strömenden Regen stehe -- mit vielen Leidensgenossen, die sich alle
in sehr unmöglichen oder gar keinen Kostümen gerettet haben, just
geradeso, wie sie in der schwülen Septembernacht der plötzliche Seegang
von Mutter Erde überrascht hat.
Wir sind alle noch etwas verschlafen, noch etwas beklommen und warten
der schlimmen Dinge, die nun weiter noch kommen werden. Aber es kommt
nichts mehr. Den Göttern der Tiefe hat es gefallen, nur zu pochen und
zu mahnen, mit dem zweiten kräftigen Stoß ist alles zu Ende.
Man steht plaudernd beisammen, bis es ganz Tag geworden ist, dann geht
man zurück, hebt seine zerbrochenen Habseligkeiten auf und ist etwas
verstimmt über die unnötigen Artistenriesensprünge, die man gemacht hat.
[Illustration: Japanerin im Kimono. (S. 21)]
[Illustration: Spielende Kinder. (S. 23)]
[Illustration: Fischerdorf. (S. 26)]
[Illustration: Japanische Fischer. (S. 26)]
Daß ich mit meiner Eile nicht allzusehr unrecht gehabt hatte,
wurde mir acht Tage später dadurch bewiesen, daß in friedlichster
Sonntagsmorgenfrühe plötzlich und unvermittelt, wohl als Nachfolge des
Erdbebens, meine Zimmerdecke, allerlei schweres Gebälk, dazu noch drei
Zentner Tomatensaucenflaschen, die über der Decke gelagert gewesen,
herabstürzten und eine grausame Verwüstung unter meinem Eigentum
anrichteten. Was nicht zerschlagen war, wurde in Tomatensauce getränkt.
„~Allright!~“ sagte ich trotz des wenig freundlichen Anblickes und war,
da ich erst zwei Minuten vorher durch einen Zufall das Zimmer verlassen
hatte, froh, so leichten Kaufes davongekommen zu sein!
6. Die Stromschnellen des Tenryugawa.
In Nagoya habe ich mir mit drei Bekannten, drei deutschen Offizieren,
ein Stelldichein gegeben. Wir haben schon gemeinsam von Kioto aus
die recht hübsche Fahrt über die Stromschnellen des Hozugawa gemacht
und wollen nun von Nagoya aus die Reise in die Berge hinein an den
Tenryugawa, einen mächtigen Bergstrom Zentraljapans, antreten, um auf
seinem Rücken uns wieder in die Ebene herabtragen zu lassen.
Da dieser Ausflug ziemlich selten unternommen wird, von manchem Kenner
des Landes aber überhaupt für das Schönste erklärt wird, was in Japan
zu sehen, möchte ich ihn etwas ausführlicher schildern.
Von Nagoya aus geht es in die Berge, durch breite Täler und enge
Schluchten, über Wasserscheiden und Höhenpässe. Erstaunt und erfreut
durchwandern wir eine ganz wundersame und fast unbekannte Bergwelt.
Oft ist das alles wie ein sonniges Südtiroler Tal: Maisfelder,
Maulbeerpflanzungen, Kakibäume, deren große, runde Früchte golden
wie Orangen aus dem üppigen Tiefgrün herauslachen. Zwischen all dem
reichen Segen ab und zu auf hohem Steinunterbau ein niederes Häuschen,
dessen weit hervorspringendes, breitschräges Dach ganz so wie ein
österreichisches oder bayerisches Gebirgshaus mit Schindeln und
Steinbelag gedeckt ist.
Doch je höher wir steigen, desto nordischer wird es ringsum.
Herbstroter Ahorn und schwarze Föhren verdrängen alles Fruchtland, bis
schließlich jeder Baumbestand allmählich aufgehört hat.
Wolkenbruchartiger Landregen macht einmal für vierundzwanzig
Stunden jedes Weitermarschieren unmöglich, aber nach vier Tagen
haben wir dennoch unter allerlei kleinen Abenteuern unser ersehntes
Wanderziel, das Gebirgsdörfchen Tokimata, den Abfahrtsort für die
Tenryugawatalreise, glücklich erreicht.
