FÜNFZEHNTES KAPITEL

Viktor Schwarz trat in das Vorzimmer, als sein Sprößling verschwunden

war. »Wann kommt Herr Tübbeke zurück?« fragte er streng.

Schreiber Rudorff spitzte die Ohren. Es klang, als ob auch der

Bureauvorsteher etwas ausgefressen hätte: »Seine Schwester hat

telephoniert, höchstens drei Tage, Herr Justizrat, dann ist er wieder

da.«

Der Gestrenge nickte und zog sich zurück. Sein Verhalten dem alten,

abhängigen Manne gegenüber war ihm schon klar. Nun aber galt es die

Hauptsache. Viktor Schwarz gab sich keiner Selbsttäuschung hin. Der

unverhoffte Zwischenfall hatte, wie man ihn auch ansah, Bedeutung.

Er konnte unter Umständen eine ernsthafte Störung seiner Laufbahn

bringen. Bei dem ersten Einfall, den ›Rechtsbeistand der Mutter‹ zu

besuchen, blieb es natürlich nicht. Berta Prutz zeigte ein seltsames

Gemisch von Naivität und Beharrlichkeit. Auch fürchtete der Mann, der

nichts unbewußt tat, die Macht des Instinktes. Er hatte sich nicht

verraten, aber die Kleine konnte von dem Zusammenhang des Blutes

gepackt werden.

Vor allen Dingen mußte er an die nächste Zukunft denken. Der

›Allgemeine Bund zur ethischen Fortbildung‹ war ihm gelungen. Was

nach einigen Jahren daraus wurde, konnte ihm gleichgültig sein -- da

war er gewiß schon von einer neuen Mode abgelöst. Jetzt aber sollte

ihm der Bund zu einem Reichstagsmandat verhelfen. Erste Bedingung

blieb: moralische Unantastbarkeit. Der Schein mußte unbedingt gewahrt

bleiben. Eine aufdringliche, kleine Proletarierin aber zerriß

diesen Schein. Dazu hatte er wirklich nicht auf Heller und Pfennig

die Alimente bezahlt. Ja, wenn es ein ganz besonderes Kind gewesen

wäre! Mit hervorstechenden Talenten! Man hätte sich mit ihr zeigen,

unter Umständen an die Vorurteilslosigkeit der Berliner appellieren

können. Talent war ein Freibrief. Aber hier lauerte nur der triviale

Durchschnitt. Das Mädchen war ganz hübsch, wenn auch körperlich

zurückgeblieben, doch seine notwendige Entwicklung hielt es unrettbar

im Gewöhnlichen.

Nein, er wurde jetzt schon ruhiger. Ins Bockshorn jagte man ihn

nicht. »Nie!« flüsterte er, während er vor den Spiegel trat und seine

Vatermiene betrachtete. »Nie!« wiederholte er dumpf noch einmal.

»Was denn?« fragte eine frische, etwas spöttische Stimme hinter ihm.

Er drehte sich schnell um und sah die Frau, die er seine einzige

Freundin nannte. Gusti Bernhardi war ihm unentbehrlich -- ihr heller

Verstand, ihr sicherer Geschmack konnten ihm immer raten und helfen.

Mit wienerischer Leichtigkeit beflügelte sie sein preußisches

Strebertum -- sie glaubten sich gegenseitig nicht viel.

Viktor Schwarz wurde von einer Erkenntnis befallen: Dieser Frau mußte

er alles sagen. Sie hatte ihm schon oft bewiesen, daß sie das Leben

fester anzupacken wußte als er. Sein Vorteil war außerdem der ihre --

deshalb war sie verschwiegen.

