Der Rest des Chamorrovolkes vermischte sich mit Spaniern, Tagalen, den

Ureinwohnern der Philippinen, wohl auch mit Chinesen und Japanern.

Es hat seine früheren guten Eigenschaften so ziemlich verloren,

Kriegsmut und Seetüchtigkeit, Freiheitsliebe und Unabhängigkeitssinn.

Alle Chamorros sind heute katholische Christen und gehen bekleidet.

Auf den früher deutschen Inseln leben ungefähr 2500, während

auf der größten und fruchtbarsten Marianeninsel, auf Guam, das

im spanisch-amerikanischen Kriege von den United States durch

Überrumpelung genommen und beim Friedensschluß behalten wurde, noch

ungefähr 10000 wohnen. Neben den Chamorros sind auf den meisten Inseln,

so auf Agrigan, Pagan, auf Tinian und vor allem auf Saipan, auch

Karoliner zu finden -- ungefähr 500 --, die hauptsächlich im Laufe

des vorigen Jahrhunderts auf ihren Kanoes hierher gekommen sind. Sie

zählen zum Stamme der Mikronesier, einer Mischung aus Malaien und

Melanesiern, sind Heiden geblieben, gehen unbekleidet, halten zäh an

ihren alten Gewohnheiten und Gebräuchen fest, sind auch bis heute

ziemlich rasserein geblieben. Die auf Saipan lebenden Karoliner sind

die kultiviertesten ihres Stammes, sind vor allem ziemlich fleißige

Land- und Ackerbauer geworden. Auch eine Strafkolonie befand sich auf

Saipan, in der Deportierte verschiedener anderer Inseln, von Jap,

Palau und Samoa zwangsweise angesiedelt waren.

Die Marianen und Karolinen wurden im Jahre 1899 für 16 Millionen von

Deutschland erworben. Der Kaufpreis war nicht gering, wenn man bedenkt,

daß die meisten Inseln klein sind, daß kulturell und kolonisatorisch

nur geringe Vorarbeit geleistet worden war. Auch saßen wir nun

plötzlich mitten in der japanischen Interessensphäre. Japan hätte die

Inselgruppen ebenfalls gern besessen und hatte dafür 12 Millionen

geboten. Die Möglichkeit von Reibungen aller Art war gegeben, zudem

noch die Wahrscheinlichkeit, daß Japan, sowie das Deutsche Reich von

ernsteren kriegerischen Verwicklungen heimgesucht würde, auf diese

Inselwelt seine Hand legen würde. So ist es denn auch gekommen.

Japan hat durch den Versailler Frieden das Mandat für die Marianen und

Karolinen und für alle andern früher deutschen Inseln bis zum Äquator

erhalten.

14. Saipan.

Auf Saipan und in dessen Hauptort Garapan gab es kein Gasthaus. Mir

glückte es schließlich bei einem japanischen Kaufmann, namens Isoda,

unterzukommen. Er war früher Dolmetscher beim deutschen Generalkonsulat

in Jokohama gewesen.

Neben dem Hause, über den angrenzenden Hütten der Chamorros, ringsum,

wohin man von breiter Veranda aus blickt, Palmen und Palmen. Wenn der

Wind in den breiten Blättern liegt, hört sich das an wie das Rauschen

eines großen unermeßlichen Waldes.

Nur zwanzig Schritt vom Hause entfernt beginnt der weiße Ufersand und

weitere zwanzig Schritt das Meer, zuerst seicht und smaragdgrün.

Weiter draußen dann ein weißer Silberschaum. Dort brechen die Wellen

sich am Riff. Noch weiter draußen, außerhalb des Riffs, endlose,

azurblaue Fläche.

Sehr schön ist es, wenn die Sonne im Westen gesunken ist, wenn nur noch

ihr Widerschein mit blassem und doch hellem Licht durchs Ufergrün irrt

und oben am tiefblauen Firmament die sanftroten Windwolken ziehen.

Wird es dunkler, singen sie in den Hütten, heute in der und morgen in

jener, altspanische Kirchenmelodien. Es ist gerade „Novena“, das heißt

die neun letzten Tage vor einem größeren Kirchenfeste. Und die feiern

sie auch heute noch so, wie die spanischen Mönche sie es gelehrt haben.

