Tübbeke sah zum Himmel, als er an einem schwülen Nachmittage von einem
amtlichen Gange ins Bureau zurückkehrte. -- »Et gibt was!« rief die
Obstfrau, die vor dem Hause ihren Verkaufsstand hatte. -- »Und wir
haben erst April«, meinte Tübbeke.
Nachdenklich blieb er vor den Körben der Frau stehen. Sie handelte
mit Veilchen und Apfelsinen. Es war Frühling, aber die dumpfe Luft
ließ keine rechte Freude daran aufkommen. Tübbeke kaufte sich zwei
Apfelsinen und fragte im Hausflur noch einmal, ob sie auch nicht sauer
seien. -- »Sie wollen wol Blutoranschen for'n Jroschen?« zeterte die
Frau. -- Der alte Bureauvorsteher betrat das Vorzimmer. Hier saß nur
eine wartende Dame. Er erkannte sie in der Dämmerung nicht, sagte aber
mit Freundlichkeit, die er für das ganze weibliche Geschlecht hatte:
»Ein Momentchen! Werden wohl gleich drankommen!« -- »Ich habe Zeit,
Onkel«, war die Antwort.
Nun erkannte er sie. Ihm zitterten die alten Beine. Sie hatte sich
wahrhaftig wieder hereingedrängelt. Das unvernünftige Frauenzimmer!
Und extra hatte man es ihr verboten.
In seinem Arger vergaß Tübbeke ganz, daß seit Bertas erstem Besuch
Jahre vergangen waren. Er hatte keinen Backfisch mehr vor sich.
Mit rotem Kopf trat er dicht an sie heran. »Was soll denn das heißen,
du? Da hört sich doch wahrhaftig alles auf! Du weißt doch --«
Sie sah ihn von oben bis unten an: »Lieber Onkel Tübbeke, ich bin
mündig. Außerdem, bei allem schuldigen Respekt, du bist für mich hier
Bureauvorsteher -- ich will den Herrn Justizrat sprechen.«
Er war doch eingeschüchtert. Es lag nicht zum wenigsten an ihrer
eleganten Kleidung, die er nun bemerkte. Sie duftete wie eine große
Dame und hatte sich für diesen Besuch wirklich hübsch gemacht.
Unwillkürlich dachte er: ›Jetzt wird sie Eindruck auf ihn machen
-- das hat das kleine Biest gewollt. Am Ende fühlt er sich doch
geschmeichelt, weil er solche Tochter hat. Aber sie ahnt ja noch
garnichts von seiner Vaterschaft. Sonst hätte sie nicht mehr diesen
ratlosen Blick. Ihr Ausdruck hat sich kaum verändert -- sie ist noch
immer das Kind von einst.‹
Jetzt erschien Herr Hollunder, ein neuer Schreiber, der immer
stotterte, wenn er eine Dame ansprach: »Herr Ju-justizrat läßt noch um
einen Au-augenblick Geduld bitten!« Sehr verlegen wandte er sich zu
Tübbeke: »Herr Vorsteher -- Sie möchten doch erst mal kommen!«
»Aha«, murmelte Tübbeke und warf Berta einen vielsagenden Blick
zu. Dann ging er zu seinem Herrn: »Ja, so leicht, wie du dir das
vorstellst, mein Dochter, ist die Sache denn doch nicht!«
Er stand in dem Sprechzimmer. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr
verändert. Man spürte, daß es hier um Millionen ging. Der vergrößerte
Raum glich dem Empfangszimmer eines mächtigen Bankdirektors. Die
Einrichtung war üppig, und die prächtigen Klubsessel schienen nur
auf Aufsichtsräte zu warten. Viktor Schwarz saß an seinem breiten
Diplomatentisch. Er war nun ein ältlicher Lebemann geworden. Sein
welkes Gesicht war feist, die schwarzen Augen schielten noch etwas
stärker hinter dem Kneifer. Eine umfangreiche Glatze hatte sich
eingestellt, die allerdings die Stirn vergeistigte.
Herrisch blickte er auf seinen alten Beamten: »Tübbeke, wir müssen
jetzt ein für allemal die nebensächliche Privatkundschaft los werden.«
Der Bureauvorsteher wußte zwar nicht, was darunter zu verstehen war,
aber er nickte für alle Fälle.