Sie hörte ihn an. Was wirklich in ihr vorging, konnte er nicht

erkennen. Eine stille, ironische Heiterkeit war in ihr, eine

Schadenfreude fast -- sie gönnte ihm den Überfall. Dann zog sie ihn

zu sich auf das Sofa und sagte: »Ja, lieber Schatz, mir scheint, die

einzige Schuld bei der Sache hat die Frau Major. Sie ist diskret,

ja, ja -- du brauchst nicht zu fürchten, daß das Mädel von ihr die

Wahrheit hört -- aber mit den Nerven eines Menschen kann man nie

rechnen. Ich mein' jetzt die Kleine. Wie du sie mir geschildert hast

-- sie kann einem schon leid tun. Es ist ein schrecklicher Unsinn,

daß sie so ganz vereinsamt. Wenn das so weitergeht, wird sie noch

närrisch, und dann wirst du sie überhaupt nimmer los. Nein, nein, die

Mutter hätt' sich ihrer annehmen müssen. Du bleibst selbstverständlich

aus dem Spiel, aber das geht nur, wenn das Kind wenigstens eine

Mutter hat. Frau von Rotkraut kann doch froh sein, daß es so noch mit

ihr gekommen ist. Ihren alten Krüppel kriegt sie schon herum. Wenn das

Mädel erst eine Mutter findet, wird ihr der Vater egal. Und dann bist

du sie auch los.«

Viktor Schwarz nickte nachdrücklich: »Gusti, ich danke Gott, daß

ich dich habe. Nein, lache nicht -- alles, was du mir gesagt hast,

unterschreibe ich. Das arme Kind kann einem wirklich leid tun. Ich

werde an Frau von Rotkraut schreiben und ihr mal energisch den

Standpunkt klarmachen.« -- Er stand auf und küßte Gustis Mund, der

immer ein wenig rot gefärbt war. »Du kannst doch alles«, sagte er

bewegt.

»Hüte garnieren! Du kannst mehr!« --

Als Herr Tübbeke wieder zum Dienst erschien, wurde er alsbald zum

Herrn Justizrat gerufen. Der Bürovorsteher sah einen schweren Tag

vor sich, denn Schreiber Rudorff hatte ihm schon Bertas Streich

mitgeteilt. Zorn und Mitleid stritten in Onkel Tübbeke. Er sagte sich

zwar, daß Berta keinesfalls den Vater erkannt haben konnte -- das

hätte man ihr schon angemerkt. Aber der Justizrat konnte ihn unter

Umständen für einen Intriganten halten, und das war er wirklich nicht.

»Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer das Pflegekind Ihrer Schwester

ist?« fragte Viktor Schwarz mit undurchsichtiger Miene.

Der Alte war ganz betroffen. Er wußte nicht, wie die Frage gemeint

war. Bezog der Justizrat sie auf sich oder nur auf Liese Prutz? Er

mußte sehr vorsichtig sein: »Ach Gott, Herr Justizrat -- darüber hab'

ich eigentlich noch garnicht nachgedacht ...«

»Das hätten Sie aber sollen. Das Mädchen gehört zu den Akten Prutz,

die Sie zu verwalten haben. Ich brauche Ihnen doch nicht mehr zu

sagen, was die Pflicht eines Beamten ist. Na -- ich will mich nicht

weiter dabei aufhalten. Gewesenes ist gewesen -- wir wollen der

Zukunft ins Auge sehen. Und da lassen Sie sich ein für allemal gesagt

sein, Tübbeke: Nur für den Fall, daß ich Ihrer sicher bin, kommt die

in Aussicht gestellte Pension in Frage. Ich sage Ihnen das klar und

kalt. Für Ihre Schwester et cetera sind Sie mir verantwortlich. Sie

haben mich hoffentlich verstanden? Und nun an die Arbeit. Übrigens,

wenn Sie etwas Kräftigung brauchen -- kaufen Sie sich eine Flasche

Portwein. Da, mein Lieber« -- --

Berta trug es stumm in sich herum, das Fragen und Forschen, die

Gespenster, die sie seit der Stunde bei Justizrat Schwarz verfolgten.

Noch war er der Rechtsbeistand ihrer Mutter für sie -- aber er

mußte auch noch etwas anderes sein. Klar wurde ihr nichts, Gefühle

verdichteten sich kaum zu Ahnungen -- sie fühlte nur das eine: es

durfte nicht ihr einziger Besuch bei Justizrat Schwarz bleiben. Trotz

Onkel Tübbeke -- sie mußte es noch einmal wagen.

