Der Tabakmann H. F. Herbst: »Du kannst einen Waggon Waren von New
Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu müssen.«
Der Multimillionär H. I. Bell: »Ich werde meine Tochter, die in Paris
verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwölfmal sehen können.«
Verkehrsminister de la Forest: »Der Tunnel bedeutet für jeden
Geschäftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.«
Man verlangte ausführliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie
zu verlangen. Vor den Zeitungspalästen stauten sich die Menschen,
so daß die Führer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den
Glockenknopf hämmern mußten, um ihre Trains durchschieben zu können.
Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die
Projektionsfläche im zweiten Stock des »Herald-buildings« gerichtet,
obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby,
die Gesellschaft auf dem Dachgarten.
»Sieben Milliarden sind vertreten!!« »Mac Allan verkündet sein
Projekt.« (Kinematographisch). »Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.«
(Kinematographisch). »C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.«
»Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden
bis zur unmittelbaren Landung zeigen können. Unser Photograph wurde von
der Maschine niedergerissen.« (Kinematographisch). New Yorks weiße,
mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dünner, weißer Dampf
steigt. Ein weißer Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Möwe, ein
Monoplan! Der Monoplan saust über den Roofgarden hinweg, beschreibt
eine Kurve, kommt zurück, senkt sich, ein Riesenflügel schwenkt heran.
Schluß. Ein Porträt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den
Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.
Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau
und seinem Kind, um in die Office zu fahren.
Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.
Plötzlich -- gegen elf Uhr -- stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle
Gesichter sind nach oben gerichtet.
Ein Porträt: Mr. Hunter, Broker, 37. Straße 212 East, buchte soeben
sein Billett für die erste Fahrt New York--Europa.
Die Menge lacht, schwingt die Hüte, schreit!
Die Telephonämter waren überarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten
die Arbeit nicht mehr bewältigen. In all den Tausenden von Bureaus New
Yorks riß man den Hörer vom Apparat, um mit Verbündeten die Lage zu
besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen
Hut im Nacken, in Hemdärmeln, schweißtriefend, saß und stand man und
schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten
ausarbeiten! Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so günstig
wie möglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Völkerschlacht des
Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer
würde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie würde es geschehen? Lloyd?
Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wußte etwas? Wer war dieser Teufel
Mac Allan, der für fünfundzwanzig Millionen Ländereien über Nacht
aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfünffachen, -- wie
sagst du! -- verhundertfachen mußte?
Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschäftsräumen der großen
transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mörder
des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig
war -- und es war ja recht wohl möglich, daß er eines Tages fertig
sein würde! -- konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man
schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen
Reisende zu Zwischendeckpreisen befördern, man konnte die Kähne in
schwimmende Sanatorien für Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika
zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein
Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine
Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.
Von New York aus verbreitete sich die Erregung über Chikago, Buffalo,
Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, während das Tunnelfieber drüben in
Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.
New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich
die Leute wieder auf die Straße wagten, donnerten ihnen von allen
Straßenecken riesenhafte Plakate entgegen: »Hunderttausend Arbeiter!«
Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats:
Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweißes, halbfertiges
Turmgebäude, dessen zweiunddreißig Etagen noch von Handwerkern
wimmelten.
Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York überschwemmt
hatte, drängten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten
Granitstufen des Syndikatgebäudes Scharen von Arbeitsuchenden
zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit
gegen Fünfzigtausend beträgt, wälzte sich durch hundert Straßen nach
Downtown. In den Parterreräumen, wo noch Leitern, Böcke und Farbkübel
herumstanden, stießen sie auf Allans Agenten -- kalte, erfahrene
Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhändlern. Sie sahen durch
die Kleider hindurch das Knochengerüst ihres Mannes, seine Muskeln und
Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten
sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefärbte Haare, waren vor
ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwächlich, was die mörderische
Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das ließen sie liegen. Und ob
sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen -- wehe, wenn
einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, daß
ihm das Rückenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf überhaupt
nicht mehr.
9.
Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fünf Stationen, an der
französischen, spanischen und amerikanischen Küste, auf den Inseln
Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Männern. Sie kamen in
Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs
Gelände suchten, in Sümpfe einsanken und über Dünen humpelten.
Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der
Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten
Nivellierapparate, Meßinstrumente, Bündel von Markierungsstäben vom
Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration
visierten, maßen, rechneten sie, ganz als gälte es nur einen Garten
anzulegen. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen
Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das
Meer deutete und rückwärts weithinein ins Land lief. Bald waren sie
zerstreut an verschiedenen Punkten tätig.
