ganz auf mächtigen, bemoosten Felsblöcken. Dicht unter mir plätschert
ein kristallklarer Bergbach vorbei, den sie etwas oberhalb zu einem
kleinen See gestaut haben. Drei kleine niedliche Teehäuser, drei
Inseln, auf ein paar Felstrümmern aufgebaut, schwimmen drin herum. Und
weiter hinauf ein Gewirr von Brücken und Stegen, Springbrunnen und
Inselchen.
Rasch hinaus und den Berg empor! An einigen Teehäusern und auch schon
rötlich gefärbten Kirschbäumen vorbei geht es hinein in den Wald. Der
mutet einen fast an wie lieber deutscher Wald. Nur die Formen der
Föhren, Fichten und Kiefern sind abenteuerlicher und phantastischer,
und unter das Nadelholz mischt sich viel immergrünes Gesträuch.
Ganz sommerlich sieht das alles noch aus, jetzt im November, heute
am Allerseelentag. Nur der wilde Wein, der sich dicht und schwer um
die hohen Stämme der Föhren schlingt, hat schon ein rotes Herbstkleid
angezogen, und das Waldgras ist da und dort von einem leisen
Rotschimmer überhaucht. Aber sonst ist hier noch Sommer! Tiefgrün
und lichtgrün, wie man es sehen will, und alles noch in Saft und
treibender Kraft. Bunte Schmetterlinge und leuchtende Libellen irren um
schimmernde Waldblumen, die Grillen zirpen, die Vögel locken und rufen
so laut wie im Frühling, manchmal ein Damwild, das mich fragend mit
seinen großen Lichtern ansieht -- und über all der Pracht liegt warmer,
milder Sonnenschein.
Durch dämmerig dunklen Wald nun höher hinauf, bis alles tief unter
mir liegt: blaue See, in die der graue Tempel sich einbaut, dicht
daneben die schlank graziöse Pagode, und ringsum das in Sommergrün
und Herbstrot gebettete Dorf. Über der See durch Ferndunst und
Höhenrauch herübergrüßende Berge. Ringsum Stille und Schweigen. Ringsum
unzerstörte, unentweihte, heilige Natur -- Insel der Seligen!
Zum Dorfe hinab. In den saubern und netten Holzhäuschen wohnen
Fischers- und Schnitzersleute. Brauchen nicht viel zum Leben und
haben das Wenige. Zufriedene und vergnügte Gesichter allüberall. Kein
Bettler, kein Armer zu sehen -- Insel der Seligen! ...
Nun in die Tempel. Der eine, auf kiefernbestandener, weitblickender
Höhe, der andere zu seinen Füßen in der See. Zu dem Gotteshaus, das
unten im Meere steht, müssen die es umsäumenden Föhren von hoher
Schutzmauer herab alle sich ehrfürchtig niederneigen. Manche bäumt sich
zwar, nachdem sie tief sich schon gesenkt, mit ihrem mächtigen Stamme
widerspenstig, hoch und trotzig wieder empor. Aber der Gott, der
zwingt sie nieder. Demütig küssen sie schließlich alle mit den Spitzen
der Wipfel die geweihte Erde tief unter ihren Füßen und Wurzeln,
bezwungene Walddrachen, die den heiligen Göttern huldigen.
Nicht nur die Bäume, nicht nur das Meer, das dem Tempel hier ewig sein
hohes Lied rauscht, auch die Tiere grüßen die Götter. Ein schwarzes
Tempelroß ist da und Störche und Tauben, Hunderte und Hunderte von
Tauben, zahmer und zutraulicher als die auf dem Markusplatz. Auf
stillem Tempelgrund äsen friedlich die Hirsche. An heiliger Stätte
Gottesfriede zwischen Mensch und Tier. Beide sind Freunde hier, beide
sind eins in der Gottheit! ... Insel der Seligen! --
Am Nachmittag hinaus ans Meer, hinaus ins Meer auf schmaler, sandiger
Landzunge, vorbei an dem mächtigen Tempelbogen, dem wogenumrauschten
Wahrzeichen Miyajimas. Auf einem alten, wegüber liegenden Baumstamm
läßt sich da schön sitzen. Leise brandet das Meer, von einer fernen
Fischerbarke trägt der Wind ein lustig Lied herüber, und auf einem
dürren Ast krächzen darüber ärgerlich ein paar Raben.
