Rietschel sah auf den Regulatur. Drei Viertel sieben. In zehn Minuten
machte er Schluß, und Berta war noch nicht zurück. Den ganzen
Nachmittag hatte sie sich herumgetrieben. Diese Frau stellte seine
Geduld auf eine harte Probe.
Er wartete noch fünf Minuten. Wie unangenehm war es auch dem Personal
gegenüber. Das bestand zwar nur aus einer Buchhalterin und einem
Laufjungen -- alles andere tat das Ehepaar selbst -- aber Gedanken
machten sie sich auch.
»Ich schließe heute selber, Fräulein Brotbäcker«, sagte Rietschel.
»Ich habe noch 'ne Stunde zu tun.«
Er wollte wirklich arbeiten; aber als er allein war, verlor er bald
die Geduld, drehte wütend alle Schlüssel herum und lief fort.
In der Großbeerenstraße empfing ihn Berta. Sie sah ihn mit so fiebrig
glänzenden Augen an, daß er seinen Zorn vergaß und sich wieder Sorge
machte.
»Na, was ist denn?« brummte er. »Du bist also direkt nach Hause
gegangen? Dann telephoniere mir doch wenigstens. Das ist doch
rücksichtslos. Ich habe mich natürlich geängstigt. Na, nun laß mich
mal vorbei.«
»Peter, ich muß mit dir reden«, sagte sie mit eigentümlich getragener
Stimme.
»Aber erst essen wir. Ich habe Hunger. So was Besonderes wird es ja
nicht sein.«
»Es ist das Besonderste, was ich dir überhaupt jemals zu sagen hatte.«
Rietschel sah sie mißtrauisch an. Nach einer Pause fragte er: »Wie
geht's denn den Kindern?«
»Heute konnte ich mich nicht um sie kümmern.«
»Nanu!«
»Weil ich selbst endlich als Kind empfinde.«
Rietschel stampfte: »Du, mir reißt bald die Geduld! Also laß es
bleiben! Geh in die Eßstube und warte! Ich sehe selber noch mal nach
dem jungen Gemüse!«
Das war Rietschels tiefster Zärtlichkeitsausdruck für seine Kinder. Er
ging mit einem Ausdruck fort, als gälte es, sein Bestes zu verteidigen.
In der Kinderstube fand er die Kleinen schon in ihren Bettchen. Grete
hielt Schneemanns weißen Pudelkopf, Paul aber fragte: »Wo ist denn
Mutti?«
»Mutti hat zu tun. Mutti kommt später. Nun schlaft man, Kinder! Gute
Nacht! Schneemann, du kommst mit!«
Er nahm den Pudel am Halsband und ging in das Eßzimmer. Hier hatte
Berta ihm schon Kartoffeln geschält -- das rührte ihn wieder.
»Was kosten jetzt die Heringe?« fragte er sanft.
Sie antwortete nicht und sah ihn an, als ob sie taub wäre.
Er wiederholte seine Frage nicht und ließ erst das Essen vorüber. Nur
als Berta immer wieder nach der Gilkaflasche griff, fuhr er auf: »Du
hast ja schon drei getrunken! Das ist ja eklig!«
»Ich muß mich ein bißchen betäuben, Peter. Das ist so, wie wenn man
Zahnweh hat.«
»Hast du denn Zahnweh?«
Sie lachte leise: »Nein ... Ich mein es nur so ... Trink du doch auch!
Prost, mein Junge!«
Er stieß widerwillig mit ihr an. Dann war auch der Käse verzehrt, und
Rietschel fragte, sich hastig den Schnurrbart wischend: »Wo warst du
heute nachmittag?«
»Bei Herrn Justizrat Schwarz.«
Sie genoß seinen verblüfften Blick. -- »Was soll das heißen? Du
wolltest doch bei Schlesinger & Co. den Fischleim bezahlen?«
»Das hab' ich auch getan. Aber die Hauptsache war mir Justizrat
Schwarz.«
»Der in der Taubenstraße? Wo dein Onkel Bureauvorsteher ist?«
»Jawohl. Der ›Rechtsbeistand‹ meiner zärtlichen Mutter.«
Ihre Stimme bebte vor schmerzlichem Hohn. Sie war furchtbar erregt.