Man merkt es dem Gesange der Chamorros nicht allzu schwer an, daß nicht

recht viel Andacht bei der Sache ist, daß es vielmehr die Freude am

Gesange ist, die ihnen die Feier lieb und wert macht. Aus der Ferne

klingt es ganz hübsch und bringt Stimmung in die Landschaft.

Aber dann -- dann wird es still! ...

Still stehen die schlanken, hohen Stämme, still ruhen die breiten

Kronen der Palmen. Nachtschwarz und still -- kaum zu sehen, schlafen

die Hütten im weichen Ufersand. Still ist die See und dunkel, bloß

ein schmaler Streif erglänzt matt im fahlgrünen, von Wolkenschleiern

halbverdeckten Mondlicht. Die Sterne schimmern hell durchs schlanke

Blattwerk der Palmen. Nun beginnt auch auf der See ein großer Stern

aufzuleuchten -- und dann noch einer und noch einer -- bis es wohl an

hundert sind.

Und lautlos wie hundert Irrlichter gleiten die hundert Sterne da und

dort hin über die dunkle, nachtschwarze See. Karoliner sind es, die in

ihren Kanoes bei Fackellicht fischen.

Aber man sieht nicht die Boote, hört nicht die Menschen. Nur die

Lichter ziehen -- wie die Sterne über den Himmel -- lautlos ...

zitternd über das Meer.

„Südsee.“ Nun bin ich wirklich da.

„Südsee!“ Schon in Wort und Namen liegt ja für uns Menschen der

nördlich gemäßigten Zone ein starker und verlockender Klang. Wenn

der Wintersturm pfeifend über die Dächer fegt und klirrend an den

Fensterscheiben rüttelt, wenn in den nebelgrauen Städten unter Rauch

und Dunst die Sonne gestorben ist, dann träumt man von schimmernder

Lampe und warmem Ofen sich über Berge und Meere in ferne Länder hinweg,

die keinen Herbst und Winter kennen.

Ewiger Sommer, strahlende Sonne über uns. Blumen, Blüten und Früchte.

Nacktbraune Menschen an stillem Palmenstrand, und ringsum das Meer,

das raunende, rauschende, in dunkelblau wallendem Kleide unruhevoll

hin und her wandernde Meer, das sich mit einem leuchtenden Halsband

smaragdgrüner Korallenriffe festlich geschmückt und heiter lächelnd

auf sein ewig jugendschönes Haupt eine strahlende Diademkrone von

Millionen funkelnder Brillanten gedrückt hat, von Millionen in allen

Farben blitzender und erschimmernder Tropfen, die von dem schneeweißen

Gischt der wuchtigen Brandungswoge ins lachende Sonnengold hoch

emporgeschleudert werden.

So träumt man. -- Wenn man dann wirklich den Fuß auf die erste

Palmeninsel gesetzt hat, wenn man zum erstenmal faul im weichen

Ufersand sich reckt und streckt oder sich von lauer, sonnendurchwärmter

Flutwelle vergnüglich auf und ab schaukeln läßt, so sagt man sich froh

und zufrieden, daß das Bild paradiesischer Idylle, das sich Traum und

Phantasie zurechtgesponnen, nicht, wie so oft, schöner und lockender

als die erdgeborene Wirklichkeit gewesen ist.

Im Gegenteil! ... Der Phantasie haben des Lebens leuchtende Farben

doch nicht so ganz zur Verfügung gestanden. Viel zu nüchtern und

grau -- zu kalt und nordisch hat sie gemalt. Schon der Grundton war

falsch. Und der heiße Farbenrausch ringsumher, dies unendlich mächtige

Sonnenlicht, diese taghellen, weißsilbernen Mondnächte, die Feuerglut

der Gestirne, das alles läßt sich nie erdenken und erdichten. Man muß

es sehen und schauen.

Halb andächtig, halb übermütig blickt man umher. Lachender

Lebenssonntag um und in uns. Leib und Seele wurden in einem Jungbrunnen

gebadet, Wegstaub und Erdenschwere sind weggewaschen. Man meint, auf

höherer, freierer Warte, man glaubt, näher der Sonne zu stehen.

