Frau Bernhardi wartete in einem Taxameter auf Berta. -- »Steigen Sie
nur bitte ein, Liebste,« sagte sie, ihr die Hand in braunem Wildleder
entgegenstreckend -- »hier in der grausligen Geschäftsgegend kann man
ja doch nicht spazierengehen. Wir fahren rasch hinaus. Wohin möchten
Sie denn? In den Tiergarten?«
Berta saß neben ihr und sog den Duft ein, der ihrem kostbaren
Pelzmantel entströmte. -- »Ach wissen Sie,« antwortete sie mit
geschlossenen Augen, »am liebsten möcht' ich zum Kurfürstendamm.
Wundern Sie sich bitte nicht darüber. Ich weiß, da ist es sehr
lebhaft, da wird man immer angeguckt; aber ich komme am besten zum
Reden, wenn ich die vielen Leute sehe. Das reizt mich, wissen Sie, das
macht mich klar, wenn ich vor mir habe, was ich doch nicht erreichen
kann.«
Die Freundin nickte mit unbestimmtem Lächeln: »Hm ... ich versteh'
schon. Aber Sie meinen gewiß: was Sie nicht zu erreichen glauben? Wir
werden ja sehen.« -- Sie öffnete die Wagentür und rief hinaus: »Also
zu Schilling, Kutscher! Kurfürstendamm!«
Behaglich lehnte sich Gusti Bernhardi wieder zurück: »Da haben wir's
nett. Herumlaufen kann man jetzt doch nicht mehr bei der Kälte. Sie
kennen doch Schilling?«
»Nur von außen.«
»Na, Ihr Mann scheint aber wenig Sinn für das wahre Berlin zu haben.«
Das ›wahre Berlin‹, das Gusti Bernhardi meinte, hatte sich in den
letzten Jahren sehr verschoben. Der Westen der Potsdamer Straße war
immer mehr Geschäftsgegend geworden, und das Tiergartenviertel wurde
zur stillen Insel konservativer Solidität. Die amerikanisierten
Berliner strebten über den Zoologischen hinaus nach Schöneberg
und Wilmersdorf. Um die Kirche des alten Wilhelm, die der
archaisierende Protestantismus des jungen erbaut hatte, schwirrten
alle Konfessionen, Sitten und Werte. Von hier gingen die Strahlen
ins Neuland der Weltstadt aus. Die Tauentzienstraße löste allmählich
die Friedrichstraße ab. Der Kurfürstendamm zielte auf die Verbindung
Berlins mit dem Grunewald, und das Bayerische Viertel hörte dort auf,
wo es eben wieder anfing. Es war ein sichtbares Wachsen und Werden.
Berta liebte diese Gegend wie keine andere in Berlin. Gerade weil
sie von jeher nach C und O verbannt gewesen, glaubte sie im Westen
den Sinn der Zukunft. Die Frau aber, mit der sie diese Straßen jetzt
wiedersah, nahm sie wirklich auf; denn sie gehörte dazu, sie war der
›Typ‹ der neuen Dame.
Bei Schilling genossen sie gute Dinge und kamen noch nicht zum Ernst
des Lebens. Es gab zuviel zu sehen und zu hören. Gusti Bernhardi
entwickelte ihre ganze Kennerschaft von Toilettegeheimnissen und
Skandalen. Berta wurde so vergnügt, daß sie den tiefen Seelengrund
der neuen Freundschaft vergaß. Andächtig lauschte sie der überlegenen
Frau. Als Gusti zum zweitenmal Benediktiner kommen ließ, schwand ihre
letzte Hemmung.
»Kind, wie ist das nett, daß Sie sich noch so an allem freuen
können«, sagte Gusti Bernhardi, Bertas Hand tätschelnd. »Das genieß'
ich förmlich. Aber geben Sie Obacht -- das hier ist noch garnichts.
Nächstens nehm' ich Sie in den Kaiserhof mit, zum five o'clock.«
»Was ist das eigentlich?« fragte Berta, an ihrem Likör saugend. »Das
hab' ich schon so oft gehört. Feif o clock. Hängt das mit Pfeifen
zusammen?«
Gusti lachte: »Nein! Aber Sie haben ganz recht -- wozu englisch reden,
wenn man Fünfuhrtee sagen kann?«
»Ach so! Ach das ist es! Aber das soll ja so schrecklich vornehm sein!
