EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Viktor Schwarz war krank. Er wußte es schon lange, aber er war ein

Geschöpf des Berliner Tempos und kam zu keiner wirklichen Vorsorge. Er

pflegte sich und gehorchte dem Arzt -- andererseits steckte er, wie

Vogel Strauß, den Kopf in den Sand und genoß die verbotensten Dinge.

Er konnte nicht anders leben. Entweder mußte er Ratgeber oder

Spekulant oder Tafelaufsatz sein -- auch als Volkstribun hatte er

sich schon versucht. Er selbst war nirgends mehr, auch nicht bei

Gusti Bernhardi. Was die an ihn band, war doch nur der Abglanz der

öffentlichen Meinung. Sie fand ihr gutes Leben bei ihm und wollte

ihn beerben -- darüber war er sich klar. Im übrigen blieb er ein

Börsenkurs.

Aber dieses Leben des einzelnen, der allen gehören wollte, war

namenlos anstrengend. Es zerrieb, während man die Fülle vortäuschte.

Schon die Diners waren eine Verpflichtung, die allmählich zerstörend

wirkte. Der Repräsentant blieb am Ende nur ein Mensch mit einem

einzigen Magen. Wen er nicht vor den Kopf stoßen wollte, an dessen

Tisch mußte er sich setzen. Das Niveau der Küchen war so hoch, daß

auch hier jede Abschätzung fehlte. Es war unmöglich, festzustellen, wo

der getrüffelte Puder oder der garnierte Rehrücken besser schmeckte.

Nach der Arbeit kam auch immer wieder der Hunger. Wollte man nicht als

minderwertig gelten, mußte man zugreifen. Und man lebte ja auch nur

einmal.

Aber die Gicht war unaufhaltsam. Ein Zaubermittel, das sich all die

geplagten Feinschmecker zugestanden, war ein schlichtes Mineralwasser,

Fachinger genannt. Sie tranken unzählige Flaschen Bordeaux --

der Fachinger mußte es dann wieder gutmachen. Dieses kühle

Reinigungsmittel galt noch nicht als Zeichen der Invalidität.

Nun wollte auch das bei Viktor Schwarz nicht mehr helfen. Seine

sorgenvolle Stimmung wuchs. Als er an einem grauen Märztage sein

Bureau verließ und in das Automobil steigen wollte, das er sich als

Syndikus des Kraftwagenkonzerns Universum erworben hatte, sah er

plötzlich wieder seine Verfolgerin vor sich. Die Frau, die durchaus

seine Tochter sein wollte, wartete auf ihn. Er wurde blaß vor Wut,

stapfte mit seinen Gichtfüßen an ihr vorüber und stieg in den Wagen.

Als das Automobil ihn forttrug, wurde ihm aber klar, daß Berta

Rietschel sehr verändert gewesen. Eine sonderbare Beängstigung ergriff

ihn. Sie hatte einer Traumgestalt geglichen, die er seit Wochen nicht

vergaß. Es hatte ihm geträumt, daß er zur Dämmerstunde in seine

Grunewaldvilla zurückgekehrt war, und plötzlich hatte ein Weib ihm

mit erhobenem Revolver gegenüber gestanden. Eben war er noch ins Haus

gelangt -- als die Tür sich hinter ihm schloß, war der Schuß gefallen

-- da war er auch aufgewacht.

So blaß, so drohend, stillen Wahnsinn in den Augen, wie das

Traumgesicht, hatte Berta nun wirklich vor ihm gestanden. Sie hatte

diesmal nicht gegrüßt, nur ernst genickt, und dieses Nicken schien ihm

zu sagen: ›Ich tu's nicht. Weil du mein Vater bist, tu' ich's nicht.‹

Immerhin -- die Person war gefährlich -- das spürte er jetzt. Schon

nahm sie das alte, freche Spiel wieder auf. Nirgends konnte er mehr

ruhig sein -- die Verfolgerin brachte alles in Erfahrung, immer stand

sie da und lauerte, mit dem verrückten Nicken, ohne Gruß.

