Nie mehr werden diese starken Säulen in alter Pracht sich wieder

emporrecken. Denn das heutige Chamorrovolk hat in dumpfer Zeit der

Knechtschaft wie fast alle seine andern Tugenden so auch die Kunst,

solch mächtige Säulenpaläste zu türmen, vollständig vergessen und

verlernt. Nur auf niederen, schwächlichen Holzpflöcken erhebt sich das

ärmliche Haus des heutigen Chamorros. -- --

Rasch sind die Tage vergangen und allmählich wird es Zeit, nach Saipan

zurückzukehren. --

Auf der Heimreise von Tinian gaben mir die Karoliner noch eine

Vorstellung als Schwimmkünstler und gute Seefahrer.

Am Vorabend unseres Abfahrtstages war noch auf der Saipan

zunächstliegenden Landspitze gejagt worden, und wir kamen im

Morgengrauen, den Jägern die gefangenen Sauen abzunehmen. Ein Landen

war wegen der starken Brandung ausgeschlossen, und so brachten die

braunen Jäger die gefesselten Schwarzröcke schwimmend mitten durch

die hohe Brandung nach unserm Boote. Auf demselben langen, langen und

beschwerlichen Wege kamen sie auch -- schwimmend und ihn auf ihren

Händen herübertragend -- mit einem der Ihren an, einem hübschen, schwer

verletzten Karolinerjungen, dem ein wütender und ausbrechender Keiler

den Leib durchstoßen und aufgeschlitzt hatte.

Schwer und wuchtig stampft unser mit Ochsen und vielen Sauen gefülltes

und überladenes Boot wieder in die freie See hinaus. Es wird ein

böses Fahren. Sturmböe nach Sturmböe jagt von Nordosten heran und

geht heulend auf unser offenes und ungedecktes, nur von fünf Ruderern

getriebenes kleines Fahrzeug nieder. Gewaltig türmt sich, vom Winde

wild aufgerüttelt, die See empor, und von den Gigantenrücken der

schwarz und finster daherrollenden Wogen werden wir fast senkrecht

in die Höhe geschleudert. Kalt peitscht der Regen uns ins Gesicht,

Sturzwellen schlagen krachend ein, der am Bug untergebrachte, verletzte

Karoliner wimmert -- wir wissen nicht, ob wir ihn lebend hinüberbringen

--, und laut befehlend übergellt Wogendonner und Sturmgetöse die

heisere, rauhe Stimme des Steuermanns.

Erst nach vielen Stunden mühseligen Kampfes gelingt es uns, glücklich

in das schützende Riff Saipans einzulaufen.

Unser verwundeter Jäger wird zum Lazarettgehilfen gebracht; er ist

dank seiner ganz harten und zähen Natur schließlich auch mit dem Leben

davongekommen.

Der arme Alkalde, den wir ebenfalls mehr tot als lebend in Dorf Garapan

ablieferten, hat sich auch bald von seiner schweren Seekrankheit erholt.

Das alte Walfischfängerboot, mit dem ich diese Reise gemacht, ist

wenige Wochen später in dem stets unruhigen Kanal zwischen Saipan und

Tinian gesunken und in die Tiefe gegangen.

Auch mir persönlich sollte der Jagdausflug nach Tinian nicht allzu gut

bekommen.

Durchnäßt von den ständig übergehenden Brechern, rechnend auch mit

der Möglichkeit, daß unser Boot dem Ansturm der mächtigen Wogen auf

die Länge vielleicht nicht gewachsen sein könnte, hatte ich es wie

unsere braven Ruderer gemacht und mich während der Fahrt in Adamskostüm

geworfen.

Diese Tracht ist nun wohl den braunen Insulanern, deren Haut von Jugend

an durch Sonne und Seeluft gegerbt ist, nicht aber uns Europäern

gestattet. Obgleich die Sonne während des ganzen Tages kaum je richtig

das Gewölk zerreißen konnte, war die Lichtwirkung ihrer Strahlen doch

so stark, daß meine Haut überall, wo sie ihnen frei ausgesetzt gewesen,

verbrannt war. Die ersten Nächte wußte ich nicht, wie und wo liegen.

