Immerhin -- die Hoffnung auf Viktor Schwarz war erloschen. Sie durfte
nicht das Letzte verlieren, nicht von Onkel und Tante verachtet
werden. Vielleicht war es doch sehr frech von ihr gewesen, ohne
Erlaubnis zu handeln. Außerdem -- was hatte sie von dem Herrn
Justizrat erfahren? So gut wie nichts. Wenn sie an sein glattes
Lächeln zurückdachte, schwand auch ihre Hoffnung, jemals etwas von ihm
erfahren zu können.
Sie ballte die Fäuste und bezwang sich. Aber der Frühling draußen
lauerte. Er kam und wuchs. Mit heißem Kopf saß Berta in der
Handelsschule. An den Vater dachte sie nicht mehr; aber indem sich
ihr kindlicher Schoß zusammenkrampfte, und die brennenden Füße an der
Diele pochten, sah sie noch einmal ins Licht des Mutternamens. Sie
schrieb Zahlen in ein Kontobuch, sie achtete wie sonst auf den schönen
Schwung ihrer Schrift; aber was sie sah, war eine Frau Baronin,
ihre hohe, blonde schöne Mutter in der herrschaftlichen Küche. Es
war unmöglich -- sie konnte sich nicht von ihr trennen lassen. Die
Zusammenhänge mußten tiefer sein. Vielleicht betrog man sie doch.
So beschloß sie es plötzlich: noch einmal handelte sie gegen den
Willen derer, von denen sie abhing. Es half nichts -- der Drang in
ihrem Herzen brachte sie sonst um.
Da kam ihr ein gemeinsamer Ausflug der Handelsschülerinnen nach
Potsdam wie gerufen. Scheinbar nahm Berta daran teil -- man gab ihr zu
Hause jetzt gern die Erlaubnis. In Wahrheit aber nützte sie den Tag,
um nach Strelenwalde zu fahren. -- --
Liese hatte stille Jahre in der alten Heimat hinter sich. Still für
den betrachtenden Blick -- von dem, was sie einsam durchgekämpft,
wußte sie nur. Mit ihrer Jugend fertig zu werden, war ihr schwerer
geworden als mit dem Philistergeist der Umgebung. Sie hatte erkennen
müssen, daß ihr Leben an einem Absterbenden gebunden war. Hermann
Rotkraut erlag in Strelenwalde den allzu starken Anforderungen des
Glücks. Ein Schlaganfall lähmte den ohnehin Verstümmelten -- er blieb
an sein Zimmer gefesselt. Hier hatte Liese einst als Mädchen gewohnt.
Nun ging sie als stille Pflegerin darin umher. Sie konnte Schmerzen
lindern, Langeweile scheuchen -- ihre Sinne mußten verzichten. Sie war
aber noch immer eine junge, vollblütige Frau. Im Grunde hatte sie sich
niemals ausgelebt. Erst Viktor Schwarz, der trügerische Rausch -- dann
August Bassenried, der welke Lebemann -- nun Hermann Rotkraut.
Äußerlich blieb sie auf der Höhe. Sie war eine vorbildliche
Geschäftsfrau geworden. Ihr schweres Schicksal aber schützte sie
davor, daß böser Wille Steine nach ihr warf. Man hatte unter die
Vergangenheit ein Strich gemacht, man denunzierte sie nicht, man ließ
ihren alten Invaliden in Ruhe. Wenn die Damen über gewisse Dinge
flüsterten, sagte auch immer eine: Hut ab, hier ist ein tapferer
Mensch! Liese verstand es, sich keine Feinde zu machen. Sogar den
alten Konkurrenten ›Mohrenkopp‹ versöhnte sie, indem sie ihm Aufträge
zuschob. Die häßliche Adele Schörg aber, die doch keine Stelle fand,
nahm sie wieder als Bedienung auf. Adele mußte sich ganz nach ihr
richten und blieb demütig, da sie ein trauriges Sklaventum bei ihrem
Vater fürchtete.
Wunderlich genug sah es freilich in der alten Prutzschen Konditorei
aus. Unvorbereitete Gäste konnten erschrecken, denn wenn sie sich
niedergelassen, kam von der einen Seite ein hinkendes Fräulein auf
sie zu und von der anderen ein baumlanger Neger, dessen schwarzer
Kopf effektvoll von dem weißen Anzug abstach. Doch was die beiden
brachten, war immer gut und besser noch als früher. Man gewöhnte sich
an alles, weil man so gut aufgehoben war.
Allmählich gewann auch das Groteske einen Reiz. Kein Fremder versäumte
es, die merkwürdige Konditorei zu besuchen.
