Es war Rietschel gelungen, die Kinder über ihren Schmerz
fortzubringen. Besonders bei Gretchen war es schwer gewesen. Aber
Berta mutete ihnen auch wirklich zuviel zu. Jetzt hatte sie vollkommen
an Gretchens Geburtstag vergessen! Was Rietschel nicht für möglich
gehalten, trat ein: Kein Geschenk war besorgt, kein Kuchen gebacken --
am Morgen des Geburtstages wurde die Mutter gesucht, statt daß sie zu
ihrem Kinde kam. Es stellte sich heraus, daß sie schon in aller Frühe
ausgegangen war. Das Dienstmädchen machte ein vielsagendes Gesicht.
Dieses Gesicht! ... Rietschel fürchtete nichts tiefer, als daß es
ihm plötzlich überall begegnen könnte. Es war ein Schmerz, der an
Schande grenzte. An seinem Stammtisch fiel zuweilen das Wort Dalldorf.
Durch den Namen der großen Irrenanstalt bezeichnet der Berliner alles
Unnormale. Sobald Rietschel dieses Wort hörte, verfärbte er sich. Die
Vorstellung beschlich ihn, wie es wohl sein würde, wenn seine Frau
einmal in Dalldorf wäre.
Aber so schlimm konnte es ja nicht werden. Er mußte vorbauen. Der
vergessene Geburtstag war freilich arg. Dennoch gelang es ihm, seine
Kinder über die große Enttäuschung fortzubringen. Er ging mit ihnen zu
Kranzler und dann in Castans Panoptikum. Die Schreckenskammer mußte
er ihnen freilich versagen, aber, um nachgiebig zu sein, ließ er sie
einen Blick auf die erwachte Scheintote tun.
Als man angeregt in die Wohnung zurückkehrte, fand man dort die Mutter
vor. Sie saß an ihrem Nähtisch und schrieb einen Brief. Mit wildem
Blick sah sie sich um, als Mann und Kinder eintraten. Schnell riß sie
eine Schublade auf und warf den unfertigen Brief hinein. Es knallte
nur so. Die Kinder blieben erschrocken stehen.
»Na, man immer kalt Blut und warm angezogen«, sagte Rietschel. »Guten
Abend, Berta. Ich hab' ja fast zwei Tage nicht das Vergnügen gehabt.«
»Wo warst du mit den Kindern?« fragte sie scharf.
»Ach, bloß ein bißchen Geburtstag haben wir gefeiert, erst bei
Kranzler und dann im Panoptikum.«
»Geburtstag habt ihr gefeiert?«
»Jawohl. Du hast nämlich eine Tochter namens Gretchen, wenn du dich
erinnerst. Das Kind hat heute Geburtstag.«
Jetzt geschah etwas Unerwartetes. Berta sprang auf, lief zu der
Kleinen hin, hob sie hoch empor und küßte sie stürmisch. Ihr ganzes
Wesen war plötzlich reuige Mutterliebe. Solche Gefühlskraft war
Rietschel fremd, sie ergriff ihn, und er vergaß seinen schmerzlichen
Groll. Nein, nein, sie mußte doch noch ihren ganzen Verstand haben.
Die arme Frau -- wer wußte denn, womit sie sich quälte?
Auch Paul bekam einen Kuß. Mit der Tüchtigkeit, die sie von ihrer
Mutter geerbt, brachte Berta noch rasch ein festliches Abendessen
zustande. Die Kinder waren selig. Nur mit der Wirkung des Ungarweines
rechnete man nicht. Als Berta das zweite Glas getrunken hatte, starrte
sie plötzlich vor sich hin, sah nicht mehr, was sie umgab, und brach
in heftiges Weinen aus. Bald darauf lief sie aus dem Zimmer.
Wie gelähmt blieben die anderen sitzen. Schließlich sagte Rietschel
mit zitternder Stimme: »Kinder, was ist das nun? Mit eurer Mutter? Ob
wir nicht doch mal den Doktor kommen lassen?«
»Ach, Vater, das nutzt ja nichts«, erwiderte Paul. Sein klarer
Kinderblick suchte dem inneren Auge des Vaters zu begegnen. »Ich
glaube, es hängt mit dem Brief zusammen, den Mutter vorgestern
gekriegt hat.«