»Ich will erst wissen -- ich will wissen, wer mein Vater ist.«
Herr Sonnenschein lachte. Im nächsten Augenblick aber fühlte er, daß
das nicht sein durfte. Er versuchte es zu bemänteln: »Na, liebes
Fräulein, das ist doch keine Lebensaufgabe -- ich meine, das ist keine
Zukunft für Sie. Ich für meine Person -- ich kenne meinen Vater, ich
kenne ihn viel zu gut. Da könnte ich Ihnen was abgeben.«
»Mir ist die Sache durchaus nicht komisch.«
»Nein, nein -- Pardon -- mir ja auch nicht! Ich kann mich in Ihre Lage
versetzen, und Sie tun mir aufrichtig leid! Man weiß ja, wie es in
Berlin zugeht -- ein fabelhafter Prozentsatz von unehelichen Kindern
läuft hier herum! Aber es nutzt doch nichts, sich hinzusetzen und
darüber nachzugrübeln -- das Leben ist doch kein schwarzes Loch, in
das man hineinstarrt! Selbst ist der Mann! Und selbstverständlich auch
die Frau! Ja, ja, meine Liebe, Sie haben das Zeug dazu!«
»Wozu?«
»Na, sich ~das~ vom Leben zu nehmen, was erreichbar ist! Genau
so geht es mir. Ich kann mir deshalb nichts Idealeres vorstellen, als
wenn wir beide uns zusammentäten. Ich kann Sie sozusagen entdecken.«
»Ich habe kein Talent, Herr Sonnenschein.«
»Das werden wir schon sehen. Wann Sie erst von Kopf bis Fuß in Sachen
stecken, die ich für Sie kaufen werde. Ich bin ganz konfus vor Glück,
wenn ich daran denke. Sie müssen mein Geschöpf werden sozusagen.
Für Sie wird mein Geld endlich mal würdig angelegt. Sie sind ein
anständiges Mädel und zugleich eine treue Geliebte -- wunderbare
Mischung. Herrgott, ich schwatze da, als ob wir schon bei Hiller
wären -- dabei wollen wir doch erst hingehen. Morgen fahre ich zu
Gerson, zu Braun und zu Friedländer. Die Farben muß ich mir noch
überlegen. Besondere Schuhe und Strümpfe ...«
In der Siegesallee, wo die Linden blühten, riß er sie an sich und
küßte sie. Berta nahm es in süßer Betäubung hin. Das einzige, womit
sie sich stammelnd wehren konnte, waren die Worte: »Ach, ich bin ja so
häßlich! Ich bin ja halb blind! Das wissen Sie noch nicht! ...«
Er lachte: »Doch, ich weiß alles! Das Blinzeln ist ja gerade das
Entzückende an dir! Ich kauf' dir übrigens ein anderes Lorgnon! Ein
feenhaftes! Gold und Perlmutter!«
Sie konnte nichts mehr erwidern. Er küßte sie immer wieder. Allmählich
waren sie durch das Brandenburger Tor gelangt. Sie gingen Arm in Arm
über die stille Seite der Linden und traten bei Hiller ein. Berta
wurde mit Leckerbissen gefüttert, von denen sie bisher nur geträumt
hatte.
»Woran denkst du?« fragte er.
»Ach, an die anderen Mädchen, bei denen es bloß für Aschinger langt.
Die armen Dinger!«
Er lachte jetzt nicht. Indem er ihre Hand küßte, sagte er: »Du bist
das beste Geschöpf, das ich kennengelernt habe.«
Als er sie heimbegleitete, kämpfte er sichtlich mit einem Entschluß,
aber er kam nicht dazu. Vor Bertas Haustür am Elisabethufer -- so weit
waren sie durch halb Berlin gegangen -- stieß er hervor: »Ich danke
dir für diesen Abend. Nun laß' ich dich auch in Ruhe, denn du mußt ja
morgen früh heraus. Mein Kleinod, gute Nacht. Hast du mich auch ein
bißchen gern?«
Sie nickte und ließ ihm ihre Hand.
