Hellbraun glänzen aus dem dunklen, immer nach Frauenart hoch

aufgebundenen Haupthaar die mächtigen, schlank geschnitzten Holzkämme

heraus, meist mit irgendeinem Festabzeichen, und sei es auch nur einem

beliebigen bunten Lappen, verziert und verbrämt. Aber auch andere

kompliziertere Kopfbedeckungen sind zu sehen, oft meterlange, leicht

und luftig geformte Gestelle in Schiffsform, ganz mit weißem, zartem

Federflaum duftig überhaucht, überall Farbe und stets wechselnde, oft

bizarre und phantastische, aber immer geschmackvolle und ansprechende

Formen, Verzierungen und Ornamente.

Leider wird der zweite Teil des Festes wieder durch wolkenbruchartig

herniederstürzenden Regen gestört. Wir flüchten unter das nächste

erreichbare Dach, und die Japleute suchen Schutz unter den dichten

Bäumen. Aber trotz des beharrlich weiter niederströmenden Regens

lassen sie sich nicht von der Station vertreiben. Denn auch sie haben

heute ihr Weihnachten. Es ist einer der wenigen Tage im Jahr, wo sie

Bier bekommen. Sonst ist hierzu ein besonderer Erlaubnisschein des

Bezirksamts notwendig. Sie machen von dieser ihnen heute zustehenden

Vergünstigung gewissenhaft Gebrauch. Ich war daher sehr verwundert,

daß ich beim späten Nachhauseweg durch die dichtgelagerten Scharen

der Japleute auch nicht einem einzigen Betrunkenen begegnete. Wie ich

später erfuhr, hat das seinen Grund nicht in der Wohlerzogenheit,

Nüchternheit oder Trinkfestigkeit der Festteilnehmer, sondern in der

Tatsache, daß die emsige Polizeitruppe jeden allzu angeheiterten oder

radaulustigen Insulaner rasch und unerbittlich aus dem Weichbilde der

Station in den Busch hinaus abschiebt.

Lange stand ich, als dieser erste Weihnachtsfeiertag schlafen ging,

am weit aufgestoßenen Fenster meines ganz einsam im Grünen gelegenen,

winddurchbrausten, luftigen Holzhauses.

Wie schön das alles ist! ... Der scharfe Nordostpassat hat die

Regenwolken wieder weggeweht. Hinter den letzten, eilig nach

Südwesten dahinhetzenden Dunstnebeln ist still und friedlich der Mond

herausgetreten.

Hellsilbern erglänzt nun alles: der Himmel und das Meer, das zu meinen

Füßen unruhvoll brandet. Selbst in das dichte Geranke des wilden grünen

Busches, der bis in meine Fenster hineinwuchern will, gelingt es ab und

zu einem hellen Silberstrahl, leuchtend einzudringen.

Und brandendes Meer und brausender Wind, rauschender Busch und raunende

Zikade singen ein in herrlichen Akkorden zusammentönendes Lied von

Pracht und Herrlichkeit der Tropen.

Eine einzige Schönheit ist ringsum gebreitet. Die Sonne, die Sterne

sind heller als bei uns zu Hause. Reicher und glänzender, wärmer und

prächtiger ist alles. Kein Tag, an dem man die Sonne nicht sieht, keine

Nacht, in der man friert oder fröstelt. Früchte und Blumen das ganze

Jahr. Meer und Erde werfen den Menschen ihre Gaben in den Schoß. Da

ist auch keiner, der Sorge zu haben brauchte für den morgigen Tag! Und

doch trotz aller Pracht und allen Segens, trotz allen Lichtes und aller

Wärme -- ein Weihnachten gibt es hier nicht.

18. Nach den Palauinseln.

Sofort nach den Feiertagen macht sich der „Condor“ schon wieder auf

den Weg und steuert nun den Palauinseln zu, die politisch noch zu

den Karolinen gezählt wurden und mit diesen seinerzeit von Spanien

übernommen worden waren.

Wirtschaftlich hatte diese Inselgruppe nicht allzuviel zu bedeuten.

