NEUNZEHNTES KAPITEL

Rietschel sah auf den Regulatur. Drei Viertel sieben. In zehn Minuten

machte er Schluß, und Berta war noch nicht zurück. Den ganzen

Nachmittag hatte sie sich herumgetrieben. Diese Frau stellte seine

Geduld auf eine harte Probe.

Er wartete noch fünf Minuten. Wie unangenehm war es auch dem Personal

gegenüber. Das bestand zwar nur aus einer Buchhalterin und einem

Laufjungen -- alles andere tat das Ehepaar selbst -- aber Gedanken

machten sie sich auch.

»Ich schließe heute selber, Fräulein Brotbäcker«, sagte Rietschel.

»Ich habe noch 'ne Stunde zu tun.«

Er wollte wirklich arbeiten; aber als er allein war, verlor er bald

die Geduld, drehte wütend alle Schlüssel herum und lief fort.

In der Großbeerenstraße empfing ihn Berta. Sie sah ihn mit so fiebrig

glänzenden Augen an, daß er seinen Zorn vergaß und sich wieder Sorge

machte.

»Na, was ist denn?« brummte er. »Du bist also direkt nach Hause

gegangen? Dann telephoniere mir doch wenigstens. Das ist doch

rücksichtslos. Ich habe mich natürlich geängstigt. Na, nun laß mich

mal vorbei.«

»Peter, ich muß mit dir reden«, sagte sie mit eigentümlich getragener

Stimme.

»Aber erst essen wir. Ich habe Hunger. So was Besonderes wird es ja

nicht sein.«

»Es ist das Besonderste, was ich dir überhaupt jemals zu sagen hatte.«

Rietschel sah sie mißtrauisch an. Nach einer Pause fragte er: »Wie

geht's denn den Kindern?«

»Heute konnte ich mich nicht um sie kümmern.«

»Nanu!«

»Weil ich selbst endlich als Kind empfinde.«

Rietschel stampfte: »Du, mir reißt bald die Geduld! Also laß es

bleiben! Geh in die Eßstube und warte! Ich sehe selber noch mal nach

dem jungen Gemüse!«

Das war Rietschels tiefster Zärtlichkeitsausdruck für seine Kinder. Er

ging mit einem Ausdruck fort, als gälte es, sein Bestes zu verteidigen.

In der Kinderstube fand er die Kleinen schon in ihren Bettchen. Grete

hielt Schneemanns weißen Pudelkopf, Paul aber fragte: »Wo ist denn

Mutti?«

»Mutti hat zu tun. Mutti kommt später. Nun schlaft man, Kinder! Gute

Nacht! Schneemann, du kommst mit!«

Er nahm den Pudel am Halsband und ging in das Eßzimmer. Hier hatte

Berta ihm schon Kartoffeln geschält -- das rührte ihn wieder.

»Was kosten jetzt die Heringe?« fragte er sanft.

Sie antwortete nicht und sah ihn an, als ob sie taub wäre.

Er wiederholte seine Frage nicht und ließ erst das Essen vorüber. Nur

als Berta immer wieder nach der Gilkaflasche griff, fuhr er auf: »Du

hast ja schon drei getrunken! Das ist ja eklig!«

»Ich muß mich ein bißchen betäuben, Peter. Das ist so, wie wenn man

Zahnweh hat.«

»Hast du denn Zahnweh?«

Sie lachte leise: »Nein ... Ich mein es nur so ... Trink du doch auch!

Prost, mein Junge!«

Er stieß widerwillig mit ihr an. Dann war auch der Käse verzehrt, und

Rietschel fragte, sich hastig den Schnurrbart wischend: »Wo warst du

heute nachmittag?«

»Bei Herrn Justizrat Schwarz.«

Sie genoß seinen verblüfften Blick. -- »Was soll das heißen? Du

wolltest doch bei Schlesinger & Co. den Fischleim bezahlen?«

»Das hab' ich auch getan. Aber die Hauptsache war mir Justizrat

Schwarz.«

»Der in der Taubenstraße? Wo dein Onkel Bureauvorsteher ist?«

»Jawohl. Der ›Rechtsbeistand‹ meiner zärtlichen Mutter.«

Ihre Stimme bebte vor schmerzlichem Hohn. Sie war furchtbar erregt.

