Der Bruder schüttelte den Kopf: »Jetzt ist es mir egal.«

»Was war das für ein Brief?«

Die Kinder erzählten. Wer an die Mutter geschrieben, war nicht

festzustellen, aber Rietschel kam bald auf die rechte Fährte. Alles

führte ja bei Berta schließlich zu diesem Punkt. --

Sie schrieb in der Nacht noch ihren Brief zu Ende. Nun war sie

entschlossen, nun sandte sie ihn ab. Als sie ihn zum letztenmal

durchlas, kam ein befriedigtes Lächeln auf ihr Gesicht.

Lieber Vater!

So muß ich dich jetzt nennen, weil ich Respekt vor dem Gefühl

eines Kindes habe. Wenn ich von einem Menschen weiß, daß er mein

Vater ist, muß ich ihn liebhaben, mag mir auch noch so sehr nach

dem Gegenteil zu Mut sein. Dagegen können Sie nichts machen,

hochgeehrter Herr Justizrat. Auch daß ich Ihnen den schönen Roman,

den Sie mir von meiner Mutter erzählt haben, glaube -- wollen Sie

mich dazu zwingen? Vergebliche Mühe, Herr Rechtsbeistand. Ich kenne

die Wahrheit, und jeder Schwindel prallt an mir ab. Es handelt sich

um die Stimme der Natur. Daß meine Mutter nicht drauf hören will,

ist unglaublich; aber dazu hast Du sie natürlich gebracht. Ich

jedenfalls, das schwöre ich Dir -- ich lasse mich nicht so ducken

wie Mutter. Jetzt komme ich zu Dir nicht mehr, aber ich weiß, wohin

ich zu gehen habe. Ich werde mir schon Gehör verschaffen, Herr

Justizrat. Zunächst mal hetze ich einen Kollegen, einen Rechtsanwalt

auf Sie, und dann werden wir weiter sehen. Es wäre ja schließlich

nicht das erstemal, daß die Leute einer richtigen Überzeugung

geglaubt haben. Wer das Recht auf seiner Seite weiß, geht durch dick

und dünn. Dafür ist ja schließlich auch unser Heiland gestorben.

Oder weißt Du nichts von dem? Was geht denn eigentlich in Dir vor,

Vater, warum willst Du mich denn nicht? Ich hätte doch noch eine

richtige Liebe für Dich, jetzt, wo Du alt und krank bist. Ein

Mensch, der nur Gerechtigkeit will, kann doch kein schlechter Mensch

sein. Du könntest es noch so gut haben, wenn Du mich endlich dahin

ließest, wo mein Platz ist.

Aber das ist wohl alles vergebens. Jetzt mache ich mir keine

Hoffnung mehr. Lebe wohl, und Du wirst von mir hören.

Frau Rietschel das Kind · 第 79 / 97 题