Kalkspatstücke, die allenthalben in den Dörfern und an den Wegen
aufgestellt werden.
Sie sind ein sehr sicherer Besitz, denn gestohlen kann so ein viele
Zentner schwerer Stein nicht allzu leicht werden. Bei den großen muß,
um sie fortzuschleppen, schon eine ganze Dorfschaft, hundert und mehr
Leute, Dienste tun. Ein Palmstamm wird durch das Loch in der Mitte
gesteckt, fünfzig Leute fassen vorne, fünfzig hinten an und so wird
im feierlichen Zuge das niedliche Geldstück seinem neuen Besitzer
zugestellt.
Ein heimliches Fortschaffen bei Nacht würde den Dieben ebenfalls
recht wenig helfen, denn jedes wertvollere Exemplar ist an kleinen
Kennzeichen auf der ganzen Insel bekannt. In früheren Zeiten dienten
die besseren Stücke als Kriegsentschädigung. Dieses eigenartige Geld
wird von den hoffnungsvollen Japsprößlingen auch sehr gerne ab und zu
als Turngerät benutzt, auf dem sie waghalsig herumklettern und rutschen.
Der in Jap nicht vorkommende Stein wird auf den Palauinseln gebrochen,
mitten in den Bergen drin. Durch glattschlüpfrige Wildnis und an
schwindelnd steilen Abstürzen vorbei muß man sich zu solch einem
„Steingeldbruch“ mühselig hinarbeiten. Mit den primitivsten Werkzeugen
wird der Stein hier bearbeitet, unter ganz ungeheuren Schwierigkeiten
an den Strand geschafft und auf Bambusflöße verladen. Dann folgt noch
der weite, lange und gefahrvolle Seeweg bis Jap. Manch Floß, das
diese zentnerschweren Riesensteine trug, manch Kanoe, das diese Flöße
schleppte, ist dabei schon in die Tiefe gegangen.
So ist es wohl zu verstehen, daß das so hart und sauer gewonnene
Steingeld bei den Insulanern sehr hoch im Kurse steht, und daß es
sehr, sehr bitter für die armen Leute sein mußte, wenn ab und zu auf
einen solch schönen und lieben, weißen Stein ein mächtiges, häßliches,
schwarzes ~B. A.~ (= Bezirks-Amt) aufgemalt wurde, zum Zeichen
dessen, daß der unerbittliche Amtmann wegen irgendwelcher Sünden und
Missetaten, nicht geleisteter Wegebaupflicht oder anderer Verfehlungen
die Pfändung eines Steines angeordnet hatte.
Damals brachte auch die Germania, brachten auch Segelschoner die
Geldsteine von den Palauinseln nach Jap, aber nur die Stücke, welche
auf dem Kanoe nach der Insel gekommen sind, genossen das ganze volle
Ansehen und die höchste Bewertung.
Von den „steinreichen Eingeborenen“ komme ich zu den deutschen Händlern
-- es wären ihrer, wie schon erwähnt, nur drei --, die aber alle drei
zu ihrem größten Leidwesen keine „steinreichen Leute“ wurden. Denn auch
Jap war eine der so häufigen Stätten deutschen Kolonialpeches.
[Illustration: Tanzende Männer auf Jap. (S. 101)]
[Illustration: Steingeld auf Jap. (S. 143)]
[Illustration]
[Illustration: Verschiedene Eingeborenenhäuser auf Jap. (Kap. 21)]
An demselben Tage, an dem auf dem spanischen Fort die deutsche Flagge
emporging -- „ein böses Omen“, sagten manche --, verheerte ein schwerer
Taifun die ganze Insel.
Kaum hatte man sich von diesem Schlage ein wenig erholt, begann die
Schildlaus in so zerstörender Weise aufzutreten, daß die meisten
Kokospalmen eingingen und die Kopraausfuhr für Jahre gesperrt werden
mußte. Erst im Frühjahr 1908 konnte sie wieder freigegeben werden.
