Nachdem ich mich noch durch eine frische Kokosnuß gestärkt,

verabschiedete ich mich wieder. Die Unterhaltung mit dem alten König

ist etwas umständlich zu führen. Denn er ist äußerst schwerhörig, und

der dolmetschende Otto hat sich nach kurzer Zeit heiser geschrien.

Wir gehen zum Strande zurück. Aber unser Kanoe liegt jetzt bei Ebbe

vollständig im Trockenen. An eine Heimfahrt ist für die nächsten

Stunden nicht zu denken. Wir werden lange warten müssen. --

Aber wir bekommen wenigstens Gesellschaft und wiederum die allerbeste.

Eine Schar von etwa dreißig jungen Mädchen, alle mit Laubgrün und roten

Hibiskusblüten, mit Korallen und Schildpattschmuck reich behangen, mit

der Gelbwurzel an Gesicht und Körper gefärbt, kommt den Strand entlang

gezogen. An ihrer Spitze, wie mir Otto erklärt, die Königin, -- eine

noch hübsche, etwas reife Schönheit. Ich verneige mich, Otto stellt

mich wieder als mächtigen „Rubak“ vor, huldreich nickt die Königin,

nicken die kleinen schmalen Mädchen, lächeln und flüstern und mustern

mich neugierig-ängstlich.

Dann setzt sich die Königin und um sie herum lagern sich ihre schlanken

jungen Begleiterinnen im Sande. Man ladet mich ein, auch Platz zu

nehmen. Und nun beginnt, während Otto wieder den Dolmetsch macht, eine

gemütliche Plauderstunde. Die Königin und ihre Damen erzählen, daß

sie den Nachmittag über im Walde getanzt und dann ein Bad in der See

genommen, Otto berichtet über unsern Besuch beim König, erzählt auch

noch so manches von mir, meiner Rubakschaft und meinen weiten Reisen,

erzählt und erzählt, und immer größer und erstaunter betrachten mich

die dunklen Augen der braunen Schönen. Ich glaube fast, Otto ist da

einmal wieder nicht bei der Wahrheit geblieben und hat dem Hofe von

Nabuket Märchen aus Tausendundeiner Nacht berichtet.

Wenn ich nur ein bißchen etwas verstehen würde, ein wenig mitreden

könnte. Ich bin es oft müde, bei allem und allem ohne jede Fähigkeit,

auch nur ein Wort enträtseln zu können, dabeisitzen zu müssen, ich

sehne mich oft danach, ein wenig mit jemand sprechen zu dürfen, denn

die paar kurzen Worte, die ich mit Otto wechseln kann, zählen ja

schließlich nicht. Der Mensch ist ein Herdentier, das merkt man recht

gut auf solch einer Reise, wo man viel sich allein überlassen ist.

Allmählich dunkelt es, die Königin erhebt sich, ich schüttle ihr und

den Hofdamen zum Abschied die Hand.

In langem Zuge verschwinden sie im Tropenwalde. Nun ist es still um

uns, kein Windhauch flüstert in den Kronen der Palmen, nur draußen

donnert schwer die Brandung.

Aber schon kommen andere Gäste -- ganz ungebetene --, Moskitos. In

dichten Scharen rücken sie aus Unterholz und Büschen heran. Bald

können wir uns ihrer nicht mehr erwehren. Otto und mein anderer

Kanoegenosse tragen Reisig und Palmstroh zusammen, bald prasselt das

Feuer, und dichter Rauch beginnt uns einzuspinnen. Die bösen Peiniger

müssen weichen.

Durch das Licht angelockt, stellen sich von da und dort Leute von

Nabuket ein, Männer und Knaben. Auch ihnen erzählt wieder Otto weiß

Gott was für Dinge von uns, daß sie nicht müde werden zu lauschen.

Endlich beginnt die Flut langsam heranzuplätschern. Ich werde

eingeladen, auf dem Kanoe wieder Platz zu nehmen, und die ganze frohe,

lustige Gesellschaft, Otto an der Spitze, schiebt mich mit lautem

Hallogeschrei ins tiefere Fahrwasser.