Nun hinter mir ein Rascheln im Sand. Damwild, das mich begehrlich
ansieht. „Nein, nein, ich habe nichts!“ Und als ob es mein
Kopfschütteln verstanden hätte, beginnt es ruhig, dicht neben mir, sich
mageres Gras zu suchen.
Ich sitze und sinne nach. So ganz anders wie bei uns! Soviel sonniger,
farbenprächtiger und leuchtender! Und doch, es ist heute Allerseelentag
für einen -- auch hier. Man ist mit Gedanken und Träumen mehr als sonst
in der Heimat, man gedenkt seiner Toten, gedenkt derer, die leben.
[Illustration: Der heilige Fujiyama. (S. 27)]
[Illustration: Japanisches Bauernhaus am Fujiyama. (S. 27)]
[Illustration: Anmarsch zum Tenryugawa. (S. 33)]
[Illustration: Auf dem Tenryugawa. (S. 36)]
„Oheio!“ tönt es da hinter mir, eine helle Knabenstimme. Ein
Fischersbub, mit der Angel in der Hand, steht dicht hinter mir, hat
ein paar schlechte Rüben in der Hand und deutet auf die Hirsche.
„Oheio“ = „guten Morgen“, so grüßen hier mit einem tiefdrolligen Knix
alle Kinder, „Oheio“, weil dies Wort den Fremden meist geläufig ist;
grüßen hier so, auch wenn es schon Nachmittag oder gar Nacht ist.
„Oheio“, sage auch ich und sage „Arrigato“ = „ich danke schön“.
Gemeinsam füttern wir die Hirsche. Mein Fischersbub bleibt, auch
nachdem wir ausgefüttert haben, bei mir, deutet da- und dorthin und
erklärt mir wohl nun all die hundert Herrlichkeiten seiner schönen
Insel, redet, redet immerzu, ganz wie der Bergbach neben uns, den es
auch nicht stört, wenn niemand sein Murmeln und Rauschen versteht.
Aber endlich hat der Kleine sich müde gesprochen, und als die Sonne
hinter den Waldhügel hinabsinkt, trollt er mit einem letzten Oheio nach
einer wohlgelungenen Verbeugung in sein Dorf zurück.
Ich bin wieder allein, wie ich es nun schon Wochen und Monate gewesen.
Ganz still ist’s rings geworden. Die Fischer sind längst eingefahren --
Wild und Raben sind zurück in den Wald.
Ich möchte den Tag so gerne länger halten können. Er ist so schön
gewesen! ...
Schön und herrlich und strahlend wie das alte Japan, das nun
todgeweihte Märchenland, dessen Lied einen so vollen und guten Klang
hatte, der noch süß klingt im Sterben, das alte Japan, das eines Tages
sterben wird, auch auf Miyajima, der Insel der Seligen.
Allerseelenstimmung auch hier! ... Noch eben spielte auf dem grauen
Tempelbogen ein letztes, leises Sonnenlicht, nun liegt das alles schon
im dunklen Schatten.
Götterdämmerung ist finster über die alten Götter hereingebrochen. Der
Kinderglaube derer, die einst hier Tore und Tempel türmten, hat den
Todesstoß empfangen.
Schon lächeln die Jungen der neuen Zeit, die ganz Klugen und Weisen,
mitleidig nicht nur über die alten, die toten Götter, lächeln erhaben
auch über ihr altes, über das ganze, alte, selige Japan! ...
Aber sie sollten nicht lächeln -- ich würde weinen, wenn ich ein
Japaner wäre, sollten wenigstens trachten, einen eigenen guten Klang,
eigene Note und eigene Melodie in das neue Lied des neuen Japans zu
bringen. --
Im Nachtdunkel gehe ich durch stillen Bergwald zurück.
Allerseelen! ... Alle die Seelen, die von mir weggeflattert sind ins
große Wesenlose, sind heute um mich und bei mir, und auf dem Eiland, in
dessen Erde kein Toter ruht, kommen die Toten, die in ferner Heimaterde
schlafen -- meine Toten -- mir so nahe wie sonst noch nie.
