ACHTZEHNTES KAPITEL

Tübbeke sah zum Himmel, als er an einem schwülen Nachmittage von einem

amtlichen Gange ins Bureau zurückkehrte. -- »Et gibt was!« rief die

Obstfrau, die vor dem Hause ihren Verkaufsstand hatte. -- »Und wir

haben erst April«, meinte Tübbeke.

Nachdenklich blieb er vor den Körben der Frau stehen. Sie handelte

mit Veilchen und Apfelsinen. Es war Frühling, aber die dumpfe Luft

ließ keine rechte Freude daran aufkommen. Tübbeke kaufte sich zwei

Apfelsinen und fragte im Hausflur noch einmal, ob sie auch nicht sauer

seien. -- »Sie wollen wol Blutoranschen for'n Jroschen?« zeterte die

Frau. -- Der alte Bureauvorsteher betrat das Vorzimmer. Hier saß nur

eine wartende Dame. Er erkannte sie in der Dämmerung nicht, sagte aber

mit Freundlichkeit, die er für das ganze weibliche Geschlecht hatte:

»Ein Momentchen! Werden wohl gleich drankommen!« -- »Ich habe Zeit,

Onkel«, war die Antwort.

Nun erkannte er sie. Ihm zitterten die alten Beine. Sie hatte sich

wahrhaftig wieder hereingedrängelt. Das unvernünftige Frauenzimmer!

Und extra hatte man es ihr verboten.

In seinem Arger vergaß Tübbeke ganz, daß seit Bertas erstem Besuch

Jahre vergangen waren. Er hatte keinen Backfisch mehr vor sich.

Mit rotem Kopf trat er dicht an sie heran. »Was soll denn das heißen,

du? Da hört sich doch wahrhaftig alles auf! Du weißt doch --«

Sie sah ihn von oben bis unten an: »Lieber Onkel Tübbeke, ich bin

mündig. Außerdem, bei allem schuldigen Respekt, du bist für mich hier

Bureauvorsteher -- ich will den Herrn Justizrat sprechen.«

Er war doch eingeschüchtert. Es lag nicht zum wenigsten an ihrer

eleganten Kleidung, die er nun bemerkte. Sie duftete wie eine große

Dame und hatte sich für diesen Besuch wirklich hübsch gemacht.

Unwillkürlich dachte er: ›Jetzt wird sie Eindruck auf ihn machen

-- das hat das kleine Biest gewollt. Am Ende fühlt er sich doch

geschmeichelt, weil er solche Tochter hat. Aber sie ahnt ja noch

garnichts von seiner Vaterschaft. Sonst hätte sie nicht mehr diesen

ratlosen Blick. Ihr Ausdruck hat sich kaum verändert -- sie ist noch

immer das Kind von einst.‹

Jetzt erschien Herr Hollunder, ein neuer Schreiber, der immer

stotterte, wenn er eine Dame ansprach: »Herr Ju-justizrat läßt noch um

einen Au-augenblick Geduld bitten!« Sehr verlegen wandte er sich zu

Tübbeke: »Herr Vorsteher -- Sie möchten doch erst mal kommen!«

»Aha«, murmelte Tübbeke und warf Berta einen vielsagenden Blick

zu. Dann ging er zu seinem Herrn: »Ja, so leicht, wie du dir das

vorstellst, mein Dochter, ist die Sache denn doch nicht!«

Er stand in dem Sprechzimmer. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr

verändert. Man spürte, daß es hier um Millionen ging. Der vergrößerte

Raum glich dem Empfangszimmer eines mächtigen Bankdirektors. Die

Einrichtung war üppig, und die prächtigen Klubsessel schienen nur

auf Aufsichtsräte zu warten. Viktor Schwarz saß an seinem breiten

Diplomatentisch. Er war nun ein ältlicher Lebemann geworden. Sein

welkes Gesicht war feist, die schwarzen Augen schielten noch etwas

stärker hinter dem Kneifer. Eine umfangreiche Glatze hatte sich

eingestellt, die allerdings die Stirn vergeistigte.

Herrisch blickte er auf seinen alten Beamten: »Tübbeke, wir müssen

jetzt ein für allemal die nebensächliche Privatkundschaft los werden.«

Der Bureauvorsteher wußte zwar nicht, was darunter zu verstehen war,

aber er nickte für alle Fälle.