Auf der oder jener Insel, weit verstreut, da und dort, lebte ein

deutscher, englischer oder japanischer Händler. Die Ausfuhrprodukte

waren Kopra und „Trepang“ = „die getrocknete Seewalze“. Letztere wird

von den Chinesen als Delikatesse sehr begehrt und teuer bezahlt. Wer

freilich diese schwarze, schleimige Holothuria lebend gesehen, wird

wenig Appetit darauf haben. Außerdem wurden Schildpatt und einzelne

Alligatorenhäute exportiert. Später gesellte sich dazu Phosphat.

Sehr viel aber bieten diese bei uns zu Hause so gut wie nicht bekannten

Inseln dem Touristen und Naturfreund.

Schon der erste Anblick aus der Ferne ist packend. Tiefblau rollt die

See gegen eine langgestreckte, zerrissene Küste an. Es ist Babeltaob,

das größte Palaueiland. Schroffe Zinnen und Zacken ragen empor, manche

nadelscharf zugespitzt, dazwischen wieder abgerundete und bewaldete

Kuppen mit weichen, sanften Linien, bald steil ins Meer abstürzender

Fels, bald flach verlaufender Palmenstrand.

Kaum kommen wir etwas näher, sehe ich bereits, daß sich hier eine ganze

Welt von Inseln aufschließt, von Inseln, Inselchen und allerwinzigsten

Miniaturinselchen, manche sich ausnehmend wie ein schöner Blumenstrauß

oder ein putziger Waldschwamm. Grün die runde bewaldete Kuppe, und

der sie tragende, graue Felsenstiel tief von ewig nagender Salzwoge

eingefressen.

Auf den größeren Inseln ist allerüppigste Tropenflora über den

flachen Uferstrand, über das steil aufsteigende Hügel- und Bergland

ausgestreut: Palmen jeder Art, Brotfrucht- und Kalophyllonbäume,

undurchdringliche Mangrovenwälder, Taro- und Lackfelder, Orangen- und

Mandarinenhaine, Bananenstauden und Ananaspflanzen und wie all die

andere reiche, verschiedenartige Vegetation noch heißen mag.

Bei der Insel Malakal wirft der „Condor“ Anker. Der deutsche

Stationsleiter Winkler kommt an Bord, und eine Stunde später fahren wir

mit ihm nach der Insel Korror, auf der er seinen Amtssitz hat. Ganz

schmal ist die Durchfahrt, die der Fels freiläßt, nur für Ruderboote

und Kanoes passierbar. -- -- --

Auf den Palauinseln war dem „Condor“ die Aufgabe zuteil geworden, zur

Warnung ein wenig die „Kriegsflagge“ zu zeigen.

Denn die guten Insulaner, hauptsächlich die Bewohner von Babeltaob,

waren im Laufe des Jahres plötzlich und wohl aus lauter Langeweile

-- Zeitvertreib durch irgendwelche Arbeit kennen sie nicht --, noch

dazu aufgehetzt von den „Kalits“, herrschaftslüsternen Zauberern,

auf den Gedanken verfallen, die Weißen aus ihrem schönen Inselreich

hinauszuwerfen und gründlich mit ihnen aufzuräumen. Allzu schwierig

mochte das nicht erscheinen. Auf eben der größten Insel Babeltaob war

überhaupt kein Weißer, in Korror war der einzige wehrhafte Europäer der

Stationsleiter, und die paar andern deutschen und englischen Händler

lebten als Einsiedler auf weit auseinanderliegenden Inseln.

So wurde denn in Babeltaob der wohlverborgen gehaltene treffsichere

Kampfspeer wieder ausgegraben, Gesicht und Körper mit grimmiger, roter

Blutfarbe beschmiert und unter Leitung der Kalits mit wildem Geheul ein

stürmischer und begeisterter Kriegstanz abgehalten, all das mitten in

tiefer, stockdunkler Nacht.

