»Ja, freilich -- deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«
»Hm ... So ... Sie sind also die Pflegetochter? Er erwähnte es mir
einmal. Es freut mich jedenfalls, daß Sie sich an mich wenden.
Freilich -- Sie sind doch wohl noch minderjährig?«
»Ich bin sechzehn Jahre.«
»Sechzehn ... hm. Nun, das macht ja nichts. Mit dem Vormund kann ich
mich ja später in Verbindung setzen. Wer ist Ihr Vormund?«
»Fräulein Ottilie Sanftleben in Strelenwalde, Herr Justizrat.«
Berta glaubte, daß dem nervösen Herrn diese Vormundschaft nicht recht
war. Warum zuckte er so? Sie fügte schnell hinzu: »Ich kenne sie
übrigens kaum.«
Viktor Schwarz schneuzte sich: »Das macht ja nichts ... Das macht
garnichts ... Hm. Darf ich jetzt fragen, wie Ihre Frau Mutter heißt?
Denn es handelt sich doch wohl um Ihre Frau Mutter?«
»Eigentlich auch um meinen Vater, Herr Justizrat. Aber den kenn' ich
nicht. Ich weiß nicht mal, wie er heißt, und wo er wohnt. Meine Mutter
kann ich jetzt leider auch nicht besuchen. Aber ich kenne sie, und sie
heißt jetzt Frau von Rotkraut, Frau Major von Rotkraut. Sie wohnt auch
in Strelenwalde.«
Berta hatte das letzte mit einem gewissen Stolz auseinandergesetzt. Es
tat ihr doch wohl, daß sie keine so Hergelaufene war.
Viktor Schwarz rieb seine kalten Füße an dem Bärenfell, das unter dem
Schreibtisch lag. Er wollte jetzt endgültig sichergehen: »War der
Mädchenname ihrer Mutter Prutz? Stammt Ihre Mutter vielleicht aus
Strelenwalde?«
»Jawohl, Herr Justizrat. Sie kennen sie doch? Sie sind doch ihr
Rechtsbeistand? Oder nennt man's nicht so?«
»Doch -- freilich, liebes Kind -- so nennt man's ... Hm ... Ja -- nun
hab' ich doch mal die Tochter vor mir! ... Freut mich sehr! Freut mich
wirklich!«
Er versuchte einen launig gutherzigen Ton anzuschlagen. Ganz gelang
es ihm nicht. Berta hatte scharfe Ohren. Sie spürte verwundert seine
Erregung. Dann geschah etwas Sonderbares: Viktor Schwarz hatte den
Kneifer abgenommen und setzte ihn wieder auf. Sofort zogen sich
seine schwarzen, kurzsichtigen Augen hinter den scharfen Gläsern
zusammen. Das erinnerte Berta an eine eigene Eigenschaft, die ihr zum
Mißgeschick zu werden drohte. Sie wurde rot und senkte den Blick.
Diese Regung verstand er nicht. Er fühlte sich sicherer mit seinem
Kneifer und sagte im bewährten Brustton: »Nun haben Sie mal volles
Vertrauen zu mir, liebes Kind. Nun sagen Sie mir rückhaltlos, um was
es sich handelt.«
Berta zwang sich, ihm wieder in die Augen zu sehen: »Ach, Herr
Justizrat -- es wird Ihnen wohl ein bißchen komisch vorkommen --«
»Komisch? Aber durchaus nicht!«
»Es ist nämlich -- ich habe nämlich keinen Menschen auf der Welt.«
Sie ärgerte sich, weil ihre Stimme brach -- sie wollte nicht weinen.
Mit einer energischen Bewegung, die ihn merkwürdig an Liese erinnerte,
fuhr sie fort: »Frau Grunow ist ja sehr nett und gut zu mir -- und
Onkel Tübbeke auch --«
Bei diesem Namen dachte Viktor Schwarz: ›Der alte Schuft! Der hat mir
das Balg verheimlicht! Den Schleicher werde ich mir mal kaufen!‹ Aber
er nickte Berta aufmunternd zu.
»Es ist nur -- die Leute verstehen einen eben nicht. Das sind eben
keine gebildeten Leute. Ich gehe auf die Handelsschule, ich lerne
Französisch und Englisch, ich will Buchhalterin und Korrespondentin
werden.«
»Brav, brav«, sagte Viktor Schwarz.
»Nur immer bloß arbeiten -- daraus besteht ja das Leben nicht, Herr
Justizrat. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke. Man möchte
auch sozusagen was fürs Herz. Ich meine -- Gott, nun lachen Sie mich
gewiß gleich aus. Um Jungens kümmere ich mich natürlich nicht. Das tun
die andern. Aber mit Mutter ist es so traurig -- erst war sie so nett
zu mir -- aber dann, wie sie den Herrn Major geheiratet hat, da ist
sie ganz kalt gegen mich geworden. Ich kriege sie nie mehr zu sehen.