»Wann sehen wir uns wieder?«
»Ich glaube, es ist besser, wir sehen uns niemals wieder.«
Bestürzt sah er sie an: »Aber Kind! War dir der Abend denn so wenig
wert? Hast du gar nicht den Wunsch --?«
»Doch, selbstverständlich ... Sie verstehen mich nicht ... Den Wunsch
hab' ich schon. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar. Aber ich weiß genau
-- so wie heute bleibt es nicht ... Wenn wir wieder zusammen sind,
dann sind Sie anders -- und ich werde auch nicht immer nach Hause
wollen ... Aber das darf ich nicht. Erst muß ich wissen, wer ich bin.«
Sie riß sich los und schlug die Haustür hinter sich zu.
Am nächsten Tage bekam sie einen Brief von ihm. Es waren stürmische
Versprechungen, er richtete goldene Berge vor ihr auf, aber sie
antwortete ihm nicht. Nun sah sie ihn wirklich nicht wieder. --
Nach diesem Erlebnis sperrte sie sich in Arbeit ein. Das Zeugnis,
mit dem sie die Handelsschule verließ, war so gut, daß Onkel Tübbeke
sagte: »Na, damit kannst du Privatsekretärin bei Bleichröder werden.«
So viel bildete Berta sich nicht darauf ein, aber sie freute sich, daß
man zum erstenmal stolz auf sie wurde.
Mit ernstem Eifer sah sie sich nach einer Stellung um. Die erste, die
ihr Vertrauen erweckte, nahm sie an. Die Firma Kleinholz & Co., Papier
engros, in der Lindenstraße, suchte eine Buchhalterin -- Berta meldete
sich und wurde angestellt. Nun hatte sie ihre gutbezahlte Arbeit. Man
konnte sich zwar ein interessanteres Gebiet denken als die Eingänge
und Ausgänge von Packpapier -- Luxuspapiere waren schon der Schmuck
ihres Daseins -- aber im Grunde war es ja gleichgültig, welcher Sache
das Buchführen galt. Sie hatte mit anständigen Leuten zu tun, und in
dem Bewußtsein, daheim eine kleine Pension bezahlen zu können, lag
wirklich ein Lohn. Sie hatte den Gedanken, Frau Grunow zu verlassen,
von sich gewiesen. Viele andere hätten an ihrer Stelle den Hauptgewinn
darin gesehen -- sie aber brachte es nicht fertig. Wo man ihr getreu
gewesen, wollte sie auch treu sein.
So lebte und arbeitete sie, und nur noch ganz unten im Raum ihres
kleinen Lebensschiffes wohnte die Sehnsucht nach Vater und Mutter.
Aber das Versprechen von Strelenwalde fesselte sie. Sie zwang ihre
Unruhe nieder. Sie unternahm nichts.
Da sie sich sehr geschickt zeigte, ließ Herr Kleinholz sie nicht
nur bei ihren Büchern, sondern vertraute ihr auch den Verkehr mit
Kunden an. Die Männer waren nun einmal so, auch wenn sie nur trockene
Schreibwarenhändler waren -- sie kauften lieber bei einem hübschen
Mädel als bei dem gediegensten Mann. Johann Peter Rietschel aus
Chemnitz aber, der jetzt häufiger als sonst bei Kleinholz & Co.
erschien, hatte auch Sinn für den Geist. Ein unternehmender Sachse,
der nach Berlin übergesiedelt, hielt er es jederzeit mit dem Modernen
und zeigte überhaupt den Schwung, der das Provinzielle allmählich
abstreifte. Dazu kam, daß er mit seinem gekräuselten Scheitelhaar
einen künstlerischen Anstrich hatte, der wohl etwas Phantasie in den
Kleinkram seines Ladens brachte.
Aber das war nur äußerlich. Im Kern konnte es keinen solideren
Geschäftsmann geben als Johann Peter Rietschel. Sein skeptischer
Wirklichkeitssinn war unüberwindlich. Auf die Grundlage kam es ihm an,
und die Grundlage war Geld -- wenn das nicht fehlte, war Rietschel für
alles zu haben.
Doch er suchte es nicht bei fremder Kraft. Er war alles aus sich
selbst geworden und trachtete nicht nach Mitgift, sondern nach einer
Frau, auf die er sich etwas einbilden konnte. Als er zu Kleinholz
& Co. kam, lernte er ein kleines Fräulein kennen, das durch seine
seltene Zuverlässigkeit auf ihn wirkte. Er fand Berta Prutz hübsch,
ihre kleine Gestalt störte ihn nicht, denn er war ja selbst nur
›Mittelfigur‹. Bescheidener Ernst und sauberer Fleiß -- wie selten
waren diese Eigenschaften bei einem Großstadtmädchen! Johann Peter
Rietschel kannte die Sittenverderbnis Berlins. Soviele Reize sie auch
für ihn gehabt -- es sollte sich nichts davon in sein künftiges Heim
schleichen.
