Der Steuermann -- erst neunzehn oder zwanzig Jahre ist er alt --, ein

schmal und lang gewachsener Japaner, ist wachsgelb wie ein Toter. Und

neben ihm der ganz kleine, untersetzte Kapitän kann kaum mehr aus

seinen winzigen Schlitzäuglein heraussehen und hat tiefe, schwarze

Ringe um die Augen.

„~Atama itai!~“ meint er, mit einem schmerzlichen Lächeln auf seine

Stirn weisend. „Kopfweh!“

„~Atama itai!~“ „Kopfweh!“ -- Ja, das haben wir, Kopfweh und noch mehr,

bis auf eine oder die andere Ausnahme wohl alle. Außer dem Kapitän und

dem Steuermann sind auch noch vier von unsern acht Matrosen regelrecht

und schwer seekrank.

Aber trotz aller Seekrankheit finden wir uns doch beim Mittagstisch.

Der sieht freilich nicht allzu einladend aus. Die „Schlingerleisten“

konnten es nicht verhindern, daß schon vor Beginn der Mahlzeit mehr

auf und unter dem Tische als in den Tassen und Tellern schwimmt und

verschiedenstes Geschirr zerbrochen auf dem Boden umherkollert. Als ich

zudem nur gebratene Lotos- und Klettenwurzeln, getrocknetes Seegras und

dergleichen vegetarische Herrlichkeiten mehr erblicke, als mir außerdem

noch der scharfe durchdringende Geruch eines großen aufgeschnittenen

Rettichs und verschiedener anderer stark duftender japanischer

Delikatessen bös und verdächtig in die Nase steigen will, schüttle

ich traurig den Kopf und ziehe mich hungrig und betrübt in meine Koje

zurück.

Das ist überhaupt das Allerbeste und Klügste, was ich in den nächsten

Tagen beginnen kann: brav in der Koje, möglichst gut verankert,

liegenbleiben; versuchen, Sturm, Regen und Seegang zu verschlafen und

hoffen, daß es bald anders werde.

Leider wurde es mit Ausnahme von ein paar wenig besseren Tagen im

großen und ganzen nie anders, die lange, lange Fahrt begann und endete

stürmisch.

Kaum daß es je so war, daß man ruhig sitzen konnte, ohne sich

anzuhalten; daß man friedlich sein frugales Mittag- und Abendmahl zu

sich nehmen konnte; daß man gehen konnte, ohne umzufallen, liegen

konnte, ohne energisch hin und her geworfen zu werden. Manche Beule,

manchen Riß und manche Schramme trug ich aus dem Wogengefecht davon,

und am Schlusse der Fahrt war ich dermaßen mit ehrenvollen Narben

übersät, als ob ich eine solenne oberbayrische Kirchweihkeilerei aktiv

und besonders passiv von Anfang bis zu Ende mitgemacht hätte.

Sehr schlimm war’s in der Höhe der Bonininseln. Dort hatte acht Tage

vorher ein Taifun gewütet, hatte die ganze Ernte vernichtet und sogar

einen großen Teil der Steinhäuser niedergerissen. Während unsere Segel

in einer zweitägigen Windstille schlaff um die Masten klapperten,

wurden wir herumgeworfen wie kaum im Sturm des ersten Tages.

Die schlimmste und unruhigste Fahrt, die er je nach den Marianen

gehabt, meinte unser Kapitän.

Ich weiß ja nicht, ob das der kleine Japaner nicht vielleicht

nach jeder Fahrt behauptet, aber jedenfalls war die Fahrt für

eine „Landratte“ vollkommen bewegungsreich genug. Dabei war ich

zu vollständiger Untätigkeit verdammt. An Schreiben war nicht zu

denken, aber auch das eben aufgeschlagene Buch klappte ich nach einer

Viertelstunde, müde des tollen Wirbeltanzes der Buchstaben, gern wieder

zu.

Der „Stille“ Ozean! Für den westlichen, sturm- und strömungsreichen

Teil des Pazifik stimmt diese Bezeichnung weiß Gott nie und nimmer.