Wir sind etwas in Sorge. Der Tenryugawa kann nur in wenigen
Herbstmonaten des Jahres befahren werden, selbst in dieser Zeit aber
kommen lange und häufige Unterbrechungen durch Hochwasser vor.
Und der Fluß hat starkes Hochwasser. In scharfem Talfall wälzt er
schäumend und brausend seine schmutziggrauen Fluten dahin. Aber der
Schiffahrtspächter will uns dennoch hinabbringen lassen, doch nicht
ohne den Versuch gemacht zu haben, den Preis möglichst in die Höhe
zu treiben, was begreiflich erscheint, wenn man bedenkt, daß seine
Leute an vierzehn Tage zu tun haben werden, bis sie das Boot wieder
nach Tokimata zurückgeschleppt haben. Endlich sind wir aber doch
handelseinig, und die Abfahrtsstunde wird auf 6 Uhr morgens angesetzt.
Rasch treibt das breitgebaute, von vier stämmigen Schiffern mit
mächtigen Rudern gesteuerte Boot talabwärts. Flaches Gestade, ab und zu
schon ein Strudel und ein paar hüpfende, neugierig über die Bootswand
hereinguckende Wellen. Aber ruhig und sicher liegt das Boot noch auf
dem scharfzügig abwärts eilenden, breiten Strom. Prächtige Waldberge
in der Ferne, dunkles Laubgrün und gut bestellte Felder am Ufersaum.
Doch plötzlich hohe, einengende Wände. Zischend und schäumend donnert
die Flut gegen den Fels. Und schon ist auch das Boot mitten im tollsten
Hexenkessel. Von allen, allen Seiten hat das Wasser, der Strudel das
Fahrzeug gefaßt und zerrt und reißt es umher; über die meterhohe
Bootswand kommen die ersten Wellen herein.
Nun ein Stoß, ein ganz gewaltiger Stoß! Wir sind von den Sitzen
geflogen, so mächtig ist der Ruck gewesen. Gischt und Wasserdampf
sprüht empor, schon liegt das Boot auf der Seite. Klirrend und
krachend, mit einem Höllenlärm kollert verschiedenes Zerbrechliche
umher.
Doch der äußersten Kraftanstrengung unserer braven Fährleute glückt
es noch im letzten Augenblicke, das Boot vor dem Kentern zu bewahren.
Und „Kentern“ wäre hier gleichbedeutend mit Schluß und Ende. Nicht der
beste Weltmeisterschaftsschwimmer könnte sich aus dieser kochenden
Urkraft wildester Tiefstrudel je wieder herausarbeiten.
Schon an der nächsten Biegung, wo ein flach zulaufender Geröllstrand
sich zeigt, machen die Schiffer halt und nehmen weiteren Ballast,
mächtige Flußsteine, ein. Das Boot ist noch zu leicht, das Hochwasser
größer und stärker, als man oben in Tokimata angenommen hatte.
Wieder hinein in den reißenden, undurchsichtigen Fluß. Nun sollen
die eigentlichen Stromschnellen ja erst beginnen. Wieder dieselbe
atembenehmende Sturmjagd! Zu Tale! ... Zu Tale! ...
Weit, weit da drunten blitzt es silberweiß im grauschwarzen Flußbette
auf, weit, weit da drunten und jetzt noch tief, tief unter uns.
Doch unser windschnell dahinbrausendes Boot muß schon im nächsten
Augenblicke die weiße Gischt- und Schaumstelle erreicht haben. Die
erste Stromschnelle! ... Erwartungsvoll spähen aller Augen hinab! ...
Hoch richtet sich der auf der Spitze des Bootes stehende Fährmann
empor. Schlank, gerade und unbeweglich steht er da, fest und sicher,
auf der schmalen, scharfkantigen Planke. Langsam und feierlich -- ein
Betender -- hebt er das schwere Ruder und pocht dreimal damit an den
Bug des Bootes, laut, langsam und feierlich. Dumpf hallt es wider.
