Gusti streichelte ihn: »Du tust mir wirklich leid, und darum will
ich's versuchen. Laß mir freie Hand. Ich hab' schon eine Idee. Die
werd' ich kurieren, die muß ich kurieren. Außerdem interessiert mich
die Geschicht'. Da schaut man doch mal ein bißl ins Leben hinein, und
das war mir immer lieber als alle Romane.«
»Was hast du vor? Du willst wahrscheinlich, ganz unabhängig von mir,
ihre Bekanntschaft machen? Hab' ich's getroffen?«
»Sehr richtig, Vicki. Aber weiter sag' ich dir nichts. Das andere
wart' nur ab, bis ich Bericht erstatte.«
Als Berta an einem der nächsten Nachmittage allein im Laden war,
überhörte sie, daß eine Dame eintrat. Die saß in schweren Gedanken
hinter der Kasse. Die plötzliche Wandlung des Justizrates an dem
Abend, da sie ihn vor der Philharmonie erwartete, vergaß sie nicht.
Seine ganze Haltung zeigte äußerste Erbitterung. Das war an sich ganz
gut, Ärger gönnte sie ihm; aber das hübsche Zufallsspiel war nun aus,
und sie konnte sich von ihrem eigenen Vater nicht behandeln lassen.
»Verzeihung -- aber ich möchte gern ein hübsches Briefpapier.«
Berta fuhr empor. Eine Kundin -- sie hatte sie garnicht bemerkt. Rasch
stand sie auf und entschuldigte sich. Nachdem sie einige Kartons
vorgelegt, war die Dame mit der Wahl beschäftigt. Nun konnte Berta
sie betrachten. Es war ihr immer besonders lieb, eine Frau der großen
Welt in Augenschein zu nehmen. Hier hatte sie ein Exemplar vor sich,
das sie direkt begeistern konnte. Gerade weil die Dame nicht mehr jung
war -- Berta verachtete die unerfahrene -- wirkte sie vorbildlich. Sie
hatte die etwas anrüchige Eleganz, die Männern großen Stils gefiel.
Sie sah gescheit aus und gutherzig -- jedenfalls mußte sie sehr frei
in ihren Anschauungen sein.
›So wie die möcht' ich werden -- genau so‹ dachte Berta seufzend -- da
richtete die Dame sich auf und sagte liebenswürdig: »Also das da --
bitt' schön -- was bin ich schuldig?«
»Acht Mark fünfzig, gnädige Frau.« Berta wickelte den Karton ein --
dann wagte sie plötzlich eine Frage: »Sind gnädige Frau vielleicht aus
Wien?«
Die Dame lächelte sie mit ihren klugen Augen an: »Denken Sie, und ich
wollt' Sie grad' fragen, ob Sie nicht von außerhalb sind.«
»Sprech' ich denn nicht berlinisch?«
»Nein viel feiner. Das hör ich gleich. So wie Sie sprechen, das
erinnert mich lebhaft an vornehme Schlesier. Ich kenn' dort den Adel
recht gut.«
Berta wurde ganz blaß vor Genugtuung: »Ach, Gott, mit dem schlesischen
Adel hab' ich nichts zu tun; aber es freut mich riesig, daß Sie bei
mir eine vornehme Sprache finden. Ich glaube, Sie können so was ganz
besonders gut beurteilen.«
Gusti Bernhardi beugte sich über den Ladentisch: »Sie sind ja eine
ganz scharmante kleine Frau. Ja, so was entdeckt man plötzlich in
Berlin -- das blüht im Verborgenen, bei ganz bürgerlichen Leuten. Sie
verzeihen schon ...«
»Ach gnädige Frau, was glauben Sie, wie bürgerlich mir es hier
vorkommt! Hier erstickt man! Hier hat man schon jede Hoffnung
begraben!«
»Das müssen Sie nicht, das dürfen Sie nicht. Sie haben sicher ein
kolossales Talent fürs Leben.«
»Ach -- meinen Sie wirklich --?«
»Darf ich Ihnen sagen, was ich für eine Empfindung hatte, als ich
hier eintrat, und Sie so ganz verträumt hinter der Kasse saßen?«
»Sagen Sie mir bitte alles!«
»Ich dacht' mir, das ist ja ein Dornröschen. Wer die aufwecken kann,
gewinnt sich einen Schatz. Ich red' jetzt nicht von Männern, denn Sie
sind ja verheiratet, Sie haben wahrscheinlich Kinder --«
»Zwei -- und einen Mann. Aber das -- das ist es nicht, was mich
rettet. Ich stecke in Kämpfen -- davon versteht hier kein Mensch was
...«
»Das kann gewiß nur eine Frau verstehen. Eine richtige Freundin!«
»O, wenn ich die hätte!«
»Da trifft sich Ihre Sehnsucht mit mir. Ich lebe schon zwanzig Jahre
in Berlin und habe noch immer keine Freundin gefunden. Was meinen Sie,
liebe Frau Rietschel -- wollen wir zwei es mal miteinander versuchen?«
Berta starrte ganz betäubt vor Glück die wunderbare Frau an. -- »Ich
weiß ja garnicht, was ich sagen soll«, stammelte sie.
»Das wird schon kommen. Aber nicht hier. Dazu müssen wir ganz allein
sein. Wissen sie was? Sie schließen doch um sieben, und ihr Mann
scheint heut nicht dazusein. Da komm' ich um sieben wieder und warte
draußen auf Sie. Dann gehn wir zusammen spazieren, und Sie erzählen
mir von Ihrem Leben.«