Dem war er nicht mehr gewachsen. Als Gusti Bernhardi zu ihm kam,

herrschte er sie an: »Du hast dich schön blamiert! Jetzt ist die

Geschichte schlimmer als je!«

»Was meinst du denn?« fragte sie, Konfekt knabbernd.

»Na, sie lauert mir schon wieder auf! Der Vampir! Das kleine

Scheusal!«

»Berta? Wahrhaftig? Ja, ich bin leider mit ihr verzankt.«

»Das ist ja großartig! Das teilst du mir so einfach mit? Konntest du

das? Durftest du das?! Jetzt gerade, bei meinem Zustand? Ich darf mich

nicht aufregen! Ich habe keine ruhige Minute mehr!«

»Aber, Vicki ... Es ist doch halb so schlimm. Was mit Berta los ist,

weiß ich freilich nicht zu sagen. Plötzlich war sie eingeschnappt und

kam nicht mehr und antwortete nicht, wenn ich ihr schrieb. Nachlaufen

konnte ich ihr natürlich nicht. Sie muß halb närrisch sein.«

»Das fürcht' ich auch!«

»Wenn sie nun den alten Unsinn wiederanfängt ...«

»Also, du hast total versagt, Gusti! Ich muß mir jetzt selber helfen!

Die Sache wird für mich im höchsten Grade gesundheitsschädlich! Dazu

bin ich mir denn doch zu schade! Laß mich jetzt überlegen, was man tun

kann! Ich dank' dir schön, aber misch' dich bitte garnicht weiter ein!«

»Das ist auch nicht mein Ehrgeiz, Vicki. Deine unehelichen Kinder

unschädlich zu machen, ist ein undankbares Geschäft. Ich amüsier' mich

lieber.« --

Am nächsten Tage ging es Schwarz schlechter. Er mußte alle

Gesellschaften absagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als

im Bett zu bleiben. Doch das bißchen Ruhe tat ihm nach dem Tempo

der letzten Jahre wohl. Er kam endlich einmal zum Überlegen seiner

Angelegenheiten. Plötzlich ging ihm Bertas wegen ein Licht auf. Trotz

seiner schmerzenden Füße mußte er lächeln. Er, der kluge, unfehlbare

Viktor Schwarz, hatte da eine gewaltige Dummheit gemacht. Wie war es

ihm nur möglich erschienen, daß eine Frau, wie Gusti, ihn befreien

könnte? Die hatte es sicher nur noch schlimmer gemacht. Gerade seitdem

Berta die große Welt durch sie kennengelernt, reizte es sie natürlich

doppelt, den Mann zu gewinnen, der ihr diese Welt schenken konnte.

Wie behandelte man denn Leute mit fixen Ideen? Er erinnerte sich,

neulich erst mit einem berühmten Psychiater darüber gesprochen zu

haben. Man versuchte ihnen die Ideen nicht auszureden, sondern sie

im Gegenteil darin zu bestärken. Nur das ~Objekt~ der Idee in

dem kranken Bewußtsein zu verändern, darauf kam es an. Viktor Schwarz

stieß einen Jubelton aus -- dabei ging es ihm so schlecht. Das war es!

Das half! Jetzt schüttelte er sie von sich!

Rasch griff er nach Papier und Feder und schrieb mit schmerzender Hand:

›Sehr geehrte Frau Rietschel!

Könnte ich Sie in einer für Sie bedeutungsvollen Angelegenheit

sprechen? Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie einen

Vorteil für Ihre Zukunft von mir erwarten, und Sie sollen sehen, daß

ich nicht der Mann bin, ihn Ihnen vorzuenthalten. Leider geht es mir

jetzt nicht gut, ich leide an rheumatischen Anfällen und muß für

einige Tage das Bett hüten. Nach reiflicher Überlegung will ich aber

Ihre Angelegenheit nicht länger verzögern. Ich bitte Sie deshalb,

am nächsten Montag nachmittag, etwa um 4 Uhr, zu mir zu kommen.

