hinein stand das Gebäude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten,
klingenden Gewimmel des Broadway.
Über die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein
enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von
farbigen Glühlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen
Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik
blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit
den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City,
Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Klötze rubinfarbiger Lichter,
die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas näher zu Europa,
ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt
nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten
Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die über die Bermudas und Azoren
nach Spanien und Frankreich führt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber
jagen unaufhörlich feurige Züge zwischen den Kontinenten hin und
her. Züge von sechs Waggons, in Abständen von fünf Sekunden! Ein
Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen
wird von ruhigen, selbstbewußten, breiten, milchweißen Riesenlettern:
Atlantik-Tunnel.
Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fühlte er sich.
Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets heiß und angeregt aus,
kräftiger und gesünder denn je. Sein Kopf saß noch freier auf den
Schultern und diese Schultern waren noch breiter und stärker geworden.
Seine Augen hatten den kindlichen, gutmütigen Ausdruck verloren,
ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, früher
zusammengepreßt, war erblüht, gesättigt von einem unmerklichen und
undefinierbaren Lächeln. Er aß mit gesundem Appetit, schlief tief
und traumlos und arbeitete -- nicht überstürzt, aber gleichmäßig und
ausdauernd.
Maud dagegen hatte eingebüßt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war
vorbei, sie war aus einem Mädchen eine Frau geworden. Ihre Wangen
zeigten nicht mehr die alte frische Röte, sie waren etwas fahler und
schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war
nachdenklich gefaltet.
Sie litt.
Im Februar und März hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie
für Langeweile und Leere des Winters entschädigten. Sie war mit Mac
auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders während
sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag
über genießen können. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer
geworden, sich wieder in Bronx einzugewöhnen.
Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City,
Kraftwerke an der Küste. Er lebte in D-Zügen. In New York aber
erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.
Zwar kam er nun häufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber
fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die
keinen Aufschub erlaubte. Häufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden,
zu frühstücken, und wieder war er fort.
Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren
sogar drückend heiß. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer
an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde
und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder,
mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkäfig und lachte.
Die kleine Edith ritt, rotglühend vor Vergnügen, auf einem zierlichen
Shetlandpony, sie warfen den Bären, die mit aufgesperrten Rachen an den
Gittern hockten, Brotstücke in die Mäuler, sie besuchten die Löwenbabys
-- so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem
Kind in die lärmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedürfnis,
das Leben zu spüren. Gewöhnlich landete sie dann in den Anlagen der
Battery, wo die Hochbahnzüge über den Köpfen der spielenden Kinder
dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle
am meisten.
Neben dem Aquarium standen Bänke und hier nahm Maud Platz und träumte
über die Bai hinaus, während ihr Mädchen mit bunten Geschirren im
Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die
weißen Ferryboote pendelten unaufhörlich zwischen Hoboken, Ellis
Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und
her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft
konnte sie dreißig zur gleichen Zeit zählen. Auf allen bewegte sich
ein weißer, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage ähnlich,
ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer
in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry
kam beladen mit Eisenbahnwagen vorüber, Tugs und kleine Zollboote
schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die
lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie
auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten
Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer schoß
ein weißer Dampfstrahl und nach einer Weile hörte man Tuten und
Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der
Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithin
erschütterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde
Eisen gehämmert. Der Lärm war so vielstimmig und mannigfaltig, daß er
wie ein sonderbares Konzert wirkte und Träumereien und Nachdenklichkeit
erzeugte.
Plötzlich tutete es ganz nahe: ein riesiger Schnelldampfer schob sich
in der Sonne durch das schmutziggrüne Wasser des Hudson; die Kapelle
spielte an Bord, alle Verdecke waren mit Menschenköpfen punktiert und
im Hinterschiff stand die schwarze Masse der Zwischendecker.
»Winke, Edith, winke dem Dampfer!«
Und Edith sah auf, schwang den kleinen Blecheimer und schrie -- genau
wie die Pfeife der Tugs.
Wenn sie aufbrachen, so wollte Edith stets zum Vater gehen. Aber Maud
erklärte ihr, daß sie Vater nicht stören dürften.