„Still“ freilich in dem Sinne, daß er ganz welt- und menschenverlassen

ist, das ist er wohl sicherlich. Rings unendliche, grenzenlose

Meereseinsamkeit. Kein Gedanke, daß man einem andern Schiffe begegnen

könnte! In der dunkelsten, finstersten Nacht, bei schärfster Fahrt

denken sie gar nicht daran, eine einzige Laterne zu entzünden. Ist

wider die Vorschriften. Wenn man aber die Leute fragt, ob sie nicht

einen Zusammenstoß befürchten, dann lächeln sie nur. Jahr und Tag

könnte man hier herumfahren, einem andern Schiff würde man doch nie und

nimmer begegnen.

Durch den hohen Seegang scheint auch im Meere alles tot und erstorben

zu sein: kein Wal, kein stürmisch jagender Thunfisch, kein lustig

mitziehender Delphin. Ein einziges Mal, daß ein hungriger Hai im

weiten, scheuen Bogen unser Schiff umkreist. Sonst tote, leblose, ewige

Wasserwüste ringsum.

Und doch! trotz aller bösen See, wie unendlich viel Schönes bietet eine

solche Segelfahrt!

Der Dampfer, das ist der Sieg des Menschen über die Natur. Was kümmern

einen die Windstillen, was kümmert einen da selbst der Sturm. Wenn

nicht etwas ganz Unvorhergesehenes eintritt, durchfährt man ihn ruhig.

Auf dem Segler, da ist man wohl nicht Bezwinger und Herr, aber man ist,

man wird, und das ist das Schöne daran, ganz Freund, enger Freund der

Natur.

Nichts, was einen davon ablenkt, was einen Mißton, etwas Fremdes

hereintragen könnte. Kein Maschinenlärm und Kohlenstaub, kein Ölgeruch,

keine Eisenplatten und Stahlkonstruktionen, keine Herren im Smoking und

Damen in Gesellschaftstoiletten, keine langatmigen Diners und Soupers,

keine Kellner und Stewards, nichts von dem ganzen Hotelbetrieb des

großen Passagierdampfers, man ist allein mit den einfachen Seeleuten,

ist einziger Fahrgast; Fahrgast auf einem leichten, kunstvoll

gefügten Holzwerk, das fast lautlos über die Flut dahinrauscht. Ein

mittelalterliches, nein, ein ganz uraltes Ding, wie es so oder doch

ganz ähnlich schon vor Tausenden von Jahren das Wasser durchfurcht hat.

Und ganz nahe ist man diesem Wasser, man kann es fast mit den Händen

greifen.

Aller Vorgänge auf dem Meere lernt man achten, lernt alle Zeichen am

Himmel sehen und deuten; die grauen Nebel, die dort im Norden brauen,

können die Vorboten des ersehnten guten Windes sein. Die Wolken, die

sich im Süden auftürmen und finster zusammenballen, können uns schon in

einer Stunde den nächsten Sturm gebracht haben.

Einsamkeiten und Riesenweiten des Meeres, Ewigkeitsfernen des Alls

reden mit uns zu jeder Stunde. Frei geht der Blick in ungemessenen Raum!

Aus den Weiten kommt er wieder zum Nahen, schweift nach Osten und

schweift nach Westen. Dort drüben im Osten, wenn einmal ein klarer

Tag aufsteigen will, Sonnenaufgänge von einer unendlich keuschen und

stillen Pracht. Kein Laut, als das Rauschen der emporsteigenden Flut

grüßt das aufgehende Tagesgestirn.

Wenn es abends wieder niedertaucht ins Meer, schimmert ihm noch lange

eine leuchtende Farbenorgie von schwarzen und goldenen, blaßrosa und

lila, lichtblauen und tiefsamtblauen Tönen, ein bei uns nie gesehener

Farben- und Feuerzauber nach. Zu unserer Rechten leuchtet das Meer noch

in rotgoldgrünem Abendglanz; zu unserer Linken, drüben im Osten, ist zu

gleicher Zeit schon der Mond aufgestiegen, glutrot wie ein arbeitender

Vulkan, das Haupt unheildrohend und finster von schwarzem Dunstgewölk

umhüllt. Höher steigt er und wandelt sein Glutrot in lachendes Gold --

golden erschimmert die Flut. Weiter klimmt er empor, silbern wird nun

sein Gewand. Er breitet sein leuchtendes Kleid über die rollende See,

ihr Ruhe und Frieden gebietend. Da werden die Wellen, die Wogen ganz

still, flüstern und lispeln nur mehr ganz leise, rings schlafende,

träumende Silbersee.