Nicht in das Bureau also, sondern Grunewald, Königsallee 27. In der

Hoffnung, Sie bei mir begrüßen zu können, bin ich Ihr

hochachtungsvoll ergebener

Viktor Schwarz,

Justizrat.‹

Mehrmals las er diesen Brief durch. Bedenken gegen das Wagnis regten

sich. Er war krank, er konnte sich vielleicht in der Szene, die Berta

ihm machte, nicht behaupten. Aber am stärksten blieb doch sein Wunsch,

die unerhörte Belastung nicht in gesunde Tage mitzuschleppen. Er mußte

jetzt ein für allemal damit fertig werden. --

Bertas Kinder waren schon so weit herangewachsen, daß sie den Zustand

ihrer Mutter als Unglück des Vaters empfanden. In ihren kleinen Herzen

brannte der Wunsch, durch irgendein schönes Ereignis die arme Mutter

aufrichten zu können. Das geschah gewiß durch eine rechte Freude.

Aber woher sollte die kommen?

Da brachte die Post eines Tages einen Brief. Das Dienstmädchen war

eben nicht zu Hause, die Kinder mußten der Mutter den Brief verwahren.

Nun hatten sie einen gewaltigen Begriff davon. Namentlich dieser Brief

erschien ihnen vielversprechend. Er konnte von keinem Verwandten

sein -- dagegen sprach das feine Papier und die merkwürdige Schrift.

Aus einer höheren Sphäre stammte der Brief -- das empfanden Paul und

Grete. Plötzlich sagte der kleine Junge: »Du, vielleicht ist das was

Schönes für Mutti. Am Ende freut sie sich so darüber, daß sie wieder

ganz vergnügt wird.«

Grete meinte: »Na ja -- dann wollen wir's ihr man geben, wenn sie nach

Hause kommt. Dann wollen wir's ihr beide geben.«

Es wurde eine Verschwörung, die ihnen außerordentlich Spaß machte.

Einer nahm immer den andern den Brief weg. Schließlich beschlossen

sie, ihn beide anzufassen und der Mutter zu überreichen.

Sie hatten Glück. Berta kam heute vor Rietschel nach Hause. Verdrossen

trat sie ein und setzte sich an ihren Nähtisch. Da sah sie die

schüchterne Feierlichkeit ihrer Kinder auf sich zukommen. Auch hier

war sie jetzt gegen jeden Spaß. Zornig riß sie den Brief an sich. Aber

Paul und Grete ließen sich nicht einschüchtern -- sie warteten, bis

die Mutter gelesen hatte.

Das war nun geschehen. Die Wirkung erwies sich über alles Erwarten.

Bertas Augen blieben an den Zeilen haften und füllten sich mit Tränen.

Ihre Lippen flüsterten unverständliche Worte -- offenbar versuchte sie

den Inhalt des Briefes zu sprechen, um ihn besser verstehen zu können.

Ein Wunder mußte ihr entgegengekommen sein, etwas völlig Unerwartetes.

Paul und Grete waren entzückt -- in plötzlicher Eingebung liefen sie

auf die Mutter zu und drängten sich an sie.

Berta sah staunend auf sie nieder. Sie konnten ja nicht ahnen, was

der Brief enthielt, aber es waren Seelen, die zu ihr gehörten, und sie

teilte sich ihnen mit. So flüsterte sie zu den blonden Köpfen herab:

»Das ist ein guter Brief ... Da habt ihr mir was Schönes verwahrt ...

Aber etwas ist nötig, Kinder -- merkt euch das -- ihr dürft nichts

zu Vater sagen -- Vater darf nichts davon wissen -- dem sag' ich es

später selbst.«

Glücklich, aber auch befremdet hörten die Kinder diesen Befehl. Zum

erstenmal hatte die Mutter eine Heimlichkeit mit ihnen vor dem Vater

-- war das möglich? Aber sie waren stolz darauf, und ihr eifriges

Nicken glich einem Schwur.