Kaum hat er den dritten und letzten schallenden Schlag getan, kaum
das huldigende und beschwörende Gebet an den Gott des Flusses zu
Ende gesprochen, da gibt auch der mächtige Gott aus der Tiefe schon
Antwort: dumpf, aber viel, viel schwerer und wuchtiger als der Schlag
des Ruders an die Bootswand, donnert und dröhnt, brüllt und braust er
seinen lauten Gruß in die Höhe. Gischt und Schaum, Wellen und Wogen
speit und schleudert er in weitem Bogen empor, rast in sinnloser, alles
zermalmender Wut da unten im tiefen, dunklen Grunde.
Wie ein Federball tanzt das Boot dahin und dorthin, vom gewaltigen Atem
seiner Riesenbrust hin- und hergeweht, hoch hinaufgehoben, um krachend
wieder auf die zischende Flut zurückzuprallen. Und nun schießt es, ein
von starker Sehne abgeschnellter Pfeil, mit plötzlichem Entschluß auf
die nahe, steile Felswand zu. Wenn es mit der Spitze den Stein berührt,
zerstäubt es in tausend Trümmer.
Jetzt aber beginnt ein Kämpfen und Ringen unserer vier Schiffsleute mit
den ungestümen, ungeheuren Machtgewalten des Stromes. Die Ruder ächzen
und stöhnen, die zusammengepreßte Bootswand seufzt und wimmert, der
Boden zittert.
Aber der Strom, der gewaltige Gott der Tiefe, bleibt Herr und Meister,
zürnend schleudert er uns an den Fels, nahe schon ist die verderbliche
Klippe.
Man sieht die Gefahr, man weiß die Gefahr und doch, man fühlt,
empfindet sie nicht als solche. Man starrt nur still und andächtig
auf dies gewaltige Ringen zwischen schwacher Menschenkraft und
ungebändigten Naturgewalten. Und die, die siegen, die müssen ja einmal
und endlich über uns Menschen siegen.
Doch unsere Leute denken nicht so. Mit beiden Füßen stehen sie jetzt
alle auf der schmalen Bootswand, holen weiter aus, setzen tiefer und
wuchtiger ein. Jede Sehne, jeder Nerv ist fieberhaft gespannt. Wie
leichte Weidengerten biegen sich die vier schweren Ruder, winden
und krümmen sich. Wenn eines der vier jetzt bräche, wäre alle Mühe
vergebens. Freilich, der Tod in einem solchen Augenblick, in einer
solch königlichen Machtoffenbarung der Natur wäre wahrhaftig das
Sterben wert und frei von allem Schaudern und Grauen.
Aber heller und lichter ist dennoch das Leben! ... Leben! Leben! ...
Wir hängen ja doch daran, oft ohne es zu wissen, und wenn es nicht viel
mehr als die sichere Gewohnheit von Atmen und Bewußtsein wäre.
Ins lachende Leben hinein gleitet wieder das Boot. Kaum einen Fuß vor
der todbringenden Wand hat sich schwerfällig langsam der Bug gedreht.
Die erste Stromschnelle ist genommen, ungezählte andere folgen. Um
6 Uhr morgens sind wir aufgebrochen, erst in den Nachmittagsstunden
kommen wir in ruhigeres Fahrwasser.
Was sehe ich nicht alles während dieser langen Fahrt!
Immer wieder muß ich die Riesenkräfte des Flusses anstaunen! Mit grober
Faust hat sich der wilde, ungebärdige Berggeselle irgendwo ein paar
mächtige Baumhünen zur Kurzweil gepflückt und spielt mit ihnen lustig
Ball, als ob es leichte Wiesenblumen wären. Schwere Holzflöße, von
starksehnigen Gebirglern mit schweren Ruderstangen zu Tale geleitet,
sind in seinen Bärenarmen nur gebrechliche, leicht geknickte Strohhalme.