Und -- während man selbst den Puls rascher und freudiger schlagen,

das Blut heißer durch die Adern jagen fühlt, hört man rings um sich

die lange auf diesen Inseln lebenden Europäer alles Mögliche über die

Entbehrungen und Strapazen ihres Lebens klagen und fabeln. Aber man

lächelt nur ungläubig dazu. Denn selbst ist man ja so ganz erfüllt von

Freude, daß man am Abend keinen Schlaf finden kann, weil man sich zu

schwer von all der Pracht trennt, daß man mit einem frohen Willkommen

das Morgengrauen und den ersten Sonnenstrahl begrüßt, die uns wieder

zum Bewußtsein all der Herrlichkeiten erwachen lassen.

Früh schon wird es Tag im Dorf Garapan. Es ist noch dunkel, da beginnen

schon die Hähne zu krähen. Aber nicht der eine oder andere nur,

Hunderte und Hunderte von Hähnen. All die vielen, vielen Kampfhähne

der Chamorros und Karoliner lärmen um die Wette, ganz Garapan scheint

ein einziger, großer Geflügelhof geworden zu sein. An Schlaf ist da,

wenigstens in den ersten Tagen, nicht mehr zu denken.

Auf denn! Zuerst nehme ich ein Morgenbad im klaren Meer. Dann wandere

ich ziellos der See entlang, wo unter hohen, schattigen Palmen die

Hütten des immer vergnügten Karolinervölkleins liegen; Männer, Weiber,

Kinder, Kühe, Schweine und Hühner wimmeln da lustig durcheinander.

Reiches Leben auch im warmen Ufersande. Von den großen Krabben bis

zum kleinen Einsiedlerkrebs, eine unendlich bunte und mannigfaltige,

lebhaft dahinlaufende und kriechende Tierwelt.

Fort nun vom Meere und mitten in den grünen Busch, in die Savannen

hinein. Überall gibt es auch hier Neues und Seltsames zu sehen, weite

Tarofelder und lichte Bananenwälder, verschlungene Lianen, herrliche

Orchideen und verschiedenartigste Drazänen. Eine neue seltsame Welt ist

aus der rauschenden See vor mir emporgetaucht.

Am ersten Tage meines Aufenthaltes werde ich auch schon mit allen

auf Saipan lebenden Deutschen bekannt. Da ist ein Stationsleiter,

ein Lazarettgehilfe, zugleich auch Befehlshaber und Kommandant der

braunen, mit roter Lawa-lawa bekleideten Polizeitruppe, ein Weg-

und Plantagenaufseher, ein deutscher Lehrer, dessen Schule ich

besuche. Frisch und lustig stehen die gelben Chamorro-, die braunen

Karolinerkinder Red’ und Antwort, und zum Schlusse singen sie sogar

einige Lieder.

„Ich geh’ durch einen grasgrünen Wald

Und höre die Vögelein singen.

Sie singen so jung, sie singen so alt.

Die kleinen Vögelein in dem Wald,

Die hör’ ich so gerne wohl singen!“

Hell und jauchzend klingt das alte Volkslied in den Palmenwald der

Tropen hinein.

Außer den vier eben genannten und vom Reich angestellten

Persönlichkeiten noch zwei deutsche Kapuzinerpatres, welche die

frühere spanische Mission übernommen haben, ein deutscher Pflanzer und

der deutsche Kaufmann, mit dem ich von Jokohama gekommen bin. Zur Zeit

meiner Anwesenheit waren auf Saipan auch noch zwei deutsche Frauen.

Da auf allen andern Marianeninseln keine Deutschen lebten, waren

also damals nur zwei dem Privaterwerb nachgehende Deutsche auf der

Inselgruppe. Und selbst diese beiden klagten. Außer der Kopra, dem

getrockneten Kern der Kokosnuß, ist eben wenig auszuführen. Die

Kokospalme kommt nun an und für sich recht gut fort, wenn nicht die

immer wiederkehrenden Taifune wären, die alle paar Jahre die Ernte

sowie den Palmenbestand der oder jener Insel vollständig vernichten.

Beim Durchwandern der breiten Straßen von Dorf Garapan fällt mir vor

allem die große Verschiedenartigkeit der Häuser und Bauwerke auf.

Die Chamorros und die von ihnen beeinflußten Karoliner stellen ihre

Wohnhäuser auf in den Erdboden gerammte Holzpflöcke und decken sie

mit Palmstroh oder den getrockneten Blättern des Pandanusbaumes ein.