Neben diesen drei deutschen Händlern war auf Jap ein japanischer
Kaufmann tätig. Wie schon des öfteren erwähnt, fand man sie überall,
diese kleinen, schlauen Japaner. Auf allen größeren und wichtigeren
Inseln hatten sie bereits ihre Handelsstationen angelegt. Da und dort
wurde sogar das Geburtsfest des Mikados wie fast das des Landesherrn
feierlich begangen.
Schon vor zehn Jahren war meiner Schätzung nach auf den Westkarolinen
ein Viertel der Einfuhr und die Hälfte der Ausfuhr in Händen der
Japaner. Auf den Marianen stellte sich diese zu ihren Gunsten noch weit
höher.
Es lag ja immer offen zutage, daß die japanische überseeische Politik
sich einige weite Linien durch den Stillen Ozean gezogen hat. Die eine
lief und läuft von Japan aus südostwärts nach den Hawaiinseln, die
andern laufen südlich Australien zu. Zäh hielten sie immer an diesen
Linien fest und schauten schon damals begehrlich über die ihnen bereits
gehörigen Bonininseln nach den Marianen und Karolinen einerseits, von
Formosa nach den Philippinen und Molukken andererseits aus.
Es muß ja den Japanern zugestanden werden, daß diese Inselgruppen
für sie immer weit größeren Wert als für uns hatten. Die kleinen
japanischen, mit wenigen Matrosen bemannten Segler brachten ihren
Handelsstationen billig die notwendigen Tauschwaren zu, fuhren Kopra,
Trepang und Schildpatt ebenso billig wieder zurück. Der deutsche
Händler hatte eine zweimalige teuere Fracht, einmal nach Hongkong und
von dort aus weiter nach Hamburg und Bremen. Er war auch sonst von
vornherein gegenüber seinem überaus lebensbescheidenen Konkurrenten
im Nachteil. Der Japaner verstand sich auch leichter und besser mit
den Eingeborenen, trat auf den Südseeinseln, wo er politisch nichts
zu sagen hatte, nicht als harter Zwingherr wie in Korea oder der
Mandschurei auf. Dafür brachte der Eingeborene seine Tauschwaren am
liebsten in die japanische Faktorei.
Außer den eben angeführten Gründen dieses guten Einverständnisses mögen
vielleicht noch verschiedene andere mitspielen, darunter wohl auch der,
daß -- so gewagt das klingen mag -- zwischen dem Insulaner und dem
Japaner eine recht weit zurückliegende, aber doch vielleicht etwas wie
eine leise Blutsverwandtschaft besteht. Wer einmal sonnenverbrannte,
nackte japanische Fischer oder Bauern bei der Arbeit gesehen hat, kann
diesem Gedanken schon leichter nähertreten.
Auch theoretisch läßt sich diese Behauptung verfechten. Die Ansichten
über den Ursprung der Mikronesier laufen ja sehr weit auseinander --
aber eine, die wahrscheinlichste Theorie geht, wie schon gestreift,
dahin, daß in ihren Adern ein starker Einschlag von Malaienblut
rollt. Das japanische Volk wiederum hat sich aus mongolischen und
malaiischen Elementen herausgebildet, und diese beiden Urrassen sind
noch heutzutage oft so wenig verschmolzen, daß man mit leichter Mühe
den einen Japaner dem mongolischen, den andern dem malaiischen Urstamm
zuteilen kann.
Man kann diese eben aufgeworfene Frage ruhig dem Fachgelehrten
überlassen -- das steht jedenfalls ganz zweifellos fest, daß der
Mikronesier sich mehr zum Japaner als zum Europäer hingezogen fühlt.
Es bestehen ja auch sonst noch andere Ähnlichkeiten zwischen Japan und
den ihm zunächst gelegenen Teilen der Südsee. Der Malaie, der nach
Nippon eingewandert ist, hat dorthin wohl sein pfahlbautenartiges Haus
gebracht. Dasselbe Haus finden wir auch auf den Marianen, Karolinen und
Palauinseln. Nur ist es hier in seinen rohen und einfachen Uranfängen
steckengeblieben, während der Japaner es in jahrtausendlanger
Entwicklung weiter ausgestattet und verfeinert hat. Ebenso wie in
Altjapan treffen wir in Mikronesien die Sitte an, die Zähne tiefschwarz
zu färben, dort wie hier eine große Verehrung des Mondes, dort wie hier
eine sehr liebevolle und nachsichtige Kinderbehandlung und -erziehung.
