»Und die andern Herren? Ich schreib' sie mir gleich auf.«
Er nannte ihr noch drei Adressen. Berta glaubte Kostbarkeiten zu
sammeln, während sie sie notierte. Die Namen imponierten ihr gewaltig
-- ein Universitätsprofessor, ein Kommerzienrat und der Direktor einer
großen Bank.
»Na, das sind doch Leute -- die werden schon ein gerechtes Urteil
haben«, sagte sie vor sich hin.
Onkel Tübbeke brummte etwas Unverständliches. Er lüftete den
Teller und befühlte die Bockwurst. -- »Sonst noch was?« fragte er
verdrießlich.
Berta stand auf: »Nein, Onkel. Danke sehr. Jetzt lass' ich dich essen.
Entschuldige bitte die Störung. Aber sage mir nur noch das eine: Was
glaubst du, wie ~ich~ bedacht bin?«
»~Wo?~«
»In dem Testament!«
»Davon weiß ich nichts.«
»Hältst du es aber für möglich?«
»Möglich ist vieles im Leben.«
Bertas Gesicht erglühte. Nach einer Pause fragte sie noch: »Wann ist
denn die Testamentseröffnung und wo?«
»Übermorgen bei Alexander II.«
»Da kann ich doch hingehen?«
»Hingehen kannst du natürlich; aber ob sie dich 'reinlassen, ist die
Frage. Man muß 'ne Karte haben.«
»Die krieg' ich schon noch.«
»Ist aber die höchste Zeit.«
Als Onkel Tübbeke wieder allein war, dachte er kopfschüttelnd: ›Sie
ist doch 'n richtiges Kalb geblieben. Wenn sie keine Karte kriegt,
dann gilt sie doch auch nicht als Erbin, dann braucht sie sich doch
gar keine Hoffnung zu machen. Daß sie sich das nicht sagt ...‹ --
Berta war schon nach der Nürnberger Straße unterwegs. An ihre Pflicht
zu Hause dachte sie nicht -- das Mädchen würde schon fürs Essen
sorgen. Sie selbst kaufte sich eine Apfelsine und zwei Bananen.
Während sie diese Früchte verzehrte, dachte sie: ›Nun komm' ich bald
nach Italien und nach Indien. Ich will überhaupt große Reisen machen.
Da vergißt man hier den Plunder und kommt auf andere Gedanken.‹
Bei Justizrat Alexander II empfing sie ein strammer, gescheitelter
Bureauvorsteher, an dem jedes überflüssige Wort abprallte. Er
sah sie von oben bis unten an: »Sie wünschen eine Karte für die
Testamentseröffnung Viktor Schwarz? Wenn für Sie eine bestimmt war,
hätten Sie sie längst durch die Post erhalten. Wie ist denn Ihr werter
Name?«
»Prutz« stieß Berta hervor. »Nein -- Rietschel!«
Das Personal kicherte. Der gescheitelte Herr schnitt eine Grimasse, um
ernst zu bleiben: »Also gilt wohl die Berichtigung? Rietschel?«
Er sah in einer Kiste nach -- dann schüttelte er den Kopf: »Bedaure,
der Name Rietschel ist nicht aufgeführt. Und Prutz, der Ordnung halber
-- auch nicht.« -- Er wandte sich Berta zu. »Sie sind keine Erbin«,
sagte er mit strenger Polizeimiene.
Jetzt blickten alle auf sie -- es war, als ob man eine Diebin ertappte.
»Das ist ja ganz unmöglich«, stammelte Berta.
»Ich habe das Meinige getan -- ich bitte, meine kostbare Zeit nicht
länger in Anspruch zu nehmen.«
»Ich werde es anfechten!«
Jetzt hörte sie ein deutliches Lachen um sich her.
»Da sollten sie doch mindestens die Eröffnung des Testaments
abwarten«, sagte ein Fräulein in halb mitleidigem, halb spöttischem
Ton.
»Das werde ich! Auch ohne Karte!«
Sie lief fort. Die Heiterkeit legte sich nach ihrem Verschwinden
noch lange nicht. -- »Ja, ja, was man nicht alles erlebt«, sagte der
gescheitelte Herr, sich die Augen wischend. »Es ist unglaublich. Wenn
es heißt ein Millionentestament, dann melden sich Leute, die mit dem
Erblasser mal in der Elektrischen gefahren sind.«
»Und die kleine Frau tat so, als ob sie die eigene Tochter wäre«,
meinte das Fräulein. --
Die Testamentseröffnung war jedenfalls ein Ersatz für das versäumte
Begräbnis. Berta konnte nun doch noch alle beisammen sehen. Eine
Stunde vor Beginn erschien sie in der Nürnberger Straße und sah in
einem wunderlichen Gemisch von Neid, Groll und Neugier die Geladenen
kommen. Gusti Bernhardi fuhr in Justizrat Schwarz Automobil vor --
ihre Trauerkleidung war von vorbildlicher Eleganz.
Berta stand abseits und zappelte vor Aufregung. Sie hielt sich noch
immer für die Hauptperson, die auf dem Höhepunkt des Dramas in die
Handlung eingreifen konnte. Ob und wie sie es tat, darüber konnte sie
zu keinem Entschluß kommen. Schließlich packte sie der Wunsch, in
den Versammlungsraum zu gelangen, so stark, daß sie mit Nachzüglern
hineinzuschlüpfen versuchte. Aber der gescheitelte Bureauvorsteher
stand als Zerberus vor der Tür. Er erkannte sie sofort und fragte
schroff: »Ihre Karte?« -- Berta verstummte. -- »Ohne Karte hat niemand
Zutritt!«
Weinend wich sie auf die Treppe zurück. -- »Na, was ist denn,
Frauchen?« fragte ein Schornsteinfeger, der eben vorüberkam.