Als Berta mit dem Brief allein war, wurde sie klarer und bedenklicher.

An ihrer Überzeugung, daß der Entschluß des Justizrats nur

~einen~ Sinn haben konnte, änderte sich nichts. Aber ihre

Erfahrungen hatten sie mißtrauisch gemacht. An eine plötzliche

Wandlung glaubte sie nicht. Woher sollte die kommen? Schwarz war und

blieb ein Vorteilsmensch. Es mußten sich entscheidende Gründe für ihn

ergeben haben, die Maske fallen zu lassen. Schließlich empfand ja auch

er den unerträglichen Zustand. Er würde nun gewiß versuchen, billig

davonzukommen. Ein stolzes Gefühl packte Berta: Dieser Mann ahnte

nicht, daß ihr am Gelde wenig, am Siege der Gerechtigkeit alles lag.

Nun, sie würde ja bald wissen, wie es zusammenhing. Vielleicht hatte

Gusti Bernhardi doch noch etwas durchgesetzt. Von Reue wurde Berta vor

Gusti ergriffen. Hatte sie ihr doch unrecht getan? War sie zu schnell

mit ihrem leidenschaftlichen Bruch gewesen?

Jetzt wollte sie jedenfalls vorsichtig sein. In eine Falle ging sie

nicht mehr. Nachdem sie diesen Brief empfangen, kam sie ja mit dem

unschätzbaren Vorteil ihres guten Rechtes.

Erst als sie nach dem Grunewald unterwegs war, fiel ihr ein, daß der

Brief des Justizrates doch merkwürdig förmlich war. Sie riß ihn aus

der Tasche und las ihn noch einmal. ›Sehr geehrte Frau Rietschel?

Ich habe allmählich die Empfindung bekommen, daß Sie von mir einen

Vorteil für Ihre Zukunft erwarten? Nach reiflicher Überlegung will ich

ihre Angelegenheit nicht länger verzögern? In der Hoffnung, Sie bei

mir begrüßen zu können, bin ich Ihr hochachtungsvoll ergebener ...‹

Schrieb man so an seine Tochter? Auch wenn noch nichts ausgesprochen

war?

Es durchrieselte sie kalt. Aber nun stand sie schon dort, wo sie einst

mit dem Revolver gestanden hatte. Umkehren wollte sie nicht mehr.

Sie brauchte Klärung, nicht ewige Dunkelheit. Klärung erwartete sie

jedenfalls.

Sie läutete und wurde von einem Diener eingelassen. Es war wohltuend,

in diesem prachtvollen Hause als erwarteter Besuch behandelt

zu werden. Der Diener sprach höflich und leise. Er mochte sich

vielleicht über Berta wundern, aber er zeigte es nicht. Bald führte

er sie in den ersten Stock hinauf. ›Das sind Gobelins, die können

hunderttausend Mark kosten‹, dachte Berta, während ihr Blick die Wände

des Treppenhauses streifte. Unwillkürlich fühlte ihr Fuß an den dicken

Teppichen herum. Perser oder Smyrna? Sie wußte es nicht. Nun mußte

sie eine Minute warten -- dann kam der Diener wieder und bat sie mit

wehmütigem Lächeln, einzutreten.

Sie stand im Schlafzimmer des Justizrates, aber im Bett lag er nicht.

In einen Lehnstuhl sah sie ihn, und neben ihm war ein kleiner Teetisch

gedeckt. Hier mußte sie sich ihm gegenüber setzen.

Die Hand, die er ihr reichte, war verbunden, und seine Füße steckten

in dicken Filzpantoffeln.

Berta wurde von Mitleid ergriffen. Er mußte doch ernstlich krank sein

-- so sah man nicht aus, wenn man nur Rheumatismus hatte.