Wie schon einmal erwähnt, ist auch in der Götterlehre manchen Eilandes
eine ganz ähnliche Naturverehrung, wie sie der Shintoismus aufweist,
festzustellen. Ein Reisender und Forscher, der lange in Japan, lange in
der Südsee leben würde und in alle Dinge des Lebens tiefer einzudringen
vermöchte, der würde wahrscheinlich noch auf dies und jenes andere
Gemeinsame stoßen.
Um zu den japanischen Ambitionen auf die Marianen und Karolinen
zurückzukehren, so gab es längst vor dem Kriege bereits Leute, die
einen vorteilhaften Weiterverkauf der beiden Inselgruppen an Japan
befürworteten und ihn als die beste Lösung aller deutsch-mikronesischen
Fragen betrachteten. Denn darüber war für den Einsichtigen niemals ein
Zweifel, daß Japan sich bei gegebener Sachlage der Inseln bemächtigen
würde.
So schrieb auch ich seinerzeit:
„Japan hat zwar vorläufig noch an Korea zu schlucken -- aber trotzdem
schielt es zweifellos auch beständig in die Südsee hinunter und bei
gegebener guter Gelegenheit wird es sicherlich versuchen, ob es nicht
nach den amerikanischen Philippinen und Hawaiinseln, nach den deutschen
Marianen und Karolinen erfolgreich die Hand ausstrecken kann.“ --
Es kam denn auch, wie es nicht gut anders kommen konnte. Man brauchte
kein großer Politiker oder Stratege zu sein, um das vorauszusehen. Nur
ein großer und wohlausgerüsteter deutscher Kolonialbesitz, der sich aus
sich selbst und ohne Flotte verteidigen konnte, hätte im Weltkrieg mit
vollem Erfolg bestehen können, nie aber solch zerstreute, so weit vom
Mutterland abliegende Inselgruppen.
* * * * *
Allmählich begann mir die Zeit lang zu werden. Die Natuna kam nicht im
Februar, kam auch nicht im März, hatte, wie ich später erfuhr, bereits
Ende Januar, ohne Jap zu berühren, die Südsee verlassen. Ebensowenig
ließ sich der japanische Segelschoner blicken. Auch sonst wollte kein
weißes Segel, kein schwarzer Rauch sich draußen auf dem blauen Meer
zeigen.
Ich sitze fest in unfreiwilliger Gefangenschaft. Und wenn ich noch so
sehr in die Weite sehe und spähe, ich erblicke nie etwas anderes als
unendliche Wasserfläche, so daß ich schließlich an meiner Befreiung
wirklich oft verzweifeln möchte.
Ärgerlich kehre ich der See den Rücken und stürme in meinem Gefängnis
herum. Sehr groß ist es ja nicht. In zwei Tagen kann ich die ganze
Insel zu Fuß umwandern. Sie ist, darüber ist nicht zu streiten,
wirklich ein kleines Paradies, ein einziger, großer, blühender Garten.
Da ist am Strande der See bald flacher Sandstrand, wo die stets
vergnügte, braune Jugend fischt, badet und sich im Kanoefahren übt,
bald wieder dichter Mangrovenbusch mit ganz unglaublich verschlungenem
Wurzelwerk, undurchdringlich und dunkel, unheimlich fast, nur vom
Leguan, großen Riesenkrabben und anderm Kriechgetier bevölkert. Dicht
neben dem Wasser, fast darin sich noch bespiegelnd, ist das Reich
der Palmen, steht Palme an Palme, ein einziger, fast die ganze Insel
umfassender Palmenwald. Wenn die Luft ruhig und still ist, dann
flimmert das heiße Sonnenlicht schwer in den regungslosen breiten
Kronen. Aber schöner ist’s, wenn der Meerwind lustig herangeflogen
kommt, daß sie zu flüstern und sich behaglich zu wiegen beginnen. Doch
am schönsten wird es in den taghellen Vollmondnächten, wenn das Meer
viel Meilen weit hinaus erschimmert und der große, große Wald brausend
mit mächtigem Rauschen der sehnsuchtsvoll zu ihm herandrängenden See
sein Nachtlied singt.