Das verstand er jetzt. Er mußte vorsichtig sein: »Was wolltest du denn
bei dem?«
»Ach, eigentlich« -- sie schlug mit der Hand durch die Luft --
»eigentlich wollt' ich nur wieder herauskriegen, wer mein Vater ist!
Und das ist mir heute gelungen!«
»Wahrhaftig? ... Berta, du machst ja Spaß. Mit solchen Sachen spaßt
man nicht.«
»Das ist nicht meine Absicht. Wirklich, Peter. Mir ist schauderhaft
ernst zu Mut. Ich möchte mich am liebsten selbst zerreißen. Ich möchte
die ganze Welt zerreißen.«
Sie begann schon mit der Serviette. Da hielt er ihren Arm fest: »Berta
-- sei doch vernünftig! Um Gottes willen, wenn dich jemand hört! Du
zitterst ja am ganzen Leib!«
Er stand auf und führte sie zum Sofa. Es war die erste Zärtlichkeit
nach Monaten. Das tat ihr wohl. Sie saß wie ein Kind bei ihm und
weinte. Dann wurde sie ruhiger -- er spürte es.
»Also, nun erzähle mir mal -- ich bin doch dein Mann -- mir kannst
du alles sagen. Ich hab' ja schon lange gemerkt, daß sich was
vorbereitet. Du konntest nicht mehr schlafen -- du hast auch gar nicht
mehr richtig gegessen -- und dann der viele Schnaps ... Wenn dir nur
das Bücherlesen nicht geschadet hat --«
»Im Gegenteil, Peter. Ohne meine Bücher wäre ich ganz verkommen.«
»Bei mir?«
»Du hast keine Schuld.«
»Und die Kinder?«
»Die auch nicht. Es ist alles in mir selbst. Meine beiden Naturen,
Peter. Die vom Vater und die von der Mutter. Bei dir ist alles viel
einfacher.«
Rietschel dachte: ›Wenn es bei dir man nicht auch sehr einfach ist.‹
Aber er unterdrückte diesen Gedanken. -- »Was wolltest du also bei dem
Justizrat?«
»Du weißt doch, daß ich als Mädel schon bei ihm war?«
»Das hast du mir erzählt. Aber er hat damals nichts 'rausgerückt.«
»Und du bist doch auch überzeugt, daß er ganz genau Bescheid weiß, wie
es mit meinem Vater steht?«
»Berta, wer kann das behaupten? Vermutungen haben da gar keinen Zweck.
Und als Rechtsanwalt braucht er dir kein Wort zu sagen.«
»Nein, damit ließ ich mich so lange hinhalten. Aber plötzlich ist es
wieder über mich gekommen. Ich kann dir das nicht erklären, Peter.
Ich mußte jetzt unter allen Umständen wissen, wer mein Vater ist. Ich
konnte so nicht länger leben, Peter.«
»Und du hast vorhin gesagt -- -- du weißt es jetzt?«
»Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war der unglaublichste
Moment, den ich jemals erlebt habe. Ich saß bei ihm -- bei dem
Justizrat, Peter -- und er war wieder so glatt und schleimig -- genau
wie ein Aal glitt er mir durch die Finger -- aber plötzlich wurde er
furchtbar böse -- da ließ er die Maske fallen, verstehst du -- und da
-- --«
»Da hat er es dir gesagt?«
»Kein Wort hat er mir gesagt! Das tut er nicht! Aber ich wußt' es! Aus
mir selber! Jetzt bringt mich kein Mensch mehr davon ab! Justizrat
Schwarz ist mein Vater! Kein anderer!«
Rietschel starrte seine Frau an. Dann stand er langsam auf.
