bedächtig ihre Betelnuß, rauchen, schwatzen, lügen und prahlen,
lassen, um den neidischen Nachbar ein wenig zu ärgern, ein besonders
wertvolles Geldstück im Kreise herumgehen, eines dieser hier
großen Wert besitzenden, unreinen Glasstückchen, oder irgendeinen
terrakottaähnlichen, wohl auch uralten Scherben. Ihr Ursprung und ihre
Herkunft sind noch nicht völlig geklärt, nur das ist jedenfalls sicher,
daß sie zu ihrer Herstellung eine höhere Stufe der Kultur und Technik
erforderten, als sie je auf diesen Inseln gewesen. Wahrscheinlich
wurden sie in grauer Vorzeit von seefahrenden Japanern oder Chinesen
auf die Inseln gebracht.
Es hat auch nicht an findigen Matrosen gefehlt, die sich ähnliche
unreine Glasstücke zu verschaffen gewußt und damit reiche Leute
zu werden hofften. Denn oft ist schon für ein einziges dieser
Glasstückchen die Kopraernte oder der Schildpattertrag eines ganzen
Jahres, sind drei oder vier Häuser zu kaufen. Aber die Eingeborenen
waren noch klüger als die schlauen Matrosen. Sie erkannten sofort
den Betrug und nun laufen diese später eingeführten Glasstücke als
sogenanntes „falsches Geld“, das recht gering bewertet ist, im Verkehr
weiter.
Aber dieses „Glasgeld“ ist nicht das einzige, was auf den Palauinseln,
was auf den andern Karolineninseln noch ungeklärt ist.
Da ist -- um eines all dieser noch der Lösung harrenden Dinge zu
erwähnen -- der Ursprung und die Herkunft der Palauinsulaner, wie der
aller Karoliner und Mikronesier noch ziemlich unerforscht. Verschiedene
Ansichten laufen da durcheinander. Früher glaubte man ihre Heimat in
Amerika suchen zu müssen. Und darüber ist ja kein Zweifel, daß ein
Mikronesier und beispielsweise ein mexikanischer Indianer eine gewisse
Ähnlichkeit miteinander haben. Beide sind mittelgroß, schlank, brauner
Hautfarbe und schwarzhaarig. Auch gewisse Charaktereigenschaften
haben sie gemeinsam, vor allem ein ziemlich entwickeltes Phlegma.
Dennoch steht es heute wohl so ziemlich fest, daß die Mikronesier ein
ursprünglich von Westen gekommener, malaiischer Stamm sind, der sich im
Laufe der Zeiten mit Polynesiern und Melanesiern stark vermischt hat.
Aber das „wie“ und das „wann“ ist noch lange nicht erforscht, wird sich
überhaupt vielleicht nie mehr nachweisen lassen.
Schon die Bewohner einzelner benachbarter Inseln -- so zum Beispiel
Jap- und Palauleute -- weisen in ihrer äußeren Erscheinung gewisse
Unterschiede auf. Ja -- selbst die Eingeborenen einer einzigen
Insel sind sich oft ganz und gar unähnlich. Da gibt es tiefbraune,
hellbraune, fast gelbe Färbungen, da gibt es hochgewachsene und
kräftige, kleine und schmächtige Menschen. Mitten dazwischen --
gar nicht so selten -- ein brauner Insulaner von ausgesprochenstem
semitischem Typus. Wie kommt dieser semitische Einschlag hierher?
Er ist auf Jap, ist auf Tobi und Sonserol, ist auf Palau zu finden.
Vielleicht durch Blutmischung auf dem Wege über südlichere Inseln, über
die Molukken, wo dieser semitische Typus zahlreicher anzutreffen ist.
Denn es ist wohl kaum anzunehmen, daß Phönizier, daß Araber selbst
einmal in grauer Vorzeit auf die mikronesischen Inseln kamen. Man
hat ja in verschiedenen Glasgeldstückchen der Palauinseln arabische
Zeichen zu entdecken vermeint. Aber wenn dem auch so ist, so kann dies
Geldstückchen doch lange von Insel zu Insel gewandert sein, bis es
einmal in Korror oder Babeltaob gelandet ist.