Weiter landeinwärts dehnen sich große Lackfelder mit ihren breiten,
mannshohen Blättern, blüht der Hibiskus mit freudigem Rot, grüßen
zauberhafte Orchideen in allen Farben hernieder, stehen dicht die
Drazänen, schimmert rosig die Ananas, und über all dem schweren
Reichtum wölben sich die Kronen uralter Bäume. Erst auf den Höhen wird
der Boden magerer und geringer. Nur der ölbaumgraue, hartblättrige
Pandanus liebt solch trockene, sonnenverbrannte Erde.
Schön ist es ringsum, aber Freiheit, die ihre Grenzen selbst sich
steckt, hat seit Adams und Evas Zeiten seltsamer Menschensehnsucht
immer köstlicher und begehrenswerter geschienen als das allerschönste,
aber mit hohen Mauern umgürtete Zwangsparadies. Die Mauern, über die es
kein Entrinnen gibt, hat hier das Meer gebaut, unüberschreitbarer, als
sie je ein Zwingherr aufgeführt hat. Und ich sehe sie überall, diese
viele Hunderte von Meilen breiten Wassermauern. Selbst wenn ich tiefer
in den Busch hineingewandert bin, nach wenigen Wegstunden stehe ich
doch schon wieder vor derselben, heiter und sonnig lächelnden, aber
doch so betrübsamen und unüberbrückbaren Meeresunendlichkeit.
Bald habe ich manchen Tag, wo ich mein kleines Paradies kaum mehr
sehe und beachte, manchen, wo ich aus der ganzen, goldenen Pracht am
liebsten auf und davonlaufen würde. Freilich kommen dann auch wieder
Stunden, wo ich mir ein frohes Herz nehme, daß all die lachende
Schönheit wieder aufs neue ersteht, jung, unvergänglich und bezaubernd,
wie ich sie im lauten Jubel erster Begeisterung gesehen -- gesegnete
Glücksstunden.
Aber am grauen Alltag habe ich doch bereits mit schärferem Auge
zuzusehen gelernt und habe da und dort trotz aller Sonne einen Schatten
erspäht. Zuviel Licht, zuviel Sonne! sage nun auch ich. Ich beginne
zu verstehen, daß die Insulaner in ihrer Einfalt die Sonne, deren
Wohltaten sie nicht begreifen, nicht lieben, sondern hassen -- nur
den Mond mit seinen kühlen, schimmernden Nächten haben sie ganz ins
Herz geschlossen -- und daß sie nach der heißen Herrin des Tages und
ihrem flammenden Strahlenzepter in ohnmächtiger und verbissener Wut
Scheltworte und Steine emporschleudern.
Wie schwül und schwer oft der Tag! Wie drückend, sowie ich das Zimmer
betreten, die Nacht! Und gar erst bei Windstille, wenn draußen kein
Blatt und kein Grashalm sich regt. Wie unerträglich der scharfe, nie
zur Ruhe kommende, metallene Rundgesang der Moskitos!
Ich empfinde plötzlich als lästig, was ich im Anfang als
selbstverständlich und mit einem Lächeln hingenommen habe.
Unternehmungslust und Arbeitsfreude weichen langsam einer trägen,
stumpfen Gleichgültigkeit. Gottlob, sage ich mir oft, daß ich hier
nicht für immer zu bleiben gezwungen bin. Ich werde eine bange Ahnung
nicht los, daß alle meine Kräfte dann gänzlich erschlaffen würden.
Nun bin ich auch schon so weit, daß ich all die mannigfachen Klagen der
ansässigen Europäer besser verstehen kann.