»Sehn Sie mal, Tübbeke, es wächst mir über den Kopf. Ich bin jetzt

nicht nur der erste Anwalt Berlins im Bankfach, ich gehöre auch

zur Hochfinanz, durch meine Hände laufen die Fäden der europäischen

Börsen. Allenfalls kann ich mich noch auf gewisse Ehescheidungen

einlassen, aber jeden kleinen Querulanten anzuhören, dazu reicht es

bei mir nicht mehr aus. Das sollen Anfänger machen.«

Tübbeke nickte wieder -- er wußte noch immer nicht, wie er sich

verhalten sollte. Hatte der Justizrat ihm nur das zu sagen?

Jetzt wurde Viktor Schwarz ungeduldig: »Na, Sie kennen doch die Dame,

die da draußen auf mich lauert. Tun Sie doch nicht so!«

»Herr Justizrat,« stotterte der Alte -- »ich tu' wahrhaftig nicht so

... Ich hab' mich nämlich auch schon geärgert ... Ich hätte nicht

gedacht, daß die verrückte Person sich doch noch mal ...«

»Na eben! Sie erinnern sich hoffentlich an meine damaligen Worte!«

Diese Drohung war verfehlt -- Schwarz fühlte es im nächsten

Augenblick. Er hatte Tübbekes Pension inzwischen bewilligt,

zurückzunehmen war sie nicht mehr. Jetzt mußte er ihn sich anders

sichern. -- »Tübbeke,« sagte er nach einer Weile vertraulich -- »das

ist eine schrecklich aufdringliche Frau. Stellen Sie sich vor --

erst hat sie mir drei Briefe geschrieben, die ich selbstverständlich

unbeantwortet ließ. Nun ist sie doch gekommen. Was sag' ich, gekommen?

Heute Vormittag, während Sie in Moabit waren, ist sie schon zum

drittenmal hier. Das Rindvieh, der Hollunder, stottert immer, und dann

bleibt sie. Ja, ich habe wahrhaftig weder Zeit noch Kraft für solche

Person. In einer halben Stunde kommen die Amerikaner mit den Herren

von der Disconto-Gesellschaft. Sie müssen mich von dem Igel befreien,

Tübbeke.«

Jetzt hatte sich der Bureauvorsteher gefaßt: »Herr Justizrat -- ich

glaube doch, Sie überschätzen das. Die Berta, lieber Gott -- die wird

man leichter los, als Sie denken. Die kenn' ich doch, ich möchte

sagen, aus den Windeln her --«

»Hm ... Ja ... Das weiß ich!«

»Außerdem ist sie doch nun jahrelang nicht bei Ihnen gewesen --«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig! Ich will sie überhaupt in meinem

Bureau nicht sehen!«

»Bloß nichts merken lassen -- um Gottes willen nichts merken lassen,

Herr Justizrat!«

»Was soll das heißen? Was meinen Sie damit?«

Tübbeke hatte sich verplappert: »Na -- ich meine man bloß -- ich kenn'

sie doch so weit -- in Güte kriegen Sie die zu allem -- bloß nicht

im Bösen -- bloß nicht widerspenstig machen -- dann ist bei der kein

Halten mehr. Das ist so'n Charakter, Herr Justizrat!«

»Aber was fällt Ihnen denn ein? Ich habe doch wahrhaftig nicht die

geringste Veranlassung --«

Tübbeke schwieg verwirrt. Er kannte sich nicht mehr aus. Was durfte er

noch sagen, und was sollte er verschweigen? Dieser Mann stellte ihn

auf den gleichen Boden, und wenn er sich darauf bewegen wollte, ließ

er ihn ausgleiten.

Schwarz fixierte ihn: »Sie meinen also am Ende gar -- ich soll das

Geschwätz noch einmal anhören? Ich soll meine kostbare Zeit --«

»Wenn Sie die 'rausschmeißen, fängt sie Sie auf der Straße ab, und

schließlich liegt sie draußen vor der Tür -- die kenn' ich!«

In diesem Augenblick klopfte es -- Herr Hollunder trat ein. Er war

aber so verwirrt, daß er gegen die Vorschrift handelte und die Tür

hinter sich offen ließ: »Herr Justizrat -- die Dame sagt, sie geht

nicht wieder weg -- und sie will auch nicht länger warten --«

Frau Rietschel das Kind · 第 69 / 97 题