»Wie geht es Ihnen denn?« fragte sie nach einer Weile.

»O, danke sehr, es macht sich schon wieder. Man muß zufrieden sein.

Aber reden wir nicht von mir ...«

Seine schwarzen Augen schielten sie lächelnd an. ›Der Blick war

unvermindert lebensvoll, teuflisch lebensvoll‹, dachte sie. Wie gern

hätte sie jetzt das andere, Göttliche oder auch nur Menschliche darin

gefunden. Nein, wie ein Vater sah er sie nicht an.

»Bitte, bedienen Sie uns freundlichst mit Tee und Kuchen. Ich kann

leider mit meinen kranken Händen nichts tun. Ja, ja, meine liebe Frau

Rietschel -- man wird hart gestraft.«

Gestraft? Sie horchte? auf. Aber so schwerwiegend meinte er es wohl

nicht.

»Wie gesagt -- reden wir nicht von mir. Ich habe Sie nur Ihretwegen zu

mir gebeten. Ihr Schicksal interessiert mich natürlich Ihrer lieben

Mutter wegen.«

Berta konnte nur nicken. Sie spürte, wie sie zitterte, und versuchte

ärgerlich, sich selbst festzuhalten.

»Das Vergnügen, Sie zu sehen, hatte ich ja in den letzten Jahren

wiederholt, wenn ich auch von diesen Gelegenheiten leider keine

Besprechung ableiten konnte.«

Er lächelte noch immer, seine Worte klangen leicht und freundlich,

verbargen aber eine spöttische Schärfe. Bertas Hoffnung begann

zu sinken. Wie wollte er von diesem Ton zum Vaterbekenntnis

hinüberfinden? Aber sein Brief, sie hatte ja seinen Brief.

»Ich habe mir eine Besprechung furchtbar gewünscht«, stieß sie hervor.

»Darum war es eine doppelte Freude für mich, als Sie mir schrieben ...«

»Ja, ja,« sagte er rasch und erledigend -- »schriftlich mußte es jetzt

geschehen. Ich hatte auch offen gestanden keine Lust mehr --«

»Seien Sie mir nicht böse, Herr Justizrat! Sie können sich doch

denken, was in mir vorgeht!«

»Das weiß ich. Das weiß ich ganz genau. Ich wollte Ihnen eben nicht

erst böse werden, darum schrieb ich Ihnen. Sie müssen bedenken, daß

Sie der erste Besuch sind, den ich empfange -- in meinem Krankenzimmer

empfange --«

»Ich danke Ihnen vielmals! ...«

»Nichts zu danken. Aber der Kürze müssen wir uns befleißigen -- in

Rücksicht auf meinen Zustand -- nicht wahr? Also -- haben Sie Tee

getrunken, Kuchen gegessen? Sind wir so weit? Dann hören Sie zu, was

ich Ihnen zu sagen habe.«

Berta lauschte gehorsam, mit großen, fiebrig glänzenden Augen.

Justizrat Schwarz lehnte sich zurück und sah während des Folgenden

nicht sie an, sondern eine schöne Kopie, die ihm gegenüber hing. Es

war Helene Fourment von Rubens. Berta hatte die nackte Frau noch nicht

bemerkt.

»Also -- weil ich mich für Sie interessiere, Ihrer lieben Mutter wegen

-- will ich dem Zustand ein Ende machen und Ihnen sagen, was ich weiß.

Es handelt sich doch mit einem Wort um Ihren Vater. Sie wollen von mir

wissen wer Ihr Vater ist.«

Berta versuchte etwas zu äußern, aber es gelang ihr nicht. Sie

fürchtete, nur ein Wort zu verlieren.