Da pass' ich doch nicht hin! Mit meiner Fahne!«
»Unsinn! Das Kleid ist sehr nett, und Sie sind ja jung und hübsch! Das
ist die Hauptsache! Außerdem wird das bürgerlich Solide jetzt eben
wieder modern!«
»Das wird modern? Wie kommt denn das? Das versteh' ich nicht!«
»Nur einen neuen Hut müssen Sie haben!«
»Ach ja, mein größter Wunsch! Ein schicker Hut! Ein wirklich schicker
Hut! Nicht immer die olle Rietsche! Daran merkt man ja gleich, daß ich
Rietschel heiße! Herrgott, jetzt hab' ich wirklich einen Schwips!«
Gusti klopfte lachend ihren Arm: »Das macht nichts, macht nichts! Das
steht Ihnen ausgezeichnet! Aber Sie sollen den Herrn Gemahl nicht um
den neuen Hut bitten -- der ist nicht auf der Höhe, der verdirbt Ihnen
nur die Stimmung! Jetzt heißt es für Sie, auf ~meiner~ Linie
bleiben!«
»Ach ja!«
»Versprechen Sie mir, daß Sie es richtig auffassen, wenn ich Ihnen
einen wundernetten, neuen Hut anbiete, den ich doch nicht tragen
kann! Pariser Modell -- Madame Kühne hat ihn für mich kommen lassen!
Aber mir steht er nicht! Ich bin nicht jung genug dafür! Sie werden
entzückend damit aussehen!«
Berta wischte sich die Augen: »Sie sind zu gut zu mir -- viel zu gut,
Frau Bernhardi.«
»Sagen Sie doch Gusti zu mir -- und ich sage Berta -- topp, das gilt!
Also übermorgen holen Sie mich um vier in meiner Wohnung ab, und
dann mach' ich Sie ein bißl zurecht, und dann ziehn wir los, wie der
Berliner sagt! Herzig, wie die kleine Frau sich freuen kann! Wissen
Sie, liebste Berta -- Ihren Mann begreif' ich nicht!«
Ein Schatten kam auf Bertas Gesicht. Sie ließ den Benediktiner los und
lehnte sich zurück: »Ach Gusti -- den kann man schon begreifen. Wie
der, so sind wohl viele. Bloß daß ich an ihn geraten bin -- das ist
das Malheur. Er ist ja gewiß sehr tüchtig und anständig und fleißig
und ein guter Vater -- aber ich hätte mir doch einen andern Mann
nehmen sollen!«
Gusti legte die Hand aufs Gesicht, weil sie ein Lächeln verbergen
wollte: »Hm ... Das sagt man sich oft ... So büßen viele Frauen ihre
Illusionen.«
»Nein, sehen Sie mal -- Rietschel ist so: er ist -- wie soll ich das
gleich sagen? -- er ist nicht sensitiv. Er weiß nicht, was in mir
vorgeht. Er kümmert sich viel mehr um unsern Pudel, wenn dem etwas
fehlt -- das sieht er, das versteht er.«
»Ja -- dann bleibt eben nichts anderes übrig -- dann muß man halt
selbst zu seinem Recht kommen.«
Berta fuhr jetzt so heftig zusammen, daß Gusti sie erschrocken ansah:
»Mein Gott, was haben Sie?«
Die kleine Frau schüttelte sich: »Ach, das -- das Wort -- das trifft
mich -- Recht -- entschuldigen Sie -- das ist ja mein Verhängnis,
solange ich lebe! Immer wollte ich zu meinem Recht kommen, und nie,
nie hat mir einer geholfen!«
Jetzt stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie lehnte sich erschüttert
zurück. Von den Nebentischen sah man neugierig zu den beiden Frauen
hinüber. Gusti Bernhardi bereute ihre Unvorsichtigkeit -- sie hatte
zu schnell den Kern berührt. -- »Fassen Sie sich doch«, flüsterte sie
bittend. »Nehmen Sie sich zusammen. Glauben Sie mir, ich bin eine,
die Ihnen wirklich helfen will. Ich weiß schon viel von Ihnen, ohne
daß Sie mir viel gesagt haben. Ich ahne die Zusammenhänge. Wenn Sie
mir beichten wollen -- lieber Gott, das geht jetzt leicht. Nur wollen
wir den Leuten hier nichts zeigen. Kommen Sie, ich zahle, und dann
begleit' ich Sie heim.«
Unterwegs kam die erlösende Beredsamkeit über Berta. Sie konnte in der
dunklen Droschke hervorstammeln, was in ihr wogte. Bald wußte Gusti
Bernhardi alles. Sie hörte zu, als ob jede Einzelheit neu für sie
wäre. Klug prägte sie sich die ganze Beichte ein, um das Material zu
beherrschen. Leicht wurde es ihr nicht ums Herz dabei. Sie hatte die
primitive Leidenschaft dieses Menschenkindes unterschätzt. Was sie für
oberflächlich gehalten hatte, erwies sich doch als tiefe Sehnsucht.