Das verstand er jetzt. Er mußte vorsichtig sein: »Was wolltest du denn

bei dem?«

»Ach, eigentlich« -- sie schlug mit der Hand durch die Luft --

»eigentlich wollt' ich nur wieder herauskriegen, wer mein Vater ist!

Und das ist mir heute gelungen!«

»Wahrhaftig? ... Berta, du machst ja Spaß. Mit solchen Sachen spaßt

man nicht.«

»Das ist nicht meine Absicht. Wirklich, Peter. Mir ist schauderhaft

ernst zu Mut. Ich möchte mich am liebsten selbst zerreißen. Ich möchte

die ganze Welt zerreißen.«

Sie begann schon mit der Serviette. Da hielt er ihren Arm fest: »Berta

-- sei doch vernünftig! Um Gottes willen, wenn dich jemand hört! Du

zitterst ja am ganzen Leib!«

Er stand auf und führte sie zum Sofa. Es war die erste Zärtlichkeit

nach Monaten. Das tat ihr wohl. Sie saß wie ein Kind bei ihm und

weinte. Dann wurde sie ruhiger -- er spürte es.

»Also, nun erzähle mir mal -- ich bin doch dein Mann -- mir kannst

du alles sagen. Ich hab' ja schon lange gemerkt, daß sich was

vorbereitet. Du konntest nicht mehr schlafen -- du hast auch gar nicht

mehr richtig gegessen -- und dann der viele Schnaps ... Wenn dir nur

das Bücherlesen nicht geschadet hat --«

»Im Gegenteil, Peter. Ohne meine Bücher wäre ich ganz verkommen.«

»Bei mir?«

»Du hast keine Schuld.«

»Und die Kinder?«

»Die auch nicht. Es ist alles in mir selbst. Meine beiden Naturen,

Peter. Die vom Vater und die von der Mutter. Bei dir ist alles viel

einfacher.«

Rietschel dachte: ›Wenn es bei dir man nicht auch sehr einfach ist.‹

Aber er unterdrückte diesen Gedanken. -- »Was wolltest du also bei dem

Justizrat?«

»Du weißt doch, daß ich als Mädel schon bei ihm war?«

»Das hast du mir erzählt. Aber er hat damals nichts 'rausgerückt.«

»Und du bist doch auch überzeugt, daß er ganz genau Bescheid weiß, wie

es mit meinem Vater steht?«

»Berta, wer kann das behaupten? Vermutungen haben da gar keinen Zweck.

Und als Rechtsanwalt braucht er dir kein Wort zu sagen.«

»Nein, damit ließ ich mich so lange hinhalten. Aber plötzlich ist es

wieder über mich gekommen. Ich kann dir das nicht erklären, Peter.

Ich mußte jetzt unter allen Umständen wissen, wer mein Vater ist. Ich

konnte so nicht länger leben, Peter.«

»Und du hast vorhin gesagt -- -- du weißt es jetzt?«

»Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war der unglaublichste

Moment, den ich jemals erlebt habe. Ich saß bei ihm -- bei dem

Justizrat, Peter -- und er war wieder so glatt und schleimig -- genau

wie ein Aal glitt er mir durch die Finger -- aber plötzlich wurde er

furchtbar böse -- da ließ er die Maske fallen, verstehst du -- und da

-- --«

»Da hat er es dir gesagt?«

»Kein Wort hat er mir gesagt! Das tut er nicht! Aber ich wußt' es! Aus

mir selber! Jetzt bringt mich kein Mensch mehr davon ab! Justizrat

Schwarz ist mein Vater! Kein anderer!«

Rietschel starrte seine Frau an. Dann stand er langsam auf.