Es gibt ja da und dort in der Südsee einige, die sich vollkommen
eingewöhnt haben und sich sehr wohl fühlen, Menschen, die einen großen
Wirkungskreis haben, mehr aber noch Leute, die ganz jung als Matrosen,
Fischer, Jäger, Abenteurer oder Händler durch irgendeinen Zufall
hängengeblieben sind, die zehn, zwanzig und noch mehr Jahre Deutschland
nicht gesehen haben und auch gar keine sonderliche Sehnsucht mehr
danach haben. Sie sind teilweise, wie man hier sagt, allmählich
„verkanakert“, haben nicht mehr sehr viel andere geistige und leibliche
Bedürfnisse -- den Alkoholgenuß vielleicht ausgenommen -- als die
phlegmatisch zufriedenen Inselkanaken selbst.
Alle andern aber, besonders Menschen mit regeren geistigen Interessen
oder Leute, die an einen größeren, gesellschaftlichen Kreis gewöhnt
waren, fühlen sich selten auf die Dauer sehr befriedigt, und manche
kommen verbittert sogar dazu, die in der Südsee verlebten Jahre als
„verlorene“ ihres Lebens zu bezeichnen.
Das abgebrauchte Sprichwort, daß man nicht ungestraft unter Palmen
wandle, wird hier oft zur vollen Wahrheit.
Wir Deutsche, die wir den Nordländern zuzuzählen sind, vertragen eben
auf die Länge keinen ewigen und noch dazu einen so gewaltigen und
mächtigen Sommer. Wir wollen auch nicht immer nur Blumen und Blüten
und Früchte, immergrüne Sträucher und Bäume sehen. Stark duftende
Linden, rotwelkende Buchen, weiß beschneite Fichten stehen manchem
hier draußen lockend vor Augen. Wenn man all das, sich folgende und
ablösende Jahreszeiten, Frühlingsahnen, Herbstschauer und Winterstürme,
den Wechsel in der Natur, Werden, Leben und Sterben, mehrere Jahre
entbehrt hat, so leiden darunter, anfangs unmerklich, später stärker
und stärker, Leib und Seele. Die Nerven beginnen bei vielen lebhafter
als gut ist zu spielen oder sagen gar Generalstreik an. Bald überfrohe
und überlaute, ungesunde Lustigkeit, bald unmittelbar darauf und ohne
jeden begründeten Übergang Zeiten innerer Zerrissenheit und tiefster
Depressionen, die sich manchmal bis zum vollständigen Lebensüberdruß
steigern können. „Neurasthenie“, wird der Arzt sagen und wird wenig
tun können, sie zu heilen, solange der Betreffende an Ort und Stelle
bleibt. Nur ein Klimawechsel kann Besserung bringen. Ist dieser
unmöglich, so wird der böse Zustand immer wieder und immer stärker
kommen.
Immer mehr sehnte ich den Tag herbei, an dem es mir vergönnt wäre,
weiterzuwandern. Mit einer solch langen Reiseverzögerung hatte ich nie
gerechnet. Februar und März waren verstrichen. Jetzt im April begann
gar der lustige Passatwind einzuschlafen, schwerer und schwüler wurden
die Tage, dehnten und dehnten sich, endlos und ohne Schlaf war die
Nacht.
In der zweiten Hälfte des April sollte die Germania wieder
hierherkommen, und so setzte ich denn auf sie meine Hoffnung. Da
plötzlich ein Telegramm aus Sydney, daß die Germania in Ponape, der
Hauptinsel der Ostkarolinen, gestrandet sei und schwere Havarie
erlitten habe. Die Ausbesserung der Schäden werde mehrere Wochen
beanspruchen.
Geduld! Geduld! ... In dieser der menschlichen Natur so sehr
widersprechenden Tugend kann es ein Südseefahrer zur Weltmeisterschaft
bringen. Es hilft, hilft gar nichts, daß man jeden Morgen zu den
Flaggenmasten emporstarrt, ob nicht der bunte Wimpel zur Begrüßung
eines zufällig einlaufenden Schiffes lustig daran emporgehen will.