»Sehn Sie mal, Tübbeke, es wächst mir über den Kopf. Ich bin jetzt
nicht nur der erste Anwalt Berlins im Bankfach, ich gehöre auch
zur Hochfinanz, durch meine Hände laufen die Fäden der europäischen
Börsen. Allenfalls kann ich mich noch auf gewisse Ehescheidungen
einlassen, aber jeden kleinen Querulanten anzuhören, dazu reicht es
bei mir nicht mehr aus. Das sollen Anfänger machen.«
Tübbeke nickte wieder -- er wußte noch immer nicht, wie er sich
verhalten sollte. Hatte der Justizrat ihm nur das zu sagen?
Jetzt wurde Viktor Schwarz ungeduldig: »Na, Sie kennen doch die Dame,
die da draußen auf mich lauert. Tun Sie doch nicht so!«
»Herr Justizrat,« stotterte der Alte -- »ich tu' wahrhaftig nicht so
... Ich hab' mich nämlich auch schon geärgert ... Ich hätte nicht
gedacht, daß die verrückte Person sich doch noch mal ...«
»Na eben! Sie erinnern sich hoffentlich an meine damaligen Worte!«
Diese Drohung war verfehlt -- Schwarz fühlte es im nächsten
Augenblick. Er hatte Tübbekes Pension inzwischen bewilligt,
zurückzunehmen war sie nicht mehr. Jetzt mußte er ihn sich anders
sichern. -- »Tübbeke,« sagte er nach einer Weile vertraulich -- »das
ist eine schrecklich aufdringliche Frau. Stellen Sie sich vor --
erst hat sie mir drei Briefe geschrieben, die ich selbstverständlich
unbeantwortet ließ. Nun ist sie doch gekommen. Was sag' ich, gekommen?
Heute Vormittag, während Sie in Moabit waren, ist sie schon zum
drittenmal hier. Das Rindvieh, der Hollunder, stottert immer, und dann
bleibt sie. Ja, ich habe wahrhaftig weder Zeit noch Kraft für solche
Person. In einer halben Stunde kommen die Amerikaner mit den Herren
von der Disconto-Gesellschaft. Sie müssen mich von dem Igel befreien,
Tübbeke.«
Jetzt hatte sich der Bureauvorsteher gefaßt: »Herr Justizrat -- ich
glaube doch, Sie überschätzen das. Die Berta, lieber Gott -- die wird
man leichter los, als Sie denken. Die kenn' ich doch, ich möchte
sagen, aus den Windeln her --«
»Hm ... Ja ... Das weiß ich!«
»Außerdem ist sie doch nun jahrelang nicht bei Ihnen gewesen --«
»Das ist mir vollkommen gleichgültig! Ich will sie überhaupt in meinem
Bureau nicht sehen!«
»Bloß nichts merken lassen -- um Gottes willen nichts merken lassen,
Herr Justizrat!«
»Was soll das heißen? Was meinen Sie damit?«
Tübbeke hatte sich verplappert: »Na -- ich meine man bloß -- ich kenn'
sie doch so weit -- in Güte kriegen Sie die zu allem -- bloß nicht
im Bösen -- bloß nicht widerspenstig machen -- dann ist bei der kein
Halten mehr. Das ist so'n Charakter, Herr Justizrat!«
»Aber was fällt Ihnen denn ein? Ich habe doch wahrhaftig nicht die
geringste Veranlassung --«
Tübbeke schwieg verwirrt. Er kannte sich nicht mehr aus. Was durfte er
noch sagen, und was sollte er verschweigen? Dieser Mann stellte ihn
auf den gleichen Boden, und wenn er sich darauf bewegen wollte, ließ
er ihn ausgleiten.
Schwarz fixierte ihn: »Sie meinen also am Ende gar -- ich soll das
Geschwätz noch einmal anhören? Ich soll meine kostbare Zeit --«
»Wenn Sie die 'rausschmeißen, fängt sie Sie auf der Straße ab, und
schließlich liegt sie draußen vor der Tür -- die kenn' ich!«
In diesem Augenblick klopfte es -- Herr Hollunder trat ein. Er war
aber so verwirrt, daß er gegen die Vorschrift handelte und die Tür
hinter sich offen ließ: »Herr Justizrat -- die Dame sagt, sie geht
nicht wieder weg -- und sie will auch nicht länger warten --«