Herrlich aber sind die Ufer, in die der Wildfang sein Bett tief
eingewühlt hat. Ein ewiger, reizvoller Wechsel: bald hochstämmiger
Nadelwald, bald lichtgrüner Bambushain, bald kahler Fels; in
schwindelnder Höhe kleine Bergdörfer, wie Schwalbennester an steil
abfallende Wände angeklebt. Jubelrufe von Kindern klingen hell aus dem
Hochwald zu uns hernieder. So unendlich vieles erblicke ich, daß ich
schon nach den ersten Stunden der Fahrt fast sehensmüde bin und kaum
mehr einen geringen Teil der blitzartig vorbeiziehenden tausend Bilder
in mich aufzunehmen vermag.
Etwas steif und gerädert, mit eingenommenem Kopfe -- wir haben alle
das Gefühl, eine schwere, stürmische Seefahrt hinter uns zu haben --
entsteigen wir am Abend dem Boote.
Müde lehne ich mich in die Riksha zurück, die mich zu der nächsten,
etwa zwanzig Kilometer entfernten Bahnstation bringen soll.
Nach dem tollen Dahinjagen über Strudel und Stromschnellen glaube ich,
jetzt auf den weichsten und besten Gummirädern der Welt zu fahren, so
sanft und ruhig gleitet der von einem kräftigen Kuli gezogene Wagen
rasch auf schmalem Feldwege dahin.
Abendstille über der weiten, friedlichen Herbstlandschaft. Ein Schimmer
von edelstem Goldbrokat über dem grünen Land, das langsam sich in
tiefere, feuchtfahle und dunkelsatte Farbentöne einhüllt.
Leise und lautlos trabt der Rikshamann weiter, sanft schwankt und
schaukelt der Wagen.
Das große Schweigen ringsum dünkt mich zu tief fast. Ich habe im Ohr
noch den tosenden Donner der Wildwasser.
An meinen geschlossenen Augen zieht alles Geschaute noch einmal vorbei:
es ist Japans Zartestes und Lieblichstes, Packendstes und Gewaltigstes
-- Japans Bestes und Seltenstes gewesen!
7. Tempelfeste.
Viel Schönes und Reizendes, Sonniges und Farbenfrohes zog während
meines Aufenthaltes in Japan noch an mir vorbei. Als eines der besten
Dinge aber, die man in Nippon überhaupt sehen kann, wollen mir noch
heute in der Erinnerung die Tempelfeste erscheinen, wie sie die kleinen
Leute des Landes feiern. So möchte ich versuchen, im folgenden solch
ein Fest, deren ich manche mitgemacht, mit einigen Worten zu schildern:
Ein Tempel im Grünen; ein brauner, strohgedeckter und verwitterter
Holztempel, bald auf freier Höhe stehend und weit über Stadt und Land,
Ebene und See hinwegblickend, bald in stilles, entlegenes Waldtal
versteckt oder mitten in den reichen Segen rauschender Reisfelder
eingebettet. Eine Föhre oder Kiefer, ein Ahorn oder anderer Baum, der
den Tempel beschattet.
Tempel im Grünen, vom Winde umflüstert, von der Zikade umsungen, von
Bambushainen umrauscht.
Ein altes, gebeugtes und gebrechliches Mütterlein, das mühsam zum
Beten herangehumpelt kommt; ein Pilgerpaar, Mann und Frau, die müde
an geweihter Stätte andachtsstille, schweigende Rast halten; ab und
zu vielleicht noch einmal ein anderer, der etwas Schweres auf seinem
Herzen lasten und seinem Gott zu sagen hat. Sonst nichts.
~Treuga Dei~, Gottesfrieden, gebietet feierlich der altmorsche
Holztempeltorbogen. Lärm und Unrast der Welt finden keinen Einlaß in
die heilige Klause des Gottes. Kirchenstill ist es rings, jahrein,
jahraus. In tiefem Schweigen träumt das schmale Schutzland der Gottheit
dahin und kein Fuß, kein lautes Wort stören den Frieden.
Aber einmal im Jahr will es unter dem breitästigen Föhrengezweig
lebendig werden, brausender Jubel umwogt die heilige Stätte, einmal im
Jahr, wenn sie das Fest des Tempels feiern.
Schon kommt ein feierlicher Zug aus dem Dorfe, aus der Vorstadt
herangezogen.
