SIEBZEHNTES KAPITEL

Johann Peter Rietschels politische Überzeugung war nicht schwer

zu nehmen. Er gehörte zu der Masse kleiner Knurrer, die mit ihrer

Zeitung sprechen und im Grunde die Sache des Volkes nach ihrem eigenen

Wohlergehen beurteilen. In seinen vier Wänden schimpfte er das

erlaubte Maß -- draußen drehte sich sein Fähnlein im Wind.

Einen möglichst sorgenfreien Hausstand haben -- das umschloß sein

Ideal. Das erste Geschenk, das er sich von seiner Braut wünschte,

waren gestickte Pantoffeln. Skeptisch und solide, war er aus dem

sächsischen Kleinbürgertum nach Berlin gekommen. Nun nahm er nur den

eigenen Vorteil wahr und widmete ihm seine zähe Kraft.

In der Großbeerenstraße mietete er eine hübsche Wohnung. Bis zum

Geschäft, das in der Zimmerstraße lag, hatte er es nicht weit. Er

sprang mit Eleganz auf die Pferdebahn, wenn es ihm zu spät geworden.

Auf der hinteren Plattform winkte er dann noch fröhlich Berta zu, die

lange am Erkerfenster stand und ihm nachsah.

Es wurde ihm oft zu spät. Seine junge Frau -- sie war es schon nach

wenigen Monaten geworden -- war ein süßes, warmes Geschöpf, von jener

keuschen Leidenschaft, die einsame Jahre angesammelt hatten. Sie

konnte auch Rietschel um die Besinnung bringen. Es wurden stürmische

Flitterwochen. Von der kurzen Hochzeitsreise, die man natürlich in die

Sächsische Schweiz gemacht, kam Berta verwandelt zurück. Ihr lange

gefesselter Lebensdrang stürmte so auf den ruhigen Gatten ein, daß er

ins Wackeln kam und sich mit heimlichem Lächeln sagte: ›Ich habe was

riskiert, weeß Kneppchen -- wenn's bloß keene Dummheit ist.‹

Aber er hatte ja Bertas junge Reize vor sich -- es konnte keine

Dummheit sein. So vergaß er, daß er fast doppelt so alt war als sie,

und kam ins Sausen. Sein Geschäft wurde nicht davon geschädigt --

im Gegenteil, es blühte nun erst auf. Er entschloß sich zu einer

Neuerung, die ihm immer zu gewagt gewesen: zu den Papierwaren

gesellte er die Galanterie und sogar die Literatur in Gestalt der

Fünfzig-Pfennig-Bibliothek Chinchilla, die wirklich spannende Romane

mit reizenden Titelbildern brachte. Der Verlag war in Kötzschenbroda

-- Rietschel übernahm die Generalvertretung für Berlin. Außerdem

plante er einen umfassenden Journallesezirkel, und Berta gründete eine

Leihbibliothek.

Sie zeigte sich für das Geschäft so begabt, wie Rietschel es erhofft

hatte. Vormittags versorgte sie ihren Haushalt -- nachmittags erschien

sie im Laden und half dort, wenn es am lebhaftesten zuging. Bald wurde

sie frauenhaft rundlich, und zu einem Kneifer hatte sie sich nun doch

entschlossen, da das Lorgnon sie bei der Arbeit hinderte. Auch die

unbequemen hohen Absätze gab sie bald auf und trug solide Schuhe: Sie

wurde wieder recht klein dadurch, aber Rietschel nannte sie ja immer

sein ›Kleinchen‹ und wollte sie garnicht größer.

Bei der Kundschaft war Berta sehr beliebt. Sie zeigte jene

unbegründete Heiterkeit, die eigentlich nervös war, aber auf alle, die

ihr nicht immer begegneten, angenehm wirkte. Rietschel machte dagegen

einen etwas brummigen Eindruck. Ihm lag das viele Lachen nicht, denn

er litt an Rheumatismus und ging lautlos in seinen Filzpantoffeln

umher. Wenn er Gummiarabikum oder Löschpapier oder rote Tinte brachte,

sah es aus, als ob er den Ernst des Lebens anböte. Die Romane der

Bibliothek Chinchilla legte er wie wissenschaftliche Werke vor. Aber

sein Geschäftssinn zeigte ihm sogleich den Vorteil, der in Bertas

anderem Wesen lag, und er ließ sie weiterzwitschern.