In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern,
Dachpappen und verschiedenen Gerätschaften. Diese Wagen schienen
ganz zufällig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit
den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu
haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten
blitzten in der heißen Sonne, die Sägen kreischten, Hammerschläge
dröhnten.
Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und
gestikulierte. Der Mann nahm ein Bündel Meßstangen unter den Arm und
stapfte zu den Geometern hinüber. Er war schmal und hellblond, es war
Hobby, der Chef der amerikanischen Station.
Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schweiß ab -- er war in
Schweiß _gebadet_ -- und rief:
»In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms
River.« Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.
Von den Wagen herüber kamen vier Männer mit Meßstangen auf den
Schultern.
»Hier, die Herren werden euch ~chaps~ sagen, was ihr tun sollt.«
Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurück und sprang mitten in den
Holzhaufen hin und her.
Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst
zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie
beschäftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am
Bahnkörper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelände des Syndikats
durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der
Kühe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Güterzug von zwei
Lokomotiven und fünfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit
fünfhundert Arbeitern. Es war fünf Uhr. Diese fünfhundert Arbeiter
waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr
Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden
New York heraus zu sein und eine Beschäftigung in freier Luft gefunden
zu haben.
Sie stürzten sich auf die fünfzig Waggons und warfen Bretter,
Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten,
Säcke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fühlte sich wohl. Er schrie,
pfiff, kletterte rasch wie ein Affe über die Waggons und Bretterhaufen
und heulte seine Befehle. Eine Stunde später waren die Feldküchen
installiert und die Köche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren
beschäftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen für die Nacht,
während die übrigen noch ausluden.
Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen »~boys~« zu beten und sich aufs
Ohr zu legen, so gut es ging.
Er fuhr zurück zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte
seinen Rapport nach New York.
Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dünen zum Baden.
Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der
Baracke und schliefen augenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages
wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen.
Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb
fünf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und
hungrig und erschöpft aussahen. Die Feldküchen arbeiteten schon im
Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bäckereien standen unter Dampf.
Hobby war pünktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, und
obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner
besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres
gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem
er den ganzen Tag unermüdlich hin und her galoppierte.
Neben der Bahnstrecke häuften sich ganze Berge von Material an. Um
acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen,
Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven für eine Schmalspurbahn
enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von
Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den
Bau des schmalen Bahnkörpers, der zur drei Kilometer weit entfernten
Baustelle führen sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen
Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um
mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann für den nächsten
Tag zu.
In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter
ihnen her schleppten sich endlose Züge mit Material. Hobby fluchte das
Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstäblich! Dann aber
ergab er sich in sein Schicksal: er erkannte _Allans Tempo_! Es war
das an sich höllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zur _Raserei_
gesteigert. Und er respektierte es, obwohl es ihm den Atem benahm, und
potenzierte seine Anstrengungen.
Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren
konnte ohne umzustürzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des
dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem
Hurra begrüßt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren
voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter
waren in fieberhafter Hast beschäftigt, Baracken, Feldküchen, Schuppen
anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze
Stadt Hobbys durcheinander.
Hobby hatte für diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er
bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die
geringste Rücksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so
daß es Hobby schwarz vor den Augen wurde.
An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit
Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte
alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange
angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterließ ein
Kielwasser von Staunen und Respekt.
Hobby war nicht _der_ Mann, der sich rasch entmutigen ließ. Er war
entschlossen, das fünfzehnjährige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr
nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo riß ihn mit fort!
Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood
beschäftigt; für reguläre Züge; eine rostrote Staubwolke zeigte den
Weg seiner Arbeit. Ein zweites stürzte sich auf die ankommenden
Materialzüge, um in gepeitschtem Tempo die Güter abzuladen und
aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes
wühlte beim »Schacht«; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese
Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar
waren als dem unaufhörlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen,
womit sie die Arbeiterrotten antrieben.
Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwärtig. Die Arbeiter
nannten ihn »Jolly Hobby,« wie sie Allan »Mac« getauft hatten und
Harrimann, den Chefingenieur -- ein stiernackiger düsterer Mann, der
sein ganzes Leben auf den großen Baustellen aller Kontinente verbracht
hatte -- einfach »Bull.«
Zwischen all diesen Menschenknäueln aber bewegten sich die Feldmesser
mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und
übersäten das ganze Gelände mit buntfarbigen Pflöcken und Stangen.
Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein
Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche später eine
ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten,
mit Schlachthäusern, Molkereien, Bäckereien, Basaren, Bars, Post,
Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand
schon eine ganze Straße fertiger Häuser, Edisonsche Patenthäuser, die
an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und
fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so daß sie
fast weiß erschien; die wenigen Grasbüschel und die vereinzelten Büsche
waren zu Zementhaufen geworden. Die Straßen waren Eisenbahnschienen
und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von
Kabelmasten.