Und nach wenigen Tagen, als die ersten, ziemlich starken Schmerzen

wieder verflogen waren, konnte ich die verbrannte Haut wie trockene

Pergamentstreifen vom Körper abziehen.

Eine gute Lehre für die Zukunft! Wir Europäer unterschätzen im Anfang

immer die Wirkungen der Tropensonne. Man kann zufrieden sein, wenn man

bei solchen Unvorsichtigkeiten noch so glimpflich davonkommt und nicht

schwerer bestraft wird. -- --

16. Auf dem „Condor“.

„~Sailor! sailor!~“ riefen auf dem Strande Saipans eines Morgens die

Karoliner, „~sailor~“ riefen die Chamorros, „~sailor~“ schrien am Ufer

lustig hin und her springend die braunen, nackten Kinder.

„~Sailor!~“ ... Der laute, freudige Ruf durchflog mit Windeseile die

stillen Straßen des Dorfes Garapan. --

~Sailor~ -- ein Schiff! ... Und noch dazu ein deutsches Kriegsschiff!

Mit größter Pünktlichkeit war der in Sydney stationierte deutsche

kleine Kreuzer „Condor“ in aller Morgenfrühe seines angesagten

Ankunftstages vor Saipan eingetroffen.

Es ist das ein großes Ereignis für eine Insel, die nur ein paarmal im

Jahre flüchtig einen Postdampfer und sonst nur noch einige japanische

Segelschoner zu Gesicht bekommt. Erwartungsvoll flogen die Augen

hinüber zu dem schneeweißen Schiff, das weit draußen, in tiefer,

blauer See, außerhalb der grünlich herüberleuchtenden gefährlichen

Korallenriffe Anker geworfen hatte.

Doch bereits am Nachmittag dampfte der „Condor“ wieder weiter, den

nördlichen Marianeninseln zu, um den auf Agrigan und Pagan erwachsenen

Taifunschaden festzustellen.

Aber er kam wieder und blieb dann einige Tage in Saipan.

Viel konnte Dorf Garapan den fremden Gästen nicht bieten. Seit drei

Monaten war kein Postdampfer mehr hier gewesen, alle Vorräte waren auf

die Neige gegangen und, wenn nicht unser Segelschoner verschiedene

Bierkisten mitgebracht hätte, hätte man sogar vollständig auf dem

Trockenen gesessen.

Zum Abschied fand am letzten Abend in einem Chamorrohaus ein

kleiner, improvisierter Hausball statt, zu dem man in aller Eile die

bräunlich-gelben Schönheiten Garapans zusammengetrommelt hatte.

Als dann der „Condor“ von neuem in See stach, befand auch ich mich an

Bord. Der Kommandant hatte die große Liebenswürdigkeit gehabt, mich

mitzunehmen und ermöglichte es mir so, Rota zu sehen, sowie nach den

Westkarolinen und Palauinseln zu kommen.

Es ist ein ganz großer und seltener Glücksfall, wenn man da unten

in der Südsee solch eine plötzliche und unerwartete Fahrgelegenheit

findet. Man kann Monate, man kann auf vielen, entlegenen Inseln sogar

jahrelang sitzen, ohne irgendwelche Möglichkeit des Fortkommens zu

finden.

Die Karoliner allerdings machen, sicher nach Sonne und Sternen

steuernd, die tollkühnsten und waghalsigsten Fahrten von Insel zu

Insel. Doch von so mancher Kanoeflottille, die da aussegelt, gelangen

oft nur wenige Fahrzeuge ans Ziel. Die andern sinken, wenn allzu

hohe und böse See aufkommt, leck und mit zertrümmertem Ausleger in

die Tiefe, oder sie werden auch von Sturm und Strom ins Unermeßliche

verschlagen. Nicht selten sterben die wackren, braunen Seefahrer

Hungers, oder sie erliegen langsam der Erschöpfung. Entsetzliche

Schreckensszenen spielen sich auch heute noch häufig in der großen

Verlassenheit des Stillen Ozeans ab.