Von einem Ehrgeiz wurde Berta von vornherein gepackt: Sie ließ nichts

vorbei, was Anerkennung ihrer eroberten Lebensstellung bedeutete. Nur

scheinbar war sie von dem Druck der rechtlosen Geburt befreit --

junges Glück schläferte den bohrenden Drang in ihr ein, sie suchte

nicht mehr, denn sie hatte viel gefunden. Aber es schlummerte im

Dunkeln, was ungelöst blieb, und sie ließ es dort ängstlich liegen,

als ob es ihren Besitz verderben könnte. Leidenschaftlich gab sie sich

der äußeren Lebensgeltung hin. Sie zählte endlich mit, sie war Frau

Rietschel, und man fragte nicht viel, was dahintersteckte, wenn das

Gesamtbild harmonisch war.

Aber es kam ihr nicht nur auf die fremden Leute an. Tiefer

beschäftigte sie der Wunsch zu wissen, was die wenigen, die ihr zum

Schicksal geworden, von ihrem plötzlichen Glück dachten. Besonders

begierig war sie seltsamerweise nicht auf die Nächststehende, auf

ihre rätselhafte Mutter, sondern auf einen Mann, der eigentlich nur

lose mit ihren Angelegenheiten zusammenhing: sie hatte eine tiefe

Erinnerung an Justizrat Viktor Schwarz behalten. Einst war er eine

große Enttäuschung für sie gewesen. Jetzt stellte sie sich immer

wieder vor, was er wohl für Augen gemacht haben mochte, als er ihre

Heiratsanzeige im ›Berliner Lokalanzeiger‹ gelesen. Daß er sie dort

gelesen und als wichtig vermerkt hatte, war ihr nicht zweifelhaft.

›Das kleine Mädel,‹ hatte er sicherlich gedacht -- ›die geht ihren

Weg, die wird uns allen noch was zu raten aufgeben‹?

Onkel Tübbeke, den Berta zuweilen fragte, konnte ihr die ersehnte

Auskunft nicht geben. Privatgespräche führe der Herr Justizrat

nicht mehr mit ihm. Auch Tante Grunow hüllte sich in diplomatisches

Schweigen. Die beiden waren vorsichtig geworden. Sie trauten Bertas

jähem Unternehmungsgeist noch immer nicht.

Um so lebhafter beschäftigte man sich mit der jungen Frau Rietschel

dort, wo sie es eigentlich nicht erwartete: In Strelenwalde hatte die

Heiratsanzeige des ›Berliner Lokalanzeigers‹ Wellen geschlagen.

Frau von Rotkraut hielt die Zeitung in der Konditorei, aber mehr

ihrer selbst als der Gäste wegen, denn sie wollte mit Berlin in

Zusammenhang bleiben. Wenn sie täglich von der Weltstadt las,

wurde ihr die Strelenwalder Einförmigkeit weniger drückend. Noch

eifriger aber las Adele Schörg die Berliner Zeitung, und besonders

die Familiennachrichten studierte sie, als ob es sich um lauter

Bekannte handelte. Verlobte beneidete sie, Verheiratete weckten ihre

Schadenfreude, und wenn recht viele gestorben waren, seufzte sie

befriedigt. Adele war noch immer Ladenfräulein in der Prutzschen

Konditorei. Sie hatte sich nun doch unentbehrlich gemacht, denn Liese

mußte sich ihrem Gatten widmen.

Simba liebte Adele ohne Erhörung jahraus, jahrein. Täglich stand

er stundenlang im Laden und beobachtete sie. Sie kostete seine

Leidenschaft aus. Diesen schwarzen Riesen beherrschte ihre Koketterie,

die jedem weißen Manne gleichgültig. Sie brauchte vor ihm ihre

Häßlichkeit nicht zu scheuen, und wenn sie die bunte seidene Bluse

trug, die er ihr geschenkt hatte, strahlte er.

Eines Tages sprang Adele plötzlich auf, stieß Simba zur Seite und

hinkte zu Liese hinüber. -- »Na, was ist denn?« fragte die Frau

Konditor mißmutig.

Adele zeigte mit leuchtenden Augen auf ein Inserat: ›Statt jeder

besonderen Meldung: Ihre Vermählung beehren sich Freunden und

Bekannten hierdurch ergebenst anzuzeigen Johann Peter Rietschel,

Inhaber der Kunowschen Schreibwarenhandlung, Zimmerstraße 69, und

Berta Rietschel, geb. Prutz.‹

Liese starrte bestürzt auf diese Zeilen. Sie konnte nichts sagen.

»Ich weiß, wer das ist!« frohlockte Adele.

»Aber halt deinen Mund,« flüsterte die schwächer gewordene, rasch

ergraute Frau.