Auch die Religion der Eingeborenen zu erforschen, wäre nicht
uninteressant. Freilich müßte man hierzu lange hier leben, die Sprache
erlernen und sich da und dort gute, sichere und wahrheitsliebende
Freunde erwerben. Denn wenn der mit den Insulanern wenig bekannte
Europäer nach diesen Dingen fragt, wird er von den mißtrauischen
Eingeborenen recht leicht angelogen. Eine allerhöchste Gottheit wird
allgemein angenommen. Unter ihr und neben ihr alle möglichen andern
Götter und Geister -- in Jap beispielsweise ein Kriegs- und ein
Donnergott --, außerdem haben aber auch Dorf und Tal, Busch und Bäume,
Bach und See ihre eigenen Schutzgeister. Es ist das alles ganz ähnlich
wie im japanischen Shintoismus. Wer weiß, ob nicht diese religiösen
Ideen in Urzeiten von Malaien sowohl nach Japan wie auf diese
weltverlorenen Südseeinseln gebracht wurden.
Auf den Palauinseln schien mir der Geisterglaube noch mehr wie auf
Jap ausgebildet zu sein, denn in so manchem Dorf sah ich ein kleines,
nicht bewohntes Holzhäuschen stehen, und auf meine Frage, wem es gehöre
und was damit sei, vernahm ich, daß es irgendeinem Geist oder einer
Gottheit geweiht sei.
Eigentümlicherweise finden sich in der Religionslehre der oder jener
Insel entschiedene Anklänge an die christliche Legende, an die
Sintflut, an die Hölle, an die Erlösung. Wohl wahrscheinlich, daß
da und dort, wie auf den Marianen, schon in früheren Jahrhunderten
Missionare tätig gewesen sind. Es verlautet freilich nichts mehr davon
-- aber vielleicht dürfen wir doch in diesen Annäherungen an biblische
Erzählungen Nachwirkungen ihrer Bekehrungsversuche sehen.
Über die Entstehung der mikronesischen Inselwelt selbst, um auch dies
zu streifen, gibt es verschiedene Theorien.
Die einen sagen, diese Inseln seien durch vulkanische Ausbrüche
entstanden, die andern halten sie für die letzten, die höchsten Reste
eines früheren Festlandes; beides wohl möglich.
Aber gleichzeitig kommt in der Südsee doch auch die beständige
Korallenbildung sehr in Betracht, so daß manche niedere Insel ihre
Entstehung als solche hauptsächlich dieser verdankt. Auf irgendeinem
unterseeischen Berge hat sich die Koralle festgesetzt, baut in
nimmermüder Arbeit höher und höher, baut bis zum Meeresspiegel herauf.
Sturm und Brandung werfen abgestorbene Korallenstücke auf die oberste
Schicht, und langsam, ganz allmählich taucht aus der Flut eine kleine
Insel, ein Atoll. Samen aller Art treibt an, ein bißchen Erdreich
bildet sich, und eines Tages grüßt die erste grüne Palme auf das blaue
Meer hinaus.
Die Korallenriffe bedeuten selbstverständlich, solange sie über
die Wasserfläche nicht herausragen, die allergrößte Gefahr für die
Schiffahrt. Gerade in der Südsee hört man so oft von Schiffen, die
völlig spurlos verschwinden. Da ist dann entweder das Schiff einem
Taifun zum Opfer gefallen, oder es ist auf irgendein unbekanntes und
nicht sichtbares Riff aufgefahren, ist leck geworden und gesunken.
Ganz nahe bei Korror -- nur zwanzig Minuten mit dem Kanoe zu fahren
-- liegt die Insel Malakal, auf der zwei japanische Händler tätig
sind. Sie haben sich Haus und Hof, wie das die Japaner meist tun,
sehr praktisch angelegt, sehr nett und gemütlich eingerichtet.
Verschiedene Japaner und Palauleute stehen in ihren Diensten -- aber
auch ein früherer deutscher Matrose, der vor Jahren auf den Palauinseln
hängengeblieben ist. Er hat es jedoch mit nichts vorwärtsgebracht, bis
er schließlich als Fischer von den japanischen Kaufleuten angestellt
wurde.
Mit einem dieser Japaner, namens Fujikawa, trat ich in näheren Verkehr.