Auf den Entschluß kam es an. Er sondierte als vorsichtiger Chemnitzer
lange. Er forschte und erkundigte sich, wo es nur möglich war. Bald
hatte er natürlich Bertas dunkle Herkunft erfahren. Hart ging er
mit sich zu Rate. Dann aber kam ihm eine Erleuchtung, die ihn mit
stolzer Befriedigung erfüllte: er stieß sich nicht daran. Er kämpfte
sich sogar zu der Gewißheit durch, daß solche Mädchen gerade die
besten Frauen werden konnten. Sie hatte wahre Demut in ihrer armen
Rechtlosigkeit, sie konnten erst das ganze Dasein durch einen
liebevollen Gatten gewinnen. Das war nach Rietschels gutherzigem und
eitlem Geschmack. Er sah es nur von sich aus.
Als sein Entschluß gefaßt war, zweifelte er nicht an dem Erfolge. Nun
ließ er seine Gefühle deutlicher werden. Immer wieder erschien er bei
Kleinholz & Co. -- wenn Berta nicht im Kontor war, ließ er sie rufen,
als ob er nur mit ihr verhandeln könnte. Bertas Kollegen merkten, daß
da ein Freier, nicht nur ein Kunde kam. Lächelndes Getuschel entstand,
halb neidisch, halb erfreut. Man gönnte ja schließlich der guten
Kollegin diesen Glücksfall. Berta merkte es erst zuletzt. Sie war zu
sehr in ihre Pflicht verbissen -- sie hatte den Kunden noch immer
nicht als Menschen sehen können. Nun begriff sie seine Absicht. Es
ängstigte und kränkte sie nicht -- es stimmte sie nur nachdenklich.
Liebhaben im wirren Sinne ihrer jungen Träume konnte sie Johann Peter
Rietschel nicht -- aber das war gerade gut -- er störte sie also
nicht in ihren dunklen Wünschen. Sie ahnte auch dafür einen Halt, den
sicheren Hafen der bürgerlichen Ehe.
Aber sie ließ sich nicht so einfach erhandeln -- sie wollte auch das
Ihrige bieten, sie wollte gleichberechtigt sein. Da kam nun plötzlich
ein langer Brief von Herrn Rietschel -- ein richtiger, schriftlicher
Heiratsantrag -- zum mündlichen hatte sich der vorsichtige Sachse
nicht entschließen können. Immer wieder las Berta seine sorgsamen
Ausführungen -- klangen ein wenig pedantisch, vielleicht auch
herrschsüchtig, aber sie gefielen ihr. Es war Verstand darin und mehr:
sie spürte einen Charakter. Was dieser Mann versprach, erfüllte er.
Außerdem -- sie konnte ihm wirklich etwas sein. Sie kannte ja seine
›Branche‹, sie freute sich ehrlich auf sein Geschäft. Wenn sie ihm
Glück brachte ... in Gottes Namen denn.
Sie sagte zu und sprach erst nach der Absendung ihres Briefes
mit Tante Grunow und Onkel Tübbeke. Die nahmen ihr die trotzige
Selbständigkeit nicht übel. Sie zeigten sich über alles Erwarten
erfreut.
»Rietschel in der Zimmerstraße? Den kenn' ich! Ein vorzügliches
Geschäft! Wenn du da 'reinheiratest -- à la bonkör!«
Berta freute sich an Onkel Tübbekes Beifall, wenn ihr auch der Begriff
›'reinheiraten‹ nicht sympathisch war. Tante Grunow blieb stillgerührt
-- sie übersah das bisherige Leben ihres Pflegekindes, und daß
nun eine große Station kam. Zum erstenmal hatte Berta ein warmes
Dankgefühl für die alte Frau. Ihr Sohn Alfons erfuhr die Verlobung
erst, als alles besprochen und festgesetzt war. Er hätte doch nur
abgeraten. Aber Berta konnte sich eine Genugtuung leisten, die ihr
besonders Vergnügen machte: plötzlich ging sie auf den düsteren Alfons
zu und rief: »Übrigens, mein Bräutigam ist Sozialdemokrat!«