Seltsamerweise liebte Simba Adele, nicht sie ihn. Sie vertrugen
sich aber ganz gut. Ihrer Herrschaft zu Gefallen mieden sie jeden
Zusammenstoß. Simba, der Götzenanbeter, erfuhr von der frommen Adele,
wie hoch die christliche Moral stand; sie aber gewann den Einblick
in seine wilde, kindliche Art. Daß der erste Mann, der sie nicht
häßlich fand, ein Neger war, empfand sie bitter, aber er rührte sie
auch zuweilen, und sie ließ sich seinen treuen Dienst gefallen.
Wahrscheinlich erinnerte sie ihn an irgendeine sonderbare Gottheit
seiner Heimat. Seine Schönheitsbegriffe waren nun einmal anders als
die der guten Europäer von Strelenwalde. --
Liese verließ kaum noch ihr Haus. Entweder war sie bei dem Kranken,
oder sie schaffte in der Konditorei. Nur zu Tante Sanftleben, die
nun schon recht klapprig geworden, kam sie zuweilen, und unterwegs
trat sie bei Herrn Breitkopf ein. Der war nun ihr Verehrer. Er fühlte
sich Liese doppelt verpflichtet; denn der echte Neger, den sie nach
Strelenwalde gebracht hatte, hatte ihm endlich den fatalen Spitznamen
»Mohrenkopp« abgenommen. --
Plötzlich aber wurde diese doch noch einmal aus ihrem herben Frieden
gerissen. Ein Brief kam aus Berlin, der erste nach versunkener Zeit.
Viktor Schwarz hatte ihr noch einmal geschrieben:
›Liebe, verehrte Frau Major!
Gestatten Sie mir, Ihnen in alter Freundschaft einen dringenden Rat
zu erteilen: Handeln Sie besser und -- klüger an der kleinen Berta.
Sie könnte sonst eine ernste Gefahr für Sie werden und nicht nur
für Sie. Sie werden mich sogleich verstehen. Ich kam vor kurzem
in folgende Situation: Ein junges Mädchen wurde mir gemeldet, das
Ihren Namen trug und in einer geradezu bemitleidenswerten Verfassung
Bekenntnisse hervorstammelte. Die Mutter, für die das Mädchen trotz
aller Entbehrungen eine treue Zuneigung bewahrt, zeige ihr seit den
letzten Jahren eine abweisende, ja feindselige Haltung. Da auch sein
Wunsch, den Vater zu kennen, für immer unerfüllt bleibe, klammere es
sich doppelt an die Mutter. Ich, von dem es in Erfahrung gebracht,
daß ich als Ihr Rechtsbeistand fungiere, solle ihm raten und
helfen! Es war eine ganz sonderbare und außerordentlich peinliche
Situation, das können Sie sich vorstellen; aber ich zog aus ihr
die Lehre: Erstens ist es mir willkommen, daß ich wirklich wieder
einmal als Ihr Rechtsbeistand zu Ihnen sprechen kann, und zweitens
muß ich Ihnen aufs dringlichste raten, handeln Sie anders an Ihrem
Kinde, Sie handeln ~ganz falsch~ an ihm. Völlig ausgestoßen --
seelisch meine ich -- das ist unmöglich. Das hat das Kind auch nicht
um Sie verdient. Was aber das wichtigere und entscheidende ist: Sie
dürfen keinesfalls sich selbst ~und denen, die mit Ihrem gegebenen
Wort~ rechnen, einen gefährlichen Gläubiger züchten. Berta hat
ein fanatisches Gemüt, das unter Umständen verzweifelt um das Recht
der Geburt kämpfen wird. Ich jedenfalls, das erkläre ich Ihnen heute
schon, ich bin keinesfalls gewillt, mir von ihr meine Kreise stören
zu lassen. Der Blitz muß einen Ableiter haben, es ist die höchste
Zeit, und der Ableiter sind Sie, der ist selbstverständlich die
Mutter. Ich kann mir wohl vorstellen, was Sie zu Ihrer schroffen
Stellungnahme veranlaßt: Sie fürchten einen Willen, der den letzten
Hafen für Sie bedeutet. Er ist sicherlich stark, aber nicht
stärker als Ihre Mutterpflicht. Auf eine Heimlichkeit mehr oder
weniger braucht es Ihnen ja nicht mehr ankommen. Das ist eben die
eigentliche Erfahrung, die das Leben mit sich bringt. Also, ich
glaube mich verständlich gemacht zu haben. Beruhigen Sie und stützen
Sie das Kind, und vor allem versperren Sie ihm für immer den Weg zu
mir, denn sonst -- Sie wissen, daß ich meinen Weg zu Ende gehe!
