Viktor Schwarz war mühsam zusammengeflickt -- mehr galt sie nicht,
seine Genesung. Er wußte es, aber es genügte ihm, daß die Welt
ihn wieder sah und verehrte. Wieviel geheime Ruinen herrschten
in Groß-Berlin! Er steigerte sogar sein früheres Leben. Die
Gesellschaften in der Grunewaldvilla wurden immer glanzvoller, und man
konnte an eine späte Blüte glauben, denn Justizrat Schwarz war nicht
mehr allein. Nach seiner letzten Krankheit hatte er es gewagt, was ihm
bisher zu kühn erschienen -- er hatte seine langjährige Freundin ins
Haus genommen. Gusti Bernhardi stellte er offiziell als Wirtschafterin
vor.
Sie war am Ziel. Nun konnte sie den Eigensinnigen ganz beherrschen,
die kolossale Erbschaft war ihr gewiß. Ihre wienerische Grazie machte
auch alle bösen Zungen stumm. Das Dekorum wurde gewahrt, und man
gönnte dem leidenden alten Mann das bißchen Freiheit, wenn er auch
Präsident des Bundes für ethischen Fortschritt war. Die strengsten
Herren amüsierten sich jetzt dank Gusti Bernhardi ausgezeichnet im
Hause Schwarz.
Sie ahnte, was ihren Freund zu seinem Entschluß gebracht hatte. Von
Bertas Besuch hatte er ihr nicht erzählt, denn er fürchtete, vor ihr
blamiert zu sein; aber er biß so sichtlich noch einmal die Zähne
zusammen, sammelte so ingrimmig alle Machtmittel seines erfolgreichen
Lebens, daß dieser letzte Kraftaufwand nur einen Grund haben konnte:
Das kleine, hungerige Tier nagte an seiner Wurzel, die Verfolgerin,
die nicht leben wollte ohne ihren Erzeuger. Täglich fühlte er sich
bedroht und wartete auf einen Überfall. Der Tag, der keinen brachte,
war ihm geschenkt, und er lächelte oft seltsam erleichtert, wenn man
sich an seine Tafel setzte.
Bertas Brief hatte er ohne Antwort gelassen. Weitere Briefe die er
bestimmt erwartet, folgten nicht. Es vergingen Wochen, Monate -- Berta
blieb stumm. Hatte sie es aufgegeben? War ihr endlich die Erkenntnis
gekommen, daß die Eroberung dieser Festung unmöglich war?
Viktor Schwarz dachte vergeblich darüber nach -- schließlich nahm er
an, daß der Rechtsbeistand, den Berta befragen wollte, nicht ihr,
sondern dem vermeintlichen Vater geholfen hatte. Welcher orientierte
Anwalt in Berlin wagte es, mit Viktor Schwarz anzubinden? Viele gab
es sicher nicht. Das hatte er in dreißig Jahren doch erreicht. Man
›wimmelte‹ die kleine Querulantin ab -- vom Standpunkt des Gesetzes
war ja doch nichts mehr zu machen.
Aber während Viktor Schwarz sich immer mehr beruhigte, verkannte
er die wahre Ursache von Bertas Beschwichtigung. Sie war von ihm
abgelenkt, sie hatte trotz ihres Vorsatzes keinen Kollegen auf ihn
gehetzt, weil die stärkeren Mächte des Lebens sie gepackt hatten.
Ihre Kinder erkrankten. Es war Scharlach und die Gefahr wurde groß.
Als die Krisis überwunden war, folgte eine Augenentzündung, die den
Arzt sehr besorgt machte. Er fürchtete, daß das Ehepaar Rietschel
blinde Kinder behalten würde. Nun tat man alles, um das Unheil
abzuwenden. Ein berühmter Spezialist, den Rietschel kommen ließ,
verordnete eine langwierige Kur in einem thüringischen Sanatorium.