Eine herrliche, ruhige Heimfahrt. Still und dunkel die Nacht. Otto

entfacht einen Palmstrohbrand, und bis wir um Mitternacht wieder

in Melegejok landen, hat er Fische, eine ganze Menge Langusten und

Seekrabben mit seinem Speer erbeutet.

Ich bleibe weiter im Dorf Melegejok. Mein trefflicher Otto ist, wie

vorher, der einzige Mensch, mit dem ich einige wenige Worte wechseln

kann. Aber leider will seine Unternehmungslust immer noch nicht

wiederkehren. Immer früher tischt er mir am Abend mein einfaches

Nachtmahl auf, immer rascher und eiliger verschwindet er. Sein alter,

guter Freund hat, wie er mir des öfteren erzählt, ihn völlig mit

Beschlag gelegt.

So sitze ich denn am Abend weiterhin allein in der niederen

Eingangsöffnung meines Hauses und schaue in die Dämmerung hinaus.

Oft eilen meine Gedanken der sinkenden Sonne nach. Weit da drüben im

Westen, über unendlichen Weltmeeren, liegt die Heimat. Dort jauchzt

und tollt jetzt die fröhlichste Faschingslust. Welch Unterschied

zwischen dort und hier, zwischen brausendem Leben und allerstillster

Einsamkeit! ...

Ab und zu sprüht durch den dichten, dunklen Busch ein heller Feuerbrand

zu mir herüber. Er läßt die dunklen Umrisse von Palaumännern erkennen,

die, einer nach dem andern, in langem, stummem Gänsemarsche auf der

Wanderschaft nach irgendeinem Tanzplatze sind.

Der einzige Weiße bin ich unter vielen Hunderten von braunen

Insulanern, der allereinzige Weiße auf der großen Insel. Gar nicht

weit von hier das Dorf, wo sie vor kurzem beschlossen hatten, die

wenigen Weißen auf den andern Inseln zu ermorden. Wenn ihnen wieder

solche Gelüste kämen? ... Wenn sie die gute Gelegenheit benutzten und

plötzlich in der Nacht vor mein Haus rückten? Wohl liegt der Browning

neben mir auf dem Boden, aber ich käme ja gar nicht dazu, ihn zu

gebrauchen. Ich würde den barfüßigen Feind gar nicht heranschleichen

hören, würde ihn nicht hereinhuschen sehen. Denn tief und schwer ist

der Schlaf in den Tropen.

Wozu die Gedanken? Bis jetzt habe ich keinen Grund zu Besorgnissen.

Obwohl mein Haus mit allen Habseligkeiten tagelang unverschlossen

dasteht, ist mir noch nie das geringste abhandengekommen. Ein paar

schöne Angelhaken, die irgendein ungezogener Dorfrange hat mitgehen

lassen, kann ich nicht rechnen. Wo bei uns zu Hause findet man so große

Ehrlichkeit wie bei diesen sogenannten „Wilden“? ...

Weiter spähe ich in die Dunkelheit hinaus. Allmählich bricht mildes

Mondlicht durch das Laubwerk. Nun wird es lebhafter im Busch. Frauen-

und Mädchengestalten huschen da- und dorthin -- Kinder laufen,

springen und tanzen -- jagen sich wie ein nächtlicher Spuk im hell

erschimmernden Buschwald herum. Ein einsames Paar wandert in leisem

Gespräch bergaufwärts, der Mann überragt das kleine Mädchen wohl um

Haupteslänge. Bei einer plötzlichen Wendung seines Kopfes, kurz bevor

das Paar langsam in den Bambusgebüschen meinen Augen entschwindet,

habe ich in dem eifrig auf das Mädchen einredenden braunen Galan Otto,

meinen trefflichen und tüchtigen Otto, erkannt. Täuschung ist bei dem

hellen Mondlicht ausgeschlossen ...

„Otto!“ meine ich am nächsten Morgen, „kann ich deinen Freund nicht

kennenlernen?“ ...

„Freund ist in anderes Dorf -- weiß nicht, wann wiederkommt“, antwortet

er treuherzig.

„Ist aber noch recht klein und jung, dein Freund, Otto!“ ... Otto

stutzt und betrachtet mich mit einem taubensanften Augenaufschlag

prüfend und forschend. „Du hast gesehen meinen Freund?“ sondiert er

vorsichtig.