In alter Hochschätzung
Viktor Schwarz.‹
Liese stand ganz verdonnert vor diesem Brief. Die erschreckende
Tatsache ließ sie die verkappte Unverschämtheit übersehen. Ihr erster
Zorn richtete sich gegen Frau Grunow. Bald aber mußte sie sich sagen:
›Es war ja ganz unmöglich -- dort hatte niemand Berta zu dem Justizrat
geschickt.‹ Das Kind mußte von selbst auf die tolle Idee gekommen
sein. Ahnungslos hatte es den eigenen Vater nach der Mutter gefragt.
Vielleicht auch -- das stand nicht in dem Brief, aber es war immerhin
möglich -- hatte es sogar vom Vater seinen Vater erfahren wollen!
Viktors Verlegenheit ließ Liese kalt, aber eine jagende Besorgnis
konnte sie nicht unterdrücken: wenn Berta wirklich so geworden, wie
er sie schilderte, ließ sie auch nicht ab. Schwarz konnte brutal
werden. Dann rächte er sich. Dann ging er selbstverständlich ›seinen
Weg zu Ende‹. Für Liese aber hieß das noch einmal scheitern, noch
einmal vielleicht auf der Straße stehen. Wer dem alten Invaliden die
Ehre anrührte, nahm ihm die Besinnung. Er glaubte Lieses Lebensweg zu
kennen, ein uneheliches Kind kam nicht über seine Schwelle. Schande
ertrug er nicht.
Man war ja wieder in Strelenwalde.
Ratlos ging Liese umher. Tante Sanftleben konnte und mochte sie nicht
befragen. So schrieb sie zunächst einen gefaßten und beruhigenden
Brief an Viktor Schwarz. Sie versprach ihm, was sie selbst nicht
auszuführen wußte. Dann, als sie den Brief zur Post getragen, fühlte
sie sich sehr erschöpft. Sie kam in den Laden zurück und sagte zu
Adele: »Jetzt schlaf' ich 'ne Stunde. Bitte nicht wecken.«
Adele nickte und setzte sich mit einem Roman hinter den Ladentisch.
Wie immer, ließ sie sich von Simba betrachten. Der lange Neger stand
in der Tür der Backstube. Es schimmerte in seinen melancholischen
Tieraugen. -- »Jetzt ist Mondfest bei uns in Afrika«, sagte er
plötzlich. »Da tanzen die Mädchen, und die Männer fangen sie und
freuen sich mit ihnen.«
Adele zitterte unter dem Klang seiner Worte: »Das muß ja ein ganz
merkwürdiges Fest sein.«
»So komm mit mir -- wir fahren nach Afrika!«
Adele wandte sich heftig ab und starrte in das Buch. Eigentlich war
sie schon nahe daran, sich in Simbas schwarze Arme zu werfen. Elendes
Leben. Wenn er ahnte ...
Da öffnete sich die Ladentür -- ein Gast erschien. Adele sah ein
junges, kindlich wirkendes Mädchen kommen. Sie näherte sich ihm:
»Guten Tag. Was darf ich Ihnen bringen, Fräulein?«
Bertas Blick irrte zu dem großen Mohren hinüber. Sie war auf ihn
vorbereitet, aber der wilde Ausdruck, den Simba jetzt hatte,
erschreckte sie. Von Adele wurde sie nicht befremdet -- zu
Gebrechlichen fühlte sie sich immer hingezogen. Die Sympathie schien
gegenseitig zu sein, denn Adele nahm ihr mit zärtlicher Sorgfalt
Schirm und Mantel ab.
Mit Mühe verbarg Berta ihre Erregung. Nun war sie der Mutter so nahe.
Im nächsten Augenblick konnte die Ersehnte eintreten. Berta trank
Kaffee und aß Kuchen. All' das diente ihr nur, die Zeit zu verbringen.
Es war ja unglaublich -- sie hatte es wirklich gewagt -- sie saß jetzt
mitten in Strelenwalde, in der Prutzschen Konditorei, und bei Grunows
glaubte man sie mit der Handelsschule in Potsdam. Aber ewig Kaffee
trinken und Kuchen essen konnte sie auch nicht. Es hieß jetzt zahlen
oder einen Vorstoß wagen. Simba war in die Backstube gegangen -- das
fremde Mädchen störte ihn. Berta sah sich mit Adele allein -- sie
wandte sich, im Augenblick unbeherrscht, zu ihr: »Ach, Fräulein ...«
»Bitte sehr?«
»Ach, bleiben Sie doch sitzen. Ich wollte nur -- ich möchte nur
fragen: Ist Frau Prutz nicht zu Hause? Die Frau Konditor -- ich wollte
sagen die Frau Major?«
Adele lächelte: »Die ist schon zu Hause. Oben in der Wohnung ist sie.