»Du glaubst es wohl nicht?«
»Berta -- wenn er es nicht zugegeben hat -- schriftlich oder vor
Zeugen -- bloß weil du den Eindruck hattest --«
»Der genügt vollständig! Jetzt weiß ich genau, was ich zu tun habe!
Aber ich glaube, du übersiehst die Sache noch nicht --«
»Was soll ich denn übersehen?«
»Na, du als gewiegter Geschäftsmann -- lassen wir mal meine Person aus
dem Spiel -- aber wenn ich jetzt meinen Vater kenne -- wenn ich jetzt
meine Ansprüche stelle -- Justizrat Schwarz ist vielfacher Millionär
-- Kinder hat er nicht -- ich bin, soviel ich weiß, das einzige -- --!«
»Ja, ja ... Na ja ... Das ist ja alles möglich. Aber ich sehe nicht,
wie du überhaupt was erreichen willst -- du hast doch nun mal keinen
Beweis in Händen.«
»Glaubst du, daß es mir jetzt noch schwerfallen wird, ihn zu bekommen?«
»Das glaub' ich allerdings! Was du mir gesagt hast, das sind lauter
Illusionen! So einer ist mit allen Wassern gewaschen! Wenn der gemerkt
hat, was du vorhast --«
»Das soll er nur merken! Das will ich!«
»Glaubst du, mit dem wirst du fertig? Der will dich doch los sein! Dem
bist du doch unbequem! Der bedankt sich für ne uneheliche Tochter! Das
schadet ihm bei den Leuten! Der verleugnet dich, und wenn er vor dem
lieben Gott steht!«
»Kann er das?!«
»Können kann er alles! Nach meiner Überzeugung hat er mit den
Alimenten schon getan, wozu er verpflichtet war! Seine Person kannst
du nicht antasten! Er wird dir einfach den Rücken drehen und die
Majorsche in Strelenwalde, die erst recht! Bei Tübbeke haben sie auch
die Mäuler gestoppt!«
Während Rietschel mit großen Schritten umherging, lehnte Berta sich
in das Sofa zurück. Ihr Gesicht wurde ganz klein und bleich. -- »Es
ist schrecklich,« flüsterte sie -- »daß du einem immer gleich den Mut
nehmen mußt ...«
»Zum Donnerwetter!« schrie Rietschel. »Damit ich dir ein bißchen Sinn
für die Wirklichkeit gebe! Ich bin doch dein Mann! Das muß ich!«
»Und daß die Zukunft deiner Kinder davon abhängt? Daß unser ganzes
Leben plötzlich einen Umschwung kriegen kann -- das siehst du nicht?«
»Ach, du meinst am Ende, wenn wir die Millionen von Herrn Justizrat
Schwarz erben! Von deinem ›Papa‹?! Nee, liebe Berta -- darum leg' ich
mich noch nicht 'ne Minute aufs Kanapee! Mein solides Geschäft und
mein gesunder Menschenverstand -- die sind mir sicherer!«
Sie erhob sich und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. -- »Also
gut«, sagte sie dort müde. »Dann muß ich eben allein kämpfen. Das bin
ich ja gewohnt. Ich schwöre dir -- ich setze es durch, ich zwinge den
Mann, ich gebe mein gutes Recht nicht auf!« --
Als Rietschel allein war, überlegte er sich die Sache noch einmal.
Seine Lebenserfahrung kam nun doch zu einem anderen Ergebnis. Hätte
Berta nicht so hilflos vor der Wirklichkeit gestanden, wäre sie nicht
in der Tat ein ›Kind‹ geblieben -- sie hätte schon Mittel gehabt, um
die Vaterschaft des Herrn Justizrates festzustellen. Aber sie tappte
an jeder praktischen Möglichkeit vorbei. Sie ließ sich von Gefühlen
mitreißen. Die Vereinsamung ihrer Jugend rächte sich. Rietschel aber
durfte sie nicht aufklären. Er lieferte sie sonst nur noch mehr den
Wahnideen aus. Sie war dieser Welt nicht gewachsen. Er mußte für die
Beruhigung sorgen. Was sie umgab, das war ihr Glück -- sonst nichts.