Auf nachtschwarzen, feuchten Wiesen stehen sie, von weißen Nebeln
umflattert, an spukhaft geformten Föhren lehnen sie, kauern in dunklen
Hohlwegen unter abgestorbenen Wurzeln und Baumstümpfen, knien vor
altersgrauen Steinlaternen, treten aus einsamen Waldtempelbogen hervor,
spähen und schauen, winken und warten, warten, daß ich sie sehe und
grüße.
„Willkommen, ihr Toten!“ ...
Da lächeln sie leise ein leeres, freudloses Lächeln, ein lichtloses
Lächeln der Nacht, neigen zum Gruße das Haupt und ziehen mit mir. --
Rascheln von welkem Herbstlaub, Brechen von morschem Gezweig. Aber
das stört nicht die Toten und mich, stört nicht die Zwiesprache:
Unausgesprochenes wird heute gesprochen, Ungeklärtes wird heute
geklärt, Unverständliches wird verständlich, klar wie selige Sonne und
leuchtendes Licht. Zwischen mir und den Toten ein einziges großes
Verstehen und eine unendliche Liebe.
Dicht neben mir wandern sie hinein in die grüne Waldinsel der Seligen,
wo Leben und Leiden nicht in Schmerzen beginnen, in Schmerzen nicht
enden darf, wo kein Toter weilen, kein Toter begraben werden darf. -- --
9. Neue Reisepläne.
Ich gehe aus der Inlandsee nach Jokohama zurück. Herbst- und
Allerseelenstimmung auch hier.
In Tokio, weit draußen in der Vorstadt, wo die Gärtner wohnen, haben
diese aus den schönsten Chrysanthemen aller Farben und Größen bunte,
lebende Bilder zusammengewoben, haben aus Blumen, nur aus Blumen,
streitbare kriegerische Ritter und Knappen, Krieger und Streitrosse
geformt und zarte Töchter Nippons aufgebaut und gestaltet, haben ganze
bewegte, dramatische Szenen hervorgezaubert.
Aber trotz aller schimmernden Chrysanthemen und noch blühenden Rosen,
trotz aller in lachende Farbenpracht gehüllter Kamelienbäume kann
es schon bitter kalt sein und, wenn man nur für Sommer und Tropen
ausgerüstet ist, friert und klappert man wie noch nie im Leben. Kein
Ofen im Hotel Manka. Mißvergnügte Gesichter manchmal nun auch hier.
Allen, den Menschen, dem Lande fehlt die wärmende Sonne. --
Fort denn aus Japan!
Ich hatte dort das alte Japan gesucht und gefunden. Das neue, das ich
nun deutlicher sah und erkannte, hat doch so manche und nicht immer
leichte Schatten im Bilde.
Es ist gewiß etwas Großes, etwas noch nie Dagewesenes, wenn ein Volk es
fertig bringt, in wenig Jahrzehnten und ohne jede Revolution ein nach
außen hin vollständig abgeschlossenes, mittelalterliches Feudalwesen
in einen von allen Mächten anerkannten modernen Staat zu verwandeln.
Daß die Japaner sich dieser Tat rühmen, daß sie stolz sind auf ihre
Rasse und Kraft, ist selbstverständlich und sehr begreiflich. Aber
dieser gute Stolz artete bereits vor so manchem Jahr in Überhebung,
in Aufgeblasenheit aus. Der Japaner vergißt, daß er bis jetzt nur ein
freilich ausnehmend geschickter Nachahmer westeuropäischer Werte und
Dinge gewesen ist, daß er aber in dieser Hinsicht Selbständiges und
Eigenes noch nicht geschaffen hat. Kluge und berechtigte Vorsicht
wandelt sich häufig zu Mißtrauen und Spionenriecherei, gar zu gern wird
auch mit List und Lüge gearbeitet. Den eidlichen Versicherungen eines
japanischen Diplomaten wird man nicht leicht Glauben schenken dürfen,
der japanische Kaufmann genießt bei seinen europäischen Kollegen keinen
sehr guten Ruf. So kommt es, daß, während alle Touristen und Reisenden
meist nur eine Stimme des Entzückens haben, all die Europäer, die in
Japan lange zu leben gezwungen sind, sehr oft keineswegs begeistert von
ihrem Aufenthalte und ihrer Umgebung sind.