Dorthin mußte Vater oder Mutter mit den Kindern übersiedeln. Nur so
konnte ihnen das Augenlicht erhalten bleiben.
Rietschel überlegte nach langer Zeit wieder einmal eine große
Entscheidung mit Berta. In seine Angst um die Kinder mischte sich auch
die, daß Berta ihn jetzt nicht verstehen könne. Mißtrauisch sah er sie
an, während er ihr die Verordnung des Arztes auseinandersetzte:
»Es ist natürlich schrecklich, es schmeißt uns alles wieder um. Wir
müssen die Kinder aus der Schule nehmen, wir müssen selber auseinander
gehen, denn entweder mußt du oder ich mit ihnen nach Jena. Aber was
bleibt einem übrig? Das ist eben das Leben, das heißt verheiratet
sein. Gespielt und gespaßt wird nicht immer. Plötzlich kommt der große
Ernst und --«
»Warum redest du denn so viel?«
Berta stellte diese Frage mit seltsamer Überlegenheit. Er ärgerte sich
und bekam einen roten Kopf: »Weil man doch bei dir nie weiß, woran man
ist! Sollen unsere Kinder blind werden?!«
Er schluchzte fast. Sie aber antwortete mit einer Milde, die sie lange
nicht besessen: »Du bist ein Esel, Peter.«
»Na jedenfalls -- ich kann hier nicht weg!! Sonst geht das Geschäft
zugrunde! Von dem Geschäft leben wir! Das ist die Hauptsache! Auch für
die Kinder!«
»Du bleibst selbstverständlich hier und ich fahre mit den Kindern.«
Rietschel starrte sie an -- sein Gesicht begann sich aufzuhellen:
»Weißt du aber auch, was du übernimmst, Berta?«
»Es ist unglaublich! Du redest wirklich nicht mehr mit mir, als ob ich
die Mutter wäre!« --
Berta reiste mit den Kindern. Staunend sah Rietschel, welche
Entschlossenheit sie beherrschte. Fanatisch griff sie alles an, aber
hier wurde ihr Fanatismus zum Segen. Rietschel glaubte daran, daß sie
ihre Aufgabe durchführen würde. Zum erstenmal fühlte er wieder Stolz
auf seine Frau. Eigentümlich äußerte sich seine Empfindung. Er stand
mit geballten Fäusten da und flüsterte: »Der alte Lump im Grunewald --
muß er das arme Weib nun so quälen?« -- --
Länger als ein Jahr blieb Berta mit Paul und Grete in dem Sanatorium.
Es war eine teure und opfervolle Zeit, aber sie brachte dreifach
Segen. Die Kinder genasen; Rietschel, der trotz aller Sorgen doch
wieder einmal Ruhe hatte, verdiente viel, und Berta war von ihrer
Vatersuche abgelenkt. Ein Viertes aber ergab sich, das die tiefste
Bedeutung hatte. Die Kinder fanden sich endlich ganz zur Mutter.
Sie sahen in das wahre Feuer ihrer Seele, und nun konnte sie nichts
mehr von ihr trennen. Wer keinen Schlaf und kein Essen gebraucht,
um ihnen zu dienen, der blieb ihr bester Halt, auch wenn die Rätsel
des Lebens noch so viel verwirren wollten. Bertas Kinder erfaßten den
Urzusammenhang und ließen von ihrer Mutter nicht mehr ab.
Als sie endlich wieder in Berlin waren, von dem vereinsamten Vater
freudig begrüßt, schien die glückliche Zeit fortzudauern. Berta wurde
von Rietschel mit Anerkennung überschüttet, sie wachte auch über den
gesunden Kindern, und die alten Gespenster schienen weitab zu fliehen.