Nach der Unterredung mit ihrem Mann wurde Berta still und
undurchsichtig. Rietschel bekam seine Ruhe, aber es war eine Ruhe, die
ihm nicht wohltat. ›Vor dem Sturm‹, dachte er oft. Berta war wieder
pünktlich und fleißig, doch ihre Tätigkeit blieb mechanisch, sie hatte
die Tür zu ihrem Innern verschlossen. Daß sie von ganz anderen Dingen
erfüllt war, wurde immer deutlicher.
Aber sie hatte von Rietschel gelernt. Der Zusammenstoß mit dem
hellen Sachsen wirkte auf ihre dumpfe Leidenschaft. Sie kam zu der
Erkenntnis, daß sie sich nichts verderben durfte. Gerade weil sie
nun ganz auf sich gestellt war, mußte sie jeden Schritt auf das Ziel
richten. Sie glaubte endlich die Aufgabe ihres Ehrgeizes gefunden zu
haben. Rietschel sollte staunen, ganz Berlin sollte staunen. Sie genoß
schon in stillen Traumstunden ihren Triumph.
Aber die Stärke des Gegners verkannte sie nicht. Emsig arbeitete sie
an ihrem Kriegsplan. Wie ein kluger Jäger wollte sie die Schlingen
legen, in denen der große Herr Justizrat sich verfing.
So gab sie jeden Gewaltstreich auf und verlegte sich darauf, den
Gegner zunächst zu beunruhigen. Er sollte es immer im Bewußtsein
haben, daß sie vorhanden war, er sollte keinen Tag mehr vor ihr
sicher sein. Daß diese stille, zähe Verfolgung nur ~einen~ Grund
und ~einen~ Zweck haben konnte, wurde einem Mann von seiner
Intelligenz natürlich klar. Er hatte ja kein gutes Gewissen. Er wehrte
sich, solange es ging. Vielleicht war er schließlich froh, wenn sie es
gut mit ihm meinte, ihm ihre traurige Jugend verzieh und eine Stütze
seines Alters wurde ...
Da ließ sie sich schon wieder zu schönen Träumen hinreißen! Nein, so
weit war sie noch nicht, noch lange nicht! Noch saß er auf seinem
Thron und wehrte alles ab, was ihm gefährlich werden konnte ...
Keine Gelegenheit, über Justizrat Schwarz etwas zu erfahren, ließ
Berta unbeachtet. Sie abonnierte das ›Berliner Tageblatt‹, wenn
Rietschel auch darauf schimpfte. Hier glaubte sie den Bannkreis des
Justizrates am besten zu überblicken. Jede Versammlung, jedes Fest,
das er besuchte, konnte sie durch ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung
herausbekommen. Selbst zu diesen Veranstaltungen zu gehen, war ihr nur
selten möglich; denn erstens war es zu teuer, und zweitens fehlte ihr
die Persönlichkeit, um dort Figur zu machen. Vorläufig konnte sie sich
noch nicht dort bewegen, wo ihr Vater sich bewegte ...
Aber sie lauerte ihm auf. Sie spionierte, wo er zu finden war. Wenn
er, nichts ahnend, in heiterer Geselligkeit einen Saal verließ,
stand Berta plötzlich in der Garderobe und zwang sich in seinen
Blick. Er kam nicht an ihr vorbei, er mußte sie grüßen. Dann grüßte
sie stets mit der höchsten Liebenswürdigkeit wieder, auch mit einer
Vertraulichkeit, die ihn ärgern mußte. Sie zeigte dabei ein vornehm
geheimnisvolles Lächeln, von dessen Wirksamkeit sie überzeugt war. Das
hatte sie sich zu Hause vor dem Spiegel einstudiert.