Wasser und Wasser -- leicht zerbrechliche Kanoes -- von einem Europäer

wohl für kürzere Fahrten, doch nie zu Reisen von endlosen Wochen

benützbar: doch nirgends, nirgends ein Schiff!

Dem „Condor“ aber bin ich zu um so größerem Danke für seine

Freundlichkeit verpflichtet, weil eigentlich auf einem Kriegsschiff,

und noch dazu auf einem kleinen Kreuzer, keinerlei Platz für

irgendwelchen Passagier ist.

Eine nicht geringe Strapaze, bei vieler Schönheit, die man sah,

bedeutete solch eine Jahresfahrt des „Condor“.

War er doch der allereinzigste in den australischen und Südseegewässern

stationierte deutsche Kreuzer und hatte in diesem einen Jahre, wo ich

ihm begegnete, Neuseeland, Samoa, Tahiti, Fidschi, Honolulu, die

Marschallinseln, die Karolinen-, Marianen-, Palauinseln, Neuguinea und

den Bismarck-Archipel besucht, hatte also in rund zehn Monaten die

gewaltige Strecke von 20000 Meilen gefahren.

Kam noch dazu, daß er auf fast allen deutschen Inselgruppen

irgendwelche unerwartete Arbeit vorfand, daß neue Fahrten und Reisen

eingeschoben werden mußten, die dann wieder in der Zeit, für die man

sich Ruhe und freie Tage erhofft hatte, zur Erledigung zu kommen hatten.

Der Dienst unserer in den heimatlichen Gewässern stehenden

Kriegsschiffe war bekanntlich sehr schwer und äußerst anstrengend.

Aber auch das Wanderleben unserer blauen Jungens da draußen bedeutete

viel mehr Mühe und Arbeit, als man bei uns zu Hause meist glaubte.

Ganz abgesehen von dem regelmäßigen Schiffsdienst auch noch viel

anderer: Geschütz- und Gewehrexerzieren, Schießübungen, wenig angenehme

Erkundungs- und Vermessungsfahrten, Segelmanöver und Reinigungsarbeiten.

Dazu die ermüdende Bewegung des Schiffes selbst, das ständige

Eingeschlossensein in schmalem, engem Raum, die besonders in der

Tropenhitze sich sehr unangenehm fühlbar machende Enge der Kojen,

der Verkehr immer mit denselben Menschen, das Fehlen fast aller

Kulturgenüsse, der Mangel an jedem größeren gesellschaftlichen Leben.

Da packte denn auch alle, wenn einmal Land in Sicht kam, eine ganz

gewaltige „Landsehnsucht“. Man wollte wieder einmal auf festem Boden

stehen, wollte sich tüchtig auslaufen, endlich einmal auch wieder

andere Menschen zu Gesicht bekommen -- aber so mancher wurde durch den

Dienst an Bord gehalten.

Das war besonders bitter, wenn das Schiff, wie so oft, an irgendeinem

schönen Punkte nur ganz kurz vor Anker lag. Ohne das allergeringste

gesehen zu haben, hieß es wieder Abschied nehmen. -- --

Ich, als Gast freilich, ich kann nichts von Mühen und Strapazen

künden, ich hab es immer nur sehr schön gehabt und kann mir keine

genußreichere, vergnügtere und schönere Fahrt als die mit dem „Condor“

denken.

Vom Kommandanten, der mir in selbstloser Weise seine Wohnkabine als

Schlafzimmer herrichten ließ und zur Verfügung stellte, an dessen

Tisch ich tagtäglich gegessen, -- vom Kommandanten und den Offizieren

angefangen bis herunter zum einfachen Matrosen und Seesoldaten waren

alle, mit denen ich irgendwie in Berührung kam, stets vom größten und

herzlichsten Entgegenkommen.

Wie war ich so froh, endlich wieder einmal auf einem richtigen Stück

deutschen Bodens, mitten in einem jungen, lebensfrohen Kreis zu stehen.

