»Aha! Wenn man bei dir aufrichtig wird, stößt man sofort auf die liebe
Eitelkeit! Wenn Sie ein großer Mann werden wollen, müssen Sie sich die
Eitelkeit abgewöhnen, hat, glaub' ich, Talleyrand gesagt.«
»Unsinn -- ich bin nicht eitel -- ich habe nur mein Selbstbewußtsein.
Außerdem bin ich zu gutmütig -- viel zu gutmütig. Wie hätt' ich denn
anders handeln sollen? Ich kann doch die Person nicht niederschießen!
Außerdem ist sie, wie ich dir schon gesagt habe --« hier dämpfte er
seine Stimme und blickte scheu umher -- »sie ist tatsächlich meine
Tochter.«
»Aber wie du sie mir schilderst, ist sie auch ein bißl verrückt. Das
ist immer gefährlich. Der kleinste Spleen kann das größte Unglück
anrichten. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt gemerkt hat, daß ~du~
gemerkt hast --«
»Was soll ich gemerkt haben?!«
»Schrei nicht so -- der Kellner macht schon Augen. Ihr spielt doch
Verstecken miteinander. An der Art, wie du sie behandelst, merkt sie,
daß du weißt -- was sie gemerkt hat. Herrgott, ist das eine verzwickte
Geschicht'!«
»Ich habe nie etwas zugegeben -- mit keinem Wort, mit keiner Miene --«
»Na, deiner Miene bist du nicht sicher, lieber Vicki! Aufs
Wort verstehst du dich ja -- das muß dir der Neid lassen.
Selbstverständlich wirst du dich nie verschnappen, aber sie weiß
jetzt, wie lästig sie dir ist, und das kann nur einen Grund haben.«
Schwarz schenkte mit finsterer Miene die beiden Gläser voll. -- »Und
was wird sie tun?« fragte er nach einer Weile.
»Mit dem Verstand nichts, was du zu fürchten hättest. Aber ~ohne~
Verstand --«
»Was willst du damit sagen?«
»Daß du sie allmählich närrisch machst, wenn die Geschicht' so weiter
geht. Dann schnappt sie über, und plötzlich kommt ein Krach, an den
du ewig denken wirst. Außerdem, wenn sie auch unrecht kriegt -- ein
Skandal ist immer dabei, und an dir bleibt er hängen. Du kennst doch
die Menschen.«
Schwarz stützte den Kopf in die Hand: »Freilich, freilich. Und ich
sage dir, Gusti, einen Skandal ~darf~ es nicht geben! Jetzt
gerade -- das große englische Geschäft -- ich habe mich persönlich
dafür eingesetzt -- und die Engländer sind ja so schrecklich
moralisch. Eher kann ich ihnen eine Million verlieren, als -- --«
»Als daß du eine uneheliche Tochter hast? Das kann ich mir doch nicht
vorstellen. So sind die Engländer auch nicht --«
»Das verstehst du nicht! Es kommt bei jedem Unternehmen auf die Basis
an! Die Basis ~dieses~ Unternehmens ist die Sittlichkeit!«
»Ja, ja. Aber wenn du so penibel sein mußt -- Herrgott, dann wär's
doch das beste, du verständigst dich mit ihr? Du läßt sie, soweit es
möglich ist, zu ihrem Recht kommen?«
Schwarz schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Kellner sprang herbei:
»Noch eine Flasche, Herr Justizrat?«
»Nein! Danke! -- Jetzt redest du sehr dumm, liebe Gusti. Eine
Verständigung ist vollkommen ausgeschlossen. Wenn ich ihr irgendein
Recht einräume -- wenn ich überhaupt nur zugebe, daß eine Vaterschaft
besteht -- -- es ist nicht auszudenken! Erstens bin ich nicht mehr
jung und in einer weithin sichtbaren Position -- und sie -- du kennst
sie ja nicht -- sie ist ein kleiner, dicker Purzel mit so lebhaften
Augen, daß sie an sich schon etwas Komisches hat! Wenn ich die in
Berlin plötzlich als meine Tochter vorstelle -- fürchterlich! Außerdem
der Ballast, der an ihr hängt, die Familie! Mir schwindelt bei dem
Gedanken, daß ich mit Herrn Rietschel verkehren müßte, daß seine
beiden Gören am Ende Großpapa zu mir sagen -- -- warum lachst du denn,
Gusti?!«
Seine Freundin hatte sich plötzlich zurückgelehnt und verfiel einer
herzlichen Heiterkeit. Dann faßte sie sich: »Ach, Vicki -- nimm mir's
nicht übel -- aber die Konsequenzen des Lebens sind gar zu komisch!
Ja, man sollt' es sich wirklich überlegen mit der Liebe, wenn man jung
ist! Aber das geht halt nicht! Weise wird man erst mit der Glatzen!
Pardon, Herr Justizrat, ich krieg' ja auch schon graue Haare! Aber nun
ernsthaft: Ich seh's ein -- du darfst ihr nicht den kleinen Finger
reichen, sonst nimmt sie die ganze Hand. Du selbst kannst nur passiv
Widerstand leisten -- handeln muß ein anderer!«