Schnelle Schritte näherten sich -- plötzlich stand eine kleine,
geputzte Person im Sprechzimmer. Sie hatte sich an Tübbeke und
Hollunder vorbeigedrängt -- dicht vor dem Justizrat blieb sie stehen.
Während dieser Haltung suchte, verschwanden die beiden Beamten
schleunig. Jetzt sollte der starke Mann allein mit ihr fertig werden.
»Herr Justizrat -- seien Sie mir bitte, bitte nicht böse!«
Mit gefalteten Händen, ein banges Lächeln auf dem geröteten Gesicht,
stand Berta vor ihm. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches,
von naiver Überzeugung Beherrschtes. Sichere Koketterie blinzelte auf
sie nieder, denn so hübsch hatte er sie nicht in Erinnerung gehabt.
Nun aber suchte er noch einmal die bewährte Erstarrung. Er schob die
rechte Hand zwischen zwei Knöpfe seines Gehrocks und sagte: »Ich muß
mich doch sehr wundern, gnädige Frau!«
»Herr Justizrat, Sie sind auch ein Mensch, der durchsetzt, was er
will! Ich bin ebenso! In Amerika soll es ja auch so sein!«
»Wir sind nicht in Amerika!«
Berta setzte sich, ohne daß er ihr den Stuhl angeboten hatte. Sie ließ
ihren flehenden Blick nicht von ihm: »Haben Sie denn meine Briefe
bekommen?«
»Ich erinnere mich nur an einen Brief.«
»Drei hab' ich Ihnen geschrieben! Auf keinen haben Sie geantwortet!«
»Gnädige Frau, ich kann mich nicht einmal entschuldigen. Dabei kennt
man mich überall als die Höflichkeit selbst. Aber Sie scheinen von
einer ganz falschen Voraussetzung auszugehen. Sie wissen nicht, wo Sie
sich befinden. Ich trage die Verantwortung für Millionen. In diesem
Zimmer wird das Schicksal von Königreichen entschieden. Ich kann mich
nicht mehr mit dem Kleinkram der Privatklienten abgeben.«
»Pardon, Herr Justizrat -- aber deswegen können Sie doch Briefe
beantworten!«
»Ich kann es nicht! Ich bedaure ~sehr~! Hätten Sie einfach
antelephoniert, dann wären Sie von meinem Personal aufgeklärt
worden! Aber schriftliche Anfragen, für die ich kein Interesse habe,
~muß~ ich ignorieren!«
Er wurde so deutlich, wie nur möglich -- doch Berta lächelte ihn noch
immer an. -- »Das seh' ich nicht ein«, sagte sie nach einer Weile.
»Dann müßte es doch draußen an der Tür stehen -- sonst foppen Sie ja
die Leute --«
»Erlauben Sie --!«
»Draußen steht aber bloß: ›Justizrat Schwarz, Rechtsanwalt und Notar,
Sprechstunden von 10 bis 1 und 4 bis 6, außer Sonnabend.‹ Da kommt man
eben mit seinen Angelegenheiten, und kann ich Ihnen bloß sagen: Meine
Angelegenheit ist mir auch Millionen wert.«
»Das mag ja sein -- für ~Ihre~ Anschauung -- ~ich~ hingegen
--«
»Nein, Herr Justizrat! Es kommt mir fast so vor, als ob Sie bloß
~mich~ nicht empfangen wollten, mich persönlich! Jawohl!«
Jetzt lächelte die kleine Frau nicht mehr. Ein tückischer Zorn glomm
in ihren Augen. Viktor Schwarz stützte sich auf seine leise zitternden
Hände. Aber er war gewappnet: »Da täuschen Sie sich vollkommen. Ich
handle lediglich prinzipiell. Was sollte ich auch für einen Grund
haben? --«
»Das weiß ich eben auch noch nicht. Sie könnten ja 'ne ganze Menge
Gründe haben, Sie als Rechtsvertreter meiner Mutter.«
»Das bin ich längst nicht mehr. Frau Major von Rotkraut bedarf meiner
Dienste nicht. Die lebt seit Jahren ihr schönes, stilles Leben in
Strelenwalde.«
»Und von mir will sie nichts mehr wissen! Mich kennt sie nicht mehr!