Es war ein recht gebildeter, junger Mann mit guten Manieren und in
fast allen Dingen äußerst geschickt. Meinen -- ich weiß gar nicht,
zum wievielten Male -- gänzlich zusammengebrochenen „Tropenapparat“
flickte er mir immer von neuem so zurecht, daß ich einige Tage damit
wieder photographieren konnte. Zum Dank hierfür schenkte ich ihm meine
Aquarellfarben und ein kleines Skizzenbuch. Schon zwei Tage später
bekam ich dieses wieder zurück, ausgefüllt mit hübschen Malereien von
der Hand meines Freundes Fujikawa.
Sonst befindet sich in der Nähe der Insel Korror kein Kaufmann und
Händler, weder ein Europäer noch ein Japaner, den man besuchen könnte.
Ringsum allergrößte Berg- und Meereseinsamkeit, eine Stille, in die
nur das Wogen und Branden der Wellen hineinklingt. Viel Schönheit
ist überall gestreut. Da sind in der kraus verschlungenen Inselwelt
langgestreckte Meeresarme, aus denen die Berge hoch und steil,
senkrecht sich emporbauen; tief, tief grün sind sie und oft ganz
glatt geebnet wie irgendein geschützter, norwegischer Fjord. Da sind
entzückende kleine Buchten, Höhlen und Grotten, blau oft wie die von
Capri oder klar kristallgrün wie ein heimischer Gebirgssee. Weiter
draußen flutet das freie Meer, mit frischem, starkem Wellenschlage sich
zwischen die Inseln hereindrängend.
Ganz herrlich ist das alles besonders bei Sonnenuntergang. Da
sind Färbungen, wie ich sie noch nie und nirgends gesehen. Da ist
manchmal ein tiefes und sattes, noch lang in die sinkende Nacht
hineinstrahlendes Blau, da sind heißrote und starkgelbe, breit
aufgetragene Tinten, und all diese Töne sind von einer ganz seltenen,
leuchtenden Reinheit.
Je öfter ich im schwanken Kanoe diese wundersame Inselwelt durchfuhr,
desto mehr gewann ich sie lieb.
Bei all diesen Fahrten hängt, wie schon einmal gestreift, meist die
Schleppleine hinaus, welche die Insulaner ganz ähnlich wie unsere
Fischer gebrauchen. Nur ist die Leine länger und stärker, die Haken
sind größer und kräftiger. Trotzdem sprengen die ganz gewaltigen
Fischriesen mit einem Ruck manchmal Leine und Haken. Als Köder
dient ein toter, frischer Fisch oder ein künstliches Fischchen,
das die Karoliner sehr geschickt aus weißen und rosa Muscheln oder
aus Schildpatt sich zurechtzuschneiden verstehen. Ist aber gerade
gar nichts anderes zur Hand, so befestigen sie rasch am Haken ein
weißliches, lang und schmal geformtes Pandanus- oder Drazänenblatt, das
durch die rasche Vorwärtsbewegung des Kanoes ganz das Aussehen eines
eilig dahinschwimmenden Fisches erhält.
Auch mit der Angelgerte habe ich Erfolge erzielt. Manchmal baute Otto
mit einigen seiner Getreuen aus Bambusstäben eine große Fischfalle,
in der die Meeresbewohner bei Ebbe zurückblieben. Aus dem dann nur
etwa einen Meter tiefen Seichtwasser holten wir, auf den Bambusstäben
sitzend, die Fische mit dem Speer heraus, und das Ergebnis war
besonders in den ersten Tagen stets sehr reichlich. Abgesehen von
verschiedenen schweren Haien befanden sich auch stets eine ganze Menge
großer, guter und eßbarer Schuppentiere in der Falle.
Hundert Arten von Fischen bevölkern die kristallklare Flut, und fast
alle sind sie von einer bei uns nicht gekannten Farbenpracht, die vom
glühendsten Purpurrot und leuchtendsten Sammetblau, vom allertiefsten
Schwarz und sattesten Braun in die lichtesten und allerduftigsten,
in zartgelbe und mattgrüne, in weichrosa, mildviolette und
perlmutterartige Töne hinüberspielt, oft nur ganz leise und leicht, wie
ein schon verblassender und ersterbender Schimmerhauch aufgetragen.