Nie hatte sie diesen moralischen Fanatismus in einer kleinen
Bürgersfrau vermutet.
Dennoch -- weich machen ließ sie sich nicht. Sie hatte es Viktor
Schwarz versprochen -- ihr Wort mußte sie halten. Berta tat ihr leid,
sie hatte sie wirklich gern -- aber sie ärgerte sich auch immer
wieder. Das ganze Gefühlsleben dieser Frau war verstiegen, sie glaubte
ihre kleine Person im Mittelpunkt der Welt. Das ging denn doch nicht.
Wer die Tatsachen nicht mehr anerkannte, mußte unter ihnen leiden.
Das war Gusti Bernhardis Gedankengang, während sie Bertas
Geständnissen lauschte. Was sie aber aussprach, war anders. Sie konnte
so falsch sein wie die ganze Wiener Unergründlichkeit. So brachte sie
es fertig, Berta mit Herzenstönen recht zu geben, sie aufzurichten,
wie nie ein Mensch sie aufgerichtet hatte, und insgeheim zu planen,
wie sie sie unschädlich machte. --
An dem Tage, an dem Berta sie zum Fünfuhrtee abholen sollte, war Gusti
Bernhardi vormittags bei Viktor Schwarz. Sie berichtete ihm, und er
war sehr befriedigt. Ein Schatten kam erst auf seine Miene, als die
Freundin sagte: »Nun kostet die Geschichte aber auch Geld, Vicki. Fest
machen kann ich sie nur, wenn sie wirklich etwas von mir hat. Ich will
ihr verschaffen, was sie haben möchte -- nur dich soll sie aufgeben
-- das ist mein Plan. Heut nachmittag zum Beispiel bin ich mit ihr im
Kaiserhof. In ihrem wollenen Kleidchen lass' ich sie noch, aber ich
hab' ihr bei der Kühne einen scharmanten Hut gekauft, und da mußt du
schon so gut sein, das Geld nachher hinzuschicken, 350 Mark. Du weißt
ja, Schulden hab' ich nicht gern.«
Viktor Schwarz schielte grimmig durch seinen Kneifer: »Das ist gut --
als ob es deine Schulden wären!«
»Also, ordne die Sache, bitt' schön, und mach' dich drauf gefaßt, daß
noch manches dazu kommt.«
»Aber nur bis zu einer gewissen Grenze, die ich bestimmen werde!«
»Na weißt du, wenn du dir deine Tochter garnichts kosten lassen
willst!«
»Nicht so laut! Tübbeke horcht auch durch die Doppeltür! Ich meine
nur, wenn ich jetzt am Ende Tausende hinlegen soll, dann hätt' ich die
Person auch anerkennen können!«
Gusti Bernhardi stand auf: »So? Ach so! Ja, dann liegt die Sache ja
viel einfacher! Dann brauch' ich mir ja garnicht so viel Müh' zu
geben!«
Sie ging zur Tür. Er wackelte ihr nach: »Gusti, ich bitte dich, sei
vernünftig! Es handelt sich hier um keinen schlechten Witz! Also tu
nur, was nötig ist! Zu weit gehn wirst du ja doch nicht! Du handelst
ja in meinem Interesse!«
Sie verließ ihn. -- ›Alter Knicker‹, dachte sie mit bitterem Lächeln.
›Es schadet dir garnichts, wenn du mal Haare lassen mußt. Du trittst
ja doch immer nur auf Menschen herum und besonders auf uns Weibern.
Was hab' ~ich~ mir schon alles von dir gefallen lassen müssen!
Und deine arme Frau! ... Pfui Deibel, es sind eigentlich eklige
Götzen, was die Leut' so anbeten!‹
In eigentümlichen Zorn auf den Mann, für den sie alles tat, kam sie
heim. Diese Stimmung machte sie nur noch eifriger, Bertas Leben zu
verschönen.