Fußboden und Wohnraum befinden sich einen Meter über der Erde; der

freie Raum darunter dient Hühnern und Schweinen als Aufenthalt.

Am lebhaftesten geht es in Dorf Garapan am Abend her, wenn der Glutball

der Sonne nach heißer Tagesreise im Meer sich kühlen will. Auf ihren zu

Reittieren dressierten Ochsen kommen in raschem, schlankem Trabe die

Karolinerjungen vom Felde herein geritten, langsamer folgen die Weiber,

sitzend auf einem kurzen, ebenfalls von Ochsen gezogenen Karren, dessen

Räder oft nur aus zwei kreisrunden, massiven Steinplatten bestehen.

[Illustration: Dorf auf Pagan mit vom Taifun entblätterten und

entwurzelten Palmen. (S. 70)]

[Illustration: Die „Tora Maru“ verläßt Pagan. (S. 71)]

[Illustration: Ochsengespann auf Saipan. (S. 80)]

[Illustration: Karolinermädchen auf Saipan. (S. 81)]

Wie ein Bild aus dem antiken Griechenland sehen besonders die Gefährte

mit den Steinrädern sich an. Die Zugtiere gehen nach uralter Sitte

unter dem Joche. Die schlanken, fast unbekleideten Mädchen und Frauen

haben ihr dichtes Schwarzhaar mit einigen Blumen geschmückt oder

auf die Stirne sich einen grünen Laubkranz gedrückt. Harmonisch und

ebenmäßig meist ihr Körperbau, ganz ungemein fein und zart ihre Fesseln

und Gelenke, sehr klein die Hände, zierlich die Füße.

Ich habe verschiedene Schildpatt- und Muschelarmreife, wie sie diese

Karolinerfrauen tragen, mit nach Hause gebracht. Keiner Europäerin wird

es gelingen, sie über ihre Hand zu streifen.

Auch die mehr einem beschaulichen Nichtstuerleben huldigenden

Chamorros kommen gegen Abend aus ihren Häusern hervorgekrochen. Die

Männer paradieren in weißen Leinenanzügen; die Frauen, ebenfalls weiß

gekleidet, geben sich besonders an Fest- und Feiertagen sehr prächtig,

tragen kostbare Spitzentücher aus Manila, rote Strümpfe und weiße,

absatzhohe Atlasschuhe, während ihre Kinder -- im Gegensatz zu den

ganz nackten, kleinen Karolinern -- bis zu ihrem achten oder zehnten

Lebensjahr oft nur in ein weites Hemd gehüllt herumlaufen ...

Am Feierabend findet auch vor der oder jener Hütte eine Vorprobe

zum sonntägigen Hahnenkampfe statt, in einem andern Hause erklingt

irgendein Musikinstrument und, wenn es Nacht und noch kühler wird, gibt

auch mancher in besseren Verhältnissen lebende Chamorro einen kleinen

Ball -- für Tanz und Gesang sind die Chamorros immer zu haben.

Die Karoliner wiederum teilen sich mit den Ureinwohnern der Inseln wohl

in die Freude an den Hahnenkämpfen, im übrigen sind sie in ihren freien

Stunden leidenschaftliche Fischer und Jäger, Segler und Seefahrer.

Das Interessanteste, was ich von Fischerei auf Saipan zu Gesicht

bekommen, war ein großer Delphinfang. War da eine Herde Delphine

oder Schweinsfische, neugierig wie sie immer sind, in das Riff

hereingekommen. Flugs hatten die flinken Insulaner ihnen mit ihrer

gesamten Kanoeflottille den Ausweg in die freie See versperrt und

trieben nun unter lautem Hallo und Geschrei die mächtigen Tiere langsam

aus der Tiefe auf den flachen Strand, wo sie kurzweg gepackt und ganz

ans Land geschleppt wurden. Das war ein großes, großes Fest fürs

Karolinerdorf. Fette Braten standen in Aussicht. Männer und Knaben

trugen die Beute in den Schatten der Palmen, die Weiber führten einen

von ganz seltsam weichem und melodischem Gesange begleiteten Dank- und

Freudentanz auf. --

15. Tinian, die Jagdinsel.

Auch jagdlich Interessantes sah ich auf den Marianen, und zwar

auf der Nachbarinsel Saipans, auf Tinian. Ein altes, ausgedientes

Walfischfängerboot fährt von Saipan aus ab und zu nach dieser Insel.

