Johann Peter Rietschels politische Überzeugung war nicht schwer
zu nehmen. Er gehörte zu der Masse kleiner Knurrer, die mit ihrer
Zeitung sprechen und im Grunde die Sache des Volkes nach ihrem eigenen
Wohlergehen beurteilen. In seinen vier Wänden schimpfte er das
erlaubte Maß -- draußen drehte sich sein Fähnlein im Wind.
Einen möglichst sorgenfreien Hausstand haben -- das umschloß sein
Ideal. Das erste Geschenk, das er sich von seiner Braut wünschte,
waren gestickte Pantoffeln. Skeptisch und solide, war er aus dem
sächsischen Kleinbürgertum nach Berlin gekommen. Nun nahm er nur den
eigenen Vorteil wahr und widmete ihm seine zähe Kraft.
In der Großbeerenstraße mietete er eine hübsche Wohnung. Bis zum
Geschäft, das in der Zimmerstraße lag, hatte er es nicht weit. Er
sprang mit Eleganz auf die Pferdebahn, wenn es ihm zu spät geworden.
Auf der hinteren Plattform winkte er dann noch fröhlich Berta zu, die
lange am Erkerfenster stand und ihm nachsah.
Es wurde ihm oft zu spät. Seine junge Frau -- sie war es schon nach
wenigen Monaten geworden -- war ein süßes, warmes Geschöpf, von jener
keuschen Leidenschaft, die einsame Jahre angesammelt hatten. Sie
konnte auch Rietschel um die Besinnung bringen. Es wurden stürmische
Flitterwochen. Von der kurzen Hochzeitsreise, die man natürlich in die
Sächsische Schweiz gemacht, kam Berta verwandelt zurück. Ihr lange
gefesselter Lebensdrang stürmte so auf den ruhigen Gatten ein, daß er
ins Wackeln kam und sich mit heimlichem Lächeln sagte: ›Ich habe was
riskiert, weeß Kneppchen -- wenn's bloß keene Dummheit ist.‹
Aber er hatte ja Bertas junge Reize vor sich -- es konnte keine
Dummheit sein. So vergaß er, daß er fast doppelt so alt war als sie,
und kam ins Sausen. Sein Geschäft wurde nicht davon geschädigt --
im Gegenteil, es blühte nun erst auf. Er entschloß sich zu einer
Neuerung, die ihm immer zu gewagt gewesen: zu den Papierwaren
gesellte er die Galanterie und sogar die Literatur in Gestalt der
Fünfzig-Pfennig-Bibliothek Chinchilla, die wirklich spannende Romane
mit reizenden Titelbildern brachte. Der Verlag war in Kötzschenbroda
-- Rietschel übernahm die Generalvertretung für Berlin. Außerdem
plante er einen umfassenden Journallesezirkel, und Berta gründete eine
Leihbibliothek.
Sie zeigte sich für das Geschäft so begabt, wie Rietschel es erhofft
hatte. Vormittags versorgte sie ihren Haushalt -- nachmittags erschien
sie im Laden und half dort, wenn es am lebhaftesten zuging. Bald wurde
sie frauenhaft rundlich, und zu einem Kneifer hatte sie sich nun doch
entschlossen, da das Lorgnon sie bei der Arbeit hinderte. Auch die
unbequemen hohen Absätze gab sie bald auf und trug solide Schuhe: Sie
wurde wieder recht klein dadurch, aber Rietschel nannte sie ja immer
sein ›Kleinchen‹ und wollte sie garnicht größer.
Bei der Kundschaft war Berta sehr beliebt. Sie zeigte jene
unbegründete Heiterkeit, die eigentlich nervös war, aber auf alle, die
ihr nicht immer begegneten, angenehm wirkte. Rietschel machte dagegen
einen etwas brummigen Eindruck. Ihm lag das viele Lachen nicht, denn
er litt an Rheumatismus und ging lautlos in seinen Filzpantoffeln
umher. Wenn er Gummiarabikum oder Löschpapier oder rote Tinte brachte,
sah es aus, als ob er den Ernst des Lebens anböte. Die Romane der
Bibliothek Chinchilla legte er wie wissenschaftliche Werke vor. Aber
sein Geschäftssinn zeigte ihm sogleich den Vorteil, der in Bertas
anderem Wesen lag, und er ließ sie weiterzwitschern.
