ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es war Rietschel gelungen, die Kinder über ihren Schmerz

fortzubringen. Besonders bei Gretchen war es schwer gewesen. Aber

Berta mutete ihnen auch wirklich zuviel zu. Jetzt hatte sie vollkommen

an Gretchens Geburtstag vergessen! Was Rietschel nicht für möglich

gehalten, trat ein: Kein Geschenk war besorgt, kein Kuchen gebacken --

am Morgen des Geburtstages wurde die Mutter gesucht, statt daß sie zu

ihrem Kinde kam. Es stellte sich heraus, daß sie schon in aller Frühe

ausgegangen war. Das Dienstmädchen machte ein vielsagendes Gesicht.

Dieses Gesicht! ... Rietschel fürchtete nichts tiefer, als daß es

ihm plötzlich überall begegnen könnte. Es war ein Schmerz, der an

Schande grenzte. An seinem Stammtisch fiel zuweilen das Wort Dalldorf.

Durch den Namen der großen Irrenanstalt bezeichnet der Berliner alles

Unnormale. Sobald Rietschel dieses Wort hörte, verfärbte er sich. Die

Vorstellung beschlich ihn, wie es wohl sein würde, wenn seine Frau

einmal in Dalldorf wäre.

Aber so schlimm konnte es ja nicht werden. Er mußte vorbauen. Der

vergessene Geburtstag war freilich arg. Dennoch gelang es ihm, seine

Kinder über die große Enttäuschung fortzubringen. Er ging mit ihnen zu

Kranzler und dann in Castans Panoptikum. Die Schreckenskammer mußte

er ihnen freilich versagen, aber, um nachgiebig zu sein, ließ er sie

einen Blick auf die erwachte Scheintote tun.

Als man angeregt in die Wohnung zurückkehrte, fand man dort die Mutter

vor. Sie saß an ihrem Nähtisch und schrieb einen Brief. Mit wildem

Blick sah sie sich um, als Mann und Kinder eintraten. Schnell riß sie

eine Schublade auf und warf den unfertigen Brief hinein. Es knallte

nur so. Die Kinder blieben erschrocken stehen.

»Na, man immer kalt Blut und warm angezogen«, sagte Rietschel. »Guten

Abend, Berta. Ich hab' ja fast zwei Tage nicht das Vergnügen gehabt.«

»Wo warst du mit den Kindern?« fragte sie scharf.

»Ach, bloß ein bißchen Geburtstag haben wir gefeiert, erst bei

Kranzler und dann im Panoptikum.«

»Geburtstag habt ihr gefeiert?«

»Jawohl. Du hast nämlich eine Tochter namens Gretchen, wenn du dich

erinnerst. Das Kind hat heute Geburtstag.«

Jetzt geschah etwas Unerwartetes. Berta sprang auf, lief zu der

Kleinen hin, hob sie hoch empor und küßte sie stürmisch. Ihr ganzes

Wesen war plötzlich reuige Mutterliebe. Solche Gefühlskraft war

Rietschel fremd, sie ergriff ihn, und er vergaß seinen schmerzlichen

Groll. Nein, nein, sie mußte doch noch ihren ganzen Verstand haben.

Die arme Frau -- wer wußte denn, womit sie sich quälte?

Auch Paul bekam einen Kuß. Mit der Tüchtigkeit, die sie von ihrer

Mutter geerbt, brachte Berta noch rasch ein festliches Abendessen

zustande. Die Kinder waren selig. Nur mit der Wirkung des Ungarweines

rechnete man nicht. Als Berta das zweite Glas getrunken hatte, starrte

sie plötzlich vor sich hin, sah nicht mehr, was sie umgab, und brach

in heftiges Weinen aus. Bald darauf lief sie aus dem Zimmer.

Wie gelähmt blieben die anderen sitzen. Schließlich sagte Rietschel

mit zitternder Stimme: »Kinder, was ist das nun? Mit eurer Mutter? Ob

wir nicht doch mal den Doktor kommen lassen?«

»Ach, Vater, das nutzt ja nichts«, erwiderte Paul. Sein klarer

Kinderblick suchte dem inneren Auge des Vaters zu begegnen. »Ich

glaube, es hängt mit dem Brief zusammen, den Mutter vorgestern

gekriegt hat.«

Frau Rietschel das Kind · 第 77 / 97 题