Dazu eine kühne Verwegenheit und phantastische Abenteuerlichkeit der
Form: Fische mit gekrümmten, harten Papageienschnäbeln, Fische mit
großen Katzen- oder Eulenaugen, Fische wie Igel, rings mit Stacheln
besät, mit spitzen und gefährlichen Dolchen und Schwertern bewehrt,
oder auch ganz drollige Kumpane, die sich in der Tiefe kugelrund mit
Wasser und Luft aufgeblasen haben, ans Tageslicht befördert aber wie
ein lebensmüder Kinder-Kirchweihfestballon allmählich auslaufen und
jämmerlich zusammenklappen.
Sehr schön und farbenprächtig sind vor allem verschiedene Barscharten,
sehr häßlich die Haie mit ihrem breiten Kopf und den tückischen,
winzigen Augen, der ganze böse Kumpan in ein schmutziges Gelbgrün
gekleidet.
Die Insulaner fürchten ihn übrigens weit weniger als den Seehecht mit
seinem bösen Gebiß. Auch der Hornhecht kann durch seinen nadelspitzen
Dolch gefährlich werden, besonders des Nachts beim Fischen mit der
Fackel. Da springt er -- ganz ähnlich wie der fliegende Fisch -- nach
dem über der Flut zitternden Lichte in weitem, langgestrecktem Bogen
aus dem Wasser heraus, und wenn er dabei auf einen braunen, nackten
Insulaner stößt, so dringt durch die Wucht des Anstoßes sein Dolch tief
ein. Ich habe da böse Schrammen und Narben gesehen, die ganz nach einer
Verwundung durch ein modernes Geschoß ausschauten.
20. Auf Babeltaob.
Von Stationsleiter Winkler und meinem Freunde Fujikawa hörte ich eines
Tages, daß am nächsten Morgen in aller Frühe ein Boot nach der auf der
Insel Babeltaob befindlichen japanischen Handelsniederlassung abgehen
sollte.
Ich beschloß mitzufahren, und am andern Morgen saß ich mit Otto
im Boote der Japaner. Auf vier bis fünf Stunden war die Fahrt
veranschlagt; wir hatten aber scharfen Gegenwind, mußten beständig
kreuzen und kamen erst nach zwölfstündiger Reise, schon in dunkler
Nacht, an unserm Ziele an. Otto briet noch rasch einen während der
Fahrt gefangenen Seehecht. Dann übernachteten wir auf dem Fußboden in
der höchst einfach eingerichteten, japanischen Handelsstation.
Am andern Morgen fuhren wir nordwärts weiter, landeten bei einem
früheren, nun nicht mehr bewohnten spanischen Missionshaus und traten
von dort aus den Weg nach dem auf der Höhe gelegenen, mir als Wohnort
empfohlenen Walddorf Melegejok an.
Hohe und uralte Brotfrucht- und Kalophyllonbäume werfen ihre tiefen,
schweren Schatten. Üppigste Drazänen wuchern ringsumher. Ab und
zu lacht eine reifende Ananas wie eine Riesenerdbeere aus dunklem
Grün heraus. Steil steigt der Pfad hinan. Der glatte, ausgetretene
Fels trieft von Feuchtigkeit. Vorsichtig klimmen wir aufwärts. Ein
ungeschickter Tritt und unglücklicher Fall ist tunlichst zu vermeiden,
ein Bruch des Fußes wäre hier wenig angenehm. Es bliebe gar nichts
anderes übrig, als sich durch irgendeinen heilkundigen Häuptling
behandeln zu lassen.
Wir begegnen einigen jungen Mädchen. Sie tragen aus gelbgefärbten
Gräsern gefertigte, an den Hüften seitlich geteilte Lendenschürzen.
Kaum haben sie mich richtig erblickt, als sie auch schon so
rasch als sie nur können mit ganz entsetzten hohen Sprüngen, wie
ein aufgescheuchtes Rudel flüchtiger Waldtiere, eiligst in den
allerdicksten Busch hineinjagen. Alte Seeräubergeschichten mögen hier
noch spuken und lebendig sein, und den „weißen Mann“ fürchten die
Mädchen hierzulande gar sehr, fürchten ihn, besonders wenn es Nacht
und dunkel wird, und das darum, weil er gar so blaß und bleich, so
weiß und so sehr zum Erschrecken aussieht, ganz wie eine leibhaftige
Geistererscheinung, ein unheimliches, schlimmes Gespenst.