»Du glaubst es wohl nicht?«

»Berta -- wenn er es nicht zugegeben hat -- schriftlich oder vor

Zeugen -- bloß weil du den Eindruck hattest --«

»Der genügt vollständig! Jetzt weiß ich genau, was ich zu tun habe!

Aber ich glaube, du übersiehst die Sache noch nicht --«

»Was soll ich denn übersehen?«

»Na, du als gewiegter Geschäftsmann -- lassen wir mal meine Person aus

dem Spiel -- aber wenn ich jetzt meinen Vater kenne -- wenn ich jetzt

meine Ansprüche stelle -- Justizrat Schwarz ist vielfacher Millionär

-- Kinder hat er nicht -- ich bin, soviel ich weiß, das einzige -- --!«

»Ja, ja ... Na ja ... Das ist ja alles möglich. Aber ich sehe nicht,

wie du überhaupt was erreichen willst -- du hast doch nun mal keinen

Beweis in Händen.«

»Glaubst du, daß es mir jetzt noch schwerfallen wird, ihn zu bekommen?«

»Das glaub' ich allerdings! Was du mir gesagt hast, das sind lauter

Illusionen! So einer ist mit allen Wassern gewaschen! Wenn der gemerkt

hat, was du vorhast --«

»Das soll er nur merken! Das will ich!«

»Glaubst du, mit dem wirst du fertig? Der will dich doch los sein! Dem

bist du doch unbequem! Der bedankt sich für ne uneheliche Tochter! Das

schadet ihm bei den Leuten! Der verleugnet dich, und wenn er vor dem

lieben Gott steht!«

»Kann er das?!«

»Können kann er alles! Nach meiner Überzeugung hat er mit den

Alimenten schon getan, wozu er verpflichtet war! Seine Person kannst

du nicht antasten! Er wird dir einfach den Rücken drehen und die

Majorsche in Strelenwalde, die erst recht! Bei Tübbeke haben sie auch

die Mäuler gestoppt!«

Während Rietschel mit großen Schritten umherging, lehnte Berta sich

in das Sofa zurück. Ihr Gesicht wurde ganz klein und bleich. -- »Es

ist schrecklich,« flüsterte sie -- »daß du einem immer gleich den Mut

nehmen mußt ...«

»Zum Donnerwetter!« schrie Rietschel. »Damit ich dir ein bißchen Sinn

für die Wirklichkeit gebe! Ich bin doch dein Mann! Das muß ich!«

»Und daß die Zukunft deiner Kinder davon abhängt? Daß unser ganzes

Leben plötzlich einen Umschwung kriegen kann -- das siehst du nicht?«

»Ach, du meinst am Ende, wenn wir die Millionen von Herrn Justizrat

Schwarz erben! Von deinem ›Papa‹?! Nee, liebe Berta -- darum leg' ich

mich noch nicht 'ne Minute aufs Kanapee! Mein solides Geschäft und

mein gesunder Menschenverstand -- die sind mir sicherer!«

Sie erhob sich und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. -- »Also

gut«, sagte sie dort müde. »Dann muß ich eben allein kämpfen. Das bin

ich ja gewohnt. Ich schwöre dir -- ich setze es durch, ich zwinge den

Mann, ich gebe mein gutes Recht nicht auf!« --

Als Rietschel allein war, überlegte er sich die Sache noch einmal.

Seine Lebenserfahrung kam nun doch zu einem anderen Ergebnis. Hätte

Berta nicht so hilflos vor der Wirklichkeit gestanden, wäre sie nicht

in der Tat ein ›Kind‹ geblieben -- sie hätte schon Mittel gehabt, um

die Vaterschaft des Herrn Justizrates festzustellen. Aber sie tappte

an jeder praktischen Möglichkeit vorbei. Sie ließ sich von Gefühlen

mitreißen. Die Vereinsamung ihrer Jugend rächte sich. Rietschel aber

durfte sie nicht aufklären. Er lieferte sie sonst nur noch mehr den

Wahnideen aus. Sie war dieser Welt nicht gewachsen. Er mußte für die

Beruhigung sorgen. Was sie umgab, das war ihr Glück -- sonst nichts.

