Viktor Schwarz trat in das Vorzimmer, als sein Sprößling verschwunden
war. »Wann kommt Herr Tübbeke zurück?« fragte er streng.
Schreiber Rudorff spitzte die Ohren. Es klang, als ob auch der
Bureauvorsteher etwas ausgefressen hätte: »Seine Schwester hat
telephoniert, höchstens drei Tage, Herr Justizrat, dann ist er wieder
da.«
Der Gestrenge nickte und zog sich zurück. Sein Verhalten dem alten,
abhängigen Manne gegenüber war ihm schon klar. Nun aber galt es die
Hauptsache. Viktor Schwarz gab sich keiner Selbsttäuschung hin. Der
unverhoffte Zwischenfall hatte, wie man ihn auch ansah, Bedeutung.
Er konnte unter Umständen eine ernsthafte Störung seiner Laufbahn
bringen. Bei dem ersten Einfall, den ›Rechtsbeistand der Mutter‹ zu
besuchen, blieb es natürlich nicht. Berta Prutz zeigte ein seltsames
Gemisch von Naivität und Beharrlichkeit. Auch fürchtete der Mann, der
nichts unbewußt tat, die Macht des Instinktes. Er hatte sich nicht
verraten, aber die Kleine konnte von dem Zusammenhang des Blutes
gepackt werden.
Vor allen Dingen mußte er an die nächste Zukunft denken. Der
›Allgemeine Bund zur ethischen Fortbildung‹ war ihm gelungen. Was
nach einigen Jahren daraus wurde, konnte ihm gleichgültig sein -- da
war er gewiß schon von einer neuen Mode abgelöst. Jetzt aber sollte
ihm der Bund zu einem Reichstagsmandat verhelfen. Erste Bedingung
blieb: moralische Unantastbarkeit. Der Schein mußte unbedingt gewahrt
bleiben. Eine aufdringliche, kleine Proletarierin aber zerriß
diesen Schein. Dazu hatte er wirklich nicht auf Heller und Pfennig
die Alimente bezahlt. Ja, wenn es ein ganz besonderes Kind gewesen
wäre! Mit hervorstechenden Talenten! Man hätte sich mit ihr zeigen,
unter Umständen an die Vorurteilslosigkeit der Berliner appellieren
können. Talent war ein Freibrief. Aber hier lauerte nur der triviale
Durchschnitt. Das Mädchen war ganz hübsch, wenn auch körperlich
zurückgeblieben, doch seine notwendige Entwicklung hielt es unrettbar
im Gewöhnlichen.
Nein, er wurde jetzt schon ruhiger. Ins Bockshorn jagte man ihn
nicht. »Nie!« flüsterte er, während er vor den Spiegel trat und seine
Vatermiene betrachtete. »Nie!« wiederholte er dumpf noch einmal.
»Was denn?« fragte eine frische, etwas spöttische Stimme hinter ihm.
Er drehte sich schnell um und sah die Frau, die er seine einzige
Freundin nannte. Gusti Bernhardi war ihm unentbehrlich -- ihr heller
Verstand, ihr sicherer Geschmack konnten ihm immer raten und helfen.
Mit wienerischer Leichtigkeit beflügelte sie sein preußisches
Strebertum -- sie glaubten sich gegenseitig nicht viel.
Viktor Schwarz wurde von einer Erkenntnis befallen: Dieser Frau mußte
er alles sagen. Sie hatte ihm schon oft bewiesen, daß sie das Leben
fester anzupacken wußte als er. Sein Vorteil war außerdem der ihre --
deshalb war sie verschwiegen.