In den ersten Morgenstunden, es ist noch dunkel, gehen wir in See. Ein

gerade auf den Marianen anwesender, von den Westkarolinen gekommener

deutscher Kaufmann, ferner der Alkalde und Bürgermeister von Saipan,

ein Chamorro, der die Jagd auf Tinian gepachtet hat, machen die Reise

mit. Auch ein kleines Chamorromädchen hat sich angeschlossen.

Von fünf Ruderern wird das offene Boot vorwärts getrieben. Mit

aller Kraft müssen sie einsetzen, um uns durch die scharf und hoch

heranrollende Brandung ins freie Meer hinauszubringen. Draußen eine

ruhige Dünung, die mit breiten, langen Wogen dahergezogen kommt. Wie

Berg und Tal sieht die See sich an, wie ein mächtiger, schlafender

Wasserriese, dessen Brust sich in starken, tiefen Zügen hebt. Köstlich

rein und klar der Tag. Alle sind froh und bester Dinge mit Ausnahme

des armen Alkalden, der bereits in der ersten Viertelstunde schwer

seekrank geworden ist. Gegen Mittag landen wir in Tinian und richten

uns in dem kleinen Jägerdorfe der Karoliner so gut es geht häuslich

ein. Der Alkalde hat uns eine winzige und höchst primitive Jagdhütte

zur Verfügung gestellt.

Im Morgengrauen des nächsten Tages brechen wir auf zur Jagd auf die

Wildochsen. Neben den Hütten beginnt schon der Busch. Dieser Busch

Tinians ist so dick und dicht, so ganz undurchdringlich, daß wir trotz

aller mitgeführten und eifrig gehandhabten Buschmesser oft zu gleicher

Zeit mit Kopf, Hals und Brust, Armen und Beinen in böses Gerank und

Gezweig schier unlöslich verstrickt sind. Stundenlang heißt es gebückt

und ohne sich frei aufrichten zu können, von tausend Dornen und

Nadeln zerstochen, in allerschwülster und feuchtester Treibhausluft

dahinkriechen und sich mühseligst vorwärtsarbeiten. Bald ist mein

leichter Leinenanzug nichts mehr als ein nasser Lappen. Brennender

Durst peinigt mich. Mit kleinen, da und dort aufgelesenen Zitronen

lösche ich ihn, so gut ich kann.

Plötzlich etwas Weißes, kaum für einen Augenblick zu sehen, ein

schönes, großes, prächtiges Tier, das in wilder Flucht schon wieder

verschwunden ist. Niemand -- selbst die eingeborenen Jäger nicht

-- ist in dem Dickicht zu Schuß gekommen. Aber der Führer unserer

Jagdgesellschaft, ein Chamorro, hat sich jetzt rasch von uns losgelöst

und eilt, kriecht und springt, so rasch er nur kann, durch Busch und

Unterholz dem entkommenen Wildochsen nach. Uns zwei Europäern ist es

ganz und gar unmöglich, so schnell zu folgen. Mühselig und langsam

arbeiten wir uns weiter. Plötzlich ein Schuß, der donnernd durch die

große Stille des Busches rollt. Aber noch lange haben wir zu tun, bis

wir an die Stelle gelangt sind, wo der Chamorro seine Kugel abgeschickt

hat. Ganz schlank und schneeweiß, wie ein seltsames Märchengetier

verzauberten Urwaldes, liegt das im Schuß gefallene Wild auf nasser,

schwarzer Erde. Als ob es noch lebte, so klar und sprechend blicken

die großen, blauen Lichter. Geheimnisvoll dunkel ist es unter den

schweren Wolken des dichten Blattwerks. Kein Sonnenstrahl kann da

hindurch. Große breitflügelige Falter mit lichthimmelblauen Sternchen

im nachtschwarzen Flügelkleide flattern ängstlich umher. Laut und

begehrlich heulen in nächster Nähe, Fraß erhoffend, hungrig die wilden

Hunde ...