Pünktlich um vier Uhr erschien die kleine Frau. Nun spielte Gustis
liebenswürdiger Eifer fast eine Stunde mit ihr. Staunend lernte
Berta das Toilettezimmer einer großen Dame kennen. Der neue Hut hob
ihre Erscheinung dermaßen, daß sie mit naiver Andacht vor ihrem
Spiegelbilde stand. Schließlich drängte die Freundin ihr auch noch
kostbare Handschuhe auf und parfümierte sie so, daß Berta plötzlich
ausrief: »Wenn Rietschel das riecht -- der denkt Gott weiß was!«
Sie fuhren mit der neuen Untergrundbahn zum Leipziger Platz. Von
dort gingen sie Arm in Arm zum Kaiserhof hinüber. Hier gelang es
Gusti, Bertas Verlegenheit zu bemänteln. Man merkte kaum, wie fremd
und ungeschickt die kleine Papierhändlersfrau war. Sie gefiel sogar,
weniger ihres Hutes wegen, als weil sie so hübsche, glückshungrige
Augen hatte.
»Den Hut kann ich aber nicht mit nach Hause nehmen«, sagte Berta
schließlich. »Rietschel wird zu grob, wenn er ihn sieht. Der denkt
womöglich, ich hab' ihn von einem Liebhaber!«
»Das wär' ihm ganz gesund!«
»Nein, nein, Gusti. Die ist unmöglich -- das liegt mir auch garnicht.
Erlaube mir, bitte, daß ich erst noch zu dir komme und wieder werde,
was ich war.«
»Selbstverständlich -- du kannst die Sachen bei mir deponieren. Aber
sie gehören dir.«
»Gusti, ich bitte dich --«
»Willst du mich beleidigen?«
So fuhren sie denn noch einmal nach dem Wittenbergplatz. Hier hatte
Gusti Bernhardi eine elegante Wohnung, wo sie nur ihrem Behagen lebte.
Der Modesalon war längst verkauft. Berta wurde von dem Glanz des
Nachmittags in all ihren Wünschen angeregt -- sie wollte jetzt gern
wissen, was die Freundin über ihre Geständnisse dachte, insbesondere
über Herrn Justizrat Viktor Schwarz.
Gusti Bernhardi setzte ihr bewährtes Sphinxlächeln auf. -- »Ja,
liebstes Bertl,« erwiderte sie langsam, »da muß ich dir zunächst mal
sagen: Ich kenn' deinen angeblichen Papa sehr gut.«
Berta sprang auf -- sie zitterte an allen Gliedern: »Du kennst ihn?
Das sagst du mir jetzt erst?! ...«
»Ich hab' mir die Geschicht' erst überlegen wollen. Aber jetzt bin ich
mir ganz klar. Jetzt kann ich dir sagen, was ich dir zu sagen hab'.«
Berta langte mit demütigem Vorwurf nach ihrer Hand: »Warum hast du ihn
denn eben bloß meinen -- angeblichen Papa genannt?«
»Das mußt du mir nicht übelnehmen. Du hast es mir erzählt, und an
deinen Worten zweifle ich natürlich nicht. Aber daß der Beweis nicht
erbracht ist -- das wirst du ja selber zugeben.«
Berta senkte den Kopf. -- »Mein Gott,« flüsterte sie in tiefer
Traurigkeit -- »du glaubst es also auch nicht? Hältst du es denn nicht
für möglich?«
»Die Möglichkeit ist natürlich niemals ausgeschlossen.«
»Wie du auf einmal sprichst? Ich weiß nicht -- so juristisch?«
»Ich kenn' halt viele Juristen.«
»~Ihn~ zum Beispiel?«
»Ja, Berta, und weil ich den wirklich ~sehr~ gut kenne --
übrigens wär's ja ein Wunder, wenn's anders wär' in Berlin --, darum
rat' ich dir dringend: laß ihn los, lauf ihm nimmer nach.«
»Gusti! ...«
»Fass' dich doch. Ich will doch nur dein Bestes. Das glaubst du mir
hoffentlich? Ich seh' dich direkt in einen Abgrund laufen, wenn du's
so weiter treibst mit dem Schwarz.«
»Warum denn? ...«
»Ja, ich muß dir ein bißl Furcht machen. Du bist gar zu leichtsinnig.
Von vielen Fällen weiß ich, daß der Schwarz über Leichen geht.