Maud nahm wieder eifrig ihr Klavierspiel auf. Sie übte fleißig und
nahm wieder Unterricht. Wieviel sie verlernt hatte! Ein paar Wochen
lang besuchte sie alle großen Konzerte; sie spielte selbst an zwei
Abenden im Monat im Heim der Verkäuferinnen und Blusenarbeiterinnen.
Aber das Entzücken, das ihr mit der Musik ins Blut strömte, mischte
sich mehr und mehr mit einer quälenden, dumpfen Sehnsucht, so daß
sie nach einiger Zeit immer seltener musizierte und es schließlich
ganz aufgab. Sie besuchte Vorträge über Kindererziehung, Hygiene,
Ethik und Tierschutz. Ihr Name erschien sogar unter den Komiteedamen
von Vereinigungen für Invalidenfürsorge und Waisenerziehung --
jene modernen Ambulanzen, wo die Wunden verbunden werden, die die
unbarmherzige Schlacht der Arbeit schlägt.
Aber es blieb eine Leere in ihr zurück, eine Leere, in der es brodelte
von Groll und Verlangen.
Gegen Abend klingelte sie Mac regelmäßig an, und sie fühlte sich schon
ruhiger, wenn sie seine Stimme hörte.
»Wirst du heute abend zu Tisch kommen, Mac?« fragte sie und lauschte
schon gespannt auf seine Antwort, während sie noch sprach.
»Heute? Nein, heute ist es unmöglich. Aber morgen komme ich, ich richte
es ein. Wie geht es Edith?«
»Besser als mir, Mac!« Aber sie lachte dabei, um Mac zu täuschen.
»Kannst du sie an den Apparat bringen, Maud?«
Und Maud, glücklich darüber, daß er an ihr Kind dachte, hob die Kleine
in die Höhe und Edith mußte irgend etwas in das Telephon plappern.
»Nun adieu, Mac! Es schadet ja nichts, daß es heute nicht geht, aber
morgen kenne ich keine Gnade -- hörst du?«
»Ja, ich höre. Morgen bestimmt. Gute Nacht, Maud!«
Später aber kam es häufig vor, daß es Lion nicht gelang, Mac an den
Apparat zu bringen, da er unmöglich abkommen könne.
Und Maud, unglücklich und zornig, warf den Hörer heftig hin und kämpfte
mit den Tränen.
An den Abenden las sie. Sie las ganze Bücherschränke aus. Aber sie
fand bald, daß die meisten Bücher nichts als Lüge waren. ~No, my
dear~, das Leben war ganz anders! Zuweilen aber fand sie ein Buch,
das ihr ihren Jammer in seiner ganzen Größe bestätigte. Sie ging
unglücklich, mit Tränen in den Augen, in den leeren, stillen Zimmern
hin und her. Schließlich kam sie auf die großartige Idee, selbst ein
Buch zu schreiben. Ein ganz eigenartiges Buch -- und damit wollte sie
Mac überraschen! Die Idee berauschte sie. Einen ganzen Nachmittag lief
sie in der Stadt umher, um ein Buch aufzutreiben, wie sie es im Kopfe
hatte. Endlich fand sie, was sie wünschte. Es war ein Tagebuch, in
Alligatorhaut gebunden, mit feinem gelblichen Papier. Gleich nach Tisch
begann sie ihre Arbeit. Sie schrieb auf die erste Seite: Leben meines
kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.
Niedergeschrieben von ihrer Mutter Maud.
»Gott möge sie beschirmen, die süße Edith,« schrieb sie auf das zweite
Blatt. Und auf dem dritten fing sie an.
»~To begin with my sweet little daughter was born ...~«
Das Buch sollte Mac zu Weihnachten bekommen. Die Arbeit entzückte sie
und vertrieb ihr viele einsame Abende. Jede Kleinigkeit aus dem Leben
ihres jungen Töchterchens buchte sie gewissenhaft. Alle drolligen
Aussprüche und alle naiven und weisen Fragen, Bemerkungen und Ansichten
ihres Kindes. Zuweilen schweifte sie auch ab und verlor sich in ihre
eigenen Sorgen und Gedanken.