Zu einer Ansprache kam es freilich nie. Der Vielgewandte schlängelte
sich immer wieder an ihr vorbei. Als die Begegnungen sich häuften,
kam eine hochmütige Verwunderung in seine Züge, aber er wahrte die
Form, er grüßte, und Berta dankte, als wollte sie sagen: ›Ich kriege
dich doch.‹
Was mußte er sich denken? Nur eines war möglich: ›Sie weiß jetzt, wer
ich bin. Nun will sie mich quälen, nun will sie mich lächerlich machen
am Ende. Entweder wird sie mein bester Freund oder mein bitterster
Feind.‹
Ja, das waren unbedingt seine Gedanken. Dennoch wurde dieses Spiel
von Katz' und Maus schließlich qualvoll. Berta war kein freier Mensch
mehr. Es war unendlich schwierig, Geschäft und Haushalt mit der
Vaterjagd zu vereinigen. Zwischen Rietschel und ihr wurde nichts mehr
ausgesprochen. Der Zündstoff sammelte sich. Wenn Bertas Zerstreutheit
ihr einen Streich spielte, gab es kostspielige Dummheiten. Sie
schädigte ihren Mann um Hunderte. Aus der einst so tüchtigen Gehilfin
war sein Niedergang geworden. Auch brauchte Berta jetzt erheblich
mehr für ihre Privatausgaben. Wohin es kam, das viele Geld, konnte
Rietschel nur ahnen. Er verschluckte seinen Ärger so lange, bis ihm
schließlich der süßeste Bliemchenkaffee nicht mehr schmeckte.
Schlimmer aber noch stand es um die heranwachsenden Kinder. Bertas
Sorge war ihnen treu, doch was sie tat, konnte ebensogut eine fremde
und bezahlte Person tun. Das spürten die erwachenden Seelen. Wo
Innigkeit sein sollte, fanden sie Zwang; wo das beste Ausruhen war,
eilte ein gehetzter Mensch vorüber. Die Kinder fühlten sich ohne
Schuld und trauerten unbewußt um ihr Bestes. Ja, wenn es eine böse
Stiefmutter gewesen wäre, wie die in den Märchenbüchern -- aber es war
ja ihre gute, leibliche Mutter.
Berta sah nur in lichten Augenblicken, was vorging. Ihre Kinder waren
sauber und gepflegt, wie sonst -- dennoch glichen sie Verwaisten. Sie
wurden ernst und still, sie hatten etwas Fragendes im Blick, was jeden
Empfänglichen ergreifen mußte.
Ob es ebenso auf Rietschel wirkte, war nicht zu ersehen. Er wandte
seine Gefühle ingrimmig dem Pudel Schneemann zu. Damit waren Paul und
Grete ganz einverstanden. Schneemann blieb das neutrale Gebiet -- an
seiner klugen Drolligkeit konnten sie sich alle aufrichten.
Nur etwas wurde Rietschel unerträglich: Was sollten die Leute von
seiner Frau denken? Bertas sonderbares Leben geheimzuhalten, war
nicht möglich. Das Dienstmädchen genügte schon, den Klatsch in Gang
zu bringen. Das wußte, daß Frau Rietschel mindestens drei Abende
in der Woche nicht zu Hause war. In seiner Ehre war Rietschel am
empfindlichsten -- kein großer Zorn, sondern ein wühlender Ärger
kam über ihn. Berta war ja anständig. Er fürchtete nur Mißdeutung.