Die gelbe Miene des Justizrates wurde jetzt ernst und straff. Etwas

Amtliches kam in seinen Ton: »Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber klar

sind, was das Anwaltsgeheimnis ist. Eine Vorlesung kann ich Ihnen

darüber nicht halten. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich seit Ihrem

ersten Besuch zur Diskretion im Interesse meiner Klientin verpflichtet

war. Meine Klientin ist Ihre Mutter -- Sie sind es nicht, nicht wahr?

Wenn ich mich heute trotzdem selbst von meiner Pflicht entbinde, so

geschieht das deshalb, weil ich es mir in meiner jetzigen Position

leisten kann. Ich bitte Sie aber, einen Akt besonderen Vertrauens

darin zu erblicken und mir strengstes Stillschweigen zu geloben.«

»Aber gewiß, Herr ... ich ... ich werde doch nicht -- --!«

»Es ist nur zu Ihrem eigenen Vorteil. So. Das wäre die Voraussetzung.

Und nun zur Sache selbst!« -- Er sah von Helene Fourment fort, lehnte

sich zurück, und sein peinlicher Blick ruhte wieder auf Berta.

»Versuchen Sie jetzt mal, mich ganz ruhig und objektiv anzuhören,

liebe Frau Rietschel. Als ob es sich garnicht um Ihre Mutter handelte,

sondern um irgendeinen fremden Menschen, von dem ich Ihnen eine

interessante Geschichte erzähle. Nur so gewinnt man nämlich ein

Urteil.«

»Ich möchte vor allen Dingen von meinem Vater was wissen«, stieß Berta

hervor.

Er nickte ungeduldig: »Ja, ja! Das hängt doch selbstredend zusammen.

Also, die Sache ist folgende: Ich sage Ihnen jetzt, wie Sie auf diese

zweifelhafte Welt gekommen sind, liebe Frau. Bleiben Sie sitzen!

Sie wollen wahrscheinlich sagen: ›Das wissen Sie also?‹ Ja, Frau

Rietschel -- das habe ich damals schon gewußt, als Sie ein Backfisch

wahren -- das wußte ich schon, bevor Sie geboren wurden. Aber ich bin

Rechtsanwalt -- ich führte die Sache Ihrer Mutter -- ich führte sie

gegen Ihren Vater!«

Berta saß mit hängenden Armen da. Leer starrte sie ihn an. Er also --

er war es nicht? Er selber nicht? ...

»An der Stelle,« fuhr Justizrat Schwarz mit gehobener Stimme fort, »wo

Sie vor kurzem mir gegenüber saßen, in meinem Bureau saß mir vor 28

Jahren Ihre arme Mutter gegenüber. Sie hatte eine Stellung in Berlin

-- wo, ist ja irrelevant -- sie war ein junges, blühendes Geschöpf --

ich sehe sie noch vor mir, und --« Schwarz schneuzte sich -- »und sie

gestand mir die Tragödie ihres Lebens. In dem Lokal, wo sie angestellt

war, verkehrten junge Offiziere -- einer von ihnen, ein bildschöner

Gardeulan aus Spandau, alter Adel, Frau Rietschel -- der hatte sich

stürmisch in Ihre Mutter verliebt, die Liebe war gegenseitig, und das

Verhältnis hatte Folgen.«

Jetzt ruhte sein Blick mit unechter Weichheit auf ihr, eine fette

Rührung kam in seine Stimme. -- »Der junge Leutnant war ein

Ehrenmann«, fuhr er fort. »Seine Leidenschaft war echt, und er faßte

den schwärmerischen Entschluß, das arme Ladenfräulein zu heiraten.

Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht -- ich meine seine

adelstolze Familie. ›Niemals!‹ scholl es ihm da entgegen. Und sehen

Sie, liebe Frau Rietschel -- wie das Leben nun einmal ist ...« Er

lächelte schmerzlich und machte trotz seiner Gicht eine eigentümlich

resignierte Bewegung mit beiden Händen.

Berta folgte dieser Bewegung. -- »Er hat sie sitzen lassen?« flüsterte

sie.