Im Märchenland Nippon hat, gewiß nicht immer zum Vorteil des Landes,
das nüchterne Europa seinen Einzug gehalten, hat da und dort bereits
festen Fuß gefaßt. Schon erheben sich in der und jener Stadt rote
Ziegelbauten und rußige Fabrikschlote, schon gibt es auch in Japan
aus der rasch emporschießenden Industrie emporgewachsene, schwer zu
lösende, soziale Fragen.
In den Hafenorten und Verkehrsmittelpunkten beginnen die Männer sich
nach englischem Schnitt zu kleiden. Gottlob haben wenigstens die
Frauen die ihnen herzlich schlecht zu Gesicht stehenden französischen
Toiletten noch nicht angenommen, nur für die hoffähigen Damen ist
europäisches Kleid vorgeschrieben. Ich wünsche der Japanerin auch nie,
daß sie von ihrer jetzigen, hübschen und malerischen Tracht abgehen
möge. Aber das kann man ihr von ganzem Herzen wünschen, daß ihre noch
recht gedrückte und unfreie Stellung sich recht bald verbessern und
heben möge. Sie würde es bei all ihren guten Eigenschaften wirklich
verdienen! Hier könnte man den Japanern Nachahmung europäischer Sitte
gewiß nur empfehlen.
Aber trotz dieses und jenes Schattens, den ich an Japan besonders gegen
Ende meines Aufenthalts da und dort zu entdecken geglaubt, scheinen mir
die Japaner als Volksgemeinschaft doch einer eingehenden Betrachtung
und Beachtung wert zu sein. Abgesehen von ihren Künstlereigenschaften,
ihrer Reinlichkeit, ihrer Naturliebe fällt ihr Patriotismus, ihr
Rassegefühl und -bewußtsein auf. Auch die Ahnenverehrung des Japaners
ist hier zu nennen. Unterstützt durch diesen Shintoismus, diesen Ahnen-
und Naturkult, der neben einer Anzahl von Naturkräften die Kaiser
und die hervorragenden Männer des Landes verehrt, baut sich auf ihr
Familiensinn und Familientradition auf.
Was uns Deutsche anlangt, so liebte uns der Japaner längst vor dem
Kriege schon nicht allzusehr. Der Friede von Shimonoseki nach dem
Kriege mit China, bei dem wir Japan unnütz in die Arme fielen und
es um die Früchte seiner Siege brachten, mag der Hauptgrund hierfür
gewesen sein. Auch das von unsern Gegnern in Japan vielverbreitete Bild
„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ hat Schaden gestiftet.
Ebenso die bei uns so häufig gebrauchte Bezeichnung als „gelbe Affen“.
Durch solche Dinge wird weit mehr Unheil angerichtet als gemeiniglich
geglaubt wird. Auch der Erwerb der Marianen und Karolinen, einer
Inselwelt, die Japan vor der Türe lag, hat die Stimmung für uns nicht
gerade verbessert. Noch mehr war dem Japaner lästig, daß wir uns in
Kiautschou häuslich eingerichtet hatten. --
Zuneigung für uns Deutsche fand ich damals nur bei Leuten, die uns
näher kannten, japanischen Offizieren, die längere Zeit bei uns
gelebt und gelernt, bei Ärzten, bei Professoren, die ihre Studien
in Deutschland gemacht hatten. -- Im übrigen war es England bereits
gelungen, seinen Bundesgenossen in das deutschfeindliche Lager
hinüberzubringen. --
* * * * *
So will ich denn fort aus Japan, will wieder hinaus auf die rauschende
See.
Schon im Laufe des Sommers hatte ich neue Pläne geschmiedet und war in
Tokio zu einer japanischen Segelschiffahrts-Gesellschaft gegangen, der
Hiki South Trading Company, die ab und zu einen kleinen Segelschoner
nach den Marianen laufen läßt. Dampferverkehr ist von Japan aus nach
dieser Inselgruppe überhaupt keiner vorhanden. Die Schiffsgesellschaft
erklärte sich auch bereit, mich mitzunehmen, aber so oft ich vorsprach
und fragte, die Abreise des Seglers wurde von Woche zu Woche
hinausgeschoben.