Nach der Unterredung mit ihrem Mann wurde Berta still und

undurchsichtig. Rietschel bekam seine Ruhe, aber es war eine Ruhe, die

ihm nicht wohltat. ›Vor dem Sturm‹, dachte er oft. Berta war wieder

pünktlich und fleißig, doch ihre Tätigkeit blieb mechanisch, sie hatte

die Tür zu ihrem Innern verschlossen. Daß sie von ganz anderen Dingen

erfüllt war, wurde immer deutlicher.

Aber sie hatte von Rietschel gelernt. Der Zusammenstoß mit dem

hellen Sachsen wirkte auf ihre dumpfe Leidenschaft. Sie kam zu der

Erkenntnis, daß sie sich nichts verderben durfte. Gerade weil sie

nun ganz auf sich gestellt war, mußte sie jeden Schritt auf das Ziel

richten. Sie glaubte endlich die Aufgabe ihres Ehrgeizes gefunden zu

haben. Rietschel sollte staunen, ganz Berlin sollte staunen. Sie genoß

schon in stillen Traumstunden ihren Triumph.

Aber die Stärke des Gegners verkannte sie nicht. Emsig arbeitete sie

an ihrem Kriegsplan. Wie ein kluger Jäger wollte sie die Schlingen

legen, in denen der große Herr Justizrat sich verfing.

So gab sie jeden Gewaltstreich auf und verlegte sich darauf, den

Gegner zunächst zu beunruhigen. Er sollte es immer im Bewußtsein

haben, daß sie vorhanden war, er sollte keinen Tag mehr vor ihr

sicher sein. Daß diese stille, zähe Verfolgung nur ~einen~ Grund

und ~einen~ Zweck haben konnte, wurde einem Mann von seiner

Intelligenz natürlich klar. Er hatte ja kein gutes Gewissen. Er wehrte

sich, solange es ging. Vielleicht war er schließlich froh, wenn sie es

gut mit ihm meinte, ihm ihre traurige Jugend verzieh und eine Stütze

seines Alters wurde ...

Da ließ sie sich schon wieder zu schönen Träumen hinreißen! Nein, so

weit war sie noch nicht, noch lange nicht! Noch saß er auf seinem

Thron und wehrte alles ab, was ihm gefährlich werden konnte ...

Keine Gelegenheit, über Justizrat Schwarz etwas zu erfahren, ließ

Berta unbeachtet. Sie abonnierte das ›Berliner Tageblatt‹, wenn

Rietschel auch darauf schimpfte. Hier glaubte sie den Bannkreis des

Justizrates am besten zu überblicken. Jede Versammlung, jedes Fest,

das er besuchte, konnte sie durch ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung

herausbekommen. Selbst zu diesen Veranstaltungen zu gehen, war ihr nur

selten möglich; denn erstens war es zu teuer, und zweitens fehlte ihr

die Persönlichkeit, um dort Figur zu machen. Vorläufig konnte sie sich

noch nicht dort bewegen, wo ihr Vater sich bewegte ...

Aber sie lauerte ihm auf. Sie spionierte, wo er zu finden war. Wenn

er, nichts ahnend, in heiterer Geselligkeit einen Saal verließ,

stand Berta plötzlich in der Garderobe und zwang sich in seinen

Blick. Er kam nicht an ihr vorbei, er mußte sie grüßen. Dann grüßte

sie stets mit der höchsten Liebenswürdigkeit wieder, auch mit einer

Vertraulichkeit, die ihn ärgern mußte. Sie zeigte dabei ein vornehm

geheimnisvolles Lächeln, von dessen Wirksamkeit sie überzeugt war. Das

hatte sie sich zu Hause vor dem Spiegel einstudiert.