Zudem beginnt auf Jap, da der Dampfer über seine Zeit ausbleibt, alles
sehr knapp zu werden. Mehl und Kartoffeln gibt es längst nicht mehr,
auch die Konserven gehen ihrem Ende entgegen. Frisches Rindfleisch
kann auf Jap nur wenige Male im Jahre gegessen werden, zu Weihnachten
und Ostern wird je eine Festkuh geschlachtet. So greifen wir jetzt
auf die Schweine der Eingeborenen zurück, die so zahm sind, daß sie
die Insulanerinnen auf ihren Wegen durch den Busch wie treue Hunde
begleiten. Auch Fische lassen wir uns von den Japleuten besorgen. Sie
sind aber meist ungenießbar, da die Karoliner sie stets unausgenommen
auf dem Kanoe in der fürchterlichen Sonnenglut den ganzen Tag lang
liegen lassen. Nach mikronesischem Küchenrezept ist freilich ein sehr
starker Hautgout der Schuppentiere allererstes Erfordernis.
In der „Wirtschaft zur Kokosnuß“ ist die Bierquelle auch leider
versiegt. Zigarren und sonstiger Tabak sind fatamorganahafte Gebilde.
Ebenso ist sämtliches Schuhwerk auf den scharfen Korallensteinfelsen
mit der Zeit zum Teufel gegangen.
Aber die Germania kommt nicht, will nicht kommen!
22. Abschied von der Südsee.
Es ist Anfang Mai geworden. Ich habe, um für alle Fälle gerüstet zu
sein, bereits eifrig mit dem Packen begonnen. Keine leichte Arbeit das!
Ein ganzes Museum aller möglichen Dinge hat sich allmählich bei mir
angesammelt: Speere, Kriegs- und Tanzgürtel, Stein- und Muschelgeld,
Jagd- und Fischfanggeräte, Holzfiguren und geschnitzte Kanoemodelle,
Matten und Kleidungsstücke, Schildpattgegenstände, Schildkrötenschalen
und riesige, zentnerschwere Muscheln. All das muß nun in Kisten
verstaut werden.
Rasch ziehe ich auch noch ein letztes Mal zu meinen Lieblingsplätzen
hin, und jetzt, wo ich weiß, daß ich all das sehr bald nicht mehr,
wahrscheinlich gar nie mehr sehen werde, empfinde ich erst wieder ganz
allen Liebreiz und alle Schönheit.
Auch diese hundert unfreiwilligen Tage von Jap, die ich meist nur als
eine höchst unwillkommene Hemmung meiner Reise angesehen, werden mir
schließlich eine liebe Wandererinnerung bleiben.
Erinnerungen: Träume, die einmal leibhaftige Wahrheit und Wirklichkeit
gewesen -- Wirklichkeit, die jetzt schon nur mehr ein schöner Traum ist.
Bald, bald wird die Südsee, die ich so sehr ersehnt, die ich jubelnd
begrüßt, hinter mir liegen. All die südliche Schönheit, die allmächtige
Sonne, die tiefe, meerumgürtete Stille ist dann für mich nicht mehr,
ist alles versunken. Und ist doch alles auch fest und für immer
gegründet und gebaut. In jedem Augenblick dem suchenden Auge der
Sehnsucht erreichbar: Erinnerungen, das ganze Leben hindurch leuchtende
Erinnerungen. --
Am 6. Mai läuft die so heiß ersehnte Germania wirklich in den Hafen von
Jap ein und schon einen Tag später lichtet sie wieder die Anker. --
Noch ein letztes Händeschütteln mit den Zurückbleibenden, ein Grüßen
und Danken, ein Abschiednehmen für lange Zeit, vielleicht für immer.
Auf den Palauinseln ein kurzer Halt. Ich begrüße auch hier wieder gute
alte Bekannte, meinen liebenswürdigen Wirt vom Januar, Stationsleiter
Winkler, und meinen Freund Fujikawa. -- Meinen Begleiter Otto und
dessen Frau -- sie haben inzwischen wirklich geheiratet -- bekomme ich
aber leider nicht zu Gesicht. Er ist nicht an den Landungsplatz und auf
die Regierungsstation gekommen -- er ist kein allzu großer Freund wohl
von Regierungsbeamten und Vorgesetzten, die schon so manchen Tropfen
Wermut in den Kelch seines Lebens geträufelt haben.