Vergnügte Stunden an Land mit den dienstfreien Herren des „Condor“,

prächtige Tage auch auf hoher See. Auf dem Achterdeck dehne ich mich

behaglich in dem bequemen Strohliegestuhl, lasse mir die Seebrise um

die Ohren wehen und freue mich, endlich einmal wieder deutsche Bücher

und Blätter in der Hand halten zu dürfen.

Lange sitzen wir in den warmen, silberhellen Mondnächten plaudernd

zusammen, und die ferne Heimat will wieder lebendig werden. -- -- --

Zum erstenmal werfen wir Anker vor Rota, der südlichsten deutschen

Marianeninsel.

Hier hat sich der Stamm der Chamorros noch am reinsten erhalten.

In den gewaltigen Felsbergen und tiefen Steinhöhlen, in den steil

aufsteigenden, unzugänglichen Gebirgen und schroffen Klippen fanden

die letzten, freien Chamorros Schutz und Versteck vor dem verfolgenden

Spanier. Aber ihrer allzu viele haben sich nicht gerettet. Nur selten,

daß ein Mensch unter den in bleischwerem Mittagsschlaf und grell

flimmerndem Sonnenlicht erstarrten Palmen sichtbar wird. Ein Hauch

trostloser und tiefster Schwermut, Schweigen des Todes brütet über dem

schwarzfelsigen Rota, der letzten ungastlichen Zufluchtsstätte eines

einmal zahlreichen und großen Volkes. -- --

Wir gehen kurz an Land, besuchen die sauber gehaltene

Chamorroansiedlung, durchstreifen ein wenig den Palmenwald, steigen

aufwärts und treten in einige der riesigen Höhlen ein.

Aber lange ist unseres Bleibens nicht, der „Condor“ hat immer Eile.

Schon nach einigen wenigen Stunden fährt er weiter, um auf Jap, die

Hauptinsel der Westkarolinen, zuzusteuern.

17. Jap.

Wieder einige Tage nichts als endloses Weltmeer. Als ich eines Morgens

erwache, haben wir bereits im Hafen von Jap festgemacht.

In Jap baut sich die europäische Niederlassung halbinselartig ins Meer

hinaus. Da steht dicht am Ufer, noch gut erhalten, das langgestreckte

alte spanische Fort, das damals unsere braune Polizeitruppe von zirka

40 Mann beherbergte. Dicht daneben, in einem grünen, schattigen Garten

das Haus des Bezirksamts; weiter landeinwärts verschiedene Amts- und

Wohngebäude der Telegraphengesellschaft; die deutsch-holländische

Kabellinie Menado-Schanghai besaß bekanntlich eine Station auf Jap und

hatte hier für ihre Beamten und Angestellten außerordentlich prächtige

und luftige, bequeme und gesunde Tropenhäuser errichtet. Da war

auch, den Bauten der Telegraphenstation gegenüber, das „Gasthaus zur

Kokosnuß“, in dem es oft recht froh und vergnügt herging. Noch weiter

landeinwärts, auf der Höhe des von der See aus ansteigenden Berges,

erhob sich, von Palmen umrauscht, die katholische Mission, während das

Krankenhaus, in dem ein deutscher Arzt seines Amtes waltete, ungefähr

einen Kilometer entfernt von der europäischen Niederlassung sich

befand. -- Auch ein nächst der deutschen Siedelung gelegenes, dicht

von roten Hibiskusblüten umrahmtes Miniaturhäuschen eines japanischen

Händlers muß hier erwähnt werden. Wandern wir in die Insel hinein,

so stoßen wir bald auf Hütten der Eingeborenen. Häufig liegen sie

an der See, mehr aber noch im Innern, unter hohen Palmen oder von

riesenblättrigen Tarofeldern umgeben.

Bei unserer Ankunft wird dem Kommandanten und mir vom Bezirksamtmann

der Westkarolinen, Regierungsrat Senfft, in liebenswürdigster Weise

ein schon am beginnenden Busch auf freier, windumbrauster Höhe

liegendes, aus zwei Zimmern bestehendes Holzhäuschen angewiesen. Auch

einen braunen Polizeisoldaten bekommen wir zur Bedienung gestellt.