»Er gab nach. Unter den schwersten Kämpfen. Wir leben ja leider nicht

in der Welt unserer Dichter. Die liebe Wirklichkeit siegt schließlich

doch. Es ging um sein Majorat, um sein Offizierspatent -- um sich dem

ganzen Wirrsal zu entziehen, fuhr er nach China, mit Waldersee -- aber

von diesem Kriege wissen Sie wohl kaum etwas -- da kamen Sie eben zur

Welt.«

»Und Mutter hat ihn gehen lassen?«

Viktor Schwarz nickte schwer. -- »Ja«, sagte er mit dumpfer Stimme.

»Und das Kind bin ich?«

»Das Kind sind Sie.«

»Warum hat mich denn Mutter nicht behalten, das wär' doch ein Trost

für sie gewesen?«

»Nein. Sie war zu verbittert. Sie wollte ganz allein bleiben. Deshalb

kamen Sie zu Frau Grunow.«

»Aber eins versteh' ich nicht -- was wollte denn Mutter bei Ihnen?«

»Sie brauchte in Ihrer furchtbaren Bedrängnis einen Rechtsbeistand.

Ich war ihr von mehreren Seiten empfohlen worden.«

»Na ja .. Aber ich denke, sie hat schon von selbst gewußt, was sie

tat? Wenn so'n armes, verlassenes Mädel aus Liebe handelt und ihren

Bräutigam aufgibt, um ihm nicht im Wege zu sein -- dazu braucht sie

doch keinen Rechtsbeistand?«

Die fanatische Logik dieser Fragen wurde dem Justizrat unbequem.

Außerdem begannen seine Füße wieder zu schmerzen. -- »Na ja, na

ja. Sie war eben verzweifelt«, brummte er. »Wie soll ich Ihnen das

erklären? Es ist auch schon zu lange her. Sie wollte meinen Rat, und

ich riet ihr, als ich die Situation übersah.«

»Sie rieten ihr, den Leutnant aufzugeben? Sie als ihr Rechtsbeistand?

Das klingt ja, als ob Sie die Familie von ihm vertreten hätten.«

Schwarz hob den rechten Fuß: »Au! ... Entschuldigen Sie -- aber mein

großer Zeh -- es wird mir wirklich schwer, Ihnen weiter Rede zu

stehen. Wir müssen uns jetzt kurz fassen. Ihre Fragen leiten auch

immer vom Thema ab.«

»Das finde ich nicht, Herr Justizrat. Wenn man eben erst gehört hat,

wer man sein soll. Also ich habe sozusagen blaues Blut in mir?«

Sie fragte es knapp und scharf. Mißtrauisch sah er sie an -- war Hohn

in ihrer Stimme? Glaubte sie ihm etwa nicht? Diese Wendung durfte

keinesfalls eintreten. Jetzt rüstete er sich zum letzten Widerstande.

-- »Ja, meine liebe Frau Rietschel,« sagte er mit der feierlichen

Stimme seiner Plädoyers, »in Ihnen ist adliges Blut. Bestes Bürgertum

und Aristokratie. Das kann doch jetzt nur tröstlich für Sie sein.«

»Das glaub' ich nicht. Das nimmt mir ja die Ruhe. Darum wünsche ich

mich ja immer wo anders hin. Niemals pass' ich dahin, wo ich lebe.