Als sie eben überlegte, wie sie es durchführen könnte, wurde sie von

Tante Grunow in die Küche gerufen. Tübbeke hatte seiner Schwester

alles gesagt, aber die Worte des Justizrats wirkten in ihm nach -- mit

drohender Zähigkeit gab er der alten Frau seine Weisungen. Berta war

jetzt eine unheimliche Macht -- man mußte streng und konsequent sein,

aber man durfte sie nicht reizen.

Unter dem Eindruck dieser Vorschriften sprach Frau Grunow mit ihrem

Pflegekinde: »Ich muß dir mal was sagen, Berta -- was sehr Ernstes --«

»Es wird schon Frühling, Tante.«

Bertas dunkle Augen hatten etwas wirr Verschwimmendes.

»Ja, ja -- davon reden wir jetzt nicht. Sei mal vernünftig. Von

Vorwürfemachen ist keine Rede -- ich will bloß, daß wir beide einig

sind. Also laß dir gesagt sein -- Onkel und ich -- wir wissen alles.«

»Ich möchte mir einen kleinen Hund kaufen -- dann hat man doch

wenigstens was. Bei Lütkes nebenan sind junge Teckel.«

»Hast du'n Vogel, sage mal? Verstehst du kein Deutsch mehr? Onkel

und ich, wir wissen, daß du bei Herrn Justizrat warst! -- Aber, wie

gesagt, wir wollen ganz vernünftig drüber reden --«

Berta ging hastig durch die Stube: »Ich konnte nicht anders, Tante!

Ich hab's nicht mehr ausgehalten!«

»Ja, ja -- das verstehen wir ja -- man immer ruhig Blut! 'n Kind wie

du -- das kommt eben auf so'ne Ideen. Du tust uns ja leid -- Du meinst

immer, daß du uns nicht leid tust --«

Berta starrte die Tante an. Was war das für ein neuer Ton? Aber sie

traute ihm nicht: »Ich weiß bloß, daß ich aus lauter Angst zu ihm

hingelaufen bin. Ihr sagt mir ja doch nichts. Ja, wenn ~ihr~ mir

mal was sagen tätet ...«

»Was denn? Erlaube mal -- was sollen wir dir eigentlich sagen?«

»Na, wer mein Vater ist! Das wißt ihr doch!«

Sie hatte es herausgeschrien. Eine schwere Pause kam, dann war Tante

Grunow gefaßt: »Du hast Ideen im Kopp -- es ist unglaublich. Also an

so was denkst du? Nee, mein Kind. -- Dein Vater geht uns garnichts an.

Von dem haben wir keine blasse Ahnung. Für den interessieren wir uns

nicht im Mindesten.«

»Sei nicht böse, Tante, aber das halt' ich doch für ganz unmöglich!«

Frau Grunow wandte sich ab -- nun stieg doch eine fatale Röte in ihr

fahles Gesicht. Nein, lügen war vor diesen Augen schwer. Sie biß

lieber ihre Autorität heraus: »Wenn Du glaubst, daß deine alte Tante

dir was vormacht -- das ist deine Sache. Eines aber laß dir jetzt

gesagt sein: du hast auch Rücksichten zu nehmen! Ich kenn' dich durch

und durch, Berta -- daß du Fehler hast, weiß ich -- aber daß du ein

anständiges Mädchen bist, daran darfst du mich nicht irremachen!«

Ihre Stimme zitterte. Jetzt hatte sie den richtigen Ton getroffen.

Angstvoll sah Berta sie an. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke,

daß man sie für unanständig halten könnte. Hier lag ja der Halt ihres

Lebens -- sie wollte im Recht bleiben und Unrecht dulden.

»Was meinst du, Tante?« stammelte sie.

»Ich meine -- daß du mal hinter unserm Rücken zu dem Herrn Justizrat

gelaufen bist, das lassen wir dir hingehn -- aber das zweitemal wär'

unanständig! Onkel hängt von dem Mann ab, Onkel kann seine Stellung

verlieren, wenn der Mann sich weiter über dich ärgert! So ist es

doch nun mal im Leben! Unsereiner muß kuschen! Der Mann ist der

Rechtsanwalt von deiner Mutter, und gerade darum darfst ~du~ ihm

nicht auf der Pelle sitzen! Verstehst du denn das noch immer nicht?«

Frau Rietschel das Kind · 第 60 / 97 题