Aber der deutsche Stationsleiter Winkler hatte gerade noch rechtzeitig

Wind von der Sache bekommen, setzte noch mitten in der Nacht mit seiner

sechzehnköpfigen braunen Polizeitruppe nach Babeltaob über, fuhr

störend in die Kriegstänze und allgemeine Kampfesfreude hinein, nahm

die Kalits gefangen, riß ihr „heiliges Haus“ ein und ließ die Zauberer

mit nächster Schiffsgelegenheit nach den Karolinen und Marianen

deportieren, wo sie ihre weltlichen Herrschaftsgelüste mit mehrjähriger

Zwangsarbeit abzubüßen hatten.

Durch das rasche und entschlossene Vorgehen des Stationsleiters war

der Aufstand im Keim unterdrückt worden. Wäre er wirklich zum Ausbruch

gekommen, so hätte die kleine Polizeitruppe gegen die große Übermacht

nichts ausrichten können. --

Der „Condor“ sollte nun den in Korror zusammenberufenen Häuptlingen und

den von allen Seiten zusammengeströmten Insulanern vor Augen führen,

wie sich die Sache, wenn sie einmal wirklich mit allen Weißen reinen

Tisch machen sollten, nachträglich gestalten würde.

In fünf Booten kam ein Landungsdetachement angerückt und ging in

durch Spitze und Seitenpatrouillen gesicherter Marschkolonne über das

Hochplateau gegen den an dem Waldrand des Dorfes Korror gut gedeckt

liegenden Feind vor, warf ihn zurück, nahm Korror im Sturm, und

zwischen den Bananenstauden, unter den Orangen- und Brotfruchtbäumen

eilten unsere blauen Jungens, auf dem Kopf den schützenden Tropenhelm,

dem im Busche eilig verschwindenden Gegner nach. Gerade vor den

prächtigen Königs- und Versammlungshäusern Korrors fuhren Geschütze und

Maschinengewehre auf und donnerten dem fliehenden Feinde einen letzten,

lauten Abschiedsgruß zu.

Aber dann wird Friede. Unter den hohen, schattigen Bäumen, vor dem

Hause des uralten Häuptlings von Korror, spielt die Musikkapelle des

„Condor“ und hat bald einen dichten Zuhörerkreis um sich versammelt.

Selbst die vor dem schweren Geschützdonner und dem heftigen

Gewehrgeknatter anfänglich eilig in den Busch geflohenen Mädchen und

Frauen stellen sich, noch etwas verschüchtert, allmählich ein.

Die von der schwülen Tropenluft und dem heißen Sturmangriff durstig

gewordene Mannschaft schüttelt sich Orangen und Mandarinen herab, läßt

sich durch Kanakenjungen Kokosnüsse öffnen und fahndet, soweit das die

Kürze der Rast zuläßt, unter der Hand eifrig nach selbstverständlich

bezahlter „Kriegsbeute“, nach Kuriositäten irgendwelcher Art.

Am Tage nach dieser Landungsübung wurden sämtliche Häuptlinge auf

den „Condor“ eingeladen. In ihren Kanoes kamen sie angefahren und

wurden mit Tee und Gebäck bewirtet. Alsdann führten die Offiziere

sie durch das ganze Schiff und zeigten ihnen -- der eigentliche

Zweck der Einladung -- zur Warnung alle Waffen, die Gewehre und vor

allem die Geschütze, deren Bedienung, Wirkung, Treffsicherheit und

Durchschlagskraft erklärend.

In Erwiderung dieser Einladung wurden zu Ehren des deutschen

Kriegsschiffes am nächsten Tag von den waffenfähigen, lanzenbewaffneten

Männern der Insel Korror einige wilde Kriegstänze zum besten gegeben.

So verbrachte ich auf den Palauinseln noch einige schöne Tage mit den

Herren des „Condor“. Wir besichtigten die Missionsschule auf Korror,

fuhren hinüber zu dem auf Insel Babeltaob gelegenen, idyllischen

Dörflein Airei und machten noch den und jenen kleinen Ausflug. Am

letzten Dezember gab es gemeinsame Neujahrsfeier an Bord des „Condor“,

auf festlich geschmücktem Achterdeck. Hell klingen die Gläser zusammen,

froh finden die Augen sich, und durch die Stille der sternklaren

Tropennacht fliegt über unendliche See aus allen Herzen auch ein Gruß

in die Heimat.