Sie lebte vom Sonntag auf den Sonntag, da Mac sie besuchte. Die
Sonntage waren ein Fest für sie. Sie schmückte das Haus, sie entwarf
einen besonderen Speisezettel, der Mac für die ganze Woche entschädigen
sollte. Aber zuweilen konnte Allan auch am Sonntag nicht abkommen.
An einem Sonntag wurde er plötzlich in die Stahlwerke nach Buffalo
gerufen. Und am folgenden Sonntag brachte er Herrn Schlosser, Chef
der Baustelle auf den Bermudas, mit nach Bronx und Maud hatte so gut
wie nichts von ihm, denn die beiden benutzten den Tag zur Erörterung
technischer Fragen.
Da erschien Maud eines Nachmittags zu ungewöhnlicher Stunde im
Syndikatgebäude und ließ Mac durch Lion sagen, daß sie ihn sofort zu
sprechen wünsche.
Sie wartete im Speisezimmer, das an Macs Arbeitssaal stieß und hörte
eine rasselnde, fettige Stimme eine Reihe von Banken nennen.
»-- Manhattan -- Morgan Co. -- Sherman --«
Sie erkannte die Stimme von S. Woolf, den sie nicht ausstehen konnte.
Plötzlich brach er ab und Mac rief: »Sofort, sage sofort, Lion.«
Lion trat ein und gab flüsternd Bescheid.
»Ich kann nicht warten, Lion!«
Der Chinese blinzelte verlegen und schlich lautlos hinaus.
Gleich darauf trat Mac ein, heiß von der Arbeit, in bester Laune.
Er fand Maud, das Gesicht in das Taschentuch gedrückt und heftig
weinend.
»Maud?« fragt er bestürzt. »Was gibt es? Etwas mit Edith?«
Maud schluchzte lauter. Edith! Edith! An sie dachte er gar nicht.
Konnte nicht mit ihr etwas sein? Ihre Schultern schüttelte das Weinen.
»Ich halte es ganz einfach nicht mehr aus!« schluchzte sie und preßte
das Gesicht noch tiefer ins Taschentuch. Immer heftiger weinte sie. Sie
konnte nun gar nicht mehr aufhören, wie ein Kind, das zu weinen anfing.
All ihr Groll und Kummer mußte heraus.
Mac stand eine Weile ratlos. Dann berührte er Mauds Schulter und sagte:
»Aber höre doch, Maud -- ich konnte ja nichts dafür, daß uns Schlosser
den Sonntag verdarb. Er kam von seiner Station herüber und konnte
unmöglich länger als zwei Tage bleiben.«
»Das ist es ja gar nicht. Dieser eine Sonntag --! Gestern nun war
Ediths Geburtstag ... ich habe gewartet ... ich habe gedacht ...«
»Ediths Geburtstag?« sagte Allan verlegen.
»Ja. Du hast ihn vergessen!«
Da stand nun Mac beschämt da. »Wie konnte ich nur?« sagte er. »Noch
vorgestern dachte ich daran!« Nach einer Pause fuhr er fort: »Höre,
kleine Maud, ich muß soviel im Kopf haben in diesen Tagen; es ist ja
nur, bis der Anfang gemacht ist --«
Da sprang Maud auf und stampfte mit dem Fuße und sah ihn zornrot
an, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. »Das sagst du immer
-- seit Monaten sagst du das! -- O, was für ein Leben!« schluchzte
sie und warf sich wieder in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit
dem Taschentuch. Mac wurde immer ratloser. Er stand da wie ein
ausgescholtener Schulknabe und errötete. Noch nie hatte er Maud so
aufgebracht gesehen.
»Nun, höre doch, Maud,« begann er wieder, »es gibt mehr Arbeit, als
ein Mensch annehmen konnte -- aber das wird bald besser werden.« Und
er bat sie, noch eine Weile Geduld mit ihm haben zu wollen, sich zu
zerstreuen, zu musizieren, Konzerte, Theater zu besuchen.