Kurz nach der Abfahrt von Malakal in aller Morgenfrühe ein kleiner
Reiseunfall der Germania. Als wir der Küste von. Babeltaob entlang
steuern, ein plötzlicher Ruck und Stoß. Schon sitzt auch das gute
Schiff unbeweglich auf einem Korallenriff fest. So etwas ist recht
rasch und leicht geschehen. Die stark blendende Sonne, der blitzende
Wasserspiegel machen es oft fast unmöglich, die gefährliche Untiefe
rechtzeitig zu erkennen. Kapitän und Offiziere, die ganze Bemannung der
Germania arbeiten fieberhaft, um das Schiff von dem bösen Korallenriff
frei zu bekommen. Alles vergeblich. Trotz der verschiedensten Manöver
und Anstrengungen rührt sich die Germania nicht von der Stelle. Es wird
Mittag, es wird Nachmittag, brennend sticht die Sonne nieder, nicht
der mindeste Luftzug, der Kühlung brächte. Ein paar Kanoes schwirren
um uns herum. Wer weiß, ob wir sie nicht bald besteigen müssen, um an
Land, für recht lange an Land zu fahren, und ich mache mich schon mit
dem Gedanken vertraut, einen unfreiwilligen zweiten Aufenthalt auf
Babeltaob nehmen zu müssen. Denn wenn die Germania sich wirklich hier
sehr festgerannt hat, wird ihr niemand in ihrer unangenehmen Lage zu
Hilfe kommen können.
Nirgends ein Schiff, das sie abschleppen könnte. Auch keinerlei
Möglichkeit, sich mit Jap oder Hongkong zu verständigen.
Doch der Gott der Meere und Riffe hat ein Einsehen. Gegen Abend erlöst
er uns mit der wiederkommenden Flut und hebt das Schiff vom Felsen.
Alles ist gut abgegangen, und die Germania hat bei dem unliebsamen
Zwischenfall auch keinerlei ernsteren Schaden davongetragen.
Unsere weitere Reise verlief ohne jeden ferneren Zwischenfall. Das
Meer, das in diesen Breiten oft so bös und stürmisch sein kann,
war ganz eben und spiegelglatt wie nur irgendein windgeschützter
Hochgebirgssee. Wir machten sehr gute und rasche Fahrt und liefen,
nachdem einmal kurz die Philippinen in Sicht gewesen waren, am 18. Mai
in den Hafen von Hongkong ein.
23. Heimreise.
Noch manche Sonnenländer sah ich auf dieser Reise. Ich verbrachte einen
Monat in dem prächtigen Hongkong, ich lud mich in dem volksreichen,
lärmenden Kanton, in dem stillen, verschlafenen Macao, in dem schwülen
Singapore und Johore zu Gast, ich bestaunte Ceylons Herrlichkeiten.
Aber so vielerlei Länder und Städte lassen sich in einem Bande kaum
zusammendrängen.
Auf der „Scandia“ der Hamburg-Amerika-Linie, mit der ich die Heimreise
antrat, verlebte ich zwei Monate unter immer lachendem, sonnigem
Himmel. Eines Tages aber regengraues Firmament. Wir sind in der Nordsee.
Ich möchte nun auch dieses Buch genau mit denselben Worten schließen,
die ich damals, eine Reihe von Jahren vor dem Kriege, niedergeschrieben
habe. Denn ich glaube, sie haben in so manchem Punkte noch heute ihre
volle Berechtigung. Ich schrieb damals, im Sommer 1908:
„All das viele Geschaute gleitet noch einmal, als wollte es von mir
Abschied nehmen, in raschbuntem Wechsel an meinem Auge vorbei. Nicht
nur Schönheit und Freiheit fand ich da draußen in der weiten Welt. Ich
bekam auch wirkliche Einsicht in so manche Dinge, die ich bisher nur
mit den Augen der andern geschaut, nur aus Büchern und Reiseberichten
gekannt hatte. --
„Länder und Völker sind an mir vorbeigezogen. Ihre Stärken und
Schwächen, ihre Bedürfnisse versuchte ich zu erkunden. In Osten und
Westen hatte ich Gelegenheit, die Rassenfrage in den mannigfachsten
Abstufungen und Erscheinungsformen zu studieren.