Berta erschrak vor seiner höllischen Erscheinung, aber sie antwortete:
»Ich bin die leibliche Tochter und soll nichts erben!«
Der schwarze Mann sah sie betroffen an: »Ist nicht möglich ... ja, so
sind die Reichen. Na, machen Sie doch Krach!«
Er ging mit seinem Besen weiter. Berta stand wieder auf der Straße.
Der Mann hatte recht. Krach wollte sie machen. Krach mußte sie machen!
Sogleich, wenn die Erben das Haus verließen, sollte es geschehen!
Endlich kamen sie. Die meisten sichtlich beflügelt -- heuchlerische
Trauer deckte kaum ihre heimliche Wonne. Man wahrte die Form -- man
stelzte würdig von dannen. Aber auch Mißvergnügte kamen. Das Testament
mußte doch unangenehme Überraschungen enthalten. Als Gusti Bernhardi
wie eine königliche Witwe davonrauschte, konnte Berta sich nicht mehr
halten. Sie stürmte über den Damm. Das Automobil rollte schon an ihr
vorbei, und es war ihr, als ob Gusti betroffen aus dem Fenster sehe.
Vor dem Hause aber stand jetzt ein heftig debattierender Schwarm.
Lachende Erben waren es nicht -- man scheute nicht den Spott der
Beobachter und stritt um das Testament.
Hier glaubte Berta einsetzen zu können. Sie trat an die Gruppe heran
und fügte immer wieder, wenn ein Gekränkter seine Meinung gesagt, mit
ihrer klagenden Stimme ein: »Und ich bin das Kind!«
Man achtete anfangs nicht auf sie, man war zu sehr mit den eigenen
Interessen beschäftigt -- dann aber fuhr plötzlich ein dicker Herr zu
der kleinen Frau herum: »Was wünschen Sie denn eigentlich? Sie flöten
mir da immer was ins Ohr, und ich kenne Sie garnicht! Das macht einen
ganz nervös!«
Auch die anderen blickten Berta verwundert lächelnd an.
»Entschuldigen Sie -- ich bin sein Kind«, flüsterte sie.
»Was sind Sie?« fragte der Dicke.
»Sein Kind, seine eigene Tochter!«
Man sah sich an -- das war doch noch das Originellste an diesem
Testament -- nun kam noch das erheiternde Nachspiel der Tragödie.
Ein schmaler, hochschulteriger Herr, der sich wie ein gravitätischer
Storch bewegte, fragte Berta, an seiner Brille rückend: »Haben Sie
geerbt, meine Gnädige?«
»Nein, garnichts. Ich bin leer ausgegangen. Ich durfte nicht mal
'rein.«
Einige Damen bekamen das Lachen und wandten sich ab. Eigentlich mußte
man ja ernst sein.
»Leiten Sie einen Anspruch davon ab, daß Sie das Kind des Erblassers
sind?« fragte der Storch.
»Ja, natürlich! Was glauben Sie denn?«
»Sie sind illegitim?«
»Ich bin seine Tochter!«
Ein junger Herr tanzte schon auf einem Bein. -- »Das ist großartig!«
zwitscherte er.
»Nun,« meinte der Storch bedauernd -- »dann machen Sie sich keine
Hoffnung. Wir sind mit dem Seligen legitim verschwägert und müssen uns
mit bescheidenen Andenken begnügen.«
Man ließ jetzt von ihr ab und warf ihr noch Blicke zu, die nicht
mißzuverstehen waren -- ja, das Leben war schon zum Verrücktwerden.
Dann trennten sich die Erben und gingen, von dem Zwischenfall
aufgeheitert, friedlich auseinander. --
Berta lief wie eine Löwin vor dem verhaßten Hause auf und ab. --
»Ich fechte es an! Ich fechte es an!« rief sie immer wieder. Einige
Kinder, die einen großen Spaß witterten -- ihnen war es gleich, ob
es sich um eine Verrückte oder eine Betrunkene handelte -- folgten
ihr. Schließlich aber tauchte ein großer dunkler Mann mit blitzenden
Knöpfen vor ihr auf. Berta starrte ihn in sein rotes Gesicht.
»Gehen Sie jetzt nach Hause!« rief der Schutzmann. »Sie erregen hier
Ärgernis!«
Er wollte nichts gegen sie unternehmen, aber seine Erscheinung wirkte
überwältigend. Von Kindesbeinen hatte Berta eine fürchterliche
Angst vor Schutzmännern gehabt. Nun erhielt sie zum erstenmal einen
wirklichen Verweis von dem Manne des Gesetzes. Blutrot machte sie
kehrt und lief davon.
Auf dem Untergrundbahnhof Wittenbergplatz aber sah sie eine Frau
wieder, die auch das Haus des Testamentsvollstreckers verlassen
hatte. Es war eine dürftige, vergrämte Person. Sie trug ein amtliches
Schriftstück in der Hand, das sie zuweilen las, um dann immer wieder
erbittert den Kopf zu schütteln. Als sie Bertas ansichtig wurde,
steuerte sie plötzlich auf sie zu:
»Entschuldigen Sie, Sie sagten doch eben, daß Sie die Tochter von
Justizrat Schwarz wären?«