»O, das habe ich alles schon versucht, es ist langweilig -- es wächst
mir zum Hals heraus -- und immer zu warten und zu warten --!«
Mac schüttelte den Kopf und sah hilflos auf Maud.
»Ja, was sollen wir mit dir tun, ~girlie~ -- was sollen wir mit dir
anfangen?« fragte er leise. »Vielleicht gingst du besser einige Wochen
aufs Land? Nach Berkshire?«
Maud hob rasch den Kopf und sah ihn mit nassen, blanken Augen an.
»Willst du mich ganz los sein?« fragte sie mit offenem Mund.
»Ach, nein, nein. Ich will nur dein Bestes, liebste Maud. Du tust mir
leid -- ja, aufrichtig --«
»Ich will nicht, daß ich dir leid tue, nein ...« Und von neuem
schüttelte sie dies heftige, dumme Weinen.
Mac nahm sie auf den Schoß und bemühte sich, sie durch Liebkosungen zu
beruhigen, während er auf sie einsprach. »Ich komme heute abend nach
Bronx!« sagte er schließlich, als sei damit alles wieder in Ordnung
gebracht.
Maud trocknete ihr schwimmendes Gesicht ab.
»Gut. Aber wenn du später als halb neun Uhr kommst, so lasse ich mich
_scheiden_ von dir!« Und sie wurde plötzlich tiefrot im Gesicht, als
sie dies sagte. »Ich habe oft daran gedacht -- ja, Mac, lache nur,
das ist keine Art, seine Frau zu behandeln, das sage ich dir.« Sie
umschlang Mac und preßte ihre heiße Wange an sein braunes Gesicht und
flüsterte: »O, ich liebe dich so, Mac! Ich liebe dich ja so!«
Ihre Augen glänzten, als sie die zweiunddreißig Stockwerke im Lift
abstürzte. Sie fühlte sich wohl und heiß im Herzen, aber schon schämte
sie sich ein wenig. Sie dachte an Macs Bestürzung, den Kummer in
seinen Augen, seine Ratlosigkeit und das versteckte Erstaunen, daß
sie so wenig verstände, wie notwendig all diese Arbeit war. >Wie eine
dumme Gans habe ich mich benommen< -- dachte sie -- >so töricht! Was
wird Mac nun wohl von mir denken? Daß ich keinen Mut, keine Geduld
und kein Verständnis für seine Arbeit habe -- und wie dumm war es ihm
vorzulügen, daß ich schon oft an Scheidung gedacht hätte.< Das war ihr
erst in diesem Augenblick eingefallen.
»Ja, in der Tat, wie eine Gans -- ~a real goose!~ -- habe ich mich
benommen,« sagte sie halblaut, als sie in den Wagen einstieg und lachte
leise, um sich über die beschämende Empfindung, sich töricht betragen
zu haben, wegzuhelfen.
Allan gab Lion den Auftrag, ihn ein Viertel vor acht aus dem Bureau
zu werfen. Pünktlich! Ein paar Minuten vor acht eilte er rasch in ein
Geschäft und kaufte eine Menge Geschenke für Edith und einige für Maud,
ohne lange zu wählen, denn von diesen Dingen verstand er nichts.
>Sie hat recht, Maud,< dachte er, während er im Auto die sechs Meilen
lange schnurgerade Lexington Avenue hinaufschnurrte, und er grübelte
angestrengt darüber nach, wie er es künftighin einrichten wolle, um
sich seiner Familie mehr widmen zu können. Aber er kam zu keinem
Resultat. Die Wahrheit war die, daß die Arbeit von Tag zu Tag mehr
anschwoll, anstatt weniger zu werden. >Was soll ich tun?< dachte er.
>Wenn ich einen Ersatz für Schlosser hätte, er ist zu unselbständig.<
Dann erinnerte er sich, daß er einige dringliche Briefe in der Tasche
hatte, überlas sie und setzte den Namen darunter. Beim Harlem-River war
er damit fertig. Er ließ halten und die Briefe einwerfen. Es war noch
zehn Minuten bis halb neun.