Zwei Tage später hieß es Abschied nehmen. Die Herren des „Condor“

hatten noch die Liebenswürdigkeit gehabt, mich für den Aufenthalt auf

den Palauinseln mit einigem auszustatten, vor allem für einige Kisten

Zigarren war ich von Herzen dankbar. Nirgends hatte ich mich damit

versehen können. Denn was man in Japan davon erhalten kann, ist kaum

rauchbar, außerdem bei dem darauf liegenden, ganz ungeheuren Zoll von

300 Prozent auch kaum bezahlbar. Auf den Marianen und Karolinen aber

hatte ich vor geleerten Lagern gestanden.

Mit Kisten und Paketen beladen, stehe ich dankend am Ufer.

Händeschütteln nach allen Seiten. Auf Wiedersehen! Auf frohes

Wiedersehen irgendwo und irgendwann zu Hause!

Bald zieht der „Condor“, der nimmermüde Wandervogel, dem nirgends lange

zu bleiben vergönnt ist, weit, weit in der Ferne langsam und bedächtig

seine Bahn. Nun ist er nur mehr ein einziger, weißer Punkt in endloser,

azurblauer Fläche. Und jetzt -- jetzt ist gar nichts mehr als ganz

verlassene, hin- und herwogende See.

Schon manches Schiff sah ich scheiden auf meiner Reise, von vielen

Menschen bin ich nicht leichten Herzens fortgegangen, aber noch kein

Abschied ist mir so schwer gefallen wie der vom „Condor“ und seinen

mir liebgewordenen Menschen. Nun, wo dieses durchs Weltmeer treibende

Stück deutscher Scholle für immer mir entschwunden ist, hab ich

Heimweh, richtiges Heimweh danach. -- -- --

19. Auf Korror.

Ich bleibe auf Korror. -- Der Stationsleiter Winkler besaß neben

seinem Wohnhaus eine einzimmrige Blockhütte, in der er seine höchst

seltenen Postgeschäfte erledigte. Diese Hütte stellte er mir in

liebenswürdigster Weise zur Verfügung. Ich breitete darin eine

japanische Decke aus, die mir da und dort in der Südsee als Bett- und

Nachtlager gedient hat.

Zur Bedienung aber wurde mir ein Eingeborener beigeordnet. „Aumong“

hieß der junge Palaumann eigentlich.

Aber die Deutschen hatten diesen für deutsches Ohr und deutsche Zunge

unbequemen Namen, während Aumong Polizeisoldat auf den Westkarolinen

war, kurzerhand in „Otto“ umgewandelt.

Otto war einer der wenigen „getauften“ Palauleute. Lange Zeit wußte

ich es selbst nicht und erfuhr es nur dadurch, daß er eines Sonntags

seinen sonst nur mit einem schmalen Lendentuch bekleideten Körper mit

einem weißgrauen, sehr nach alsbaldiger Reinigung rufenden Fest- und

Feiertagshemd bedeckte und so stolz und würdig in die Missionskirche

von Korror wanderte.

Trotzdem war aber Ottos Lebenswandel sonst leider nicht alleweg

christlich, heilig und einwandfrei zu nennen. Zu der Zeit meiner

Ankunft auf den Palauinseln saß er sogar im „Calabus“, im Gefängnis,

-- saß darin, weil er durch allzu starke Courmacherei den Hausfrieden

gleich zweier Palaufamilien etwas gestört hatte.

Otto hatte nicht gerade ein sehr großes diplomatisches Geschick damit

bekundet, daß er mit den Versicherungen seiner Liebe und unwandelbaren

Treue gleich zwei dicht nebeneinander wohnende Schwägerinnen beglückt

hatte. In den guten alten Zeiten der Palauinseln wäre Otto eines

Tages wohl irgendwo im Busch als stummer Mann aufgefunden worden.

Aber da unter deutscher Herrschaft auf diese löbliche Landessitte die

Todesstrafe steht, wurde er von den beiden erbosten Ehemännern auf

andere Weise für längere Zeit unschädlich gemacht. Sie rückten mit

ihren Klagen beim Stationsleiter an, der den bereits öfter verwarnten

guten Otto teils zur Strafe, teils zur Sicherheit für seine immerhin

nicht ganz ungefährdete Person in den Calabus steckte.