Außerdem ist er allmächtig. Beikommen kannst du ihm nicht.«
»Was soll er mir denn tun?«
»Nicht nur dir, sondern auch deinem Mann und deinen Kindern.
Juristisch erreichst du nichts, das weiß er am besten -- wenn's ihm zu
bunt wird, bietet er jedem Skandal Trotz und schickt dir die Polizei
ins Haus. Auf Erpressung läßt sich alles deichseln.«
Berta lehnte sich bleich zurück: »Mein Gott ... mein Gott ..., wenn
ich das auch noch aufgeben soll ...!« Sie fuhr plötzlich hoch: »Dann
will ich nicht länger leben!«
Gusti hielt sie mit beiden Händen fest: »Aber Kind! Was fällt dir denn
ein? Du wirst doch jetzt keine Dummheiten machen? Denk' doch, daß du
~mich~ gefunden hast! Kann ~ich~ dir denn nicht ersetzen,
was der alte, gräßliche Mensch ... Sei froh, daß du dem nicht in die
Hände gerätst ... Man ~muß~ über so was hinaus ... Dann findet
man sich ... Dann weiß man erst, daß man auf der Welt ist ... Was
schert mich denn Vater und Mutter? Ich bin selber da, und mir kann nix
geschehn!«
Sie hatte stark und überzeugend gesprochen, aber in ihren Augen
sprühte das höllische Feuer. Berta wollte tief hineinsehen und bebte
doch davor zurück. Gebannt und befremdet flüsterte sie: »Du hast ja
recht ... Du wirst ja sicher recht haben ... Wenn ich nur nicht so
anders wär' als du ... Ich werde dir immer dankbar sein; aber, lieber
Gott, was ~du~ meinst -- das ist doch vergänglich ...«
Dabei blieb es. Gusti hütete sich auch, weiter in sie zu dringen --
eine Verständigung war nicht möglich, und schließlich mußte sie ihr
verdächtig werden. Daß sie Bertas Fanatismus gegen Schwarz gebrochen
hatte, hielt Gusti für sicher. Das Gespenst der Polizei und die Furcht
vor Rietschel waren zu groß.
So erschlaffte die Freundschaft nicht, aber sie äußerte sich anders.
Berta hatte mehr aufgegeben, als Gusti wußte -- nun klammerte sie sich
an den äußeren Gewinn. Betäubung konnte ihr die Freundin geben, den
kurzen, schönen Wahn, das Haschen nach Dingen, die ihr doch nicht treu
blieben.
Sie unternahmen täglich etwas Neues. Berta scheute bald nicht mehr,
sich mit Gustis Geschenken zu zeigen, als gebührten sie ihr, ihr und
der Welt, in der sie eigentlich lebte. Überall herumnaschend, wurde
sie zu einer Kennerin und benahm sich, als ob sie die anerkannte
Tochter ihres Vaters wäre.
Ein Sachse weiß sich zu helfen -- auch in Groß-Berlin. Rietschel sah
seine Frau in den Sumpf geraten, aber er wollte klar sehen. Sein
Freund, der Kriminalschutzmann Polko, half ihm. Rasch brachte er
heraus, daß es sich um keinen Liebhaber handelte, sondern daß eine
Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, Berta
beeinflußte. So wurde Rietschel schnell mit der Sachlage fertig. Er
war nicht nur im Ehrenpunkt beruhigt, sondern auch hinsichtlich der
Verschwendung. In eigentümlicher Selbsttäuschung hatte er immer noch
geglaubt, daß Berta die Mittel für ihren Aufwand stahl. Er wußte ja am
besten, wie knapp er sie hielt.
Doch eine neue Tatsache brachte ihm Polko: Frau Bernhardi,
geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, entpuppte sich als das
langjährige Verhältnis von Justizrat Schwarz. Jetzt ahnte Rietschel
schreckliche Zusammenhänge. Berta wurde also grenzenlos betrogen.
In welcher Weise und zu welchem Zweck, das konnte er noch nicht
ergründen. Doch sollte er untätig zusehen, wie sie sich verfing? Mußte
er sie nicht aufklären und warnen? Er war nicht so grob geartet, um
nicht zu ahnen, was er ihr damit nahm. Berta lebte ja nur von schönen
Illusionen.
Aber die Entwicklung der Dinge kam seiner sorgenvollen Überlegung
zuvor. Berta hatte bald Grund, über ihre Freundin zu klagen. Ihr
norddeutscher Glaube an die Gefühle der Wienerin war zu weit gegangen.