Sie hörte ihn an. Was wirklich in ihr vorging, konnte er nicht
erkennen. Eine stille, ironische Heiterkeit war in ihr, eine
Schadenfreude fast -- sie gönnte ihm den Überfall. Dann zog sie ihn
zu sich auf das Sofa und sagte: »Ja, lieber Schatz, mir scheint, die
einzige Schuld bei der Sache hat die Frau Major. Sie ist diskret,
ja, ja -- du brauchst nicht zu fürchten, daß das Mädel von ihr die
Wahrheit hört -- aber mit den Nerven eines Menschen kann man nie
rechnen. Ich mein' jetzt die Kleine. Wie du sie mir geschildert hast
-- sie kann einem schon leid tun. Es ist ein schrecklicher Unsinn,
daß sie so ganz vereinsamt. Wenn das so weitergeht, wird sie noch
närrisch, und dann wirst du sie überhaupt nimmer los. Nein, nein, die
Mutter hätt' sich ihrer annehmen müssen. Du bleibst selbstverständlich
aus dem Spiel, aber das geht nur, wenn das Kind wenigstens eine
Mutter hat. Frau von Rotkraut kann doch froh sein, daß es so noch mit
ihr gekommen ist. Ihren alten Krüppel kriegt sie schon herum. Wenn das
Mädel erst eine Mutter findet, wird ihr der Vater egal. Und dann bist
du sie auch los.«
Viktor Schwarz nickte nachdrücklich: »Gusti, ich danke Gott, daß
ich dich habe. Nein, lache nicht -- alles, was du mir gesagt hast,
unterschreibe ich. Das arme Kind kann einem wirklich leid tun. Ich
werde an Frau von Rotkraut schreiben und ihr mal energisch den
Standpunkt klarmachen.« -- Er stand auf und küßte Gustis Mund, der
immer ein wenig rot gefärbt war. »Du kannst doch alles«, sagte er
bewegt.
»Hüte garnieren! Du kannst mehr!« --
Als Herr Tübbeke wieder zum Dienst erschien, wurde er alsbald zum
Herrn Justizrat gerufen. Der Bürovorsteher sah einen schweren Tag
vor sich, denn Schreiber Rudorff hatte ihm schon Bertas Streich
mitgeteilt. Zorn und Mitleid stritten in Onkel Tübbeke. Er sagte sich
zwar, daß Berta keinesfalls den Vater erkannt haben konnte -- das
hätte man ihr schon angemerkt. Aber der Justizrat konnte ihn unter
Umständen für einen Intriganten halten, und das war er wirklich nicht.
»Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer das Pflegekind Ihrer Schwester
ist?« fragte Viktor Schwarz mit undurchsichtiger Miene.
Der Alte war ganz betroffen. Er wußte nicht, wie die Frage gemeint
war. Bezog der Justizrat sie auf sich oder nur auf Liese Prutz? Er
mußte sehr vorsichtig sein: »Ach Gott, Herr Justizrat -- darüber hab'
ich eigentlich noch garnicht nachgedacht ...«
»Das hätten Sie aber sollen. Das Mädchen gehört zu den Akten Prutz,
die Sie zu verwalten haben. Ich brauche Ihnen doch nicht mehr zu
sagen, was die Pflicht eines Beamten ist. Na -- ich will mich nicht
weiter dabei aufhalten. Gewesenes ist gewesen -- wir wollen der
Zukunft ins Auge sehen. Und da lassen Sie sich ein für allemal gesagt
sein, Tübbeke: Nur für den Fall, daß ich Ihrer sicher bin, kommt die
in Aussicht gestellte Pension in Frage. Ich sage Ihnen das klar und
kalt. Für Ihre Schwester et cetera sind Sie mir verantwortlich. Sie
haben mich hoffentlich verstanden? Und nun an die Arbeit. Übrigens,
wenn Sie etwas Kräftigung brauchen -- kaufen Sie sich eine Flasche
Portwein. Da, mein Lieber« -- --
Berta trug es stumm in sich herum, das Fragen und Forschen, die
Gespenster, die sie seit der Stunde bei Justizrat Schwarz verfolgten.
Noch war er der Rechtsbeistand ihrer Mutter für sie -- aber er
mußte auch noch etwas anderes sein. Klar wurde ihr nichts, Gefühle
verdichteten sich kaum zu Ahnungen -- sie fühlte nur das eine: es
durfte nicht ihr einziger Besuch bei Justizrat Schwarz bleiben. Trotz
Onkel Tübbeke -- sie mußte es noch einmal wagen.