Da kommt mir plötzlich der Zufall, endlich einmal wieder ein günstiger,
zu Hilfe. Ich höre von einem deutschen Kaufmann, der einen japanischen
Segler gechartert haben und nach den Marianen fahren soll.
Es ist wirklich so! ... Schon habe ich den Kaufmann aufgestöbert, schon
sind wir auch einig.
Erstaunt und erfreut begrüßt er mich als den allerersten Globetrotter,
der seit undenklicher Zeit, jedenfalls aber seit den zehn Jahren, die
er auf den Marianen lebt, den Boden Saipans betreten wird.
Freilich, auf seinem Schiffe wird ebenfalls japanisch gekocht werden.
Dafür wird es aber sehr billig sein. Der Fahrpreis beträgt, die
Verpflegung eingerechnet, 25 Yen = 50 Mark. Sein Schiff ist auch nicht
größer als mein zuerst in Aussicht genommenes, es faßt ungefähr 180
Tonnen, und ist wohl auch nicht besser. Keine Versicherungsgesellschaft
nimmt diese kleinen japanischen Schoner auf. Acht Matrosen, Steuermann
und Kapitän, sämtlich Japaner, er und ich, mit der heiligen Glückszahl
„12“ werden wir auslaufen.
Aber mein Mundwerk braucht nicht vollständig einzurosten, und vor
Saipan, der Hauptinsel der Marianen, werden wir noch an einigen andern
ganz weltvergessenen Inseln anlegen.
Am nächsten Tag besuchen wir unser Boot. Schlank, mit drei hohen
Masten, liegt die Tora Maru, das „Tigerschiff“, ruhig auf der stillen
Flut des Hafens.
Ich besehe mir meine Kammer, die ich mir erst mit ein paar Decken zur
„Schlafkabine“ werde einrichten müssen. Aufrecht kann man darin nicht
stehen, wird nicht ausgestreckt darin liegen können. Aber was tut das
für die paar Nachtstunden? ... Am Tage werde ich in die Sonne sehen! ...
Schon am 15. November -- nein, das ist ein Freitag -- am 16. November 1
Uhr morgens, infolge dieses Schifferaberglaubens, stechen wir in See.
Ich habe gerade noch Zeit, ein paar Weihnachts- und Neujahrsbriefe
zu schreiben und muß leider auch auf die Ehre und Freude verzichten,
den Kaiser, den Sohn des Himmels, bei dem demnächstigen Staats- und
Hofchrysanthemenfest von Antlitz zu Antlitz schauen zu dürfen! ...
Aber allzu stark lockt mich wieder das Meer, locken die blauen Fernen.
Auf zu fröhlicher Fahrt! -- --
10. Unter dem Sonnenbanner.
Lustig wehte die japanische Flagge, das Banner der feuerrot aufgehenden
Sonne, von unserm Heck, als die „Tora Maru“, das schlanke, dreimastige
Tigerschiff, an einem kühlen Novembermorgen langsam aus dem Hafen
Jokohamas hinausglitt.
Doch der Wind war leider nur gerade stark genug, um den leichten
Flaggenwimpel seelenvergnügt hin und her flattern zu lassen, viel zu
schwach aber, um unsere drei großen und sieben kleinen Segel zu füllen.
In einem erbärmlich traurigen Schneckentempo -- oft schien das Schiff
überhaupt stille zu stehen -- schoben wir uns fast unmerklich vorwärts.
Dazu ein grauer, trüber Herbsttag, so daß ich nicht einmal die Umrisse
der hübschen grünen Bucht von Tokio zu erkennen vermochte, nichts als
Nebel, Rauch und Dunst ringsumher.
Es war schon dunkle Nacht, als wir das freie Meer erreichten. Hier aber
setzte endlich ein schärferer Nordost ein, und mit fröhlich und behäbig
geblähten Segeln tanzte nun die Tora Maru vergnügt dem Süden zu.