Nicht Fisch und nicht Fleisch bin ich.«

»Aber Ihre Kinder! Sie sind doch Mutter! Vergessen Sie denn vollkommen

Ihre Kinder? In denen wird einst der natürliche Adel zum Vorschein

kommen! Sie gleichen doch wahrscheinlich jetzt schon ihrem Großvater!«

»Nein, die gleichen Rietschel! Aber es handelt sich jetzt nicht um die

Kinder. Ich muß selbst Bescheid wissen, sonst werd' ich verrückt. Wie

heißt mein Vater? Der, von dem Sie mir erzählt haben.«

»Selbstverständlich der! Um wen soll es sich sonst handeln? Aber den

Namen darf ich keinesfalls nennen!«

»Etwa wegen seiner Familie? Sie vertreten doch bloß meine Mutter?«

»Zum Donner -- Ihre Mutter hat es ja selbst gewünscht! Verstehen Sie

denn das nicht?«

»Nein, verstehen tu' ich so was nicht. Aber das tut ja nichts zur

Sache! Das ist wohl immer so bei einem Rechtsanwalt!«

»Was heißt das?«

Berta war aufgestanden. Jetzt bebte ihre kleine Gestalt. In einer

sonderbaren Eingebung riß sie ihren Kneifer aus aus dem Gürtel und

setzte ihn auf. Er glaubte, daß sie ihn schärfer ins Auge fassen

wollte, und wich unwillkürlich zurück. Sie aber wollte ihm ein Erbe

zeigen, das sie dem Vater dankte -- ihre schwarzen Augen zogen sich

hinter den Gläsern zusammen, und sie schielte ihn ebenso an, wie er

sie.

»Lebt mein Vater?« fragte sie mit kippender Stimme.

»Nein!« rief Schwarz energisch. »Das muß ich Ihnen nun auch eröffnen!

Er ist im Orient gestorben! An den Folgen des Chinakrieges! Eigentlich

hat Ihr Vater den Heldentod fürs Vaterland erlitten!«

»Das macht mir keinen Eindruck! Ich bin Sozialdemokratin!«

»Oho! Da möchte ich Sie doch dringend warnen, liebe Frau Rietschel!

Hüten Sie sich vor den Wahnideen unserer Zeit!«

»Es ist ja bloß meine Privatansicht. Politik mache ich nicht. Und wenn

ich auch sozialdemokratisch bin -- in Militärsachen weiß ich doch

recht gut Bescheid, Herr Justizrat!«

»Was heißt das? Was wollen Sie damit sagen?«

»Ach, bloß 'ne Kleinigkeit -- mein Vater, der Herr Leutnant, soll in

Spandau gestanden haben? In Spandau gibt's ja gar keine Ulanen!«

»Da irren Sie sich!«

»Ich irre mich nicht! In solchen Sachen nie!«

»Blau mit gelben Litzen! Eine wunderbare Uniform!«

»Die stehen in Potsdam!«

Justizrat Schwarz lehnte sich erschöpft zurück: »Also meinetwegen in

Buxtehude. Mit Ihnen zu streiten, gebe ich auf. Ich habe das Meinige

getan. Ich habe Ihnen aus eigenem Entschluß, ohne es nötig zu haben,

Aufklärungen gegeben. Nun wissen Sie das hoffentlich zu schätzen, nun

richten Sie sich danach.«

Bertas starrer Blick verließ ihn nicht. Ihr Gesicht war kreidig,

ihre bläulichen Lippen bewegten sich eine Weile, bevor sie sprechen

konnte: »Das tu' ich ... Jetzt weiß ich Bescheid ... Ich danke Ihnen

dafür ... Und nun will ich auch nicht länger stören ... Die schöne

Geschichte, die Sie mir erzählt haben, war wohl etwas anstrengend? Auf

Wiedersehen, Herr Justizrat!«

Sie ging rasch fort.

Draußen, in der stillen Grunewaldstraße, verlor sie den Atem. Sie

mußte stehenbleiben und rang die Hände im Schoß! Dieser Lügner! Dieser

Schänder des Heiligsten! Nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen

so gehaßt. -- --

Justizrat Schwarz aber saß mit verblüfftem, ängstlichem Blick allein.

Was war denn das? Sie glaubte ihm nicht? Der ganze, schöne Plan ins

Wasser gefallen? Er stampfte mit seinem Gichtfuß. -- »Ich Esel!«

flüsterte er. »In Spandau stehen ja wirklich keine Ulanen!«

Frau Rietschel das Kind · 第 76 / 97 题