»Aber ja! Sie meinen wohl wegen Herrn Major? Ich weiß doch! So dumm

bin ich doch nicht! Aber sagen Sie bloß, liebe Frau Liese -- da war

doch mal vor ein paar Jahren so'n kleines Mädel bei uns, so'n nettes,

winziges Fräulein -- erinnern Sie sich nicht? Sie kamen dann vom

Schlafen 'runter, und ich mußte mich drücken -- dann haben Sie mit ihr

allein geredet -- na, das wissen Sie doch noch?«

Liese war rot geworden. Scheu sah sie sich nach Simba um -- aber der

war in die Backstube gegangen. »Was meinst du denn eigentlich? Was

willst du denn?«

»Na, wegen dem Namen Prutz! Und Berta -- so hieß doch das Kind -- das

weiß ich doch noch!«

»Also -- du bist doch ganz schrecklich, Adele -- also damit du mich

endlich in Ruhe läßt -- ja -- das war sie. Und nun hat sie sich

verheiratet. Übrigens sehr gut -- das Kunowsche Schreibwarengeschäft

kenne ich -- da hab' ich oft gekauft. Na, mich beruhigt das

eigentlich. Lieber Gott, so'n armes, verwaistes Geschöpf!«

Es funkelte wirr in Adeles Augen. Sie strich sich mit zitternder Hand

das Haar zurück: »Wie mag das nur gekommen sein?? Geld hat sie nicht,

und winzig sieht sie man aus -- und nun heiratet sie doch!«

»Der Mann wird sie eben liebhaben.«

»Ja, wie kommt denn das?«

Jetzt mußte Liese lachen: »Frage doch nur nicht so albern, Adele.« --

Dann stand sie mit schweren Füßen auf, faltete seufzend die Zeitung

zusammen und stieg zu ihrem alten Invaliden ins obere Stockwerk.

Adele aber stand, von einem sonderbaren Krampf geschüttelt, allein im

Laden. Plötzlich kam ihr ein Entschluß -- sie eilte zur Backstube.

-- »Simba!« rief sie. »Wo steckst du denn? Ich bitte mir aus, daß du

vorhanden bist, wenn ich rufe!«

Der lange Neger stolperte, glühend von der Ofenhitze, vor sie hin.

Fragend starrte er in ihr verwandeltes Gesicht. Was war das? Sie bot

sich ihm? Endlich? Die Mauer war fort?

»Willst du mich heiraten, Simba?« flüsterte Adele.

Da schrie der Schwarze wie ein krankes Raubtier auf.

»Um Gottes willen! Bist du verrückt? Das hören sie oben!«

Er aber fragte nach niemand. In seinem wahnsinnigen Jubel packte er

sie und hob die Zappelnde empor und überstürzte sie mit seinen Küssen.

Bald zeigten sie sich Arm in Arm den überraschten Strelenwaldern.

Liese aber ging an dem sonderbaren Paar vorüber zu Tante Sanftleben.

Die war nun uralt. Liese fand sie in dem Lehnstuhl am Fenster, wo

sie selbst einst als Wöchnerin gesessen hatte. Sie mußte sehr laut

sprechen, aber die Tante verstand sie noch. Ihr zitterndes Köpfchen

konnte alles erfassen.

»Berta,« sagte sie mit ihren guten, glanzlosen Augen -- »Berta hat

sich verheiratet. -- Nun siehst du doch, Liese, daß es sich gelohnt

hat, für sie zu leiden.«

Mit harter Miene sah Liese auf den Strohmarkt hinaus: »Wir wollen

es abwarten, Tante. Hinter die Kulissen sieht man nie. Bei Simba

und Adele -- da glaube ich jetzt an ein Glück. Aber Berta ... Das

Kind hat, glaub' ich, einen Charakter, der -- ich weiß nicht, wie

ich's ausdrücken soll -- der immer zerstören muß. Ich kann mir nicht

vorstellen, daß sie jemals Ruhe findet. Mich hat sie nicht -- ich darf

es ja nicht ändern -- und einen Vater hat sie nicht -- das sitzt eben

in einem Menschen, das schleppt einer mit, solange er lebt.«

Strelenwalde blieb Berta fern. Ihre Scheu vor der Mutter war

unüberwindlich. Nie wieder konnte sie sich der Zurückweisung

aussetzen. Sie starrte auch auf ihr Versprechen. Aber sie lebte ja nun

selbst in bürgerlichen Ehren. Der Kreis, in dem sie Einfluß gewann,

beurteilte sie lediglich als Frau Rietschel -- hier fragte man nicht,

wem ihre Herkunft Verlegenheit bereitete. Berlin war in solchen Fragen

tolerant.