Und schneeweiß und silbern, ein stummer, glänzender Schwan, gleitet

das Schiff mit weitausgebreiteten, leuchtenden Schwingen lautlos durch

silberschäumende Flut, gleitet dahin durch weichmilde Tropennacht,

dahin unter Sternen und nie zu lösenden Fragen des Firmamentes und über

unerforschte Rätsel tiefster Meeresgründe, gleitet südwärts, immer

südwärts, unter dem Sonnenbanner der Sonne zu, entgegen dem in weiter

Ferne vor uns lockend aufleuchtenden, uns herrlich den Weg weisenden

Kreuze des Südens.

[Illustration: Kindertheater. (S. 42)]

[Illustration: Der Festzug. (S. 40)]

[Illustration: Uferpartie bei Enoshima. (S. 26)]

[Illustration: Inlandsee. (S. 45)]

Eine einzige solche Mondscheinnacht macht wochenlange Strapazen

wett, so schön ist sie. Man hat alles vergessen, hat vergessen, daß

man in Kammern und Kojen des Schiffes nicht aufrecht stehen, nicht

ausgestreckt liegen kann, daß man schon tage- und tagelang von nicht

viel mehr als von ein paar Handvoll Reis gelebt hat, daß man ... nein,

man weiß das alles schon nicht mehr, weiß nur mehr, daß eine ganz

einzige Pracht ringsum gebreitet ist.

Während der Mann am Steuer leise ein kleines japanisches Lied vor sich

hinsummt, träume ich neben ihm auf dem Boden liegend, hinaus in die

stille Mondnacht, träume und träume! ...

Doch plötzlich, vom Bug des Schiffes her, ein lauter, durchdringender

Schrei, der grell die Nacht durchgellt.

Nun ein Gebrüll der sämtlichen Matrosen, und, dieses übertönend,

ein lautes, mit hoher Stimme gegebenes Kommando des Kapitäns. Mit

schlaffen Segeln treibt das Schiff schon nur mehr langsam vor dem

Winde. Erschrocken fahre ich auf und stürze -- ich denke an die

Petroleumfässer, welche die Tora Maru geladen hat und an Feuersgefahr

--, so rasch ich kann, nach vorne.

Die ganze Schiffsbesatzung lehnt dort an der Reling, gespannt sich

hinüberbeugend.

Gottlob, kein Brand und kein Leck und nichts Böses. Ein schwerer, wohl

sechs Fuß langer Delphin, der von einem der Matrosen harpuniert wurde,

tobt da unten herum, schnaubt und pustet mächtig im Wasser herum, geht

tief, kommt wieder empor und peitscht aufgeregt die Flut.

Ein langer, aufregender Kampf. Der Mond ist von einer Wolke überdeckt,

man sieht kaum und kann das kräftige Tier nicht richtig führen. Es

gelingt ihm, ganz tief und unter das Schiff zu gehen und dort am Kiel

die Harpune, die wohl nur leicht in der Haut saß, abzustreifen.

Plötzlich ist die vorher fast überspannte Leine leicht und leer

geworden und wird von den betrübten Matrosen mit langen Gesichtern

eingeholt. Sie hatten sich schon auf den fetten Festbraten gefreut.

Selbst den Hai verzehren die japanischen Matrosen mit größter

Begeisterung. Und sehr viel schlechter und ungenießbarer als die

sonstige japanische Schiffskost kann auch ein Haifisch nicht sein!

11. Agrigan.

Am nächsten Tage nach dem verunglückten Delphinfang bekommen wir, ganz

in der Ferne, die zweitnördlichste Marianeninsel zu Gesicht. Sie ist

ein in der See halb versunkener Vulkankrater. Als „Urakas“ wird diese

Insel gewöhnlich auf den Seekarten geführt.