»Nimm Boston Road, Andy, ~let her rip~, aber überfahre niemand.«
Und Andy fegte Boston Road entlang, daß die Passanten taumelten und ein
Berittener ihre Verfolgung im Galopp aufnahm. Mac legte die Füße auf
den Sitz gegenüber, zündete sich eine Zigarre an und schloß übermüdet
die Augen. Er war nahezu eingeschlafen, als das Auto mit einem Ruck
hielt. Das ganze Haus war festlich erleuchtet.
Maud rannte wie ein Mädchen die Treppe herab und fiel Mac um den Hals.
Noch während sie durch den Vorgarten lief, rief sie: »Oh, ich bin eine
solche Gans, Mac!«
Sie kümmerte sich nicht darum, daß der Chauffeur es hörte.
Ja, nun wollte sie aber Geduld haben und nie mehr klagen.
»Ich schwöre es dir, Mac!«
6.
Maud hielt Wort, aber es wurde ihr nicht leicht.
Sie beklagte sich nicht mehr, wenn Mac am Sonntag ausblieb oder so
viele Arbeit mitbrachte, daß er ihr kaum eine Minute widmen konnte.
Mac hatte eine übermenschliche Arbeit übernommen, das wußte sie, eine
Arbeit, die andere vollkommen verzehrt haben würde, und es war ihre
Sache, ihm dazu nicht noch eine weitere Bürde aufzuladen. Im Gegenteil,
sie mußte versuchen, ihm die wenigen Feierstunden so schön wie möglich
zu gestalten.
So war sie heiter und guter Dinge, so oft er zu ihr kam, und verriet
mit keinem Wort, daß sie sich all die Tage lang unsinnig nach ihm
verzehrt hatte. Und merkwürdig -- er, Mac, fragte nicht danach, es kam
ihm gar nicht in den Sinn, daß sie leiden könnte.
Der Sommer kam, der Herbst, Bronx Park bekam gelbe Blätter und aus
den Wipfeln vor dem Haus fiel das Laub in Bündeln herab, ohne daß ein
Windstoß es berührte.
Mac fragte sie, ob sie nicht etwa nach Tunnel-City übersiedeln wolle?
Sie verbarg ihr Erstaunen. Ja, er habe wöchentlich ein paarmal dort zu
tun und beabsichtige für die Sonntagvormittage eine Art Audienzstunde
einzurichten, in der jedermann, Ingenieur wie Arbeiter, ihm seine
Wünsche und Beschwerden vortragen könne.
»Wenn du es wünschst, Mac?«
»Ich denke wohl, es wäre das beste, Maud. An und für sich will ich ja
meine Bureaus nach Tunnel-City verlegen, sobald es angeht. Freilich
fürchte ich, daß es etwas einsam für dich sein wird --?«
»Es wird nicht schlimmer sein als in Bronx, Mac,« antwortete Maud
lächelnd.
Die Übersiedlung sollte im Frühjahr stattfinden. Aber während Maud die
Vorbereitungen traf, hielt sie oft inne und dachte: >Mein Gott, was
soll ich in dieser Zementwüste anfangen?<
Sie mußte etwas beginnen, etwas, das sie beschäftigte und die törichten
Gedanken und Träumereien vertrieb.
Schließlich hatte sie eine wundervolle Idee und sie machte sich
voller Eifer an ihre Verwirklichung. Diese Idee belebte sie, und ihre
Laune war so heiter und ihr Lächeln so geheimnisvoll, daß es sogar Mac
auffiel.
Maud ergötzte sich eine Weile an Macs Neugierde, dann aber konnte sie
ihr Geheimnis nicht mehr länger bei sich behalten. Ja, die Sache sei
die: sie müsse etwas zu tun haben, eine solide Beschäftigung, eine
richtige Arbeit. Keine bloße Spielerei. Nun sei sie auf den Gedanken
gekommen, im Hospital von Tunnel-City zu arbeiten. »Untersteh' dich
nicht zu lächeln, Mac!« Ja. Es sei ihr ernst damit. Sie habe übrigens
schon den Kursus begonnen. In der Kinderklinik von ~Dr.~ Wassermann.