Endlich sind wir auf der Höhe. Otto, der Tüchtige, führt mich
zum Häuptling. Der bewirtet mich mit Bananen und mit Tee, dessen
Zubereitung ihn der japanische Händler gelehrt hat. Unterdessen
bringt Otto mit wohlgesetzten Worten die Empfehlung von seiten des
Stationsleiters und unser Gesuch um ein passendes Wohnhaus vor.
Otto hat mich dem Häuptling von Melegejok recht wenig der Wahrheit
entsprechend als „Rubak“ vorgestellt, welches Wort ungefähr mit „hoher
Herr“ oder volkstümlicher mit „großes Tier“ übersetzt werden dürfte.
Nachdem wir uns etwas ausgeruht, erhebt sich der Häuptling, um uns
unser Wohnhaus anzuweisen.
Von seinen Töchtern begleitet, führt er uns durch das hübsche Dorf,
dessen weit auseinanderliegende Häuser in den dichten Buschwald
hineingebaut sind. Hohe Betel- und Kokospalmen beschatten die Häuser.
Mitten in der Ansiedlung befinden sich drei nebeneinanderliegende
Versammlungshäuser. In einer kleinen Drazänengruppe ein paar Steine,
die frühere Richtstätte. Auf dem runden, höchsten Steine wurde, wie mir
Otto erklärt, der gefangene Feind getötet.
Der Häuptling führt mich ins schönste und am besten gehaltene Haus.
Es ist groß wie eine Reitschule; auf einen Pfosten tretend, klettere
ich durch die Eingangsluke hinein. In einer Ecke wird meine Reisedecke
auf den Boden gelegt, das Moskitonetz darüber gespannt; das Nachtlager
wäre fertig. Kein Tisch, kein Stuhl, auch sonst nicht die geringste
Spur irgendwelcher europäischen Bequemlichkeit und Einrichtung. Kein
Fenster, nicht Schloß oder Riegel. Was tut’s? Auf der Decke, die über
die verstaubten und vermodernden Bretter gebreitet ist, liege ich
schon am ersten Abend ganz gut, liege halb im Freien, lustig und laut
pfeift der Passatwind durch das ganze Haus. Aber ich werde einige Male
im Schlafe geweckt. Oben im Dachstuhl, im dichten Palmstroh jagen und
tanzen die Ratten herum und vergnügen sich an tollen, wilden Spielen.
Wenn ich dann halb schlaftrunken herumblicke, sehe ich auch nicht
allzuviel. Denn die alte Schiffslaterne, die mir der Häuptling geborgt,
-- woher mag sie wohl stammen? -- will nicht recht brennen, flackert
nur ganz ärmlich und trübe und vermag nur ein paar Quadratmeter des
großen Hauses spärlich zu erhellen. -- Da ich aber mit niemandem
reden kann, schlafe ich doch bald wieder ein. Otto hat mich bereits
bei Einbruch der Dämmerung verlassen. Er ist von einer befreundeten
Familie, wie er mir mitgeteilt hat, als Gast aufgenommen worden.
Schon die zweite und nächste Nacht höre ich die laut lärmenden Ratten
nicht mehr, erwache nur ein allereinziges Mal, als eine der lustigen
Dachtänzerinnen bei einem Saltomortale verunglückt und dicht neben
meiner Lagerstätte zu Boden fällt, um sofort schnellstens wieder
davonzurasen.