Dieser Calabus ist im Grunde genommen gar nichts so Schreckliches.

Hinter Schloß und Riegel sitzen die Gefangenen nur bei Nacht. Und auch

da schwätzen und plaudern sie oft recht laut und vergnüglich. Tagsüber

aber werden sie im Freien mit gemeinnützigen Arbeiten, Weg- und

Dammbauten, Rodungen, Anpflanzungen und ähnlichen Arbeiten beschäftigt.

Bei den Palauleuten ist aber dennoch der Calabus ein recht gefürchtetes

Ding. Freiheitsberaubung und Arbeitszwang sind böse Strafen für einen

Südseeinsulaner. Dazu kommt die Angst vor Spott und Hohn der lieben

Mitmenschen. Das scheut schon der einfache Palaumann. Und nun gar,

wenn einer aus einer Häuptlings- und Fürstengens stammt, wie Otto, der

Urenkel des derzeitigen Häuptlings von Korror. So trug er eine recht

düstere und finster vergrämte Miene zur Schau, als er die ersten Male

an mir vorüberschlich.

Aber der Tag seiner Erlösung war nahe. Ich benötigte einen Insulaner,

der sich zum Führer, Begleiter und Diener eignete. Otto wurde als

der einzige, leidlich deutsch redende Palaumann hierfür in Aussicht

genommen und ihm der Rest seiner Strafzeit in Gnaden erlassen.

Den durch seine Entlassung aus dem Calabus frei gewordenen Platz aber

nahm nun sein Großvater, Arekoko genannt, ein. Dieser Arekoko war trotz

seines Alters noch eine jugendlich schlanke, elastische Erscheinung.

Sohn des Königs von Korror und künftiger König, gab er sich sehr gnädig

und gelassen und wirkte auch tatsächlich in seiner aufrecht-geraden

Haltung, mit den ruhigen Bewegungen, höchst vornehm. Ein langer,

weißer, würdiger Vollbart wallte ihm bis auf die Brust. Arekoko

hatte sich in früheren Jahren viel auf Segelschiffen herumgetrieben,

kannte das Meer und die Palauinseln wie kein zweiter und war der

einzig brauchbare Lotse auf der Inselgruppe. Da der „Condor“ bei

seiner Abfahrt auch noch eine Erkundungs- und Vermessungsfahrt zu

machen hatte, war Arekoko um 6 Uhr morgens auf den „Condor“ bestellt

worden. Das war ihm aber viel zu früh und er rückte erst um 8 Uhr

mit einer nichtigen Entschuldigung an. Am Nachmittag nach erfolgter

Vermessungsfahrt hätte er sein Kanoe an eine ihm näher bezeichnete

Stelle der Insel Babeltaob hinbestellen sollen, damit es ihn wieder

an Land bringen sollte. Auch das hatte er vergessen zu tun, so daß

der „Condor“ wieder warten mußte, bis ein zufällig vorbeikommendes

und herangerufenes Kanoe den guten Arekoko endlich aufnehmen konnte.

In einem Briefe des Kommandanten an den Stationsleiter, den Arekoko

selbst zurückbrachte und abgab, standen seine Missetaten verzeichnet

und zur Strafe dafür -- er hatte auch noch verschiedenes andere auf dem

Kerbholz -- wanderte er an Ottos Stelle ins Gefängnis.

Trotz aller Verehrung für seinen Großvater schien Otto über diese

plötzliche und unerwartete Schicksalswendung in hohem Grade befriedigt.

Lustig lachten seine dunklen Augen. Er war ein für einen Palaumann

auffallend hochgewachsener Mensch von vielleicht dreiundzwanzig

Jahren mit hübschen, ebenmäßigen Zügen und ohne die breite Nase des

Durchschnittsmikronesiers, breitbrüstig, starksehnig und gelenkig;

trotz aller Gefängniskost und in den letzten Wochen hinabgewürgten

Ärgers immer noch gut genährt. Der ganze Körper in ein einziges, tiefes

Dunkelbraun getaucht; das glänzend schwarze Kopfhaar und der ebenfalls

schwarze, eben beginnende Schnurrbart lebhaft mit dem lustigen,

scharlachroten Lendentuch kontrastierend.