Kurz nach Urakas laufen wir an einer andern Insel vorbei, dem von einer

hohen, unruhigen See umspülten grünen Vulkaneiland Assumption (richtige

Benennung: „Assongsong“). Beide Inseln sind unbewohnt und außer

zahlreichen Seevögeln ist dort wohl auch wenig Tierleben zu finden.

Am nächsten Tage werfen wir vor der Insel „Agrigan“ Anker. Leider

landen wir nicht in der erhofften, frohen Stimmung. Schon von ferne

fielen die fahlen, gelben Grundtöne der Insel auf, und als wir näher

kamen, sahen wir nichts als Verheerung und Zerstörung; geknickte, ihrer

Blätter und Früchte vollständig beraubte Kokosnußpalmen, nicht in ihrem

sonstigen saftigen Grün freundlich und lachend herüberleuchtend, alle

gelb, welk und krank herschauend und viele der ganzen Länge nach auf

den Boden hingemäht.

Der deutsche Kaufmann, der die Tora Maru gechartert hatte, hatte mit

noch einem Teilhaber vier Marianeninseln, darunter auch Agrigan, vom

Deutschen Reiche behufs Kopragewinnung gepachtet. Kopra nennt man die

getrockneten Kerne der Kokosnuß, die nach Europa verkauft werden, wo

Kokosnußöl und aus den Rückständen Viehfutter daraus gewonnen wird.

Außer zwei eigenen Segelschiffen, die im Taifun ihm verlorengegangen

waren, hatte ihm dieser bereits zwei Inseln im letzten Jahre

vollständig zerstört, nun war die dritte ebenfalls zugrunde gegangen.

Als wir an Land kamen, sahen wir erst so recht, wie gewaltig der

Orkan hier gewütet hatte. Die weithin gestreckte Pflanzung war ein

einziges großes, trauriges Trümmerfeld. An keiner, keiner einzigen

Palme mehr eine einzige Frucht, die Blätter gelb und zerfetzt, auf dem

Boden in wirrem Durcheinander gefallene Stämme, abgerissene Blätter

und Kokosnüsse, auf Jahre hinaus keine Ernte mehr zu erwarten. Die

Palmhütten der Arbeiter niedergerissen, von dem festgefügten Koprahaus

das Dach verschwunden, alle vier Wände niedergelegt.

Die Insel, die auf mehrere Jahre hinaus keinen Ertrag und keine Ernte

mehr geben würde, mußte fürs erste aufgelassen und der größte Teil der

Arbeiter davon zurückgezogen werden. In diesem Sinne gab der deutsche

Kaufmann seine Anordnungen.

Nun begann in der vorher ganz stillen Ansiedelung sich plötzlich das

regste und bunteste Leben zu entfalten. Die braunen, pudelnackten

Karolinerkinder -- außer einigen Chamorros, den Ureinwohnern der

Marianen, sind fast sämtliche Arbeiter den auf Saipan ansässigen

Karolinern entnommen -- tollten in wilder Jagd hinter dem Geflügel,

Hähnen, Hühnern und Enten, einher. Die Männer, ebenfalls fast ganz

nackt, es waren kräftige und prächtig ebenmäßige Gestalten darunter,

machten sich daran, die Schweine einzufangen, eine böse, schwierige und

gefährliche Arbeit. Denn das Schwein hierzulande ist nicht so zahm,

friedlich und gutmütig wie unser deutsches Hausschwein. Es verteidigt

seine Freiheit mit allen Mitteln, und vor allem die großen schweren

Eber sind böse und ungebärdige Gesellen.

In den auf hohen Holzpfählen stehenden, mit Palmblättern bekleideten

und überdeckten Hütten sind inzwischen die Frauen an der Arbeit, die

wenigen Familienhabseligkeiten in Kisten und Bündel zu packen und ihre

Lawa-lawa, ein schurzartiges, die Lenden deckendes Bekleidungsstück,

in der sie sich zuerst vorstellten, gegen irgendein grellfarbiges,

leichtes Festtagskleidungsstück europäischer Machart zu vertauschen.