Tante Grunow sagt, ich darf nie zu ihr nach Strelenwalde kommen.«
»Hm ... So ... Weshalb denn? Das versteh' ich eigentlich nicht. Ich
kann ja mal mit Ihrer Frau Mutter darüber reden.«
»Ach, ja, Herr Justizrat! Ach, bitte! Denn sehn Sie -- ich kann doch
eigentlich nichts dafür, nicht wahr? Ich bin doch nicht schuld, daß
ich auf der Welt bin? Das sind doch ganz andre Leute! Und Schande
mach' ich meiner Mutter wahrhaftig nicht. Ich hab's immer so schwer
gehabt, Herr Justizrat -- ich weiß, was arbeiten heißt und sein Brot
verdienen! Und bitter bin ich auch nicht geworden -- im Gegenteil.«
Viktor Schwarz versenkte sich jetzt so in ihren Anblick, daß Berta
unwillkürlich zurückwich. Dann aber faßte sie es als wachsendes
Interesse auf und sprach in erwachender Beredsamkeit weiter: »Ich
dräng' mich auch nicht auf! Nein, wirklich -- das ist gar nicht meine
Art! Ich will bloß, was mir zukommt! Aber darauf hat doch, glaub' ich,
jeder Mensch ein Recht -- nicht wahr, Herr Justizrat? Es dauert gar
nicht mehr lange, dann steh' ich auf eigenen Füßen und brauche nach
keinem Menschen mehr zu fragen! Jedenfalls, wenn meine Mutter sich
wegen mir geniert -- schön -- das muß sie wissen. Aber man hat ja
nicht bloß eine Mutter auf der Welt, sondern auch einen Vater, Gott
sei Dank, und deshalb bin ich eben zu Ihnen gekommen, Herr Justizrat!«
Der freundliche Justizrat lehnte sich jetzt in seinem Sessel zurück.
Er verfärbte sich, es schien ihm plötzlich nicht ganz wohl zu sein.
Doch als er Bertas betroffenen Blick sah, winkte er lächelnd ab:
»Fahren Sie nur fort, liebes Kind. Es interessiert mich alles sehr,
was Sie mir sagen.«
»Na, das freut mich aber! Gott, Sie sind ja auch der einzigste auf der
Welt, mit dem ich darüber reden kann!«
»Und -- warum, liebes Fräulein?«
»Na, weil Sie doch der Rechtsbeistand von meiner Mutter sind! Ich will
Ihnen nämlich sagen: Sie stecken alle gegen mich zusammen! Ich bin
noch nicht dahintergekommen, wie es zusammenhängt, aber aus keiner
Menschenseele krieg' ich 'raus, wer mein Vater ist! Wie 'ne Blinde
tapp' ich 'rum! Dabei glaub' ich ganz bestimmt, daß meine Leute zu
Hause es wissen! Sie sagen zwar das Gegenteil, aber Gott weiß, wie die
geschmiert worden sind!«
Viktor Schwarz schneuzte sich. Das Taschentuch verbarg jetzt seine
Züge -- so sagte er gleichsam hinter einem Vorhang: »Und was
versprechen Sie sich eigentlich davon, wenn Sie den Aufenthalt Ihres
Vaters wüßten? Wäre es Ihre Absicht, sich mit ihm in Verbindung zu
setzen?«
Berta wartete erst ab, bis er wieder zum Vorschein kam -- dann rief
sie: »Aber selbstverständlich! Was Besseres kann ich doch nicht haben
auf der Welt!«
»Kind, Kind -- da kann ich Ihnen wirklich nicht recht geben. Ihr
Herr Vater ist doch, wie ich aus Ihren Mitteilungen entnehme,
ein vollkommen fremder Mann für Sie, der nur seinen gesetzlichen
Verpflichtungen nachkommt -- oder ist das etwa auch nicht der Fall?«
»Doch, doch, Herr Justizrat. Er hat immer für mich bezahlt. Aber nun
tut er das auch nicht mehr, weil ich doch jetzt sechzehn Jahre bin,
und weil nun jede Verbindung mit ihm aus ist, darum will ich um jeden
Preis versuchen --«
»Aha, jetzt kann ich mich schon in Ihren Gedankengang hineinversetzen.