Unser „Tissin“ gibt sich auch redlich alle Mühe, nur die gegenseitige

Verständigung ist oft recht wenig befriedigend. Auch sonst ist mit

unserm lieben und braven, in keiner Lage, in der er uns sitzen läßt,

seinen herrlichen Humor verlierenden Kanakendiener nicht allzuviel

anzufangen, was schon daraus erhellen dürfte, daß der Kommandant ihn

schon in der allerersten Stunde feierlich zum „dummen August“ ernannt

hat. Sehr geschmeichelt, sehr stolz ist der gute Tissin auf diesen neu

verliehenen Ehrentitel und beeilt sich stets mit willigem Grinsen, dem

Rufe schnellstens Folge zu leisten.

[Illustration: Karolinerhütten auf Saipan. (S. 80)]

[Illustration: Regierungsschule auf Saipan. (S. 79)]

[Illustration: Delphinfang auf Saipan. (S. 82)]

[Illustration: Säulen eines alten Chamorroherrensitzes auf Tinian. (S.

88)]

Es folgen nun einige Tage, die wir im allerschwersten Strichregen

verbringen. Sieht man in Japan den glänzenden Ölpapierschirm durch

die Straßen schwanken, so erblickt man hier ein anderes, eigenartiges

Schutzmittel gegen den Regen, einen von der Natur geschenkten Schirm,

das riesige, glänzend grüne Lackblatt, das die Insulaner über sich

halten oder auf ihrem Rücken befestigen. Sie fürchten den Regen sehr.

Begreiflich, denn sie gehen ja immer fast gänzlich unbekleidet und

die ständige große Hitze -- Jap hat eine mittlere Temperatur von 30

bis 32 Grad Celsius im Schatten, die auch nachts meist nur auf 26

bis 27 Grad herabgeht -- verweichlicht den Körper sehr. Wenn dann

einmal ein etwas kühlerer Wind weht und Strichregen kommt, so frieren

die Eingeborenen sofort sehr stark. Ich selbst habe im weiteren

Verlaufe meiner Südseereise bald geradeso wie die guten Insulaner

gefroren. Besonders bei längeren Kanoefahrten, wo man nicht die

Möglichkeit hat, irgendwelche lebhaftere Bewegung zu machen, sind

diese wolkenbruchartigen, oft den ganzen Tag andauernden Regen etwas

sehr Unangenehmes. Der dünne Tropenanzug ist in einer halben Minute

vollständig durchnäßt und klebt am Körper, der Wind bläst kalt darauf,

man fröstelt und schauert und macht es schließlich geradeso wie die

braunen Kanaken, die immer wieder für einige Minuten ins Wasser

springen und, am Kanoerande sich haltend, Erwärmung in der See suchen,

die in diesen Gegenden sich nie abkühlt. -- -- --

Nach einigen Tagen steht Weihnachten vor der Türe.

Weihnachten! Ein deutsches Fest und nur, nur zu Hause ist

Weihnachtsstimmung, zu Hause, wo man aus dem warmen Zimmer behaglich

in das dichte, weiße Schneetreiben oder in die klarkalte, mondhelle

Winternacht hinaussieht -- nur zu Hause! ... Dort, wo deutsche Natur

und deutscher Winter, wo die deutsche Fichte oder Tanne fehlen, dort

kann nimmer Weihnachten sein! --

Neun lange Monate war ich durch ewigen Sommer gepilgert, Sommer, so

gesegnet von der Sonne wie zu Hause nie! ... Neun lange Monate! Bald

wollen sie mich wie neun lange Jahre, bald wieder wie nur ein einziger

kurzer Tag bedünken. -- Und in der Heimat soll nun kalter Winter sein,

sollen sie heute schon Weihnachten feiern. Ich kann es kaum glauben.

Habe ich doch selbst keinen Winter, kaum die flüchtigen Vorboten eines

Herbstes gesehen. Scheint doch für mich selbst die Sonne in ihrem

höchsten Gipfelpunkt stehengeblieben zu sein! ... Halte ich doch auch

keine guten Grüße, keine kleinen Liebesgaben von zu Hause in der Hand.