In kurzer Zeit sind alle Reisevorbereitungen beendet, die

Arbeiterkolonie von Agrigan steigt mit ihren Tieren, Kisten und Bündeln

zum Strande hinab.

Der deutsche Kaufmann und ich haben die Zwischenzeit dazu benutzt, uns

an einigen Kokosnüssen und an einem Stück saftigen Schweinebratens

zu erfreuen; man kann sonst nicht viel tun, denn das mannshohe,

messerscharfe Savannengras macht jedes weitere Eindringen in die

sonst gänzlich unbewohnte Insel fast unmöglich. Leider fehlten die

Bananen und die Orangen -- all das wurde auch vom Taifun zerstört --,

aber dennoch hat mir noch kein Diner je so gemundet, wie nach langer

japanischer Schiffskost dieser einfache, aber frische und schmackhafte

Imbiß, bei dem die fehlenden alkoholischen Getränke sowie das ebenfalls

ermangelnde Quellwasser eine Schale erfrischender Kokosnußmilch

ersetzen mußte.

Als wir zum Strand hinabkamen, saß schon die ganze braune, bunt

zusammengewürfelte Gesellschaft fröhlich schwatzend und scherzend im

Sande und wartete der Einschiffung. Diese gestaltete sich infolge der

Brandung etwas langwierig und schwierig. Für das Landungsboot ist es

unmöglich, ganz ans Ufer heranzukommen. Die Männer waten und schwimmen

hinaus bis zum Boot; Frauen, Kinder und sämtliches Getier werden

hinausgetragen, wobei sich manche heitere Episode abspielt, wenn

irgendeine höhere Brandungswelle die Träger samt ihrer Last teilweise

oder auch ganz für ein paar Augenblicke in feuchtes, salziges Naß

eintaucht.

Eine große allgemeine Fröhlichkeit erfaßt allmählich diese Menschen,

die nun wieder bessere Tage vor sich sehen. Fast zwei Monate haben sie

sich so ziemlich ausschließlich von Kokosnüssen genährt. Der Proviant

war ausgegangen, alle Baum- und Feldfrüchte waren vernichtet. Hühner

und Schweine waren in der Hauptsache Eigentum des deutschen Kaufmannes,

des Aufsehers und einiger weniger, besser gestellten Arbeiter gewesen.

So freuen sie sich jetzt der kommenden guten Zeiten.

Nur zwei Menschen sehe ich, die mitten in der allgemeinen Lustigkeit

traurig sind, zwei schlanke, hübsche Karoliner: ein junger Mensch,

Anfang der Zwanziger, und ein junges Mädchen, beide in Lawa-lawa und

ein paar grüne Zweige in den schwarzen Haaren.

Er muß, da seine Arbeitskraft hier nicht mehr benötigt wird, nach

Saipan zurückkehren, während sie in Agrigan zurückbleiben soll.

Sie lehnt und preßt ihren Kopf an seine Schulter, schluchzt bitterlich

und hat die braunen Augen voll von großen schweren Tränen. Er hat ihre

Hand gefaßt, drückt sie und starrt wortlos und düster in den Sand.

So stehen sie lange, stehen noch da, als unser Landungsboot schon

weit in der See schwimmt, stehen als die letzten, die einzigen, am

Ufer, die zwei braunen, jungen, schlanken, nackten Menschen mit dem

lichten Baumgrün im dunklen Haar, beide ganz allein an der unendlichen

tiefblauen See, die sich mit ihren weiten Wassern nun trennend zwischen

sie legen soll, beide von Abschiedsweh durchzittert.

Plötzlich macht er sich entschlossen los, springt durch die Brandung

und schwimmt mit starken, kräftigen Stößen, von der Dünungswelle bald

hoch hinaufgetragen, bald in den Wogentälern versinkend, unserm Boote

nach. Sie aber wendet sich kurz um und geht langsam, ohne noch einmal

umzusehen, zu ihrer Hütte unter den entlaubten Palmen zurück. -- --

Eine Stunde später lichten wir den Anker und segeln in den rasch

herabsinkenden Abend hinein. Monate und Monate werden vergehen, bevor

das weltvergessene Agrigan wieder ein Schiff zu Gesicht bekommen wird.