„Ich hab gesehen. Denk an den Calabus, Otto!“

„Nicht Calabus. Ist ein junges Mädchen. Ich will heiraten es.“

„Potztausend, Otto. Ich gratuliere!“

Unruhig von einem Fuß auf den andern tretend, bleibt er vor mir stehen.

Nervös spielend gleiten seine Hände über seine Lawa-lawa. Dann springt

er mit einem plötzlichen Entschluß auf die Türöffnung zu, schwingt sich

hinaus und läßt sich auf der Außenseite rasch herabgleiten. „Ich will

fragen Vater von Mädchen.“ Fort war er.

„He, Otto,“ rief ich ihm noch nach, „bring doch deine Braut her!“ Eine

Viertelstunde später erschien er mit ihr, sie an der Hand nachziehend.

„Vater sagt ja!“ meinte er kurz.

Die jungen Palaumädchen sind meist sehr schlank und gut gewachsen,

haben einen hübschen, freien Gang und elegante, fast graziöse

Bewegungen. Über ihr ganzes Wesen ist etwas klug und verständig

Abwägendes gebreitet, eine gewisse kühle und abwartende Zurückhaltung.

Nach dem Eindruck ihrer Erscheinung und der Art und Weise, sich zu

geben, könnte man versucht sein, sie die Französinnen, die Pariserinnen

Mikronesiens zu nennen.

Otto, der Frauenkenner, hatte bei seiner Brautschau gar keinen

schlechten Geschmack entwickelt. Das Mädchen hatte ein regelmäßiges,

ovalschmales Gesichtchen, aus dem zwei hübsche braune Rehaugen

stillklug herauslugten und mich neugierig prüfend musterten.

Die schlanke, schmalschulterige Gestalt war ebenmäßig und gut

durchgebildet. Kleine, zierliche Händchen, schmale Gelenke und

schlanke Fußfesseln. Außer dem schmalen, landesüblichen, goldgelben

Hüftenschurz hatte die Braut noch einen saftig grünen Blätterkranz um

den Hals gelegt und eine brennend rote Hibiskusblüte in ihr glänzendes

Schwarzhaar gesteckt. Sie mochte wohl noch sehr jung sein, kaum

fünfzehn Jahre alt.

Auf den Gesichtern der beiden stand ganz unverkennbar eine gewisse

Zufriedenheit ausgeprägt. Ein sehr hohes und großes Glücksgefühl

leuchtet ja überhaupt wohl selten oder vielleicht gar nie auf diesen

ruhigen und meist etwas regungslosen Gesichtern auf.

Ich beeilte mich, aus meiner Blechkiste der niedlichen Braut einiges

Zwiebackgebäck zu schenken, die kleine Palaudame, die schon früher sehr

eifrig ihre jungen Geschwister um unser Haus spazieren getragen hatte,

ließ sich auch ganz zutraulich auf der Diele nieder und knusperte

langsam und bedächtig prüfend an dem ihr fremden Gebäck herum.

Es mußte ihr sehr gut gemundet haben, denn schon am nächsten Tage

kehrte sie wieder und brachte gleich mehrere Freundinnen mit, die

eifrig mithalfen, meine Zwiebackkiste zu leeren.

Ich überließ Otto noch einige Tage seinem jungen Glücke und versuchte

den einsamen Tagen in dem einsamen Dorfe soviel als möglich noch

abzugewinnen, saß lange bei der versammelten Dorfschaft, wenn sie

stunden- und stundenlang in einem Versammlungshause ihre Tänze

einübte, sah den Mädchen und Frauen bei ihrer mühsamen und schweren

Arbeit in den schlammigen Tarofeldern zu -- bis zum Knie und zu den

Lenden stehen sie bei glühendster Sonnenhitze in dem grünen Sumpfe --,

photographierte und versuchte, diese und jene Seltsamkeit einzuhandeln.

Aber endlich hatte ich doch genug an all der Stille und Einsamkeit.