Acht Tage später erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer,
heulender und gellender Dämon: eine riesige amerikanische
Güterzugmaschine auf hohen roten Rädern, die einen endlosen Zug von
Waggons nachschleppte. Sie stand fauchend in dem Trümmerfeld, stieß
eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um
sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es war
_Amerika_, das in die Tunnelstadt gekommen war!
Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche später waren es Schwärme
dieser schwarzen, rauchenden Dämonen, die die Luft mit der bebenden
Ausdünstung ihrer Leiber erschütterten, ihre Saurierknochen schwangen
und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stießen. Die
Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so
dick, daß sich in der verdunkelten Atmosphäre elektrische Entladungen
vollzogen und bei schönstem Wetter Donner über die Tunnelstadt
hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, schoß, donnerte,
gellte.
Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weißen Schuttstadt aber
stieg eine ungeheure Staubsäule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsäule
bildete Wolkenformationen, ähnlich jenen, die man bei Vulkanausbrüchen
beobachtet. Pilzförmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrückt,
und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftströmungen.
Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf
dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweiße
schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub über New York
herab wie ein feiner Aschenregen.
Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fünf
Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen
abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mündung der
Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter
dem Meeresspiegel liegen.
Heute eine sandige Heidefläche mit einer Heerschar von buntfarbigen
Pflöcken, morgen ein Sandbett, übermorgen eine Kiesgrube, ein
Steinbruch, ein ungeheurer Kessel aus Konglomeraten, Sandsteinen,
Tonen und Kalk, und zuletzt eine Schlucht, in der es wimmelte wie von
Maden. Das waren Menschen, winzig von oben gesehen, weiß und grau vom
Staub, graue Gesichter, Staub in den Haaren und Wimpern und einen Brei
von Staubmasse zwischen den Lippen. Zwanzigtausend Menschen stürzten
sich Tag und Nacht in diese Baugrube hinein. Wie ein See glitzert, so
glitzerten drunten die Picken und Schaufeln. Hornsignale: Staub wirbelt
empor, ein steinerner Koloß neigt sich vornüber, stürzt, zerfällt, und
Knäuel von Menschen wälzen sich in die Staubwolke, die emporjagt. Die
Bagger kreischen und jammern, die Paternosterwerke winseln und rasseln
unaufhörlich, Krane schwingen, Karren sausen durch die Luft, und die
Pumpen drücken Tag und Nacht einen Strom von schmutzigem Wasser durch
mannsdicke Röhren empor.
Heere von winzigen Lokomotiven schießen unter den Baggern hindurch,
schleppen sich zwischen Geröll und über Sandhaufen. Aber sobald sie
das freie Land und solide Schienen erreicht haben, fliegen sie wild
pfeifend und mit gellenden Glockensignalen zwischen den Baracken
dahin nach den Baustellen, wo man Sand und Steine braucht. Hier haben
die Züge Berge von Zementsäcken angefahren, und Arbeiterscharen sind
beschäftigt, große Kasernenbauten zu errichten, die vierzigtausend Mann
beherbergen sollen und zum Winter unter Dach sein müssen.
Fünf Kilometer vom »Schacht« entfernt aber -- wo die Trasse sich in
sanftem Winkel zu neigen beginnt -- stehen in einer Wolke von Öl, Hitze
und Rauch vier finstere Maschinen auf funkelnagelneuen Schienen und
warten und qualmen.
Vor ihren Rädern blitzen Schaufeln und Picken. Schweißtriefende
Rotten heben den Boden aus und füllen ihn auf mit Steinblöcken und
Schottersteinen, die aus Kippwagen die Böschung herunterpoltern. In
die Steine betten sie Schwellen, die noch kleben vom Teer, und wenn
sie eine Leiter von Schwellen gelegt haben, so schrauben sie die
Schienen darauf fest. Und wenn sie fünfzig Meter Schienen gelegt
haben, so pusten und zischen die vier schwarzen Maschinen und bewegen
die Stahlgelenke, drei-, viermal, und schon sind sie wieder bei den
blitzenden Schaufeln und Picken angelangt.
So wandern die vier schwarzen Ungeheuer jeden Tag vorwärts, und
eines Tages stehen sie tief zwischen hohen Geröllbergen, und eines
Tages stehen sie tief unter den Terrassen in einem Kamin von steilen
Betonwänden und starren mit ihren Zyklopenaugen auf die Felswand
vor ihnen, wo im Abstand von dreißig Schritten zwei große Bogen
angeschlagen sind -- die Mündung des Tunnels.