12. Pagan.

Die Tora Maru fährt am nächsten Morgen in die Bucht der Insel Pagan ein.

Hier sieht es freundlicher aus. Zwar bemerken wir schon vom Schiffe

aus, daß auch hier der Taifun gewütet haben muß. Aber Dorf und

Pflanzungen liegen hier geschützter, mehr landeinwärts, zur Linken

von schwarzen, hohen bizarren Basaltfelsen umtürmt, rechts ebenfalls

von Höhen umlagert, und weiter landeinwärts baut sich ein mächtiger,

noch tätiger Vulkan auf, der sein Haupt in schwere, dichte Dunst- und

Rauchwolken gehüllt hat.

Bald stehen wir auf dem schwarzen Ufersand, bald sind wir in dem

freundlichen Dörfchen mitten unter den braunen, lustigen Leuten, bald

durchwandern wir die weiten, hohen, saftig grünen Palmpflanzungen.

Hier sind die Palmen selbst wenigstens nicht vom Taifun gestürzt und

entwurzelt, nur dann und wann ist eine Krone oder eine Blättergruppe

geknickt worden, die Früchte liegen auf dem Boden verstreut. Nach

Jahresfrist, wenn kein neuer Taifun über die Insel wegzieht, ist wieder

auf eine Ernte zu hoffen. Aber vorläufig freilich muß auch diese Insel

in der Hauptsache geräumt werden! ...

Am Abend dieses Tages hat die kleine Tora Maru ungefähr siebzig

Karoliner an Bord: Männer, Frauen und eine Unmenge Kinder, einige

Dutzend Schweine und unzähliges Geflügel, darunter an dreißig

Kampfhähne, die getrennt an der Reling angebunden, sich gegenseitig

nach Leibeskräften und Herzenslust ankrähen.

Leider waren auch wieder die letzten sechsunddreißig Stunden unserer

Reise, die Fahrt von Pagan nach Saipan, sehr wenig erquicklich. Es

war, als ob die Berge und Vulkane von Pagan sich ins Meer fortpflanzen

wollten, so stark war der Seegang, und jede Minute kam ein schwerer

Brecher über Bord.

Dazu das mit Menschen und Tieren überfüllte Schiff. Der Kapitän machte

einen ganz gekränkten Kopf, und die Matrosen wußten kaum, wo sie sich

hinstellen sollten, die Segel aufzuziehen und einzureffen.

Freilich, das mörderische Geschrei der Kampfhähne verstummte sehr bald.

Schon nachdem sie die paar ersten Wellen über den Kamm bekommen hatten,

wurden sie ganz friedlich und duckten sich mit nassen Flügeln so klein

zusammen, als sie nur konnten. Auch die Schweine gaben ihr Grunzen und

Brummen sehr bald auf, kauerten sich, schwer seekrank, unter der vor

der Nässe schützenden Holzverkleidung des Buges zusammen und lagen dort

wie leblos und tot.

Dafür zeterten und schrien nun unsere zahlreichen Kinder der

verschiedensten Jahrgänge um so mehr und die Frauen ächzten und

stöhnten.

Einige Frauen und Kinder können wir zwar enggepfercht in unserm

Eßzimmerchen unterbringen. Aber alle die vielen andern, für die hier

kein Platz ist, müssen die sechsunddreißigstündige, durch Regenböen

und übergehende Wellen wenig behaglich gemachte Fahrt auf freiem,

ungeschütztem Deck verbringen, und alle wohl seufzen erleichtert auf,

als am Morgen des übernächsten Tages die grüne Bergküste Saipans im

Süden auftaucht.

Auch ich. Und ich sagte der Tora Maru endgültig Lebewohl. Ich

hatte zwar beabsichtigt, drei Tage später mit ihr noch bis Guam

weiterzufahren und von dort wieder auf ihr nach Saipan zurückzukehren.