Von einem Ehrgeiz wurde Berta von vornherein gepackt: Sie ließ nichts
vorbei, was Anerkennung ihrer eroberten Lebensstellung bedeutete. Nur
scheinbar war sie von dem Druck der rechtlosen Geburt befreit --
junges Glück schläferte den bohrenden Drang in ihr ein, sie suchte
nicht mehr, denn sie hatte viel gefunden. Aber es schlummerte im
Dunkeln, was ungelöst blieb, und sie ließ es dort ängstlich liegen,
als ob es ihren Besitz verderben könnte. Leidenschaftlich gab sie sich
der äußeren Lebensgeltung hin. Sie zählte endlich mit, sie war Frau
Rietschel, und man fragte nicht viel, was dahintersteckte, wenn das
Gesamtbild harmonisch war.
Aber es kam ihr nicht nur auf die fremden Leute an. Tiefer
beschäftigte sie der Wunsch zu wissen, was die wenigen, die ihr zum
Schicksal geworden, von ihrem plötzlichen Glück dachten. Besonders
begierig war sie seltsamerweise nicht auf die Nächststehende, auf
ihre rätselhafte Mutter, sondern auf einen Mann, der eigentlich nur
lose mit ihren Angelegenheiten zusammenhing: sie hatte eine tiefe
Erinnerung an Justizrat Viktor Schwarz behalten. Einst war er eine
große Enttäuschung für sie gewesen. Jetzt stellte sie sich immer
wieder vor, was er wohl für Augen gemacht haben mochte, als er ihre
Heiratsanzeige im ›Berliner Lokalanzeiger‹ gelesen. Daß er sie dort
gelesen und als wichtig vermerkt hatte, war ihr nicht zweifelhaft.
›Das kleine Mädel,‹ hatte er sicherlich gedacht -- ›die geht ihren
Weg, die wird uns allen noch was zu raten aufgeben‹?
Onkel Tübbeke, den Berta zuweilen fragte, konnte ihr die ersehnte
Auskunft nicht geben. Privatgespräche führe der Herr Justizrat
nicht mehr mit ihm. Auch Tante Grunow hüllte sich in diplomatisches
Schweigen. Die beiden waren vorsichtig geworden. Sie trauten Bertas
jähem Unternehmungsgeist noch immer nicht.
Um so lebhafter beschäftigte man sich mit der jungen Frau Rietschel
dort, wo sie es eigentlich nicht erwartete: In Strelenwalde hatte die
Heiratsanzeige des ›Berliner Lokalanzeigers‹ Wellen geschlagen.
Frau von Rotkraut hielt die Zeitung in der Konditorei, aber mehr
ihrer selbst als der Gäste wegen, denn sie wollte mit Berlin in
Zusammenhang bleiben. Wenn sie täglich von der Weltstadt las,
wurde ihr die Strelenwalder Einförmigkeit weniger drückend. Noch
eifriger aber las Adele Schörg die Berliner Zeitung, und besonders
die Familiennachrichten studierte sie, als ob es sich um lauter
Bekannte handelte. Verlobte beneidete sie, Verheiratete weckten ihre
Schadenfreude, und wenn recht viele gestorben waren, seufzte sie
befriedigt. Adele war noch immer Ladenfräulein in der Prutzschen
Konditorei. Sie hatte sich nun doch unentbehrlich gemacht, denn Liese
mußte sich ihrem Gatten widmen.
Simba liebte Adele ohne Erhörung jahraus, jahrein. Täglich stand
er stundenlang im Laden und beobachtete sie. Sie kostete seine
Leidenschaft aus. Diesen schwarzen Riesen beherrschte ihre Koketterie,
die jedem weißen Manne gleichgültig. Sie brauchte vor ihm ihre
Häßlichkeit nicht zu scheuen, und wenn sie die bunte seidene Bluse
trug, die er ihr geschenkt hatte, strahlte er.
Eines Tages sprang Adele plötzlich auf, stieß Simba zur Seite und
hinkte zu Liese hinüber. -- »Na, was ist denn?« fragte die Frau
Konditor mißmutig.
Adele zeigte mit leuchtenden Augen auf ein Inserat: ›Statt jeder
besonderen Meldung: Ihre Vermählung beehren sich Freunden und
Bekannten hierdurch ergebenst anzuzeigen Johann Peter Rietschel,
Inhaber der Kunowschen Schreibwarenhandlung, Zimmerstraße 69, und
Berta Rietschel, geb. Prutz.‹
Liese starrte bestürzt auf diese Zeilen. Sie konnte nichts sagen.
»Ich weiß, wer das ist!« frohlockte Adele.
»Aber halt deinen Mund,« flüsterte die schwächer gewordene, rasch
ergraute Frau.