Je tiefer wir in die See eindrangen, desto stärker wurde die Dünung,
desto dichter der unaufhaltsam niederströmende Regen, desto finsterer
die Nacht.
Bald konnte ich mich auf dem Deck vor lauter vom Himmel und von der
See kommender Nässe nicht mehr halten, und da es zudem empfindlich
kalt wurde, war es das beste, sich in die enge und niedere Koje zu
verkriechen.
Geschlafen freilich habe ich in dieser ersten auf einem „Segler“
verbrachten Nacht nicht allzuviel. Beständig klatschten die
übergehenden Wellen an die wohlverriegelte Fensterluke meiner auf
Deck stehenden Koje; um mich, dicht neben mir und über mir wurde
beständig von unsern Matrosen gearbeitet; Schoten wurden angeholt
und losgelassen, Segel umgestellt, gerafft und eingeholt; Befehlsrufe
ertönten; der laute, anfeuernde Wechselgesang der im Tauwerk und in
den Masten hastig arbeitenden Matrosen wollte die ganze Nacht nicht
verstummen, und zu alledem rauschten Wind und Wellen ständig ihr
lautes, unruhvolles Lied.
Allmählich begann auch das Schiff immer stärker und stärker zu
arbeiten. Es stampfte und rollte zu gleicher Zeit, und mit dumpf
donnerndem Gruße klopften die Wogen dröhnend an seinen Rumpf. Links
hin und rechts hin wurde ich auf meinem Lager gewälzt, bis ich endlich
Kopf und Füße leidlich verstaut und gelernt hatte, mit den haltenden
und sich anklammernden Händen das Gleichgewicht des Körpers richtig zu
regeln.
Freilich, was ich alles Zerbrechliches an irdischen Gütern in meine
Koje mitgebracht hatte, das rollte sehr bald, in hundert Scherben
zerschlagen, auf dem Boden umher, und verschiedene Flüssigkeiten
überzogen das ganze fahrende Hab und Gut mit bunter, phantastischer
Farbenpracht. Aber was kümmert das einen in solchen Augenblicken des
Reiselebens? ... Wenn man nur selbst heil und mit gesunden Gliedern auf
seiner Schlafstätte sich zu behaupten weiß und den Kopf nicht allzu
heftig an die Holzwände angedonnert bekommt. Mag sonst zerbrechen, mag
spritzen, fließen und ausrinnen, was da nur will.
Bei Morgengrauen auf Deck! An Schlaf ist ja doch nicht zu denken. Das
ist freilich, wie so manches im Leben und auf der Reise, auch einmal
wieder leichter gedacht und gesagt als getan.
Kaum ist es mir mühsam und mit Aufbietung aller schon halb vergessenen
und eingerosteten turnerischen Künste gelungen, mich aus der engen
Koje herauszuwinden, so fliege ich im flottesten Riesenschwung aus
der Kammer heraus, durch das an die Kammer anschließende Eßzimmerchen
hindurch, um mit großem Radau, Lärm und Gepolter an der andern Wand
zu landen, postwendend und glatt segele ich alsdann mit noch größerer
Durchschnittsgeschwindigkeit und lauterem Anprall wieder in mein
Kämmerlein zurück.
Nicht nur selbst und höchstpersönlich torkele und taumele ich so
vollständig direktionslos im Raum herum, auch die gesamte andere Welt
der Erscheinungen dreht und kreist beständig im tollsten Wirbeltanz
umher. Vorsichtiger nun! Mich anklammernd, wo ich nur irgendeinen
Halt finden kann, mich weiter ziehend und weiter schleppend, komme
ich endlich doch, halb gehend und halb kriechend, glücklich auf Deck,
um dort sofort wieder die triefende Reling in stürmische und innigste
Umschlingung zu nehmen. Im nächsten Augenblick habe ich dies freilich
schon wiederum bitterlich bereut, eine übergehende Welle hat mir ein
kostenloses Morgenvollbad beschert. Ich schüttele mich, spucke das
Salzwasser wieder aus und meine „Pfui Teufel!“ ...