Aber es lockte auch den, der seine rasche Gunst erfuhr, immer tiefer

in Regionen, die ihm eigentlich verschlossen waren. Man glaubte

mitzutun, wenn man noch draußen stand; man genoß mit Kennermiene und

blieb ein dürftiger Zaungast. Das Tempo riß mit und täuschte doch,

denn es war das Tempo der anderen.

Berta Rietschel sah das alles nicht. Sie war von ihrem kleinen Erfolge

gebannt. Ein Ehrgeiz bannte in ihr, den ihre Umgebung nicht ermessen

konnte. Er richtete sich, wie es im Wesen der Emporgekommenen lag,

vor allem auf geistige Vorteile. Bildung war Berta mehr als Geld,

denn Geld verdiente ja ihr Mann genug. Sie wollte die zahllosen

Wissenskräfte, die sie umwirbelten, einfangen und fühlte sich

benachteiligt, wenn ihr etwas ›zu hoch‹ blieb. Eigentlich handelte es

sich nur um ein Mitredenkönnen. Bildung ist Macht -- das wurde Bertas

Überzeugung. Sie fühlte sich nicht nur der Leihbibliothek wegen dazu

verpflichtet -- je besser es ihr ging, je geachteter sie wurde, desto

empfindlichere Lücken wurden ihr klar, und entsetzt übersah sie, was

an ihr versäumt worden.

Rietschel ging an solchen Gefühlen vorüber. Anfangs hörte er

noch verwundert zu, wenn Berta sie ihm auseinandersetzte. Er

wollte ihr die Spuke ausreden, indem er auf die gute Bilanz des

ersten Geschäftsjahres hinwies. Dann aber erklärte er ihr, daß

er von Romanen, Theaterstücken und Vorträgen nichts halte. Die

Chinchilla-Bibliothek gehe ja, aber wenn sie einmal nicht mehr ginge,

nehme er ebenso gern ein Kochbuch in Kommission. Was das Theater

betreffe, so sei es ihm nach dem Schillertheater zu weit und im

Schauspielhause zu teuer -- außerdem gebe man da lauter traurige

Stücke, und das Leben sei an sich schon traurig genug. Er wolle

sich nur noch gründlich auslachen, und dafür sei das Metropol mit

Thielscher und Giampietro da. Vorträge aber -- den ganzen Abend

sich von einem Professor etwas vorquatschen lassen, was nur dieser

verstehe, und dann noch in die zugige Garderobe ... Nein, da sitze er

doch lieber zu Hause und habe seine warmen Pantoffeln an und braue

sich einen steifen Grog.

Berta hörte das still enttäuscht mit an. Erst lachte sie, dann aber

ärgerte sie sich über Rietschels eitle Verständnislosigkeit. Ein neuer

Stachel regte sich in ihr: sie begann sich ihrem Manne überlegen

zu fühlen. Ihn noch weiter in ihr Inneres blicken zu lassen, wurde

sie zu stolz. Er spürte es wohl, daß sie langsam von ihm abrückte

und allerlei Heimlichkeiten hatte; aber er war auch froh, daß sie

ihn endlich in Ruhe ließ. Um einen bequemen Ableiter für diese

Verstimmungen zu haben, schaffte er sich einen Hund an. Der weiße

Pudel Schneemann gab ihm nichts zu raten auf und erfuhr die ganze

Zärtlichkeit seiner sächsischen Seele.

Zu einer tieferen Verstimmung kam es nicht. Die Ehe wurde immer wieder

durch den natürlichen Verlauf der Dinge gefestigt. Berta mußte ihren

Bildungshunger aufgeben, denn stärker als die große Welt zeigte sich

ihre eigene kleine, in der sie Mutter wurde. Nach zweijähriger Ehe

gebar sie einen Knaben, der den Namen Paul erhielt. Dann hatte sie

nur ein knappes Jahr Schonzeit, und das zweite Kind erschien, eine

Tochter, die man nicht Liese, sondern Grete nannte.

Schmerzen und Arbeit, viele Freuden auch -- Berta tauchte lange in

den Muttersorgen unter. Auch ihm, dem sie das alles dankte, kam sie

wieder näher. Rietschel stellte zwar immer nur die Ähnlichkeit der

beiden Kinder mit seiner Person fest und betonte fast kränkend, daß es

recht stattliche Menschen werden könnten. Es klang fast, als ob er auf

Mißgeburten gefaßt gewesen wäre. War ihm Berta doch zu klein? Stieß

er sich an ihre schlechten Augen? Die überreizten Sinne der Wöchnerin

beobachteten mißtrauisch. Wenn auch noch so viel Glück um sie herum

erblühte -- irgendwo lauerte das Verderben.