»Aber ja! Sie meinen wohl wegen Herrn Major? Ich weiß doch! So dumm
bin ich doch nicht! Aber sagen Sie bloß, liebe Frau Liese -- da war
doch mal vor ein paar Jahren so'n kleines Mädel bei uns, so'n nettes,
winziges Fräulein -- erinnern Sie sich nicht? Sie kamen dann vom
Schlafen 'runter, und ich mußte mich drücken -- dann haben Sie mit ihr
allein geredet -- na, das wissen Sie doch noch?«
Liese war rot geworden. Scheu sah sie sich nach Simba um -- aber der
war in die Backstube gegangen. »Was meinst du denn eigentlich? Was
willst du denn?«
»Na, wegen dem Namen Prutz! Und Berta -- so hieß doch das Kind -- das
weiß ich doch noch!«
»Also -- du bist doch ganz schrecklich, Adele -- also damit du mich
endlich in Ruhe läßt -- ja -- das war sie. Und nun hat sie sich
verheiratet. Übrigens sehr gut -- das Kunowsche Schreibwarengeschäft
kenne ich -- da hab' ich oft gekauft. Na, mich beruhigt das
eigentlich. Lieber Gott, so'n armes, verwaistes Geschöpf!«
Es funkelte wirr in Adeles Augen. Sie strich sich mit zitternder Hand
das Haar zurück: »Wie mag das nur gekommen sein?? Geld hat sie nicht,
und winzig sieht sie man aus -- und nun heiratet sie doch!«
»Der Mann wird sie eben liebhaben.«
»Ja, wie kommt denn das?«
Jetzt mußte Liese lachen: »Frage doch nur nicht so albern, Adele.« --
Dann stand sie mit schweren Füßen auf, faltete seufzend die Zeitung
zusammen und stieg zu ihrem alten Invaliden ins obere Stockwerk.
Adele aber stand, von einem sonderbaren Krampf geschüttelt, allein im
Laden. Plötzlich kam ihr ein Entschluß -- sie eilte zur Backstube.
-- »Simba!« rief sie. »Wo steckst du denn? Ich bitte mir aus, daß du
vorhanden bist, wenn ich rufe!«
Der lange Neger stolperte, glühend von der Ofenhitze, vor sie hin.
Fragend starrte er in ihr verwandeltes Gesicht. Was war das? Sie bot
sich ihm? Endlich? Die Mauer war fort?
»Willst du mich heiraten, Simba?« flüsterte Adele.
Da schrie der Schwarze wie ein krankes Raubtier auf.
»Um Gottes willen! Bist du verrückt? Das hören sie oben!«
Er aber fragte nach niemand. In seinem wahnsinnigen Jubel packte er
sie und hob die Zappelnde empor und überstürzte sie mit seinen Küssen.
Bald zeigten sie sich Arm in Arm den überraschten Strelenwaldern.
Liese aber ging an dem sonderbaren Paar vorüber zu Tante Sanftleben.
Die war nun uralt. Liese fand sie in dem Lehnstuhl am Fenster, wo
sie selbst einst als Wöchnerin gesessen hatte. Sie mußte sehr laut
sprechen, aber die Tante verstand sie noch. Ihr zitterndes Köpfchen
konnte alles erfassen.
»Berta,« sagte sie mit ihren guten, glanzlosen Augen -- »Berta hat
sich verheiratet. -- Nun siehst du doch, Liese, daß es sich gelohnt
hat, für sie zu leiden.«
Mit harter Miene sah Liese auf den Strohmarkt hinaus: »Wir wollen
es abwarten, Tante. Hinter die Kulissen sieht man nie. Bei Simba
und Adele -- da glaube ich jetzt an ein Glück. Aber Berta ... Das
Kind hat, glaub' ich, einen Charakter, der -- ich weiß nicht, wie
ich's ausdrücken soll -- der immer zerstören muß. Ich kann mir nicht
vorstellen, daß sie jemals Ruhe findet. Mich hat sie nicht -- ich darf
es ja nicht ändern -- und einen Vater hat sie nicht -- das sitzt eben
in einem Menschen, das schleppt einer mit, solange er lebt.«
Strelenwalde blieb Berta fern. Ihre Scheu vor der Mutter war
unüberwindlich. Nie wieder konnte sie sich der Zurückweisung
aussetzen. Sie starrte auch auf ihr Versprechen. Aber sie lebte ja nun
selbst in bürgerlichen Ehren. Der Kreis, in dem sie Einfluß gewann,
beurteilte sie lediglich als Frau Rietschel -- hier fragte man nicht,
wem ihre Herkunft Verlegenheit bereitete. Berlin war in solchen Fragen
tolerant.