Als sie eben überlegte, wie sie es durchführen könnte, wurde sie von
Tante Grunow in die Küche gerufen. Tübbeke hatte seiner Schwester
alles gesagt, aber die Worte des Justizrats wirkten in ihm nach -- mit
drohender Zähigkeit gab er der alten Frau seine Weisungen. Berta war
jetzt eine unheimliche Macht -- man mußte streng und konsequent sein,
aber man durfte sie nicht reizen.
Unter dem Eindruck dieser Vorschriften sprach Frau Grunow mit ihrem
Pflegekinde: »Ich muß dir mal was sagen, Berta -- was sehr Ernstes --«
»Es wird schon Frühling, Tante.«
Bertas dunkle Augen hatten etwas wirr Verschwimmendes.
»Ja, ja -- davon reden wir jetzt nicht. Sei mal vernünftig. Von
Vorwürfemachen ist keine Rede -- ich will bloß, daß wir beide einig
sind. Also laß dir gesagt sein -- Onkel und ich -- wir wissen alles.«
»Ich möchte mir einen kleinen Hund kaufen -- dann hat man doch
wenigstens was. Bei Lütkes nebenan sind junge Teckel.«
»Hast du'n Vogel, sage mal? Verstehst du kein Deutsch mehr? Onkel
und ich, wir wissen, daß du bei Herrn Justizrat warst! -- Aber, wie
gesagt, wir wollen ganz vernünftig drüber reden --«
Berta ging hastig durch die Stube: »Ich konnte nicht anders, Tante!
Ich hab's nicht mehr ausgehalten!«
»Ja, ja -- das verstehen wir ja -- man immer ruhig Blut! 'n Kind wie
du -- das kommt eben auf so'ne Ideen. Du tust uns ja leid -- Du meinst
immer, daß du uns nicht leid tust --«
Berta starrte die Tante an. Was war das für ein neuer Ton? Aber sie
traute ihm nicht: »Ich weiß bloß, daß ich aus lauter Angst zu ihm
hingelaufen bin. Ihr sagt mir ja doch nichts. Ja, wenn ~ihr~ mir
mal was sagen tätet ...«
»Was denn? Erlaube mal -- was sollen wir dir eigentlich sagen?«
»Na, wer mein Vater ist! Das wißt ihr doch!«
Sie hatte es herausgeschrien. Eine schwere Pause kam, dann war Tante
Grunow gefaßt: »Du hast Ideen im Kopp -- es ist unglaublich. Also an
so was denkst du? Nee, mein Kind. -- Dein Vater geht uns garnichts an.
Von dem haben wir keine blasse Ahnung. Für den interessieren wir uns
nicht im Mindesten.«
»Sei nicht böse, Tante, aber das halt' ich doch für ganz unmöglich!«
Frau Grunow wandte sich ab -- nun stieg doch eine fatale Röte in ihr
fahles Gesicht. Nein, lügen war vor diesen Augen schwer. Sie biß
lieber ihre Autorität heraus: »Wenn Du glaubst, daß deine alte Tante
dir was vormacht -- das ist deine Sache. Eines aber laß dir jetzt
gesagt sein: du hast auch Rücksichten zu nehmen! Ich kenn' dich durch
und durch, Berta -- daß du Fehler hast, weiß ich -- aber daß du ein
anständiges Mädchen bist, daran darfst du mich nicht irremachen!«
Ihre Stimme zitterte. Jetzt hatte sie den richtigen Ton getroffen.
Angstvoll sah Berta sie an. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke,
daß man sie für unanständig halten könnte. Hier lag ja der Halt ihres
Lebens -- sie wollte im Recht bleiben und Unrecht dulden.
»Was meinst du, Tante?« stammelte sie.
»Ich meine -- daß du mal hinter unserm Rücken zu dem Herrn Justizrat
gelaufen bist, das lassen wir dir hingehn -- aber das zweitemal wär'
unanständig! Onkel hängt von dem Mann ab, Onkel kann seine Stellung
verlieren, wenn der Mann sich weiter über dich ärgert! So ist es
doch nun mal im Leben! Unsereiner muß kuschen! Der Mann ist der
Rechtsanwalt von deiner Mutter, und gerade darum darfst ~du~ ihm
nicht auf der Pelle sitzen! Verstehst du denn das noch immer nicht?«