Aber während man zur Fahrt von Saipan bis Guam nur zwei Tage benötigt,

dauert die Rückreise von Guam nach Saipan zehn bis vierzehn Tage,

oft auch länger. Man muß beständig gegen den in dieser Jahreszeit

hier regelmäßig wehenden Nordostpassat aufkreuzen. Und ich war

nicht gewillt, mir das amerikanische Guam durch einen weiteren

vierzehntägigen japanischen Kostgenuß zu erkaufen.

Während ich im Landungsboote in das Korallenriff Saipans einfahre,

blicke ich Abschied nehmend noch einmal zu den weißen Segeln der Tora

Maru zurück.

„Leb wohl!“ rufe ich ihr über die hohe schäumende See zu. „Leb wohl,

du schlankes, schönes Tigerschiff! ... Hast mich treulich durch Sturm

und böse See viele Meilen weit hierher getragen. Hab tausend Dank! Leb

wohl, schlanke, schöne Tora Maru!“ --

13. Geschichte der Marianen.

Die Marianen wurden von Magalhães im Jahre 1521 entdeckt. Er war im

September 1519 von Spanien aufgebrochen, um einen neuen, auf der

spanischen Erdhälfte gelegenen Weg nach den Molukken zu finden.

Vierzehn Monate später erreichte er, nachdem er schon zwei Schiffe

verloren hatte, mit den drei übrigen die Südsee. Magalhães war es,

der sie wegen des andauernd ruhigen Wetters, das er hier antraf, den

„Stillen Ozean“ taufte. Am 6. März 1521 warf er vor einer Marianeninsel

Anker. Die Eingeborenen, die sein Schiff mit ihren kleinen Seglern

umringten, waren zuerst freundlich und brachten ihm Nahrung und die

Früchte des Landes, dann aber wurden sie zudringlich, stahlen ein Boot

und Metalle. „Ladronen“ = „Diebsinseln“ nannte daher Magalhães das neue

entdeckte Land. Ein Streit entspann sich, die Eingeborenen kämpften mit

Wurfspeeren und Schleudern, waren aber den Feuerwaffen der Europäer

nicht gewachsen. Schon am 9. März fuhr Magalhães weiter, und nach

seinem bald darauf auf den Philippinen erfolgenden Tode vollendete sein

Begleiter Eltano diese allererste Weltumseglung.

Auf einer zweiten Reise entdeckte Eltano die Marianeninsel Rota,

im Jahre 1565 ergriff Spanien förmlich Besitz von der Inselgruppe,

aber erst ein Jahrhundert später mit der Ankunft des Jesuitenpaters

Sanvitores setzte die tatsächliche Herrschaft der Spanier ein. Nach der

Königin Maria Anna hieß er die Inselgruppe „Marianen“.

Der Bekehrungstätigkeit des spanischen Paters stellten sich bald

Schwierigkeiten entgegen. Der Adel wollte nicht dulden, daß das Volk

auch die Sakramente bekomme. Außerdem war die Ehe der „Chamorros“,

der Ureinwohner der Marianen, stets eine sehr lose und nur auf

Neigungsdauer geschlossen. Sie betrachteten daher die durch Sanvitores

eingeführte, unlösliche katholische Ehe als eine Einmischung in ihre

inneren Angelegenheiten.

Schon 1670 brachen die ersten Unruhen aus und Sanvitores wurde 1672

von einem Chamorro getötet, dessen Kind er gegen den Willen des Vaters

getauft hatte.

Doch alle Versuche der Chamorros, die Spanier zu vertreiben,

scheiterten daran, daß die Eingeborenen, wie fast alle Naturvölker, im

entscheidenden Augenblick nicht genügend Entschlossenheit zeigten und

auch nie vollständig einig waren.

Kämpfe und Kämpfe, dann Seuchen und Hungersnot folgten. Schon im

Jahre 1710 war von dem in alten Missionsberichten auf 100000 Köpfe

geschätzten Volke der Chamorros nur mehr ein kleiner Überrest von 3700

Menschen übrig.

Sonnenländer · 第 4 / 11 段