Aber es lockte auch den, der seine rasche Gunst erfuhr, immer tiefer
in Regionen, die ihm eigentlich verschlossen waren. Man glaubte
mitzutun, wenn man noch draußen stand; man genoß mit Kennermiene und
blieb ein dürftiger Zaungast. Das Tempo riß mit und täuschte doch,
denn es war das Tempo der anderen.
Berta Rietschel sah das alles nicht. Sie war von ihrem kleinen Erfolge
gebannt. Ein Ehrgeiz bannte in ihr, den ihre Umgebung nicht ermessen
konnte. Er richtete sich, wie es im Wesen der Emporgekommenen lag,
vor allem auf geistige Vorteile. Bildung war Berta mehr als Geld,
denn Geld verdiente ja ihr Mann genug. Sie wollte die zahllosen
Wissenskräfte, die sie umwirbelten, einfangen und fühlte sich
benachteiligt, wenn ihr etwas ›zu hoch‹ blieb. Eigentlich handelte es
sich nur um ein Mitredenkönnen. Bildung ist Macht -- das wurde Bertas
Überzeugung. Sie fühlte sich nicht nur der Leihbibliothek wegen dazu
verpflichtet -- je besser es ihr ging, je geachteter sie wurde, desto
empfindlichere Lücken wurden ihr klar, und entsetzt übersah sie, was
an ihr versäumt worden.
Rietschel ging an solchen Gefühlen vorüber. Anfangs hörte er
noch verwundert zu, wenn Berta sie ihm auseinandersetzte. Er
wollte ihr die Spuke ausreden, indem er auf die gute Bilanz des
ersten Geschäftsjahres hinwies. Dann aber erklärte er ihr, daß
er von Romanen, Theaterstücken und Vorträgen nichts halte. Die
Chinchilla-Bibliothek gehe ja, aber wenn sie einmal nicht mehr ginge,
nehme er ebenso gern ein Kochbuch in Kommission. Was das Theater
betreffe, so sei es ihm nach dem Schillertheater zu weit und im
Schauspielhause zu teuer -- außerdem gebe man da lauter traurige
Stücke, und das Leben sei an sich schon traurig genug. Er wolle
sich nur noch gründlich auslachen, und dafür sei das Metropol mit
Thielscher und Giampietro da. Vorträge aber -- den ganzen Abend
sich von einem Professor etwas vorquatschen lassen, was nur dieser
verstehe, und dann noch in die zugige Garderobe ... Nein, da sitze er
doch lieber zu Hause und habe seine warmen Pantoffeln an und braue
sich einen steifen Grog.
Berta hörte das still enttäuscht mit an. Erst lachte sie, dann aber
ärgerte sie sich über Rietschels eitle Verständnislosigkeit. Ein neuer
Stachel regte sich in ihr: sie begann sich ihrem Manne überlegen
zu fühlen. Ihn noch weiter in ihr Inneres blicken zu lassen, wurde
sie zu stolz. Er spürte es wohl, daß sie langsam von ihm abrückte
und allerlei Heimlichkeiten hatte; aber er war auch froh, daß sie
ihn endlich in Ruhe ließ. Um einen bequemen Ableiter für diese
Verstimmungen zu haben, schaffte er sich einen Hund an. Der weiße
Pudel Schneemann gab ihm nichts zu raten auf und erfuhr die ganze
Zärtlichkeit seiner sächsischen Seele.
Zu einer tieferen Verstimmung kam es nicht. Die Ehe wurde immer wieder
durch den natürlichen Verlauf der Dinge gefestigt. Berta mußte ihren
Bildungshunger aufgeben, denn stärker als die große Welt zeigte sich
ihre eigene kleine, in der sie Mutter wurde. Nach zweijähriger Ehe
gebar sie einen Knaben, der den Namen Paul erhielt. Dann hatte sie
nur ein knappes Jahr Schonzeit, und das zweite Kind erschien, eine
Tochter, die man nicht Liese, sondern Grete nannte.