Die letzten Briefe aus der Heimat sind im September oder zu Beginn des

Oktobers geschrieben, da dachten sie dort noch gar nicht an Weihnachten

-- die nächste Post aus Deutschland werde ich Ende April oder Anfang

Mai des nächsten Jahres erhalten -- durch weites Meer bin ich von allem

und allem abgeschnitten. Ich kann vielleicht dann und wann, alle paar

Monate einmal, eine Botschaft in die Heimat senden, bekommen kann ich

keine.

Zur Weihnachtsstimmung hier fehlt auch, daß man keinen „Weihnachtsbaum“

sieht. Die bräunlich-grüne, dünnfaserige Fadentanne, die sie dazu

hergerichtet haben, kann ihn nicht ersetzen. Ebensowenig die sonstige,

üppig reiche Tropenpracht, die hier in Jap, wo eine größere Anzahl

Deutscher und Europäer ansässig ist, in manchen Weihnachtszimmern

prächtig zusammengetragen ist.

Auch der Sturm, der heute draußen auf dem Meere braust und die

Palmkronen auf dem Gestade zerzaust, kann mir nicht einen deutschen,

herzhaften Wintersturm ersetzen. Wohl peitscht er die schweren

Regenschauer so dicht über die unruhig schäumende See dahin, daß sich

das im fahlen Abenddunkel wie ein winterliches Schneetreiben ansieht,

aber es fehlt den mächtig niedergehenden Tropenungewittern an der

nervenstärkenden, den Menschen erfrischenden, gesunden Kälte des

deutschen Winters. Man lebt nach wie vor, ob die Sonne herniederbrennt,

ob Wolkenbrüche herabstürzen, in der schwülen, erschlaffenden

Treibhausluft der Tropenzone.

Hinweg aus dem Regen, der mich in kaum einer Minute vollständig

durchnäßt hat.

Unter dem schützenden Dach der „Wirtschaft zur Kokosnuß“, dem Refugium

der Junggesellen Japs, finde ich Zuflucht.

Ich nehme einen Weihnachtsabend-Dämmerschoppen zu mir und bestaune

die prächtige Festdekoration, ganz und gar ein Werk der geschickten

Japkaroliner.

Dann geht’s hinauf auf das noch aus spanischer Zeit stehende, trotzige

Fort. Dort ist Weihnachtsbescherung der hier hausenden, lediglich aus

Karolinern bestehenden Polizeitruppe.

Wie in einem deutschen Kompanierevier ist die Mannschaft vor einer

mit brennenden Lichtern geschmückten Fadentanne in Reih’ und Glied

angetreten. Die Leute sehen ungemein phantastisch und farbenprächtig

aus. In dem nach Frauenart hoch aufgebundenen, dichten, schwarzen Haar

steckt der kunstvoll geschnitzte, mächtige Holzkamm, der zur Zeit durch

den darüber aufgestülpten Federntschako verdeckt wird. Der Oberkörper

ist mit einem deutschen Matrosenhemd, Lenden und Unterkörper bis zu den

Knien sind mit der roten Lawa-lawa bekleidet.

Unsere Jappolizeitruppe feiert auch Weihnachten, obwohl sie fast

insgesamt noch aus Heiden besteht, und die Leute erhalten Messer,

Lawa-lawa, Tabak, Konserven und Bier.

Es folgt ein Abendessen bei dem gastfreundlichen, stets hilfsbereiten

und liebenswürdigen Bezirksamtmann an festlich gedeckter Tafel, auf

die die ganze Blumen- und Blütenpracht der Tropen herniedergeschneit

ist.

Bei einem Weihnachtslied werden die Lichter des improvisierten

Festbaumes entzündet und von der mageren Fadentanne eilen wohl die

Gedanken aller nach Hause.