Ich hab' ihr versprechen müssen -- --«
»Was haben Sie Ihr versprechen müssen?«
»Na, es ist ja schon so lange her. Ich war noch ein halbes Kind
damals. Jetzt brauche ich mich solchen Sachen Gott sei Dank nicht mehr
auszusetzen. Ich bin eine angesehene Frau. Mein Mann hat ein großes
Geschäft. Und meine beiden Kinder --«
»Aha -- so, so -- ja, sehen Sie mal, meine liebe Frau Rietschel --
das wollte ich Ihnen schon sagen -- mir scheint doch, daß in Ihrem
Köpfchen alles durcheinandergeht. Sie verwechseln tatsächlich die
Zeiten. Was wollen Sie denn eigentlich? Damals waren Sie als arme,
kleine Buchhalterin bei mir -- ich erinnere mich noch genau -- und
jetzt sind Sie in Samt und Seide -- als Gattin und Mutter in den
glücklichsten Verhältnissen --«
Berta streckte abwehrend ihre Hände aus: »Ach, Herr Justizrat! Daß das
bloß äußerlich ist -- das brauch' ich Ihnen doch nicht zu sagen!«
»Ich bin natürlich nicht weiter orientiert. Es interessiert mich auch
nicht, wie gesagt --«
»Nein, Herr Justizrat -- mir geht es ~innerlich~ durchaus nicht
besser, eher noch schlechter, als damals! Darum bin ich ja heute bei
Ihnen!«
»Bei mir --«
»Sie sind der einzige Mensch auf Gottes Welt, zu dem ich Vertrauen
habe! Sie sind mir geradezu im Traum erschienen!«
Viktor Schwarz spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Er zog sich etwas
mit dem Stuhl zurück: »Das ist mir ja sehr schmeichelhaft, aber --«
Berta folgte ihm. Ihr Ton änderte sich bei den nächsten Worten -- es
wob sich etwas seltsam Vertrautes, eine geheime, bittende Mahnung
zwischen ihnen an: »Sie werden mich nicht auch noch von sich stoßen!
Sie verstehen mein Problem! Denn es ist ein Problem, Herr Justizrat!
Gerade weil ich einen Vater für meine Kinder habe, entbehre ich selbst
den Vater! Gerade weil ich jetzt Hoffnung fürs Leben habe, muß ich
wissen, wer ich bin! Es ist doch furchtbar unrecht, daß man mich so
ganz im Dunkeln läßt! Ich will ja garnichts weiter unternehmen! Ich
will ja keinem Menschen lästig werden! Aber Sie, als ein Mann, der
in der Welt steht, -- Sie sollten doch einen freieren Standpunkt
einnehmen? Sie sollten sich doch am Ende meiner erbarmen!«
Der Justizrat erhob sich. Er ging, wie damals, zum Fenster und wandte
sich ab. -- »Liebe Frau Rietschel,« sagte er dann nachdrücklich, »ich
verstehe Sie -- ja, ja, ich verstehe Sie -- alle Taktfehler, die Sie
mir gegenüber begangen haben, rechne ich Ihrer Erregung an. Aber
lassen Sie mich jetzt noch einmal ehrlich und wohlwollend zu Ihnen
sprechen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ihnen kann wahrscheinlich
kein Mensch auf Erden helfen. Das müssen Sie nämlich selber tun. Sie
wollen wissen, wer Sie sind? Ja, lieber Gott, wenn ich das wüßte! Und
ich habe wahrhaftig meinen Vater gut gekannt! Nein, Frau Rietschel,
getrieben werden wir alle, von einem dunklen Schicksal getrieben,
und auf diese Weise müssen wir uns bewähren. Wissen Sie, was Ihr
großer Fehler ist? Sie schweifen in die Ferne -- Sie sehen nicht, was
Sie wirklich besitzen, und was Sie wirklich umgibt! Es ist geradezu
sündhaft, daß Sie als Frau und Mutter sich mit solchen Gespenstern
herumschlagen! Ihr Mann und Ihre Kinder können einem wahrhaftig leid
tun! Verzeihen Sie, daß ich so offenherzig werde! Blicken Sie doch
um sich -- wir leben doch unter wahrhaft großartigen Bedingungen!