Erst am Nachmittag kommen wir wieder in das Dörflein zurück und

erfreuen uns an einem Bad in bergseeklarer Meeresflut. Der Alkalde

und das kleine Chamorromädchen, das mit uns herübergefahren, haben

inzwischen für das Mittagessen gesorgt. Der gute Bürgermeister von

Saipan war nicht bei der Jagd dabeigewesen. Er lehnte stets energisch

jede solche Einladung ab. „Einmal und nicht wieder“, meinte er

verständnisvoll lächelnd. Dafür aber war er sonst in die Gewohnheiten

seiner Ahnen zurückgefallen, hatte sich seines weißen Leinenanzuges

entledigt und zeigte sich auf Tinian nur mehr in der Badehose.

Die Wildochsen -- es sind wohl Nachkommen einmal von den Spaniern

hierher gebrachter und allmählich verwilderter Tiere -- werden

meist gedörrt und dann nach Guam ausgeführt, während sonstiges Wild

nach Saipan gebracht wird. Es gibt ja noch alles erdenkliche andere

Jagdbare auf der Insel, ganz ungemein viele Wildschweine, Ziegen mit

mächtigem Gehörn, Wildhühner und alle möglichen Wasservögel, auch

wilde Hunde sind zahlreich vertreten. -- Weitaus am interessantesten,

aber unendlich mühselig, eine ganz unglaubliche Hetze, ist die Jagd auf

die Sauen. Sie müssen, um bei der starken Tropenhitze noch Verwendung

finden zu können, lebend gefangen und lebend nach Saipan gebracht

werden.

Mit einer höchst abenteuerlichen Meute zieht man aus, alle möglichen

Nachkömmlinge europäischer Hunde sind da vorhanden, alle nur denkbaren

Gattungen, Arten und Mischrassen. Selbst winzige Foxterriers fehlen

nicht. Der Bestand der Meute wird je nach Bedarf auch aus den wilden

Hunden des Busches, die mit einem Lasso gefangen, bald durch Hunger und

Durst gezähmt werden, ergänzt. Mit Hussa und Hallo geht es hinter den

Schwarzröcken einher, geht in einem derartig tollen Sturmtempo durch

den allerverwachsensten Busch, daß ein Europäer mit den nacktbraunen

Jägern auf die Länge nie und nimmer Schritt halten kann. Ist das

Schwein von den Hunden gestellt, so wird es von den Karolinern geworfen

und gebunden. Aber manch armer Hund stirbt dabei unter den Waffen der

starken Keiler, mancher der verwegenen Jäger wird tödlich verletzt.

Für das gefangene und gefesselte Wildschwein beginnt nun ein langes,

trauriges Martyrium. Tagelang liegt es, ohne sich bewegen zu können,

ohne je Wasser zu bekommen, von Milliarden von Fliegen übersät und

gepeinigt, im Jagddorf der Karoliner und, nach Saipan gebracht,

tagelang in den Höfen der Chamorros herum, bis es endlich von seinen

Qualen erlöst wird.

Wenig anstrengend, wenig gefährlich und dabei doch recht unterhaltend

ist die Hahnenjagd auf Tinian. Der Jäger nimmt einen zahmen Haushahn

mit, der im Walde irgendwo angebunden wird. Durch sein Krähen hat er

bald einen Wildhahn angelockt. Ein wütender Kampf entspinnt sich,

und der Jäger braucht den vor Wut vollständig blinden Wildhahn nur zu

greifen.

Ich war auf Tinian meist recht müde am Abend. Die paar Jägerhütten

der Karoliner versinken bald in Schlaf und Schweigen. Grenzenlose

Einsamkeit, tiefste Nachtstille ringsum, nur leise durchzittert vom

müden Branden des Weltmeeres, durchklungen vom silbernen Rauschen der

Palmen. Im dichten Busch flutet hellstes, schneeweißes Mondlicht.