Um Mitternacht lädt von der Höhe herab die Glocke der Kapuzinerkapelle

zur Mette, und ein Teil unserer Tischgesellschaft pilgert durch die

Nacht zu dem Kirchlein hinauf. Der Sturm hat sich inzwischen gelegt und

es ist mondhelle, windstille Sternennacht, heller und leuchtender als

bei uns eine frostklare Winternacht in den Bergen.

Die Kapelle ist nur klein, abgesehen von den Europäern wohnen

verschiedene Chamorromänner und Frauen, einzelne der wenigen getauften

Karoliner und viele Chamorrokinder der Mette bei. --

Für den Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages waren Tänze der

Japkaroliner angesagt.

Schon im Laufe des Vormittags kamen die verschiedenen Dorfschaften

unter der Führung ihrer Häuptlinge anmarschiert oder sie segelten in

ihren ganz lang und schmal gebauten graziösen Kanoes daher. Leicht und

pfeilgeschwind schossen diese über die bewegte Flut.

Mittags hat sich bereits der ganze Heerbann des Karolinervolkes, des

Beginnes der Tanzfeierlichkeit harrend, um das spanische Fort herum

gelagert. Um 4 Uhr nachmittag beginnt der erste Tanz.

Er hat sich wohl ursprünglich einmal aus einem alten Kriegstanz

entwickelt. In zwei Gliedern gehen die zwei Parteien, jede vielleicht

aus vierzig Mann bestehend, aufeinander los, kauern sich zusammen,

verharren in spähend vorwärts geneigter, geduckter Stellung, so wie

man im Dickicht ein Wild oder einen Feind anschleicht. Nun ein lauter,

gellender, durchdringender Schrei, und wie auf ein Kommandowort

prasseln und rasseln, knattern die schweren Bambusstäbe und -knüttel

aufeinanderlos. Blitzschnell und exakt ausgeführte Paraden wechseln mit

allen erdenklichen Kampf- und Fechterstellungen. Nicht eine einzige

Bewegung könnte besser klappen, besser ausgeführt sein. Ein lautes,

mächtiges, gleichzeitig aus achtzig Kehlen hervorgestoßenes dumpfes

Kriegsgeheul beendet diesen ersten Tanz.

Beim zweiten, von einer andern Dorfschaft zum besten gegebenen, singen

drei Mädchen die Begleitmelodie. Der nackte Hals und der nackte

Oberkörper sind mit allerhand Muschel- und Korallenschmuck verziert. Um

die Lenden tragen sie die hier landesübliche grüne Pflanzen-Lawa-lawa,

die so dick und bauschig ist, daß sie in ihrer Form an die Krinoline

erinnert. Die drei Sängerinnen, die Mühe haben, mit ihren Stimmen den

Lärm der Tanzenden zu überbieten, sind hübsche, nur etwas sehr kleine,

schmächtige und zierliche Erscheinungen.

Dem zweiten Reigen folgten nun Tanz um Tanz; Häuptling um Häuptling

bringt seine festlich aufgeputzten Leute zur Stelle.

Wieder einmal eine ganz andere seltsame Welt, in die ich staunend

eingetreten bin. Nie und nimmer hätte ich diesen braunen Inselsöhnen

eine solch glänzende Tanzmeisterschaft zugetraut, nie hätte ich

erwartet, eine solch bunte, glühende, wahrhaft künstlerische

Farbenpracht zu Gesicht zu bekommen.

Denn Farbenpracht, denkbar reichste Farbenpracht ist hier alles: die

braunen, oft durch Wurzelschminke und -zutat rot gefärbten Körper

der Tanzenden, die grellrote Lawa-lawa der Männer, die lichtgrüne

der Mädchen. Die Frauen haben sie nach Landesbrauch und ungalanter

Landessitte sämtlich zu Hause gelassen. Außer von der Lawa-lawa wird

Braun und Rot des Körpers durch um den Leib geschlungene, in allen

möglichen Farbentönen gehaltene Palmenfasern unterbrochen, um Hals und

Arme schmiegt sich reicher, oft kunstvoll und mühselig zusammengefügter

und zusammengetragener Muschelzierat.

Sonnenländer · 第 6 / 11 段