Schwer geschmückt schwankt ein hochgetürmter Wagen daher. Bekränzte
Götterbilder stehen darauf, ein halbes Hundert weißgekleideter Knaben
leistet freudigen Vorspanndienst.
Andere Jungen haben kunstvoll gefügte und geschnitzte Abbilder des
Tempels auf ihre Schultern genommen. Vorwärts stürmen sie, rückwärts
weichen sie, schwanken zur Seite, drehen in lachender, jauchzender
Festesfreude sich wie toll im Kreise umher, wollen durch ihre Rufe,
ihre Gebärden und Bewegungen uns glauben machen, daß das auf ihren
Schultern ruhende, leichte Holztempelbild eine zentnerschwere,
drückende Steinlast sei, kaum zu tragen und durch ihr Gewicht wuchtig
vorwärts, rückwärts und nach allen Seiten treibend.
Hinter dem Wagen, hinter den Tempelbildern kommen Scharen von freudig
erregten und erwartungsvoll gespannten Menschen im Feiertagskleide
gepilgert: Männer, Frauen und Kinder, Hunderte, Tausende von Kindern.
Vor dem Tempel staut sich die Menge.
Ernste, weißgekleidete Priester steigen langsam feierlichen Schrittes,
Würde und Andacht vereinend, die Stufen empor, treten ehrfurchtsvoll
in das geheimnisumwobene Halbdunkel des Tempels ein, knien schweigend
nieder, flüstern und raunen seltsame, kaum mehr zu deutende Worte
uralten Väterglaubens, neigen sich tief zur Erde, pressen Stirne und
Haupt auf den geweihten Boden. Stille, andachtsvolle Gebetsstille
herrscht im heiligen Hause des Gottes.
Aber draußen, dicht, dicht daneben, rings um den Tempel herum, seine
Stufen hinan, bis zu seiner Schwelle empor brandet ein breites Brausen
jauchzender Lust, schäumt ein rauschendes Meer wogender Freude. Ein
Jubel, ein einziger toller Lebenstaumel hat das ganze, ganze Volk in
seinem Innersten mächtig gepackt und mit sich fortgerissen.
Hat das die weiche, mild schmeichelnde, die göttliche Luft Japans
getan, die wie süßer Wein berauschend den ganzen Menschen durchdringt?
Hat sie heute alle frohen und hellen Saiten des Menschenherzens noch
froher und heller, noch höher gestimmt?
Oder ist’s die Sonne, die glänzender strahlt als sonst? ... Der
tiefblaue Himmel, der ein wolkenlos leuchtendes Festgezelt über all den
Jubel gespannt hat?
Ein goldenes Lichtfest feiert die Natur, und die Menschen, Kinder der
Sonne, Kinder des Lichtes, feiern es mit! ...
Strahlende Lebenslust auf allen Gesichtern, verklärt selbst das
verhärmte Antlitz der Armen. Rings ein Laufen, Tanzen und Springen,
alle Glieder sind leicht und gelöst; rings ein Lachen, Singen und
Jubilieren; Glockenhelle und Glanz in allen Stimmen. Von Auge zu Auge
rauscht und flutet es, schwillt an zum klaren, flüssigen Strom, der die
frohe Botschaft der Freude jauchzend ins weite Land hineinträgt ...
Jubel allüberall!
Doch am frohesten, am lustigsten schauen die Augen der Kinder darein.
Ein kleines, buntschillerndes Völklein, sind sie mit wichtigen
Mienen eilig gekommen, im Alltagskleide, das ihnen die Mutter mit
ein paar farbigen Streifen und Bändern liebreich verbrämt hat, und
im phantastisch geschmückten und aufgeputzten, weißen oder bunten
Festgewand; um die Stirne als Sonnenschutz ein breites Tuch gewunden
oder um die Schultern den großen, mit lang wallenden roten oder
gelben Gräsern gezierten Strohhut gehängt; in der kleinen, geballten
Faust sehr oft einen, dem warnenden Nachtwächterstock nachgebildeten
Eisenstecken, mit klirrenden und klingenden Ringen versehen.