Wo er konnte, kämpfte er mit Ausreden für ihren guten Ruf. Er
schilderte ihre Begeisterung für Theater und Musik, ihr Interesse für
Versammlungen. Eines Abends aber, als Berta erst um Mitternacht nach
Hause kam, fuhr er sie plötzlich an: »Wo warst du heute?«
»Ich? Im Opernhaus.«
»Das glaub' ich nicht! Du bist wahrscheinlich wieder bloß draußen
'rumgebummelt! Ich habe dich schon dreimal so gesehen!«
»Belauerst du mich?«
»Ich will bloß verhüten, daß du ins Gerede kommst! Ich interessiere
mich noch für den Ruf meiner Frau! Das ist ja in Berlin sonst nicht
mehr Mode!«
»Was soll das alles? Ich war im Opernhaus, ich habe ›Zar und
Zimmermann‹ gehört. Buls hat das Lied ›Ach selig, ach selig, ein Kind
noch zu sein‹ viermal gesungen. Hier ist der Abschnitt vom Billett.
Genügt dir das?«
Er starrte sie verblüfft an. Mit der wurde er nicht fertig. Aber
~warum~ ging sie ins Opernhaus? Er ahnte mancherlei. -- »Na
jedenfalls -- die Geschichte wird mir zu teuer«, sagte er abschließend.
»Ich wüßte nicht, daß du mir schon ein Billett bezahlt hast. Ich
bestreite solche Nebenausgaben von meinem Sparkassengeld. Damit basta!«
Er knurrte nur noch vor sich hin und beschloß, sich morgen einmal um
die Portokasse zu bekümmern. --
Im Sommer verreiste Justizrat Schwarz. Da mußte Berta pausieren. Ihren
Plan, ihm nach Karlsbad zu folgen, gab sie auf. Das ging denn doch
nicht. Als er aber wieder in Berlin war, wußte sie es sofort, denn sie
verstand sich darauf, am Telephon mit verstellter Stimme zu sprechen.
Herr Hollunder sagte ihr alles. Nun nahm sie mit ausgeruhten Kräften
die Verfolgung wieder auf. Der Herbst verging, und bis Neujahr ließ
der Justizrat es sich gefallen. Als er aber an einem Januarabend zum
Presseball ging, und Berta vor der Philharmonie auf ihn wartete,
wurde es ihm zuviel. Er war heute ohnehin schlecht aufgelegt, denn es
war ein richtiges ›Sauwetter‹, und er hatte keinen Wagen bekommen.
So senkte er wütend seinen Regenschirm in die Richtung, wo die
kleine Frau stand. Gleichsam hinter einem Schilde stampfte er an ihr
vorbei. Mochte sie ihm nur betroffen nachstarren -- Jetzt wußte sie
wenigstens, woran sie war.
Im Saal aber interessierte er ich nur für ~eine~ Begegnung.
Minister, Geheimräte und berühmte Dichter waren ihm heute gleichgültig
-- er suchte Gusti Bernhardi. Die hatte nun schon ihre Jugend hinter
ich, aber sie war noch immer eine stattliche Frau, und ihre Wiener
Lebenslust war nicht zu knicken. Als Schwarz sie endlich entdeckt
hatte, zog er sie in einen Nebensaal und gestand ihr dort bei einer
stillen Flasche, was ihn bedrückte.
»Gusti,« schloß er, »ich weiß, du hast dir von heute Abend was anderes
versprochen; aber ich weiß auch, daß du die klügste Frau bist, der ich
in meinem Leben begegnet bin. Du hast mich noch nie im Stich gelassen
-- nun rate mir, bitte, in dieser Sache.«
Gusti Bernhardi sah ernst auf ihren Busen nieder, den ein großer
Brillantschmuck zierte -- sie antwortete noch nicht.
Er sah sie zweifelnd an: »Stört dich die Sache etwa? Bist du
enttäuscht, daß ich ein uneheliches Kind habe? Das hätt' ich bei dir
allerdings --?«
»Wart's doch ab, mein Lieber«, sagte sie jetzt. »Ich muß mir's erst
überlegen. Es wundert mich allerdings, daß ein so gescheiter Mann,
wie du, so dumm und unüberlegt handeln kann.«