Am Tage habe ich die allerbeste Gesellschaft, kein Tor, keine Türe
versperrt ja den Eingang. Jedermann, der Lust hat, kann kommen. Da
rückt der Häuptling mit einigen seiner Getreuen an, sie hocken sich
auf dem Boden im Kreise herum, da kommen seine Töchter, da kommen
noch andere Mädchen des Dorfes, ihre kleinen Geschwister auf dem Arme
herbeischleppend, da kommen auch einige Frauen. Eifrigst knuspern sie
an meinen Schokolade- und Zwiebackvorräten herum, höchlichst bestaunen
sie meine Tauschgegenstände. Geld kann man auf dieser herrlichen Insel
überhaupt nicht loswerden. Ein ganzes Warenhaus habe ich bei mir:
prächtiges, rotes Lendentuch, gewaltige Küchenmesser, Angelhaken und
Schnüre, Tabak und ähnliche Kostbarkeiten. Mit diesen Dingen bestreite
ich meinen Lebensbedarf, für einige Stangen Tabak bekomme ich eine
Wildtaube oder ein Huhn, Ananas und Bananen holt mir Otto aus dem
Busch, die Fische fangen wir gemeinsam, die Lendentücher sind für die
Leute, die mit mir auf dem Kanoe fahren, ein Küchenmesser erhält der
Häuptling für die Überlassung des Versammlungshauses.
Den Koch macht Otto, und ich muß es zu seiner Ehre sagen, er hat
dies Geschäft stets vorzüglich besorgt. -- Nur am Abend läßt er mich
auch weiterhin immer allein sitzen -- bald muß er zu einer bekannten
Familie, bald zu irgendeinem Freunde in ein weit entferntes Dorf --,
erst am Morgen kommt er um 6 oder 7 Uhr zum Wecken. Und ich gebe
ihm immer Urlaub, ich will ihm seine wiedergewonnene Freiheit nicht
vergällen. Aber es ist manchmal etwas eintönig für mich, denn früh wird
es in den Tropen dunkel, und in Melegejok ist das Gezweig der Palmen
ringsum so dicht, daß der Abend noch rascher zu kommen scheint.
Auch sonst scheint mir Otto ein wenig anders geworden. Seine ganze
Unternehmungslust ist wie gelähmt. Selbst seine geliebte Fischerei
lockt ihn nicht mehr. Weitere und mehr als eintägige Unternehmungen
sind ihm ein ganzer Greuel, und vor allem sträubt er sich mit Hand und
Fuß, aus allen Leibeskräften gegen ein von mir beabsichtigtes Verlassen
von Melegejok, gegen die Übersiedlung in ein anderes Dorf. „O nicht gut
das. Anderes Dorf hat nur ganz schlechtes Haus, wo noch mehr Ratten,
dazu Kakerlaken und Tausendfüßler; auch Alligatoren sind sehr viele!“
meinte er wichtig warnend und sehr treuherzig. Die bösen bissigen
Tausendfüßler, mit denen ich schon einige Male Bekanntschaft gemacht
habe, auch die Tatsache, daß ich mich im großen und ganzen im hübschen,
hochgelegenen Melegejok sehr wohl fühle, lassen mich schließlich
bleiben wo ich bin.
So machen wir denn von Melegejok aus unsere verschiedenen Ausflüge,
oft geht es nur für einen Nachmittag auf die See hinaus, dann fahren
wir wieder mit Sonnenaufgang ab, um erst in tiefer, dunkler Nacht
zurückzukehren. Auch landeinwärts ziehen wir ab und zu, über die
kahlen, roten Hochplateaus oder mitten hinein in den wildverwachsenen
Busch, der uns oft über dem Kopfe zusammenschlägt. Nach langer
Wanderung kommen wir wieder in ein stilles, im Tropenwald versunkenes
Dorf, weitgedehnte Tarofelder ringsumher, vor den Hütten girren
verschlafen die an Baumstämmchen angefesselten, blaugrünen Locktauben,
welche die Wildtauben in Tod und Verderben ziehen sollen. Oder wir
halten Rast an einem von dichtem Schilf eingesäumten Binnensee -- im
unteren Ende seines Ausflusses seien Alligatoren, erzählte Otto. Ich
hielt, da auf all diesen Inseln sonst nur eine sehr große Eidechse
zu finden, diese Mitteilung anfänglich für einen Bären, den Otto mir
aufbinden wollte. Hatte er mir doch selbst mit behaglichem Grinsen
vorgetragen, wie er schon mehrere wissensdurstige Europäer, die kein
Ende des Fragens finden konnten, ganz greulich angelogen hatte. Aber
diesmal hatte er wahr gesprochen, denn wenige Tage später überzeugte
mich eine riesige Alligatorenhaut, die mir in der japanischen
Handelsstation gezeigt wurde, von dem wirklichen Vorhandensein dieser
Tiere.