Schmerzen und Arbeit, viele Freuden auch -- Berta tauchte lange in
den Muttersorgen unter. Auch ihm, dem sie das alles dankte, kam sie
wieder näher. Rietschel stellte zwar immer nur die Ähnlichkeit der
beiden Kinder mit seiner Person fest und betonte fast kränkend, daß es
recht stattliche Menschen werden könnten. Es klang fast, als ob er auf
Mißgeburten gefaßt gewesen wäre. War ihm Berta doch zu klein? Stieß
er sich an ihre schlechten Augen? Die überreizten Sinne der Wöchnerin
beobachteten mißtrauisch. Wenn auch noch so viel Glück um sie herum
erblühte -- irgendwo lauerte das Verderben.
So kam sie durch die Kinder wieder zum Grübeln über ihr eigenes
Schicksal. Sie sah zwei rechtlich geborene Menschen, aber selten
wurde dieses hohe Bewußtsein von einem Neid beschlichen, den sie
nicht bannen konnte. Je mehr sie ihren Kindern die Rechte des Lebens
zuführte, desto mehr entbehrte sie sie selbst. Bei ihr verwelkte im
Schatten, was bei jenen sogleich in der Sonne stand.
Besonders nach der schweren Geburt des Mädchens tauchten diese
Gespenster auf. Sie suchte sie niederzuringen, sich immer wieder an
die schönen Tatsachen zu halten; aber sie konnte es nicht hindern,
daß sie ihr eigenes Fleisch und Blut mit fremden Augen ansah. So
entwickelte sich ein seltsames Verhältnis zwischen Mutter und Kindern.
Von Anbeginn wechselten innige Zusammengehörigkeit und scheues
Abgleiten. Man spielte vergnügt miteinander -- wenn dann Paulchen
seine Eisenbahn zum Aufziehen, Gretchen ihre Puppe zum Ankleiden
brachte, stießen sie plötzlich auf finstere Gleichgültigkeit. Ihr
kindliches Vertrauen stand vor einer Mutter, deren Blick zu sagen
schien: ›Was wollt ihr von mir? Ich lebe in Gedanken, die ihr nicht
kennt.‹
Das blieb so, bis die Kinder größer und wißbegieriger wurden.
Charaktere deuteten sich an -- Paul hatte offenbar das Zeug zu einem
begeisterungsfähigen Jüngling, während Grete still und herb wie die
Mutter wurde. Der kleine Egoismus des Vaters schien in beiden nicht
zu sein, aber Berta freute sich nicht daran. Sie ließ den Kinder
ihren Willen, denn nun konnte sie zu sich selbst zurückkehren. Sogar
den Sonntag entzog sie ihrer Familie. Schon früh ging sie fort und
blieb den ganzen Vormittag im Tiergarten oder im Zoologischen Garten,
wo sie sich eine stille Bank suchte. Hier las sie die Bücher, durch
die sie das Leben zu erkennen glaubte. Es waren Romane, die bei den
›oberen Zehntausend‹ spielten. Was vornehme Villen dem Vorübergehenden
verbargen, glaubte sie zu belauschen und als Eingeweihte zu verstehen.
Die Kinder beklagten sich beim Vater, weil sie in den Zoologischen
nicht mehr mitgenommen wurden. Dort störten sie die vertiefte Mutter,
wenn sie die Bären füttern oder den Elefanten besuchen wollten.
Rietschel war empört. Jetzt gab es den ersten Zusammenstoß. Ein
unerfahrenes Dienstmädchen hatte das Sonntagsessen verbrannt -- die
Hausfrau wurde natürlich beschuldigt. Rietschel konnte schrecklich
grob werden. Sein selbstbewußtes Berlinertum verband sich dann mit
sächsischer Schärfe. Berta wehrte sich nur stumm erhaben, aber sie
blieb nun zu Hause. Mit ihren Büchern schloß sie sich ein.
Den zweiten Zusammenstoß brachte die Leihbibliothek. Berta behauptete,
ihr Niveau heben zu müssen, und kaufte Ludwig Ganghofers Romane ein.
Rietschel aber erklärte sie für viel zu teuer.
»Wenn du schon was Besseres anschaffen willst -- übrigens eingebunden
sind sie ja doch alle gleich, ich werde doch keine Kalbslederbände
kaufen, damit die Leute Stearin drauf tropfen -- aber wenn du schon
was Besseres anschaffen willst, dann nimm was von Fontane! Gestern
erst hat mich einer nach den ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹
gefragt!«
»Quatsch, das sind doch Schulbücher! So was führen wir nicht!«
»Ich quatsche nie, liebes Bertchen!! Das laß dir ein für allemal
gesagt sein!! Und dein Ganghofer mit seine Tiroler -- lächerlich! Das
ist ja nicht mal was Pikantes für die Herren!«
»Du verstehst überhaupt nichts von Büchern!«