Zurück nach Korror! Otto wäre zwar begreiflicherweise noch gerne

geblieben; aber da es nun einmal nicht anders ging, machte er gute

Miene zum bösen Spiel, bat mich nur kurz vor der Abfahrt noch, dem

Stationsleiter nichts von seiner „Verlobung und seinen Heiratsplänen“

zu sagen. --

In Korror kam mir das Häuschen des Stationsleiters Winkler wie ein

Luxuspalast vor -- freudig begrüßte ich Tisch und Stuhl und all die

vielen kleinen Dinge des Lebens, an die wir Europäer nun einmal

von Kindesbeinen an gewöhnt sind. Vor allem aber waren die Abende

nun nicht mehr so still. Bis tief in die Nacht hinein sind wir oft

beisammengesessen, haben von zu Hause, haben von der weiten Welt

geplaudert. Stationsleiter Winkler war mit seinem Posten wohlzufrieden.

Er hatte manche Strapaze und manche Fährnis auf Expeditionen in

unsern afrikanischen Kolonien bestanden. Das Leben auf Korror ist

damit verglichen viel leichter und einfacher. Es gibt ja wohl auch

manch schlimme, lebensgefährliche Fahrt von Insel zu Insel, es gibt

manchen Ärger mit den Eingeborenen, schwere Arbeit im Kampfe gegen die

Schildlaus, die auf der Insel Jap den größten Teil der Palmenbestände

zerstört hat, während es Winkler gelungen ist, sie äußerst glücklich zu

bekämpfen.

Auch heißt es immer ein offenes Auge haben. Die Eingeborenen sind

ja durchschnittlich recht gutmütige Leute, wenigstens den Europäern

gegenüber. Mord und Totschlag kommt zwar öfter vor, aber nur zwischen

den Insulanern untereinander. Sie sind wie große Kinder, die aber

gleich diesen leicht zu betören sind.

Da braucht nur irgendein fremdenfeindlicher Zauberer aufzustehen, und

wenn er einen größeren Anhang gewinnt, wird er es leicht so darstellen

können, als ob es ein Geringes wäre, die Europäer niederzumachen und zu

vertreiben.

Es kommt ihm dabei zugute, daß die meisten Insulaner keinerlei

Vergleichsmaßstab haben. „Ist Deutschland auch so groß wie unsere

Insel?“ kann man fragen hören.

Wäre Winkler seinerzeit nicht auf der Hut gewesen, es wäre ihm ganz

ebenso ergangen, wie später den deutschen Beamten in Ponape.

Aber das bißchen Gefahr und der nicht seltene Ärger vergällt einem

alten Afrikaner das Leben noch lange nicht. Schlimmer ist schon die

große Einsamkeit, die langen, stillen Abende -- jahrein und jahraus.

Nur sechsmal im Jahr legte zur Zeit meines Aufenthaltes der Postdampfer

an den Palauinseln an. Sonst das ganze Jahr kein Schiff, nur einmal der

„Condor“ und vielleicht zwei oder drei japanische Segelschoner. Später

mag es etwas besser geworden sein, mögen vor allem auch einige Weiße

mehr auf der Inselgruppe gelebt haben, da mit dem Abbau des Phosphates,

von dessen Hebung man sich viel erwartete, auf der Insel Angaur

begonnen wurde.

Eine der schwersten Aufgaben des Stationsleiters schien mir die

Krankenpflege zu sein. Kein Arzt war damals auf der ganzen Inselgruppe,

auf der eine schreckliche Geißel der Südsee wütet, die Framboisie. Ich

weiß nicht, ob wissenschaftlich schon feststeht, worum es sich hier

eigentlich handelt, aber es ist wohl eine lepraähnliche Erscheinung;

die von der Krankheit Befallenen verfaulen bei lebendigem Leibe. Man

sieht angefressene Glieder und aufgebrochene Körper, tief in den Leib

hineingewachsene Geschwüre. Manches Gesicht ist ohne jede Nase, statt

ihrer nur mehr eine schwarzrote Höhlung -- ein entsetzlicher Anblick

--, dem einen fehlt ein Arm, dem andern ein Bein.