Wohin das Auge sieht: leuchtende, glühende Farbenpracht! ... Guter
Geschmack, angeborener und vererbter Künstlersinn, hier, auf dem Feste
der Vorstadt oder des Bauerndorfes, wo die Armen und Kleinen des
Landes die Feier ihres bescheidenen Tempels begehen. Geschmack und
Künstlersinn bei Jungen und Alten, in Tracht und Kleidung, in Haltung
und Bewegung.
Künstlerhände haben auch den Festplatz geziert. Wie schön und
harmonisch ist das alles: der Tempel, den sie mit wenigen bunten
Tüchern und ein paar Blütenzweigen geschmückt haben, der phantastische
Festwagen, die Abbilder des Tempels, das mit Lampions und buntem
Zierat überschüttete Kinderfesttheater, die lustig dareinschauenden
Budenstände der Spielwarenverkäufer und sonstigen Händler.
Lächelnd und staunend steht man da und sucht das vielgestaltige und
immer wechselnde Bild in sich aufzunehmen. Auch den Fremden hat bald
eine Woge der allgemeinen Freude mit sich fortgerissen und trägt ihn
mitten hinein in den lauten Festjubel der großen Menge.
Solange man auch darin herumwandert, nie wird man in der
ausgelassensten Fröhlichkeit einen Mißton erlauschen, nie etwas
Maßloses, Verletzendes, Störendes -- Unkünstlerisches möchte ich sagen
-- hören oder sehen. Keine Roheiten! Kein Rüpel oder Betrunkener. Nicht
einmal irgendwo eine Bude, die alkoholhaltige Getränke verschenkte. Man
braucht das hierzulande nicht, um fröhlich zu sein. Alle Menschen und
Herzen scheinen auf einen einzigen warmfrohen Grundton gemeinsamen und
gegenseitigen Verstehens gestimmt!
Das wogt so den ganzen, langen, lieben Tag lachend und scherzend
durcheinander. Das endet auch nicht, wenn die Sonne mit einer glutroten
Farbenorgie strahlend Abschied genommen hat.
An den Föhren, die ihre geschweiften Drachenarme tiefschwarz und starr
in den blaßblauen Abendhimmel hineinheben, leuchtet golden, wie ein
plötzlich aufgehender Mond, eine Papierlaterne auf. Dann noch eine
und noch eine. Und später andere, Hunderte; in allen erdenklichen
bunten Farben schillernd. Wie gefangene Vögel und Riesenschmetterlinge
rauschen, flattern und schwanken sie im leisen Abendwind hin und her.
Grünlich leuchtende Glühwürmchen schlingen um Busch und Baum einen
lautlosen, zitternden Reigen. Mit ihnen tanzen um die Wette, ein
nächtlicher Spuk, ein wilder, wirbelnder Feuerzauber von hundert
großen, flackernden Irrlichtern, die glutroten, auf schwankenden
Bambusgerten daherwirbelnden Lampions herumtollender Knaben.
Erst tief in der Nacht will all die Lust langsam verebben. Die Kühle
treibt die fröhlichen Leutchen wieder nach Hause. Jubelnd und singend
ziehen die letzten davon.
Kaum sind sie fort, auf dem schmalen Tempelwege ein leiser, kaum hörbar
huschender Schritt.
Die da langsam gegangen kommt, trägt auf ihrem stillen, wunschlosen
Antlitz den Frieden der Welt. Mild und hell wie der Stern der Nacht
blickt ihr das Auge. Ihre Hand ist schmal, eine sanfte Hand, die auch
an jede Wunde rühren darf, eine weiche Hand, die so manche wird heilen
können.
Behutsam und leise schreitet sie in ihrem lichtgrünen, aus Mondlicht
gewirkten Kleide unter dem alten, verwitterten Tempeltorbogen hindurch,
schaut lächelnd in weiter Runde umher, breitet die Arme und segnet das
schweigende, schlafende Land.
Auf den Tempelstufen läßt sie sich langsam nieder, eine stille, getreue
Wächterin.
Die Gräser flüstern, Kiefern und Föhren rauschen, die Zikaden singen.