Ich persönlich würde Ihnen ja entschieden abraten, die Bekanntschaft
Ihres Erzeugers zu suchen. Aber der instinktive Vorgang in Ihnen ist
mir natürlich klar, und --«
Berta unterbrach den würdigen Herrn zum erstenmal. Sie fühlte, daß es
sich nicht schickte, aber jetzt ging das Temperament mit ihr durch:
»Warum raten Sie mir ab? Warum, Herr Justizrat?«
»Weil ich Ihnen ziemlich sicher eine schwere Enttäuschung prophezeien
kann. Ihr Vater mag sein, wie er will -- eine Jugendtorheit wird man
ihm jetzt nicht mehr als Verbrechen anrechnen dürfen -- aber die
Stimme der Natur ist nicht in ihm, das steht doch fest -- er fühlt
sich nicht als Ihr Vater, und deshalb wird er es niemals sein können!«
Der Justizrat sprach mit solchem Nachdruck, daß seine Worte zuerst
niederschmetternd auf Berta wirkten. Dann aber regte sich ein
trotziges Gefühl in ihr: Erst wollte sie doch wissen, mit welchem
Recht er so sprach. Erst wollte sie klar sehen, was er von ihrem Vater
wußte.
»Herr Justizrat -- Pardon -- ich meine doch -- es könnte doch auch
ganz anders kommen! ... Das denken sich vielleicht Herr Justizrat bloß
so --«
»Oho, liebes Kind! Ich pflege überhaupt nur zu sagen, was ich mir
denke! Wenn Sie etwas anderes von mir erwartet haben, wären Sie besser
nicht zu mir gekommen!«
Bertas Augen füllten sich mit Tränen: »Ach Gott -- ich bin ja so dumm
-- ach, werden Sie man bloß nicht böse, Herr Justizrat! Ich bin ja so
unglücklich!«
Jetzt weinte sie doch. Er fühlte sein Übergewicht und sagte tröstend:
»Beruhigen Sie sich, liebes Fräulein. Tränen führen hier zu garnichts.
Von Bösewerden ist bei mir keine Rede. Wenn ich kein Interesse für
Sie hätte, würde ich Sie nicht anhören. Darum zur Sache: Was hoffen
Sie von mir in Ihrer Angelegenheit? Welchen Dienst soll ich Ihnen
eigentlich erweisen?«
Sie sah ihn ringend an: »Ach, Herr Justizrat -- ich denke mir: Als
Rechtsbeistand von meiner Mutter wissen Sie doch, wer mein Vater ist?
Sie kennen ihn doch ganz bestimmt?«
Sie war nahe an ihn herangerückt. Jetzt stand Viktor Schwarz plötzlich
auf und ging ohne ernstlichen Grund zum Fenster. -- »Nein, ich kenne
ihn nicht«, sagte er dort. Seine Stimme klang in diesem Augenblick so
eigentümlich, daß Berta etwas Gespenstisches zu hören glaubte. Aber
sie sah ihn ja vor sich, wie sonst.
»Ist das möglich?« flüsterte sie mit flackerndem Blick. »Hat denn
meine Mutter nie über Vater mit Ihnen gesprochen?«
Er stand dem Fenster zugewendet: »Das wohl. Aber persönlich hatte ich
natürlich gar kein Interesse. Ich hatte nur als Jurist zu tun. Und als
solcher habe ich mein Amtsgeheimnis zu wahren. Das möchte ich Ihnen
zunächst doch sagen, liebes Kind. Ich ~darf~ über Angelegenheiten
meiner Klienten keine Auskunft erteilen.«
»Auch -- mir gegenüber?«
»Auch Ihnen gegenüber!«
Berta senkte den Kopf: »Das hab' ich nicht gewußt.« -- Nach einer
Weile fragte sie: »Aber er lebt doch?«
»Vermutlich.«
»Und wo? Und wie er heißt?« -- Noch einmal entbrannte ihre flehende
Sehnsucht.
Viktor Schwarz zuckte die Achseln -- dann wandte er sich zu ihr: »Ich
kann Ihnen wirklich nichts darüber sagen. So leid es mir tut. Aber
einen Fingerzeig will ich Ihnen geben: Ich glaube nicht, daß Ihr Herr
Vater für Sie erreichbar ist. Ich vermute ihn irgendwo im Auslande. Er
steckt in Interessen, die mit Ihnen nicht das mindeste zu tun haben,
Hand aufs Herz: viel mehr könnte ich Ihnen auch nicht sagen, wenn ich
dürfte. Genügt Ihnen das?«
Berta erhob sich langsam. Sie nickte stumm, machte einen ungeschickten
Knicks und ging zur Tür. »Vielen Dank, Herr Justizrat«, flüsterte sie
dort noch -- dann war sie schon auf der Treppe. Klare Überlegung kam
ihr nicht. Die Enttäuschung war zu überwältigend. Nur zwei sonderbare
Empfindungen wurden ihr allmählich bewußt: Sie konnte nicht verstehen,
warum der Justizrat so plötzlich zum Fenster gegangen war, und dann
das zweite war noch seltsamer: sie sah immer einen Aal vor ich, den
Tante Grunow einmal in ihrer Gegenwart auf dem Markt gekauft hatte.
Das Tier war bezahlt, aber soviel man sich auch mühte: immer wieder
entglitt es den Händen seines Käufers.