Es war Rietschels Tragik, daß er nichts von seiner Frau wußte, als er
sie stolz und glücklich zu durchschauen glaubte. Berta lebte unter
einer Pflicht, für sie gab es keine Wahl vor solcher Aufgabe, denn
sie war wirklich eine Mutter, aber für ihr eigenstes Wesen, das nun
einmal bei Rietschel darben mußte, war die Wandlung des letzten Jahres
nur Betäubung gewesen. Sie hatte abgebüßt, was sie dämonisch ins
Verderben trieb. Sie hatte Vergessenheit gefunden in der Welt, die sie
nur als Frau und Mutter gelten ließ. Der Durst ihres Innersten blieb
ungestillt.
Aber zu einem wirklichen Schritt konnte sie sich nicht mehr aufraffen.
In schwermütige Bitterkeit verbissen, lebte sie weiter -- auch in
Berlin, wo sie nun alles an alte Leiden erinnerte. Die Wanderungen mit
den Kindern über Thüringer Waldhöhen hatten sie abgelenkt -- jetzt
wußte sie wieder, wo der Weg in den Grunewald führte. Es hieß, den
Kopf in den Sand stecken, arbeiten und im Pfluge gehen.
So vergingen einige Jahre. Das große Einerlei schliff manchen
ruhelosen Wunsch ab. Rietschel wußte um Bertas enges Dasein ein
Behagen zu breiten, das billig betäubte -- er hielt es für den
Frieden, den sie gebraucht. Oft reizte es sie, aufzuspringen, die
Hülle abzuschütteln, dem selbstzufriedenen Manne zuzurufen: ›Nein,
du irrst dich! Ich bin noch ebenso, wie ich war! Du kannst mir nicht
geben, was ich brauche!‹ Dann aber sah sie auf ihre Kinder und
verstummte. Paul und Grete wurden schöne, aufrechte Menschen. Man
wunderte sich oft, daß den Rietschels solche Kinder beschieden waren.
Rührend, durch frühes, gemeinsames Leid verknüpft, festigte sich ihr
Geschwisterbund.
Rietschels galten als wahrhaft glückliche Familie -- Justizrat Schwarz
hörte davon zuweilen durch Tübbeke, seinen Bureauvorsteher. Frau
Grunow war inzwischen an Altersschwäche gestorben, ihr Sohn Alfons
lebte bei politischen Freunden in Rußland -- Tübbeke war ganz allein.
Justizrat Schwarz behielt den Greis, der seine Arbeit immer noch
verrichtete, er war ihm auch wertvoll, weil er ihm von Berta Rietschel
erzählte. Was der alte Lebenskünstler im Grunewald gern glaubte,
das glaubte er intensiv. Berta war für ihn erledigt. -- »Als Gattin
und Mutter hat sie doch noch ihre Bestimmung gefunden«, sagte er zu
Gusti Bernhardi. Seine Freundin zuckte die Achseln -- sie hatte einen
tieferen Blick in Bertas Leben getan, aber sie ließ ihn bei seinem
Glauben.
Viktor Schwarz hatte immer den Frühling geliebt. Schon aus ferner
Jugendzeit waren ihm bestimmte Bilder in Erinnerung geblieben. Aber
der Frühling war auch die Zeit der Schmerzen und Gefahren für ihn.
Er wurde nun doch ein alter Mann -- daran war nicht zu rütteln. Ein
Maiabend, allzulange im Garten bei köstlicher Bowle verträumt, hatte
ihn verführt, seine letzte Leidenschaft zu entfachen. Gusti Bernhardi
gewährte es ihm, denn sie sah, was er nicht sah: die Nähe des
dunklen Hafens. Von Mitleid und Berechnung erfüllt, diente sie einem
Absterbenden. Der Morgen dann wurde kritisch. Zusammenbruch drohte,
aber der eigensinnige Mann hörte auf keine Warnung. Er hatte ein
großes Geschäft vor, es trieb ihn, stolz auf seine Kraft zu bleiben --
nach dem Frühstück brach er auf und humpelte an seinem Krückstock in
den Frühling hinaus. Was Gicht -- was Krampfadern -- er konnte noch
leben und lieben!