Später, bei meiner Rückkehr nach Korror, bestätigte mir auch
Stationsleiter Winkler die Richtigkeit dieser Tatsache und erzählte mir
dabei, daß er einmal leicht durch diese Alligatoren sogar ums Leben
hätte kommen können. Er war als erster deutscher Beamter gerade auf
den Inseln eingetroffen und gelangte nach einer langen Wanderung spät
abends an den Alligatorenfluß. Freudig benutzte er die Gelegenheit,
ein Bad darin zu nehmen und schwamm vergnügt hin und her, wunderte
sich nur, daß keiner seiner Leute, die sonst so gern ins Wasser gingen,
ihm Gesellschaft leistete. Nach beendetem Bade fragte er sie, ob sie
plötzlich wasserscheu geworden? „Nein, nein -- wir fürchten nur die
Alligatoren“, meinten sie ganz gemütlich. Im nächsten Augenblick ging
dann freilich ein ganz fürchterliches Donnerwetter auf ihre Köpfe
nieder. Und es muß wirklich ein Wunder genannt werden, daß keines der
gefräßigen Tiere, die gerade bei Einbruch der Dunkelheit meist auf Raub
ausgehen, den nichts ahnenden, armen Stationsleiter gepackt und in die
Tiefe gerissen hat.
Ein anderer Ausflug führte mich in das Dorf Nabuket. Eine lange Fahrt,
die vom frühen Morgen bis in den Nachmittag währt. Heiß brütet die
Sonne auf das Meer hernieder. Das lange, untätige und unbequeme Sitzen
auf dem Ausleger macht müde und schläfrig. Ein einziger, kleiner
Zwischenfall während der Reise. Otto hat blitzschnell einen flüchtigen,
ansehnlichen Hai gespeert, hat aber nicht ganz gut getroffen, und der
schwere Fisch steuert nun mit dem Speer im Rücken auf die Brandung
zu, um sich durch sie ins freie Meer hinauszuretten. Ein Sprung --
ein Plumps -- Otto schwimmt dem gespeerten Hai nach -- ein weiterer
Sprung -- mein anderer Insulaner ist auch schon in der See auf der Jagd
nach dem Haifisch. Die Bedienung des Kanoes liegt in meiner Hand und
ich halte es, so gut ich kann, von der Brandung entfernt. Die beiden
braunen Meisterschwimmer haben inzwischen den verhaßten Seeräuber noch
rechtzeitig eingeholt, zerren ihn am Speer in die Höhe, einer hat ihn
bei den Kiemen, der andere am Schweife gefaßt, und so bringen sie
ihn, sich raufend mit ihm, bis ans Kanoe heran. Nun haben sie ihn,
wälzen ihn herauf, ein Strick macht ihn fest, ein sausender Axthieb
zerschmettert ihm den Kopf.
[Illustration: Hochseekanoe. (S. 113)]
[Illustration: Palaumänner. (S. 117)]
[Illustration: Inneres des Versammlungshauses, in dem ich in Melegejok
wohnte. (S. 124)]
[Illustration: Geisterhaus auf Korror. (S. 118)]
Ruhig und phlegmatisch, als ob sich dies alles ganz von selbst
verstände, machen sich die zwei Palauleute wieder an die Ruder- und
Segelarbeit.
Dorf Nabuket liegt in einem wahren Segen von allerüppigster
Tropenfruchtbarkeit. Golden flutet das Sonnenlicht über fleißig
bebautes Land. In der Hauptsache ist es wieder die Taro, die hier
gepflanzt wird. Alles andere, Kokospalmen, Bananen und Ananas, bedarf
ja soviel wie keiner Pflege.
Ich bringe dem König des Dorfes einige meiner Tauschgegenstände als
Geschenk mit, er gibt mir eine Schildpattschale als Andenken. Diese
Schildpattschalen werden, oft recht hübsch geformt und unpoliert von
den Palauleuten als täglicher Gebrauchsgegenstand benutzt. Läßt man sie
nach der Heimkehr polieren, so geben sie schöne Schmuckschalen ab.