Zu einer Ansprache kam es freilich nie. Der Vielgewandte schlängelte

sich immer wieder an ihr vorbei. Als die Begegnungen sich häuften,

kam eine hochmütige Verwunderung in seine Züge, aber er wahrte die

Form, er grüßte, und Berta dankte, als wollte sie sagen: ›Ich kriege

dich doch.‹

Was mußte er sich denken? Nur eines war möglich: ›Sie weiß jetzt, wer

ich bin. Nun will sie mich quälen, nun will sie mich lächerlich machen

am Ende. Entweder wird sie mein bester Freund oder mein bitterster

Feind.‹

Ja, das waren unbedingt seine Gedanken. Dennoch wurde dieses Spiel

von Katz' und Maus schließlich qualvoll. Berta war kein freier Mensch

mehr. Es war unendlich schwierig, Geschäft und Haushalt mit der

Vaterjagd zu vereinigen. Zwischen Rietschel und ihr wurde nichts mehr

ausgesprochen. Der Zündstoff sammelte sich. Wenn Bertas Zerstreutheit

ihr einen Streich spielte, gab es kostspielige Dummheiten. Sie

schädigte ihren Mann um Hunderte. Aus der einst so tüchtigen Gehilfin

war sein Niedergang geworden. Auch brauchte Berta jetzt erheblich

mehr für ihre Privatausgaben. Wohin es kam, das viele Geld, konnte

Rietschel nur ahnen. Er verschluckte seinen Ärger so lange, bis ihm

schließlich der süßeste Bliemchenkaffee nicht mehr schmeckte.

Schlimmer aber noch stand es um die heranwachsenden Kinder. Bertas

Sorge war ihnen treu, doch was sie tat, konnte ebensogut eine fremde

und bezahlte Person tun. Das spürten die erwachenden Seelen. Wo

Innigkeit sein sollte, fanden sie Zwang; wo das beste Ausruhen war,

eilte ein gehetzter Mensch vorüber. Die Kinder fühlten sich ohne

Schuld und trauerten unbewußt um ihr Bestes. Ja, wenn es eine böse

Stiefmutter gewesen wäre, wie die in den Märchenbüchern -- aber es war

ja ihre gute, leibliche Mutter.

Berta sah nur in lichten Augenblicken, was vorging. Ihre Kinder waren

sauber und gepflegt, wie sonst -- dennoch glichen sie Verwaisten. Sie

wurden ernst und still, sie hatten etwas Fragendes im Blick, was jeden

Empfänglichen ergreifen mußte.

Ob es ebenso auf Rietschel wirkte, war nicht zu ersehen. Er wandte

seine Gefühle ingrimmig dem Pudel Schneemann zu. Damit waren Paul und

Grete ganz einverstanden. Schneemann blieb das neutrale Gebiet -- an

seiner klugen Drolligkeit konnten sie sich alle aufrichten.

Nur etwas wurde Rietschel unerträglich: Was sollten die Leute von

seiner Frau denken? Bertas sonderbares Leben geheimzuhalten, war

nicht möglich. Das Dienstmädchen genügte schon, den Klatsch in Gang

zu bringen. Das wußte, daß Frau Rietschel mindestens drei Abende

in der Woche nicht zu Hause war. In seiner Ehre war Rietschel am

empfindlichsten -- kein großer Zorn, sondern ein wühlender Ärger

kam über ihn. Berta war ja anständig. Er fürchtete nur Mißdeutung.

