»Nun, dann wissen Sie freilich nicht, was ich mit dem Gesetz der
Vererbung meine. Ibsen ist nämlich größer als Sudermann. Als ich aus
seinen ›Gespenstern‹ kam, hätte ich mich beinahe erschossen. Aber wenn
man sich über Vater und Mutter klar wird, besonders über den Vater --
dann kann man ebensogut zum Glück gelangen wie zur Verzweiflung. Wenn
ich mich zum Beispiel mit Ihnen vergleiche --« er lächelte bei diesen
Worten, aber es war ein trauriges Lächeln -- »bei Ihnen ist mir ein
günstiges Resultat unzweifelhaft.«
»Na, na,« flüsterte Berta mit pochendem Herzen -- »da können Sie sich
aber sehr irren ...«
»Warum denn? Sie sind doch sicherlich eine glückliche Gattin und
Mutter?«
»Ja, ja ... Das heißt ... Man ist eben doch einsam, was die Hauptsache
anbelangt. Sehn Sie mal, mein Mann der ist nur fürs Geschäft, und
meine Kinder kriegen immer das Allerbeste, -- aber ich selber --
mit meiner Mutter bin ich auseinander, und meinen Vater kenn' ich
garnicht.«
Der kranke Nachbar sah sie überrascht durch seine Hornbrille an: »Sie
kennen ihn garnicht? Lebt er denn noch?«
»Ja, freilich ... Vielleicht hier in Berlin ... Am Ende treff' ich ihn
alle Tage ...«
Berta begleitete die letzten Worte mit nervösen Handbewegungen.
Der Nachbar beugte das Gesicht auf seine mageren Hände: »Hm ... Ja ...
Nun, da wäre es doch aber außerordentlich interessant --«
»Was denn?«
»Ich meine, als reifer, erkenntnisfähiger Mensch erst seinen eigenen
Vater kennenzulernen -- das stelle ich mir als unschätzbaren Gewinn
vor. Sind Sie außerehelich geboren? Verzeihen Sie die Frage --.«
»Selbstverständlich. Ich geniere mich garnicht deswegen. Aber alle
Welt hat sich verschworen, mir meinen Vater zu verheimlichen. Ich
darf nicht mal danach forschen. Mir sind sozusagen die Hände gebunden.
Das ist auch ein Trauerspiel, sag' ich Ihnen. Na, ich habe mich ja
trotzdem durchgesetzt. Aber jetzt -- es läßt mir keine Ruhe mehr.
Gerade weil ich was erreicht habe -- gerade deshalb --«
»Wollen Sie endlich wissen, wer Sie sind!«
»Jawohl!«
Es war ein sonderbares Gespräch. Berta empfand das Schicksal dieser
Begegnung. Nun kam das Publikum wieder, die Pause war zu Ende, der
dritte Akt begann. Nach Schluß des Stückes sah Berta ihren Nachbar mit
ringenden Augen an: »Raten Sie mir doch -- was soll ich tun?«
»Ich kenne Sie zu wenig.«
»Aber Sie wissen sicher mehr von solchen Sachen als die anderen.«
»Ich würde an Ihrer Stelle um jeden Preis --«
»Um jeden Preis?«
»Ihren Vater ausfindig machen.«
»Glauben Sie, daß es mir dann besser ginge?«
»Klarheit über sich selbst gewinnen bedeutet immer eine Besserung.«
Sie trennten sich. Berta ging versonnen heim. Es war weit von der
Wallnertheaterstraße bis zur Großbeerenstraße, aber in die Elektrische
stieg sie heute nicht. Sie machte den langen Weg, um ihren Kriegsplan
zu entwerfen. Nun entbrannte es wieder lichterloh, was so lange
geschlummert hatte. Der Fanatismus ihrer Backfischzeit ergriff sie.
Alles Sichere und Ruhige, was ihr die letzten Jahre gebracht, stieß
sie von sich. Freilich, der Mutter durfte sie nicht wortbrüchig
werden. Aber vielleicht erreichte sie nun doch alles, wenn sie gar
nichts unternahm. Sie mußte die ~anderen~ zum Sprechen bringen,
aus ~eigenem~ Willen. Noch lebten ja Mitleid und Edelmut auf
dieser Welt. Aber wer waren die anderen? ...
Eine ganz geheime Schadenfreude ergriff sie, als sie bei Rietschel
eintrat. Sie setzte sich ihm gegenüber, aß nur wenige Bissen und
griff dann plötzlich nach dem Adreßbuch. Mit stiller Spannung wälzte
sie den dicken Band.
»Wen suchst du denn eigentlich?« fragte Rietschel nach einer Weile.
»Ach, niemand! ...«
»Dann laß das doch gefälligst sein. Das ist ja ungemütlich.«
Aber Berta blätterte weiter. Jetzt war sie bei Sch -- sie sah den
Namen Schwarz -- er war oft vertreten, aber ihr fiel ein bestimmter
Träger dieses Namens ein. Sie suchte mit emsigen Finger. Endlich
-- da war er -- Viktor Schwarz, Justizrat und Notar -- noch immer
Taubenstraße 34.
Sie starrte auf die Zeilen -- die Gegenwart ihres Mannes vergaß sie.
Ja, hier mußte sie anknüpfen -- hier machte sie jetzt den zweiten
Besuch. Viele Jahre waren seit dem ersten verstrichen. Bei Justizrat
Schwarz war doch vielleicht die richtige Quelle -- sie durfte ihn nur
nicht bedrängen -- er mußte aus sich selbst bekennen. Nickend ließ sie
den Zeigefinger auf seinem Namen.
Rietschel hatte ihr mit unbehaglicher Verwunderung zugesehen. Jetzt
stand er langsam auf: »Weißt du, Bertchen, manchmal möchte man
wirklich meinen -- na, ich will nichts gesagt haben. Gute Nacht.«
Er schlurfte in seinen Filzpantoffeln hinaus.