Das Automobil erwartete ihn erst in Halensee -- bis dorthin wollte er
unter der lieben Sonne gehen. Sonderbare Bilder tauchten heute vor ihm
auf. Er sah sich plötzlich wieder als jungen Assessor in Strelenwalde.
Am offenen Fenster seiner Wohnung stand er und blickte auf das
Haus des Konditors hinüber. Dann ging er zu Liese, der blonden,
schlanken, in den schattigen Garten der Zubermühle. Er hatte doch nur
sie geliebt. Niemals vergaß er die Stunde jener Nacht, als sie sich
gebückt und Blumen aufgehoben hatte. Huschten die verflogenen Küsse
über seine welken Lippen? »O Jugend«, flüsterte Viktor Schwarz -- es
war ein blutender Laut der Reue. Dann blieb er plötzlich stehen, griff
an sein Herz, starrte hilflos mit großen Augen vor sich hin und sank
zu Boden.
Man fand den Toten und erkannte ihn bald. Das Automobil wurde geholt,
und es trug ihn zu Gusti Bernhardi zurück. -- --
Rietschel las jetzt die Vossische Zeitung. Im Interesse seiner
Kundschaft war er dazu übergegangen. Eines Abends stutzte er
plötzlich, warf einen schnellen Blick auf Berta und versuchte noch die
Bewegung, die ihm eine Nachricht brachte, zu bemänteln. Aber es war zu
spät. Berta pflegte ihn immer beim Zeitunglesen zu beobachten.
»Na, was ist denn?« fragte sie unruhig.
Er überlegte schnell -- aber Verheimlichen hatte keinen Zweck -- sie
erfuhr es ja doch -- dann wurde es nur noch schlimmer.
»Na, Berta«, sagte er sanft -- »nun ist es eben eingetreten. Er soll
ja schon lange ein verlorener Mann gewesen sein.«
»Wer? ...«
Bevor er antworten konnte, war sie schon aufgestanden, hinter ihn
getreten und sah über seine Schulter in das Blatt. Er fühlte, wie sie
bebte. Sie konnte nichts sagen. Es dauerte lange, bis sie es verstand.
Keine Familiennachricht war dem verstorbenen Justizrat gewidmet,
sondern ein langer Artikel im lokalen Teil. Die Wichtigkeit des Toten
spiegelte sich darin. Berlin war um einen großen Namen ärmer.
»Laß dich nicht so davon aufregen, Bertchen«, sagte Rietschel nach
langem Schweigen. »Ich kann ja verstehen, daß es dich packt. Die Art,
wie der Mann gestorben ist, hat was Trauriges. Aber der Tod macht nun
mal keinen Unterschied. Auch Kaiser Friedrich ist gestorben -- das
fällt mir jetzt bloß so ein. Und du darfst nie vergessen -- um dich
hat er keine Träne verdient.«
Er blickte schließlich zu ihr auf, da sie noch immer nicht antwortete.
Da sah er, wie sie erst mechanisch die Lippen bewegte -- dann hörte er
sie: »Meinst du, daß ich um ihn weine? Nein. Innerlich bin ich seit
Jahren mit ihm fertig. Den Tod hat er verdient --«
»Berta ...«
»Ja, ja, es klingt abscheulich, aber ich muß es jetzt sagen. Er mußte
auf der Straße sterben. Nicht mal die Bernhardi ist bei ihm gewesen --
--«
»Laß ihn ruhen, Berta.«
»Von mir aus ...! Wenn er kann ...! Wenn er sterben konnte, ohne mir
mein Recht zu geben --!«
»Herrgott, was meinst du denn damit?«
»Peter, wir standen schon wieder so gut miteinander -- mach' mich
nicht irre, Peter! Er war mein Vater, wenn er's auch nicht zugegeben
hat! Jetzt, nach seinem Tode, ist er's ebenso und mehr noch, denn er
kann es mir nicht mehr abstreiten! Jetzt sag' ich es laut vor der
ganzen Welt!«