Als Gusti wußte, daß sie die kleine Frau von Schwarz abgeschreckt
hatte, wurde ihre Freundschaft lässig. Sie kümmerte sich immer
weniger um Berta -- wenn diese zu ihr kam, ließ sie sie warten, und
bei Verabredungen war sie unpünktlich. Berta nahm das anfangs als
menschliche Schwäche einer sonst liebenswürdigen Frau. Auch wußte
Gusti jede Verstimmung durch Geschenke, die Schwarz bezahlte, wieder
zu vertreiben. Schließlich aber machte sie doch einen groben Fehler.
Zu einem Fünfuhrtee im Kaiserhof kam Berta allein, ohne Verabredung
-- sie hoffte, Gusti dort zu treffen. Das war auch der Fall, doch
heute störte sie die vielseitig verpflichtete Frau. Gusti beherrschte
sich nicht -- als Berta plötzlich vor ihr auftauchte, wurde sie
unfreundlich und zeigte, daß sie peinlich berührt war.
Eine Weile blieb Berta bei Gusti und ihren Bekannten stehen -- an
Launen der Glücklichen war sie ja gewöhnt. Als man aber gar nicht
das Wort an sie richtete und ihre unscheinbare Person wie ein
Dienstmädchen behandelte, machte Berta plötzlich kehrt und verließ den
Kaiserhof. Gusti ließ sie heute gehen -- sie war sehr ärgerlich auf
sie.
Am nächsten Tage hielt sie es in Rücksicht auf Schwarz für klüger,
Berta anzurufen: »Warum bist du denn eigentlich gestern so
davongelaufen?«
»Wenn du dich meiner schämst, hat es ja doch keinen Zweck!«
»Sei nicht so albern, Berta! Wie ich's meine, müßtest du jetzt schon
wissen! Ich war nur ein bißl nervös, weil wir uns gar nicht verabredet
hatten!«
»Ach, du meinst wohl, daß du mich immer an die Leine nehmen mußt; wie
so'n Hundchen? Nein, liebe Gusti -- da täuschst du dich ganz gewaltig!
Dankbar bin ich dir, gewiß, aber ein selbständiger Mensch muß ich auch
bleiben! Das ist es ja eben, was ich brauche! Bloß so'n Anhängsel, was
man duldet, bin ich wirklich nicht!«
»Dafür hab' ich dich auch nie gehalten! Aber ich seh' jetzt ein, was
du wirklich bist!«
»Na, was denn? Was denn?«
»Furchtbar eingebildet bist du! Nur weiß ich nicht recht, worauf!«
Jetzt hängte Berta den Hörer an. Sie zitterte vor Zorn. Mit der
Versöhnung war es also diesmal nichts. Bald tat es ihr leid, daß
sie Gusti nicht mehr die Wahrheit gesagt hatte. Ja, eingebildet war
sie, weil das Blut ihres Vaters in ihr lebte, des stolzen, berühmten
Herrn Justizrates. Daß einem die Schlagfertigkeit doch immer zu spät
kam! Jetzt ging es wieder mit ihr durch. Heftige Erbitterung gegen
Gusti ergriff sie, denn die war es ja, die sie von ihrer Aufgabe
abgelenkt hatte. Was nützte das Naschen und Horchen? Man blieb doch
minderwertig. Das Leben packen und besitzen konnte nur der, der seine
Ebenbürtigkeit durchgesetzt hatte.
Zunächst hieß es, mit den vorhandenen Mitteln einen echten Luxus
vortäuschen. Berta revidierte alles, was sie Gusti zu danken hatte.
Das Wirksamste blieb der Hut. Aber den hatte sie nun jedesmal im
Theater und beim Tee getragen. Man kannte ihn schon auswendig. Ihr
Versprechen, den Hut bei Madame Kühne umgarnieren zu lassen, hatte die
liebe Gusti natürlich nicht gehalten.
So beschloß Berta denn eines Nachmittags, das kostbare Stück selbst
in das Atelier zu tragen. Das Schicksal wollte es, daß Madame Kühne,
die unfehlbar jede schädliche Dummheit mied, heute nicht anwesend
war. Berta wurde von einem Fräulein bedient, dessen Puppenkopf kein
Überlegen kannte. Sie sah den Hut und rief: »Ach, der! Ja, ja, den
kenn' ich! Den hat ja damals Herr Justizrat Schwarz bestellt!«