All das Flüstern, Rauschen und Singen, die hundert Stimmen und
Stimmchen in Wald und Feld klingen zusammen in einen einzigen freudigen
Gruß an die Wiedergekommene, die Herrin des Tempelgrundes: an die
„Einsamkeit“.
Ganz stille sitzt sie und nickt zufrieden.
Für ein langes Jahr hat wieder ihr Reich begonnen!
8. Insel der Seligen.
Von einem berühmten Tempelort im Süden des Landes muß ich des weiteren
noch berichten, einer Insel. „Insel der Seligen“ habe ich sie in
dankbarer Erinnerung getauft.
Heilige Erde! --
Reiner, geweihter Schutzboden! Kein Hund darf das Land betreten, kein
Wild hier getötet, kein Toter begraben, kein Leben geboren werden.
Weit in bergwasserklarer, blauender Meeresflut steht, heiligen
Gottesfrieden gebietend, der ragende, verwitterte Holztempelbogen.
Insel des Friedens, Land der Heiligung seit grauer Urväterzeit. Hier
rauscht der Wald noch so geheimnisvoll, stehen die Fichten und Föhren
noch so dunkel und dicht wie zu den Tagen, da erste frohe Botschaft
und fromme Sage durch fahrende Pilger hinüber zum Festland getragen
wurde. Auf windumbrauster Höhe brennt seit mehr denn tausend Jahren
ein heiliges, ewiges Feuer; in weiten, weihevoll dunklen Tempelhallen
murmeln weißgekleidete Priester Gebete; zum Klange der Flöten, zum
Spiele der Saiten wiegen junge Priesterinnen in rotem Festgewand, von
weißsilbernem Mantelgewebe umflutet, sich langsam und feierlich im
heiligen Tanze.
Hier klingt noch jetzt voll und rein die alte, liebe Weise von dem
vergangenen, dem gewesenen, dem langsam nun sterbenden Japan, klingt so
lockend und bezaubernd, daß man nicht müde wird, ihr zu lauschen.
All ihr Weg- und Wandermüden, willkommen drum in Miyajima, der
weltvergessenen Insel der Seligen! ...
Weg- und wandermüde war ich, als ich nach den Herrlichkeiten Kiotos
und Nikkos, Nagoyas und Naras in Kobe aufs Schiff stieg, um die
vierundzwanzigstündige Fahrt durch die Inlandsee nach Miyajima
anzutreten, eine Fahrt, die man nur völlig frisch und aufnahmefähig
unternehmen sollte, denn sie ist einzig schön.
Bald ist dies das Meer, oft scheint das wieder nur ein großer Binnensee
zu sein, dann wieder ein ganz kleiner Gebirgssee, der plötzlich und
unerwartet in eine herrliche, schimmernde, weite Bucht mündet, die
kurz darauf wieder sich in einen Fjord zusammenpreßt, so schmal und
eng, daß kaum ein Steinwurf ist von Land zu Lande. Oft kein Ausweg
zu sehen, rings ein nirgend sich öffnender Kreis der herrlichsten
Bergrundpanoramen der Welt, Felsen und Klippen, Hügel und Höhen,
Bergketten hinter Bergketten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht
ein ewiges, prachtvolles Wechselbild!
Tausende von Inseln und Inselchen sind in die Inlandsee eingebettet,
manche groß und nicht zu übersehen, manche ganz winzig nur, ein paar
hoch und spitz aufgetürmte Felsblöcke oder eine Handvoll Land, das
von dem dunklen Grün der breiten japanischen Kiefer überschattet ist.
Fischerkähne und kleine Segler werden von der starken Kielwelle unseres
Schiffes hoch emporgeschleudert, und all das bunte, lustige Leben in
den unzähligen Fischerdörfern spielt sich zum Greifen nahe vor unsern
Augen ab.
Dunkle Nacht ist es schon, als ich nach einem meiner schönsten
Reisetage in Miyajima lande. Noch ein viertelstündiger, bergaufwärts
führender Weg, und ich bin in meinem japanischen Hotel „Momiji-ya“ =
„Gasthaus zum Ahorn“ angelangt.