Da die zwei letzten Deutschen, welche vor mir die Inseln besucht

hatten, Ärzte gewesen waren, so glaubten die Leute wohl, jeder Weiße

müsse ein Medizinmann sein und wiesen mir ihre schauerlichen Gebrechen

und Gebresten. Ich konnte leider gar nichts anderes tun, als sie

an den Stationsleiter weisen. Denn der verbindet in seinem kleinen

Krankenhaus jeden Abend, wenn er seine andere mannigfache Arbeit

beendet hat, die zu ihm gekommenen Kranken, gibt ihnen Medizin und

hilft ihnen, so gut er kann. Ein Arzt täte da dringend not! Er würde

Arbeit genug finden, denn außer der Framboisie sind auch alle möglichen

andern Hautkrankheiten auf der Inselgruppe verbreitet. Ebenso sollten

die Missionen auf solchen Inseln, wo ein Arzt noch nicht ist, sich

möglichst viel der Krankenpflege widmen. --

Ende Januar hieß es für mich, mich zu entscheiden. Entweder mußte ich

bis Ende April auf den Palauinseln bleiben oder ich konnte mit dem

in den letzten Tagen des Januar von Hongkong kommenden und nach Jap

gehenden Postdampfer Germania dorthin reisen. In Jap aber war die

Natuna, der Dampfer der Phosphatgesellschaft, mit Kurs auf Singapore

für den Februar, und ferner für den März ein nach Japan laufender

Segelschoner angesagt. So entschloß ich mich, um endlich auch wieder

aus der Südsee weiterzukommen, für letzteres.

Rasch war der Tag der Abreise gekommen. Selbst hier, wo das Leben so

gleichmäßig dahinrinnt und manchmal ganz stocken will, fliegen dann

plötzlich wieder die Tage und Wochen spukhaft rasch vorbei.

Als ich bei einem wolkenbruchartigen Dauerregen an Bord fahren

mußte, stand mein Freund und Begleiter Otto gerade vor dem Hause

des Stationsleiters Posten. Der Dampfer hatte einen auf der

Durchreise befindlichen höheren Reichsbeamten gebracht, und da man

den Wachtdienstfähigkeiten der andern Polizeisoldaten scheinbar

nicht so recht traute, war Otto für einen Tag eingezogen worden

und repräsentierte mit angezogenem Gewehrkolben und umgeschnallten

Patronentaschen stolz die militärische Besatzung Korrors.

Als ich von ihm Abschied genommen und mich schon einige Schritte

entfernt hatte, rief ich, auf den Calabus deutend, ihm noch zu: „Und

heirate bald, Otto!“ ...

Er zwinkerte mir mit den Augen zu zum Zeichen, ich möge dies heikle

und vertrauliche Thema doch baldmöglichst fallen lassen, schielte

mißtrauisch zum Calabus, noch mißtrauischer zu den Fenstern des

Stationsleiters zurück und, als er alles richtig und in bester Ordnung

befunden hatte, da -- lächelte er.

Es lag unendlich viel in diesem Lächeln. Es war ein Lächeln freudiger

Befriedigung -- da schwebten ihm wohl seine Braut, seine Missetaten,

die ihn in den Calabus gebracht, oder noch viel mehr die, die

unaufgedeckt geblieben waren, vor Augen, -- es war ein Lächeln stiller

Wehmut und Resignation, wenn er der im Calabus verlebten Tage, wenn er

des Stationsleiters gedachte, -- ein Lächeln heimlichen, aber zähen

Trotzes, mit dem er die ganze europäische Kultur und Wirtschaft,

welche die Freiheit des Palaumannes und noch so vieles andere grausam

zerstört hatte, lebhaft zum Teufel wünschte.

Als ich mich -- mehr aus der Ferne -- noch einmal umblickte, legte er

gerade äußerst gelangweilt sein Gewehr auf die andere Schulter.

Unsere Augen trafen sich noch einmal, und da lächelte er wieder,

lächelte, als ob er damit über sein eigenes Leben und über Leben und

Schicksal seines ganzen Volkes hinwegblickte, sein halb freundliches,

halb still resigniertes Lächeln.

Einige Stunden später ist rings um mich her nichts als tiefblaue,

unruhvoll wogende See -- spurlos im Weltmeer versunken die stille

Inselidylle.