Im Anfang, wo noch die Freude über die unerwartet rasche und glückliche

Befreiung aus dem Calabus nachwirkte, war Otto auch in allen Dingen

äußerst brauchbar und anstellig.

Besonders draußen auf See, bei starkem Wind oder unvermutet

aufkommendem schlimmen Wetter, an gefährlichen Stellen und in

reißenden Strömungen hätte ich mir keinen besseren, geschickteren

und zuverlässigeren Begleiter wünschen können. Aber, wie jeder

Mensch schließlich, hatte auch Otto seine schlechten Tage, Tage, wo

er zu gar nichts Lust hatte und am liebsten auf seiner braunen Haut

liegengeblieben wäre. Da hatte er denn auch sofort gleich ein ganzes

Dutzend oft gar nicht ungeschickter Ausreden zur Hand: ein Loch im

Kanoe, das Segel defekt, Regen oder Sturm, schlecht Wetter im Anzug.

Wenn ich dann trotzdem meinen Willen durchsetzte, so stieg er den

ganzen Tag mit einer wahren Leichenbittermiene herum. In solchen Zeiten

ließ ich ihn am besten ganz gehen, fragte ihn nicht und unternahm auch

nichts, wobei ich mich allzusehr in seine Hand gegeben hätte. Denn auf

irgendeinen kleinen Possen oder Schabernack, bei dem er sicher war,

nicht erwischt zu werden und aufzufliegen, wär’s ihm vielleicht nicht

angekommen.

[Illustration: Europäerhäuser auf Jap. (S. 95)]

[Illustration: Mannschaften des „Condor“ nach der Übung auf Korror. (S.

107)]

[Illustration: Häuptling von Melegejok. (S. 124)]

[Illustration: Der König von Nabuket. (S. 129)]

Am allerliebsten war ich mit Otto, wie schon erwähnt, auf dem Wasser

beisammen. Das machte ihm Freude, hier war er zu Hause. Oft waren wir

nur zu zweit auf dem Kanoe, oft hatten wir als dritten Mann noch einen

Strafgefangenen mit, einen gleich dreifachen Mörder, der aber eine

feste Hand und ein sicheres Auge hatte und über eine wahrhaft stoische

Ruhe verfügte.

Man ist bei Touren nach den oft sehr weit auseinandergelegenen Inseln

fast ausschließlich auf das Kanoe angewiesen. Solch ein ganz schmales

und leichtes, aus einem Baumstamm herausgearbeitetes Fahrzeug fliegt

mit seinem mächtigen Segel bei scharfem Wind wie ein Sturmvogel

dahin. Kein Dampf-, kein Motorboot, das es einholen könnte. Besonders

nachts und bei Mondschein sind solche Fahrten etwas sehr Reizvolles.

Das einzig Unangenehme ist, daß bei einigermaßen bewegter See Kanoe

und Ausleger viel unter Wasser sind, und man so beständig im Nassen

sitzt. Und der Weiße, der solch ein Fahrzeug benutzt, kann auf dem

eigentlichen Kanoe sich nicht leicht halten. Er müßte dazu mindestens

auch barfuß wie die Eingeborenen gehen. Das verbietet aber wiederum

die bös herabstechende Sonne. Ein beschuhter Fuß gleitet aber auf dem

glatten Holz unfehlbar aus. So ist’s noch am besten, auf der Verbindung

zwischen Ausleger und Kanoe Platz zu nehmen. Aber auch hier ist es,

besonders im Anfang, nicht allzu schwer, mit einem plötzlichen Plumpse

über Bord zu gehen.