Möchten Sie sie sprechen?«
»Furchtbar gern ...«
Adele sah Berta betroffen an. Eben wollte sie das Schlummerstündchen
der Frau Major erwähnen, da knarrte oben schon die Tür, und Liese trat
ein.
Alpdruck hatte sie aus dem Schlaf gescheucht. Sie kam mit verstörtem
Blick. Nun glaubte sie noch zu träumen, denn sie erkannte Berta. Aus
ihren geheimen Ängsten stieg diese Gestalt in die Wirklichkeit. Liese
wich zurück. Bleich und mit verzerrtem Lächeln erhob sich Berta.
»Guten Tag ... Guten Tag, Frau Major ... Sie kennen mich doch noch?
... Ich habe Ihnen Grüße zu bestellen -- aus Berlin -- --«
Krampfhaft faßte sich Liese. Ihr Sorge galt jetzt nur der Lauscherin.
Sie kämpfte um den Rest ihres Glücks. Nie und nimmer ließ sie sich
überrumpeln.
»Ach ja,« sagte sie, indem ein falsches Lächeln auf ihre vergilbte
Miene kam -- »ich erinnere mich. Das ist ja sehr nett von Ihnen,
Fräulein. Behalten Sie doch Platz. Ich setze mich zu Ihnen. Adele, es
ist hohe Zeit, daß du im Hof die Wäsche 'runternimmst. Geh nur gleich,
sonst wird der Herr Major noch böse.«
Ungern gehorchte Adele, aber sie verschwand. Kaum war sie aus
Hörweite, als Liese schon schnell auf die erschrockene Berta zuschritt
und mit gedunsener Miene flüsterte: »Was fällt dir denn ein?! Wie
kannst du mich in solche Situation bringen?!«
»Aber Mutter,« würgte Berta -- »Sie sind doch -- du bist doch -- --«
»Was ich bin, ist eine Sache für sich! Das geht hier keinen Menschen
was an! Ich wußte schon, wie du dich benimmst, und offen gestanden
hatte ich von dir was anderes erwartet! Jawohl! Ein bißchen mehr
~Dankbarkeit~! Du kannst dir doch vorstellen, warum ich nicht
anders handeln kann! Du bist doch kein Kind mehr! Ich werde so gehetzt
und gefoltert -- mein ganzes Leben verfluch' ich!«
»Aber Mutter -- Mutter -- was hab' ich dir denn getan?!«
»Zu meinem Rechtsanwalt bist du gelaufen -- der Mann hat sich bei mir
beschwert, und jetzt willst du mich hier blamieren -- hier, im Hause
meines Mannes, in diesem Klatschnest!«
Berta starrte leichenblaß vor sich hin: »Blamieren will ich dich
nicht, Mutter.«
»Es ist aber nichts Anderes! Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern!
Ein für allemal! Es liegt in den Verhältnissen! Das Leben geht weiter!
Daß ich das Meinige an dir getan habe, das weißt du doch! Laß es dir
endlich genug sein, hab' doch Erbarmen und geh' mir aus dem Wege! Ich
ersticke ja!!«
Rastlos stand Berta vor diesem Ausbruch. War das noch ihre Mutter?
»Um Gottes willen,« flüsterte sie -- »Sie haben mich mißverstanden ...
Es liegt mir selbstverständlich fern ... Ich dachte bloß, meine Mutter
... Ich bin doch schließlich auch ein Mensch. Ich kann doch nichts
dafür, daß ich auf der Welt bin.«
Jetzt starrte Liese wie erwachend auf das gebeugte junge Geschöpf.
Namenloses Mitleid entbrannte in ihr, nicht Mutterliebe. Aber sie fand
noch diese Worte: »Kind, ... Du mußt mir nicht so böse sein -- du mußt
versuchen, mich zu verstehen. Ich weiß, daß du es schwer hast, aber
das gerade wird dir auch die Kraft geben, durchzukommen. So ist das
Leben. Sieh mal, was nützt es dir denn, wenn der Mann, von dem ich
jetzt abhänge -- wenn du dem noch den letzten Frieden nimmst? Er darf
es ja nicht wissen, daß du auf der Welt bist -- er versteht so was
nicht, er ist zu alt und zu krank. Und darum versprich mir --«
»Was denn?«
»Versprich mir, daß wir uns nicht mehr begegnen werden, nie mehr,
solange er lebt --«
»Wenn du das willst, Mutter --«
»Es muß sein -- sonst machst du mich wieder unglücklich.«
»Dann sage mir doch wenigstens, wer mein Vater ist.«
»Das darf ich ja auch nicht, Berta. Frage nicht, warum. Es ist ein
Verhängnis. Wenn ich es dir sage, dann stellst du ihm nach, und dann
rächt er sich an mir -- ich muß es ausbaden.«
»Kann ich ihn denn überhaupt -- erreichen?«