21. Hundert Tage auf Jap.

So bin ich denn wieder in Jap. Als ich an Land fahre, hege ich freilich

die allerbeste Hoffnung, daß ich nur wenige Wochen später schon wieder

an Bord der Natuna oder des japanischen Segelschoners gehen könne. Die

Germania aber, die mich hierher gebracht, sticht bereits am nächsten

Morgen von neuem in See, um nach den Marianen, nach Ponape und anderen

Inseln zu fahren. Dreimal im Jahre trat sie von Sydney, dreimal von

Hongkong aus die Reise durch die mikronesische Inselwelt an, deren

einzige und regelmäßige Verbindung mit Asien, Australien und Europa sie

darstellte.

Sofort nach Ankunft mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten

Quartier. Das ist auch auf Jap gar nicht so leicht, denn das „Gasthaus

zur Kokosnuß“ verschenkt wohl Bier und Whisky, bietet aber keinerlei

Unterkunftsmöglichkeit. Das Holzhäuschen, in dem ich das erstemal

gewohnt hatte, war wegen Baufälligkeit zum Abbruch bestimmt, und so

war ich sehr froh, als mir der Direktor der Telegraphenstation die

Erlaubnis erteilte, ein freies Zimmer im Wohnhaus der Beamten zu

beziehen und an den Mahlzeiten in der Messe teilzunehmen.

Jap war nämlich, wie schon erwähnt, Telegraphenstation der

deutsch-holländischen Kabellinie Menado-Schanghai, und außer dem

Direktor waren dort ständig acht bis zehn Beamte tätig -- bis auf

einen Schweizer, einen Engländer und einen Holländer lauter Deutsche.

So waren schon dadurch auf Jap viel mehr Europäer als auf den meisten

andern dieser Inseln. Neben den drei Beamten des Reiches, einem

deutschen Arzt, zwei Kapuzinerpatres und drei Händlern befanden sich

auch einige deutsche Frauen auf der Insel.

Jap hat, wie eben erwähnt, eine Kabelstation. Diese Tatsache ist wohl

schuld daran, daß Japan sich seines Mandates, das es für die früher

deutschen Inseln bis zum Äquator erhalten hat, was Jap betrifft, nicht

so ganz sorglos freuen konnte. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika

störten ihm das Vergnügen, hierzu wohl veranlaßt durch die Nähe der

ihnen gehörigen Philippinen.

Für mich gab es anfangs in Jap recht viel zu sehen. Denn während

meines ersten Aufenthaltes hatten die ständigen Wolkenbrüche, die der

Nordostpassat herbeigeführt hatte, jeden längeren Aufenthalt im Freien

unmöglich gemacht. So war das Verschiedenste nachzuholen.

Jap war schon in altspanischer Zeit Regierungsstation gewesen.

Die Spanier hatten aber durch ihre Zwangsbekehrungen die

Eingeborenenbevölkerung dermaßen erbittert, daß sie ständig ein

kriegsstarkes Bataillon auf der Insel, einen oder zwei Kreuzer im Hafen

haben mußten.

Deutschland, das sofort Gewissensfreiheit verkündet hatte, hielt die

Ordnung mit einer kleinen braunen Polizeitruppe von dreißig Mann

aufrecht, die in dem früheren spanischen Fort untergebracht war.

Manch schmückendes Beiwort verdiente das schöne Eiland: denn Jap

ist die Insel der schönen, wohlgepflegten Wege, die, auf Befehl des

Bezirksamts von Häuptlingen und Dorfschaften in gutem Stand gehalten,

sie nach allen Seiten durchqueren und umlaufen, und welch schöne Wege

zu gehen die auf Jap lebenden Europäer meist zu faul sind.

Es ist ferner die Insel der handgroßen, herrlichen Hibiskusblüte. Mit

brennend heißem, flammendem, breit und stark aufgetragenem Rot bekränzt

sie bacchantisch das Grün am Wege.

Es ist auch die Insel der Südseekrinoline, die sich die sonst ganz

unbekleidet gehenden, oft recht hübschen Insulanerinnen in Gestalt von

zwei oder drei schweren Grasröcken um die Hüften binden -- Grasröcke,

so wulstig und umfangreich, daß die armen Japerinnen durch diese recht

unbequeme Mode gezwungen sind, beim Gehen die Arme stets weit vom

Körper wegzuhalten und abzuspreizen.