Sehr interessant ist’s, wenn man Fischer ist. Manch schönen und

schweren Fang haben Otto und ich mit der Schleppleine aus der Tiefe

geholt, manch prächtigen Gesellen hat Otto in monddunkler Nacht bei

Fackellicht oder am hellen Tag und in wilder Flucht mit dem Speer

erbeutet. Wenn er schlecht gespeert hatte und der Fisch zu entkommen

drohte, dann ging er selber blitzschnell und kopfüber ihm ins Wasser

nach, einerlei, ob das ein schwerer Seehecht oder ein kleiner Hai

war, packte ihn von rückwärts, raufte und balgte sich mit ihm in der

See herum, gewandt und geschickt wie ein Fisch- und Wassermensch, und

ruhte nicht eher, als bis er ihn trotz aller Bisse und Risse glücklich

überwältigt und auf das Kanoe heraufgewälzt hatte.

Selbst wenn in der Nähe der Küste der Fisch tief gegangen war und sich

in den Korallen verstrickt hatte, ließ ihn Otto nicht los, sondern

tauchte trotz aller Haie oft in recht ansehnliche Tiefen hinab, dort

Leine und Fisch lösend.

Noch so manche andere gute Eigenschaft hatte mein Otto. Er war ein

recht guter Koch, ein sehr ins Gewicht fallender Vorzug. Er verstand

es auch, gut und geschickt einzuhandeln. Manche Schildpattschale,

manche holzgeschnitzte Figur und andere Kuriosität verdanke ich seinem

Spürsinn.

Die Insel Korror selbst nun ist in dem Teil, wo der Stationsleiter

dicht über dem Meer sein Haus hat, wenig schön. Neben dem Haus beginnt

ein verschiedene Kilometer langes und kahles Hochplateau. Aus der roten

Erde wächst Gestrüpp und Unkraut, und tagsüber liegt heiß und schwer

die Sonne darauf. Der Stationsleiter hat diesen Platz wohl deshalb

gewählt, weil er von dort einen guten Überblick auf die nächstgelegenen

Inseln hat und weil die Lage sicherlich sehr gesund ist. Der Seewind

hat hier stets Einlaß und vertreibt die Schwüle; nichts auch von der

dumpfen Feuchtigkeit, die überall unter den hohen, schweren Kronen der

Tropenbäume sich entwickelt. Das kahle, öde Hochplateau wurde damals

durch die Strafgefangenen aufgeforstet und wird sich inzwischen viel

freundlicher gestaltet haben. --

Nach Durchquerung der sonnigen Ebene erschließt sich ein hochstämmiger

und dunkelschattiger Tropenwald. Mitten darin Dorf Korror, wo zwei

Kapuzinerpatres -- außer dem Stationsleiter die zwei einzigen Weißen

der Insel -- Kirche, Schule und Kloster haben. In Korror wohnt auch der

alte König der Insel. Ururalt ist er, kann nur mehr mühsam humpeln und

leidet unter verschiedenen Gebrechen. Nur die Augen blicken noch ganz

klug und klar aus dem von einem gelbweißen Barte umrahmten, braunen

Gesichte heraus.

In Korror bekam ich auch die ersten Klub- und Versammlungshäuser

zu sehen. Ich war von ihrer großzügigen Anlage, von der schönen

Harmonie ihrer Raum- und Maßverhältnisse vollkommen überrascht.

Hochgiebelig und langgestreckt erheben sie sich auf schweren, starken

Holzstützen. Die Front und auch oft die Seitenwände, ebenso Stützen und

Tragbalken des Innern sind mit Ornamenten und Malereien übersät, mit

seltsamen und buntfarbigen, manchmal an altägyptische oder assyrische

Linienführung erinnernden Darstellungen in Bilderschrift aus Sage und

Geschichte, Seefahrt und Krieg, Jagd, Fischerei und häuslichem Leben.

Ab und zu auch an der Front einige noch etwas ungefüg gearbeitete

Holzschnitzereien, meist Mädchen darstellend.

Türen sind keine vorhanden. Die rechteckig ausgeschnittenen, kleinen

Eingangslöcher liegen in ziemlicher Höhe. In die senkrechten

Stützbalken sind Stufen eingearbeitet, die ein Emporklettern

ermöglichen. Dann eine kleine Bauchwelle und man ist ins Innere

gelangt, das stets aus einer einzigen, hohen und riesengroßen, vornehm

wirkenden Halle besteht.

Sonnenländer · 第 7 / 11 段