Auch sonst sehe ich nicht allzu Erfreuliches! Sturm! ... Scharfer
Nordoststurm! ... Wind und Wellen, Wasser und Regen, Nässe; Nässe von
unten, Nässe von oben, Nässe von seitwärts; Nässe, wohin ich mich
flüchte! Das ganze Deck ist eine einzige große, bald tiefere, bald
seichtere Wasserlache, die ihren durch die Ablauflöcher weggehenden
Feuchtigkeitsbestand sofort aus den neu einschlagenden Wellen ergänzt.
Einen recht netten, lieben Abschiedsgruß, den uns da das übellaunige
Japan nachgeschickt hat! ...
Arme Tora Maru! Wie siehst du aus! ...
Wahrhaftig wie ein springender Tiger! Aber wie ein ganz arg und stark
bezechter. Als ob das gute Tigerschiff sich zu seinen 180 Tonnen
einen allerschwersten Sake-Abschiedstrunk von weiteren 180 Tonnen
geleistet hätte. Ostwärts und westwärts schwankt der Bug, steigt
hoch hinauf in die Lüfte und zeichnet dort die absonderlichsten und
possierlichsten Linien, beschreibt die wunderlichsten Kurven, malt die
abenteuerlichsten Ornamente, bis er endlich nach langer, zielloser
Höhenrundreise und -irrfahrt sich wieder dazu bequemt, in der ihm vom
Steuer vorgeschriebenen südlichen Richtung schwer, widerwillig und
widerspenstig in die zischende Flut niederzuplatschen und einzustampfen.
Schiefes Schiff und schiefe Masten! Schiefer Wasserspiegel und schiefer
Horizont! Schiefe, grundschiefe Ebenen und Flächen nach allen Seiten,
ob man hinauf oder hinab, nah oder weit sieht! ... Hexenkessel! ...
Hexenschaukel! ... Abscheulicher, schwindelig machender Hexentanz! ...
Und das Schiff! Wie das keucht! Wie das stöhnt! Wie es schon müde,
todmüde zu sein scheint von dem wilden, tollen Reigen, wie es Ruhe
haben möchte und doch immer wieder von neuer Woge zu neuem Tanze geholt
und geladen wird. Und der sausende Sturm spielt im Takelwerk dazu sein
Liedlein auf. Alle wärmenden Hüllen haben sie der Tänzerin weggenommen.
Nackt tanzt sie im kalten Winde einher! Alle Segel sind eingeholt und
festgemacht, alle neun, Groß- und Besansegel, Vorstagsegel und die drei
Jib- und die drei Topsegel, nur das zehnte, das Vorsegel, bläht sich
noch ächzend und stöhnend im Winde.
Rasch zurück zum Steuer! Dort ist noch der trockenste und behaglichste
Platz.
Hier sehe ich erst so ganz richtig, wie sich das alles windet und
wiegt, wie das stöhnt und stampft, ächzt, schnaubt und kreischt, wie
gewaltig der Bug in die Höhe emporbäumt.
Nun sind wir ganz oben auf einem breiten Wogenkamme, nun zu allertiefst
im Tale. Hoch über uns die schäumenden, tosenden Wasser. Da rollt
es heran, schwarz und finster und brausend, da schwillt es an
und bläht sich auf, türmt sich empor mit schaumgekrönten, weißen
Spitzen und Brechern, wird zum Hügel, wird zur steilen Klippe, die
aus der Höhe herunterdonnert, im nächsten Augenblick müssen Reling
und Kojen, Segel und Masten, Steuer und Kompaß von der mächtigen
See zertrümmert und weggefegt sein. Aber nur ein dicker, schwerer
Wogenschwall der anstürmenden Hochflut ist dumpf krachend auf das
Deck herniedergeprasselt, und auf den breiten, gewaltigen Rücken der
bedrohenden Woge selbst hat sich mit raschem, katzenartigem Sprung Tora
Maru, das schlanke, behende Tigerschiff, gesetzt, drückt und preßt sie,
selbst hoch aufsteigend, unter sich und seinen Leib, zerfleischt und
zerfetzt sie, daß der weiße Schaum und Gischt, rinnendes Lebensblut der
Welle, nach allen Seiten zischend verspritzt. So ergeht es Welle nach
Welle, stundenlanger, tagelanger Kampf! ...