Berta glaubte sich verhört zu haben: »~Wer~, Fräulein?«

»Na, Herr Justizrat Schwarz im Grunewald, Königsallee 27!«

»Sie meinen doch wohl -- Frau Gusti Bernhardi?«

Der Puppenkopf schüttelte sich: »Mein Gott, mein Gott -- das ist ja

auch richtig! Stimmt ja ganz genau, gnädige Frau! Frau Bernhardi hat

ihn bestellt, aber Herr Justizrat Schwarz hat ihn bezahlt! Das ist

immer so! Aber nun haben gnädige Frau den schönen Hut fallen lassen!

Na, gnädige Frau -- --!«

Berta hatte die Tür aufgerissen und stolperte die Treppe hinunter. Den

Hut ließ sie dort, wo er bezahlt worden war. Auf der Bendlerbrücke

blieb sie stehen. Plötzlich warf sie ihre schönen Wildlederhandschuhe

ins Wasser. Ein kleiner Junge sah das mit an und machte Augen, als

wollte er bis an sein Lebensende so staunen.

Erst am Potsdamer Platz, mitten im Gewühl, kam Berta zu sich. Es

hämmerte in ihren Schläfen. Was war geschehen? Nur das eine wurde ihr

klar: Gusti Bernhardi und Viktor Schwarz waren Verschworene. Die Frau,

der sie das bißchen Traum dankte, hatte sich mit dem Mann, der sie

verleugnete, verbündet. Das war ein Abgrund. Leise weinend stand sie

vor dem ungeheuren Betrug.

Da wurde sie plötzlich angerührt. Entsetzt fuhr sie empor und glaubte

aus einer finsteren Grube ins grelle Licht zu starren. Alfons Grunow

stand vor ihr. Er war seltsam verändert -- sein üppiges Lockenhaar war

fort, und das einst so rosige Gesicht war hart und gelb geworden.

»Alfons,« lallte Berta -- »hast du mich erschreckt! Ich hab' dich so

lange nicht gesehen!«

Eine tiefe Falte zuckte zwischen den Augen des Mannes. Er lächelte

und zeigte schadhafte Zähne: »Das glaub' ich. So geht es mir jetzt

mit vielen. Ich war ja zwei Jährchen verschwunden. Aufruhr und

Landesverrat -- so haben sie's genannt. In Rummelsburg war ich.«

»Doch nicht im Zuchthaus?!«

»Schrei's man dem Schutzmann zu -- dann nimmt er mich gleich wieder

mit. Wird ohnehin nicht mehr lange dauern.«

»Deine arme Mutter!«

»Ach Gott, die ist froh, daß ich wieder da bin. Mutter ist stolz auf

ihren Sohn -- verstehst du? Stolz!«

Der ärmliche Mensch, der da vor Berta stand, hatte etwas düster

Großes. Sie schauderte zusammen, und plötzlich fühlte sie sich ihm

wieder sehr verwandt. Wo blieben Recht und Gerechtigkeit? Wurde man

nicht mißbraucht und sollte den Mißbrauch noch anerkennen?

»Alfons!« flüsterte sie -- »ich will das gar nicht weiter beurteilen

-- ich versteh' ja doch nichts von Politik. Aber sage mir bloß eins:

Was tut man mit 'nem Menschen, der einen immer bloß beleidigt und

schikaniert, und der noch triumphiert, wenn man um sein Recht gebracht

wird?!«

»Von wem redest du?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Ich möchte nur wissen, Alfons -- schon

als Kind hab' ich dir doch immer geglaubt -- Du warst der Erste -- --

vielleicht bist du der Letzte auch -- --«

»Mach' keine Dummheiten! Du stehst doch am Trog, du hast es doch

wahrhaftig nicht nötig! Wenn unsereiner radikal sein will, dann knallt

er einfach seinen Feind nieder! Aber das ist nichts für dich! Solche

Feinde hast du nicht!«

Alfons Grunow ging weiter. Berta wandte sich ihrer Wohnung zu. -- ›Wer

weiß?‹ flüsterte sie mit hängendem Kopf. ›Wer weiß?‹ Vielleicht sollte

ich auch so radikal sein, wie du!‹

Daheim ging sie ganz verwandelt umher. Die Kinder standen blaß in den

Ecken und sahen ihr mit stiller Trauer zu. Rietschel aber dachte:

›Jetzt weiß sie es. Sie muß hinter den ganzen Schwindel gekommen sein!

Wenn ich bloß Näheres wüßte! Na, ich muß sie so zur Ruhe kommen

lassen.‹

Er war freundlich und nachsichtig gegen sie. Aber das half ihr nicht.

Am nächsten Tag trat sie halb unbewußt in einen Waffenladen und

kaufte sich einen kleinen Revolver. »Fürs Geschäft«, sagte sie zu dem

Verkäufer. »Ich bin so viel im Laden allein, und die Kasse, wissen Sie

-- heutzutage muß man vorbeugen.«

Schießen konnte sie nicht, aber es mußte auch so gehen. Die Handgriffe

hatte ihr der Verkäufer gezeigt. Ihr Dämmerzustand verließ sie nicht.

Nachmittags schon fuhr sie nach dem Grunewald und wartete in der

Königsallee, bis es Abend wurde. Das Haus des Justizrates wurde hinter

allen Fenstern erleuchtet -- offenbar erwartete er Gesellschaft. Berta

stand, von einem Baum gedeckt, auf der anderen Seite der Straße. Sie

konnte in die prachtvollen Räume blicken: Ein stürmisches Weh wallte

in ihr auf. Was wies sie dort zurück? Was hatte sie verschuldet? So

mochte denn alles zugrunde gehen ...

Es schlug sieben -- bald mußte der Justizrat aus der Stadt

zurückkehren. Berta hatte den Revolver entsichert und wählte den

Standort, den sie für richtig hielt. Plötzlich mußte sie die Waffe

verbergen und rasch zur Seite treten. Ein merkwürdiges Paar kam

langsam an ihr vorbei. Der erblindete alte Herr ging am Arm eines

jungen Mädchens, dessen schlichte Schönheit Berta bewußt wurde. Sie

konnte ein Bruchstück des Gespräches auffangen. Der Alte sagte:

»Ich will keine Last für dich werden, Erika. Du sollst deine Jugend

genießen.« Das Mädchen antwortete: »Aber, Vater -- ich bin doch dein

Kind.«

Weiter hörte Berta nichts. Sie sah die beiden in heiliger Einigkeit

weitergehen. Schwarz und drohend ragten die Grunewaldkiefern in den

Abendhimmel. Da kam eine vernichtende Scham in Berta auf -- sie fühlte

ein Erwachen, warf den Revolver über das nächste Gartengitter und

eilte der Stadt zu.

Frau Rietschel das Kind · 第 75 / 97 题