Mac wurde nachdenklich.
»Hast du wirklich schon angefangen damit, Maud?« fragte er, immer noch
ungläubig.
»Ja, Mac, vor vier Wochen. Wenn ich nun im Frühjahr nach Tunnel-City
komme, so habe ich eine Beschäftigung. Anders geht es nicht mehr.«
Nun aber war Mac ganz Verblüffung, Nachdenklichkeit und Ernst. Er
blinzelte vor Überraschung und fand nicht sogleich die Sprache wieder.
Maud amüsierte sich ganz großartig! Dann nickte er ein paarmal mit dem
Kopf. »Vielleicht ist es ganz gut, wenn du etwas arbeitest, Maud!«
sagte er breit und nachdenklich. »Ob es aber gerade das Hospital sein
muß --?« Plötzlich aber lachte er belustigt auf. Er sah seine kleine
Maud im Kostüm einer Krankenpflegerin vor sich. »Verlangst du eine hohe
Gage?« Maud aber ärgerte sich ein wenig über sein harmloses Lachen.
Er nahm ihren Plan für eine Laune, eine Spielerei. Er zweifelte an
ihrer Ausdauer. Er begriff gar nicht, daß es für sie eine Notwendigkeit
geworden war, zu arbeiten. Es kränkte sie, daß er sich so geringe Mühe
gab, sie zu verstehen.
>Früher kränkte mich so etwas ganz und gar nicht,< dachte sie am
folgenden Tag. >Demnach muß ich anders geworden sein.< Und Maud, die
sich Tag und Nacht quälte, aus dem einfachen Grunde, weil sie die
Gewißheit ihres Glückes verloren hatte, fing an zu verstehen, daß eine
Frau mehr wünscht als Liebe und Anbetung.
Am Abend war sie allein, es regnete herrlich und frisch draußen und sie
machte Eintragungen in ihr Journal.
Sie notierte einige Aussprüche der kleinen Edith, die deutlich die
naive Grausamkeit und den kindlichen Egoismus ihres vergötterten
Töchterchens verrieten. Eigenschaften, die allen Kindern eigen sind,
was Maud nicht vergaß hinzuzufügen. Dann spann sie ihre Gedanken
weiter aus: »Es scheint mir,« schrieb sie, »daß nur Mütter und
Gattinnen wahrhaft selbstlos sein können. Kindern und Männern ist
diese Eigenschaft nicht gegeben. Die Männer haben vor den Kindern nur
das eine voraus: sie sind selbstlos und aufopferungsvoll in kleinen,
äußerlichen, ich möchte sagen, unwesentlichen Dingen. Ihre tiefsten und
wesentlichen Regungen und Wünsche werden sie aber nie zugunsten einer
geliebten Person aufgeben. Mac ist ein Mann und ein Egoist wie alle
Männer, ich kann ihm diesen Vorwurf nicht ersparen, obgleich ich ihn
von ganzem Herzen liebe.«
Sie überzeugte sich, daß Edith schlief, nahm einen Schal und trat auf
die Veranda. Hier setzte sie sich in einen Korbsessel und lauschte dem
Rauschen des Regens. Im Südwesten stand eine düstere Feuersbrunst: New
York.
Als sie in ihr Schlafzimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf das
aufgeschlagene Buch am Schreibtisch. Sie las ihr Aperçu, und während
sie vorhin im Grunde ihres Herzens sogar ein wenig stolz gewesen war
auf all ihre Weisheit, schüttelte sie jetzt den Kopf und schrieb
darunter: »Eine Stunde später, nachdem ich dem Rauschen des Regens
gelauscht habe. Mache ich Mac nicht ungerechte Vorwürfe? Bin nicht ich
es, die egoistisch ist? Verlangt Mac etwas von mir? Oder verlange nicht
ich von Mac, daß er Opfer bringt? Ich glaube, daß alles, was ich vorher
geschrieben habe, kompletter Nonsens ist. Heute kann ich das Rechte
nicht mehr finden. Schön rauscht der Regen. Er gibt Frieden und Schlaf.
-- Maud, Macs kleiner Narr.«