Wo er konnte, kämpfte er mit Ausreden für ihren guten Ruf. Er

schilderte ihre Begeisterung für Theater und Musik, ihr Interesse für

Versammlungen. Eines Abends aber, als Berta erst um Mitternacht nach

Hause kam, fuhr er sie plötzlich an: »Wo warst du heute?«

»Ich? Im Opernhaus.«

»Das glaub' ich nicht! Du bist wahrscheinlich wieder bloß draußen

'rumgebummelt! Ich habe dich schon dreimal so gesehen!«

»Belauerst du mich?«

»Ich will bloß verhüten, daß du ins Gerede kommst! Ich interessiere

mich noch für den Ruf meiner Frau! Das ist ja in Berlin sonst nicht

mehr Mode!«

»Was soll das alles? Ich war im Opernhaus, ich habe ›Zar und

Zimmermann‹ gehört. Buls hat das Lied ›Ach selig, ach selig, ein Kind

noch zu sein‹ viermal gesungen. Hier ist der Abschnitt vom Billett.

Genügt dir das?«

Er starrte sie verblüfft an. Mit der wurde er nicht fertig. Aber

~warum~ ging sie ins Opernhaus? Er ahnte mancherlei. -- »Na

jedenfalls -- die Geschichte wird mir zu teuer«, sagte er abschließend.

»Ich wüßte nicht, daß du mir schon ein Billett bezahlt hast. Ich

bestreite solche Nebenausgaben von meinem Sparkassengeld. Damit basta!«

Er knurrte nur noch vor sich hin und beschloß, sich morgen einmal um

die Portokasse zu bekümmern. --

Im Sommer verreiste Justizrat Schwarz. Da mußte Berta pausieren. Ihren

Plan, ihm nach Karlsbad zu folgen, gab sie auf. Das ging denn doch

nicht. Als er aber wieder in Berlin war, wußte sie es sofort, denn sie

verstand sich darauf, am Telephon mit verstellter Stimme zu sprechen.

Herr Hollunder sagte ihr alles. Nun nahm sie mit ausgeruhten Kräften

die Verfolgung wieder auf. Der Herbst verging, und bis Neujahr ließ

der Justizrat es sich gefallen. Als er aber an einem Januarabend zum

Presseball ging, und Berta vor der Philharmonie auf ihn wartete,

wurde es ihm zuviel. Er war heute ohnehin schlecht aufgelegt, denn es

war ein richtiges ›Sauwetter‹, und er hatte keinen Wagen bekommen.

So senkte er wütend seinen Regenschirm in die Richtung, wo die

kleine Frau stand. Gleichsam hinter einem Schilde stampfte er an ihr

vorbei. Mochte sie ihm nur betroffen nachstarren -- Jetzt wußte sie

wenigstens, woran sie war.

Im Saal aber interessierte er ich nur für ~eine~ Begegnung.

Minister, Geheimräte und berühmte Dichter waren ihm heute gleichgültig

-- er suchte Gusti Bernhardi. Die hatte nun schon ihre Jugend hinter

ich, aber sie war noch immer eine stattliche Frau, und ihre Wiener

Lebenslust war nicht zu knicken. Als Schwarz sie endlich entdeckt

hatte, zog er sie in einen Nebensaal und gestand ihr dort bei einer

stillen Flasche, was ihn bedrückte.

»Gusti,« schloß er, »ich weiß, du hast dir von heute Abend was anderes

versprochen; aber ich weiß auch, daß du die klügste Frau bist, der ich

in meinem Leben begegnet bin. Du hast mich noch nie im Stich gelassen

-- nun rate mir, bitte, in dieser Sache.«

Gusti Bernhardi sah ernst auf ihren Busen nieder, den ein großer

Brillantschmuck zierte -- sie antwortete noch nicht.

Er sah sie zweifelnd an: »Stört dich die Sache etwa? Bist du

enttäuscht, daß ich ein uneheliches Kind habe? Das hätt' ich bei dir

allerdings --?«

»Wart's doch ab, mein Lieber«, sagte sie jetzt. »Ich muß mir's erst

überlegen. Es wundert mich allerdings, daß ein so gescheiter Mann,

wie du, so dumm und unüberlegt handeln kann.«

Frau Rietschel das Kind · 第 71 / 97 题