Was die Herren der Schöpfung anlangt, so ist Jap ein gesegnetes

Dorado und eine Hochburg der „Männereitelkeit“. Nach Frauenart hoch

hinaufgebunden tragen die Japmänner ihr mit viel Liebe gepflegtes,

langes Haar ernst und würdevoll zur Schau. Diese Haartracht gibt den

meisten Gesichtern einen etwas weibischen und weichlichen Zug. Der

große, sorgfältig geschnitzte, fest in der dichten Perücke sitzende und

mit manchem bunten Lappen verbrämte Holzkamm ist Abzeichen und Sinnbild

des „Freien“, der auf jede seine Schönheit gefährdende Arbeit stolz und

verächtlich herabblickt. Kein Sklave darf ihn tragen!

Auf Jap gibt es nämlich noch heute in verschiedenen, ganz getrennten

Dörfern wohnende „Freie“ und „Sklaven“. Freilich ist die Form der

Sklaverei eine ziemlich milde. Dem Manne des Sklavendorfes, ebenso

seiner Frau und seinen Kindern steht aber eine größere Reihe von

Rechten der „Freien“ nicht zu, auch sind die Sklaven den Häuptlingen

der „freien“ Dörfer zu manchen Zwangsdiensten verpflichtet.

Wo die Eitelkeit zu Hause ist, entwickelt sich selbst bei Wilden

oder Halbwilden, auf Jap noch gefördert und unterstützt durch die

bestehenden Hörigkeitsverhältnisse, ein strenges „Zeremoniell“. Fest

geregelt ist zum Beispiel die Grußform und ganz genau bestimmt,

welches Dorf und welcher Mann zuerst zu grüßen hat. Es gibt auch

keine einzige Japfamilie, gibt keinen Japmann, der nicht seinen ihm

durch Tradition und Vererbung für immer zugewiesenen Klassen- und

Hofrang hätte. Selbst bei sonst ganz formlosen Wanderungen von Dorf zu

Dorf -- die Japleute gehen aus alter Buschangewohnheit auch auf den

jetzigen, breiten Wegen nie nebeneinander, sondern immer einer hinter

dem andern -- wird mit Argusaugen darauf gesehen, daß der Vornehmste

und Würdigste stolz voranmarschiert und die andern sich ihm jeweils

nach der gesellschaftlichen Stufenleiter und Rangordnung anschließen.

Dies gilt für die Männer, gilt auch den Frauen und Mädchen. Besonders

letztere bieten mit ihren hin und her schlenkernden Armen, wichtig und

ihrer Würde bewußt hintereinanderhertrottend, oft einen recht drolligen

Anblick.

Begegnet solch ein langsam und bedächtig seines Weges ziehender

Insulanerzug einem Weißen, so tritt er wortlos beiseite -- das ist

sein Gruß -- und läßt den weißen Mann vorbeigehen. Stoßen Japdamen auf

einen Europäer, so halten sie ebenfalls an und weichen ganz an den

Pfadrand zurück, machen dabei aber schämig völlig kehrt, dem hierüber

das erstemal baß erstaunten Fremdling als freundlichen Weg- und

Willkommengruß ihre Rückenpartien zeigend.

Die allergrößte Merkwürdigkeit Japs aber ist das Steingeld. Meines

Wissens hatte dieses Steingeld von Jap früher ein Gegenstück in Afrika,

in Togoland und an der Goldküste. Dort handelte es sich freilich nur um

ganz kleines, handliches Steingeld, während auf Jap Geldsteine bis zu

vier Meter Durchmesser zu finden sind. Schon mit einem kleinen Stück

von zirka sechs Spannen kann man fünfundzwanzig Sack Kopra kaufen,

und mit den Steinriesen, die sogar ihre eigenen Namen und Ehrentitel

führen, ersteht der Japmann sich die größten Felder und schönsten

Häuser, die allerbegehrtesten Frauen; für kleinere Zahlungen aber wird

„Muschelgeld“ benutzt.

Sonnenländer · 第 9 / 11 段