Jeder ist berufen, mitzutun! Das deutsche Ansehen steigt von Jahr
zu Jahr! Ich und meine Geschäftsfreunde haben die Zügel der Zukunft
in der Hand! Wir knüpfen jetzt ein festes Band zwischen Deutschland
und Amerika und bleiben doch so deutsch, wie wir waren! Aber ich
rede da von den größten Gesichtspunkten -- auch Sie in Ihrem engen,
bescheidenen Wirkungskreise -- -- was ist denn los, Tübbeke?!«
Der Bureauvorsteher war eingetreten. Er schielte zu Berta hinüber:
»Herr Justizrat -- die Herren von der Diskontogesellschaft haben
telephoniert -- sie sind schon unterwegs.«
»Ja, mein Gott, dann müssen sie ja in einer Minute hier sein! Dann
werden Sie mich hoffentlich entschuldigen, liebe Frau Rietschel! Es
handelt sich um eine gewaltige Transaktion --«
Tübbeke entfernte sich wieder. Er war beruhigt -- der alte Fuchs wurde
sie doch wieder los -- dem war sie nicht gewachsen. Berta aber starrte
mit entrückten Augen den Mann an, der ihr die seltsame Rede gehalten.
Sie spürte, daß er in der Erregung konfus wurde; aber seine Worte
berührten sie wunderbar. -- »Ach ja, die große Welt, Herr Justizrat«,
flüsterte sie, ohne sich vom Stuhl zu rühren. »Danach hab' ich ja
solche Sehnsucht! Und wissen Sie, warum? Weil ich immer glaube, daß
ich selbst dazu gehöre! Es ist mir ganz bestimmt nicht an der Wiege
gesungen, daß ich als die Frau von einem Papierhändler versimple --«
Schwarz lief vor Nervosität durch das Zimmer: »Das mag ja alles sein!
Obwohl -- an der Wiege wird einem überhaupt nichts gesungen! Und nun
muß ich Sie bitten, Ihren Besuch für diesmal abzubrechen -- --«
»Das liegt aber einzig und allein an meinem Vater, daß ich diese
Überzeugung habe! Das Blut von meinem Vater rumort in mir und läßt mir
keine Ruhe! Meine Mutter ist mir ganz gleichgültig!«
»Und Sie sind es mir offen gestanden auch! Seien Sie mir bitte
nicht böse! Aber Sie müssen fort, bevor die Herren von der
Diskontogesellschaft --«
»Manchmal hab' ich das Gefühl, daß an mir die furchtbarste
Ungerechtigkeit begangen wird! Geradezu 'ne Todsünde! Nicht mal die
Konditorei von Mutter werd' ich erben! Und wenn ich Sie hier so höre
-- wenn ich Sie so sehe in Ihrem Reichtum und in Ihrer Pracht --«
»Was dann? Was dann? Was dann?«
»Dann blitzt es plötzlich in mir auf -- -- könnte nicht mein Vater
genau so sein? In ebensolcher Stellung? Und ich drücke mich 'rum --
ich bleibe klein und ungebildet --«
»Frau Rietschel, nehmen Sie jetzt bitte Vernunft an -- ich kann Sie
nicht länger empfangen --«
»Wenn er mich wenigstens in 'ne höhere Töchterschule geschickt hätte
-- standesgemäße Erziehung hilft einem heutzutage schon viel --«
»Sie zwingen mich, zu schärferen Mitteln zu greifen! Entfernen Sie
sich augenblicklich, wenn ich bitten darf -- --«
Berta stand auf: »Ich gehe nur, wenn Sie mir sagen, wer mein Vater
ist!«
»Unsinn! Das weiß ich nicht! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!«
»Das ~müssen~ Sie wissen!«
Herr Hollunder trat ein: »Die Herren von der Diskontogesellschaft,
Herr Justizrat.«
Jetzt bäumte sich Viktor Schwarz in rückhaltloser Wut. »Also bitte!«
schrie er mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung. Er wußte
nicht, wie der Ausdruck seiner Augen sich veränderte. So blickte nur
ein Mann sein Geschöpf an. Es war die unbewußte Autorität des Vaters.
Berta wich langsam zur Tür zurück. Eine Eingebung lähmte sie -- sie
kam gerade noch hinaus, sie wollte wirklich nicht länger bleiben. An
Onkel Tübbeke stolperte sie ohne Gruß vorbei. Dann stand sie auf der
abendlichen Straße.
Langsam ging sie bis zum Gendarmenmarkt. Hier blieb sie an einer
Droschkenhaltestelle stehen. Starr sah sie einem alten Schimmel zu,
der beschaulich seinen Hafer knabberte.
»Na, Madameken?« fragte der Kutscher nach einer Weile. »Wollen Sie wat
abhaben, oder wie ist es mit 'ne Fuhre?«
Berta sagte: »Großbeerenstraße 93« und stieg ein. Als sie in den
hohlen Samtkissen der klappernden Droschke saß, flüsterte sie vor sich
hin: ›Er ist es ... Er ist es selbst ... Die Augen ... Die Augen ...!‹