So kam sie durch die Kinder wieder zum Grübeln über ihr eigenes

Schicksal. Sie sah zwei rechtlich geborene Menschen, aber selten

wurde dieses hohe Bewußtsein von einem Neid beschlichen, den sie

nicht bannen konnte. Je mehr sie ihren Kindern die Rechte des Lebens

zuführte, desto mehr entbehrte sie sie selbst. Bei ihr verwelkte im

Schatten, was bei jenen sogleich in der Sonne stand.

Besonders nach der schweren Geburt des Mädchens tauchten diese

Gespenster auf. Sie suchte sie niederzuringen, sich immer wieder an

die schönen Tatsachen zu halten; aber sie konnte es nicht hindern,

daß sie ihr eigenes Fleisch und Blut mit fremden Augen ansah. So

entwickelte sich ein seltsames Verhältnis zwischen Mutter und Kindern.

Von Anbeginn wechselten innige Zusammengehörigkeit und scheues

Abgleiten. Man spielte vergnügt miteinander -- wenn dann Paulchen

seine Eisenbahn zum Aufziehen, Gretchen ihre Puppe zum Ankleiden

brachte, stießen sie plötzlich auf finstere Gleichgültigkeit. Ihr

kindliches Vertrauen stand vor einer Mutter, deren Blick zu sagen

schien: ›Was wollt ihr von mir? Ich lebe in Gedanken, die ihr nicht

kennt.‹

Das blieb so, bis die Kinder größer und wißbegieriger wurden.

Charaktere deuteten sich an -- Paul hatte offenbar das Zeug zu einem

begeisterungsfähigen Jüngling, während Grete still und herb wie die

Mutter wurde. Der kleine Egoismus des Vaters schien in beiden nicht

zu sein, aber Berta freute sich nicht daran. Sie ließ den Kinder

ihren Willen, denn nun konnte sie zu sich selbst zurückkehren. Sogar

den Sonntag entzog sie ihrer Familie. Schon früh ging sie fort und

blieb den ganzen Vormittag im Tiergarten oder im Zoologischen Garten,

wo sie sich eine stille Bank suchte. Hier las sie die Bücher, durch

die sie das Leben zu erkennen glaubte. Es waren Romane, die bei den

›oberen Zehntausend‹ spielten. Was vornehme Villen dem Vorübergehenden

verbargen, glaubte sie zu belauschen und als Eingeweihte zu verstehen.

Die Kinder beklagten sich beim Vater, weil sie in den Zoologischen

nicht mehr mitgenommen wurden. Dort störten sie die vertiefte Mutter,

wenn sie die Bären füttern oder den Elefanten besuchen wollten.

Rietschel war empört. Jetzt gab es den ersten Zusammenstoß. Ein

unerfahrenes Dienstmädchen hatte das Sonntagsessen verbrannt -- die

Hausfrau wurde natürlich beschuldigt. Rietschel konnte schrecklich

grob werden. Sein selbstbewußtes Berlinertum verband sich dann mit

sächsischer Schärfe. Berta wehrte sich nur stumm erhaben, aber sie

blieb nun zu Hause. Mit ihren Büchern schloß sie sich ein.

Den zweiten Zusammenstoß brachte die Leihbibliothek. Berta behauptete,

ihr Niveau heben zu müssen, und kaufte Ludwig Ganghofers Romane ein.

Rietschel aber erklärte sie für viel zu teuer.

»Wenn du schon was Besseres anschaffen willst -- übrigens eingebunden

sind sie ja doch alle gleich, ich werde doch keine Kalbslederbände

kaufen, damit die Leute Stearin drauf tropfen -- aber wenn du schon

was Besseres anschaffen willst, dann nimm was von Fontane! Gestern

erst hat mich einer nach den ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹

gefragt!«

»Quatsch, das sind doch Schulbücher! So was führen wir nicht!«

»Ich quatsche nie, liebes Bertchen!! Das laß dir ein für allemal

gesagt sein!! Und dein Ganghofer mit seine Tiroler -- lächerlich! Das

ist ja nicht mal was Pikantes für die Herren!«

»Du verstehst überhaupt nichts von Büchern!«

Frau Rietschel das Kind · 第 66 / 97 题