Man kann nicht schlafen in solchen Nächten, zu taghell ist es, zu laut,

immer lauter und lauter rauschen die Palmen. Der Nordostpassat hat an

ihnen gerüttelt. Da sind die toten Waldriesen plötzlich wach und lebend

geworden. Vorbei der dumpfe, bleischwere Tropentagesschlaf. Sehnsüchtig

und leidenschaftlich strecken sie nach Brüdern und Schwestern die

schlanken Arme aus. Geisterstunde im Palmenwald! Und nicht nur die

Bäume, das kleinste Gras, der kleinste Halm ist lebend geworden, hat

zu flüstern, zu raunen, zu rufen begonnen. Geheimnisvolle Stimmen und

Stimmchen allüberall. Wie verzaubert stehen Dickicht und Dorn, wie

überschüttet von dichtem, weißem Winterschnee. Ängstlich blicken die

braunen Mädchen und Frauen, wagen sich nicht von den Hütten fort, rasch

und eilig nimmt der Mann, die flackernde Fackel in der Hand, durch den

gespensterbelebten Busch seinen Heimweg.

Ich blieb mehrere Tage in Tinian. Der Aufenthalt dort hat ja mancherlei

kleine Beschwerden. Es geht selbstverständlich mehr als einfach her.

Eine gewisse Unannehmlichkeit bedeuten die Ratten, die in übergroßer

Anzahl vorhanden sind. Ich wurde am Abend ermahnt, mir ja sorgfältig

die Hände zu waschen, damit ihnen kein Speisengeruch anhafte, sonst

würde ich höchstwahrscheinlich von den zur Nachtzeit sehr zudringlichen

Tieren angenagt werden. Eine weitere Landplage sind die Fliegen. Zu

Milliarden und Milliarden sind sie da. Oft ist die Luft ganz schwarz

von ihnen, die in der Mitte des Dörfleins liegende Knochen- und

Schädelstätte ist dicht von ihnen übersät, es ist kaum möglich, sich

ihrer zu erwehren.

Aber dennoch blieb ich gerne. Eine solche Stille auf diesem

weltverlorenen Inselchen mitten im großen Ozean, wie ich sie noch nicht

gekannt. Ich fühlte mich ganz und für immer ausgeschaltet, losgelöst

vom Getriebe und Räderwerk der hastenden, lärmenden, nie zur Ruhe

kommenden Welt, eins fühlte ich mich mit Himmel, Erde und Meer, eins

mit großer, ewiger Natur.

An der See, unter den Palmen hab ich meinen Lieblingsplatz. Zweimal am

Tage steig ich in die kristallklare Flut. Wenn ich dem Ufer entlang

pilgere, verschwindet plötzlich der weiche Sandstrand, an seine Stelle

tritt steil ins tiefblaue Meer abstürzender Basaltfels. Ganz am Gestade

ab und zu auch bergseegrüne Färbungen. Große, schwarze Meerschnecken

kriechen auf dem Grunde dahin; reizende azurblaue, lustige Fischchen

huschen spielend um weiße Korallen herum und weiter draußen taucht

manchmal der sattbraune Rücken eines springenden Delphins auf.

Mehr landeinwärts, mitten im dichten Busch spricht sogar -- wie selten

ist das in der Südsee -- die Geschichte. Graue, mächtige Säulen

ragen mit breiten, schweren Kapitellen, wie von gewaltigen Riesen

und Hünen der Urzeit getürmt, aus dem rings sie umwuchernden, sich

an ihnen emporschlingenden Blatt- und Baumgrün empor, Reste eines

Chamorro-Edelsitzes. Zwölf dieser wuchtigen Korallensteinsäulen,

je sechs in einer Reihe stehend, trugen das Haus; auf Säulen und

Kapitellen ruhte in freier, luftiger Höhe erst der eigentliche

Wohnraum; zwischen den Trägern und Pfeilern, unter dem Wohnraum, war

der Stall, die Scheune, der Aufbewahrungsort für Ackerbau-, Jagd- und

Fischereigeräte. Vornehm und prächtig haben die Herrengeschlechter der

Chamorros gewohnt.

Nur zwei der altehrwürdigen Säulen stehen heute trotzig und einsam

noch da. Die andern zehn sanken, von Taifunen und Erdbeben zu Boden

geschmettert. Um das wilde Steinchaos ihrer Riesenleiber haben dichte

Lianen einen grünen Garten gesponnen; kein Laut, kein Vogelgezwitscher

an dieser ernsten Stätte des Todes, ringsum nur das tieftiefe,

ergreifende Schweigen des Tropenwaldes. Über den Kronen der Palmen

zieht ein fliegender Hund scheu seine Kreise.

Sonnenländer · 第 5 / 11 段