Herr Rudorff machte große Augen: »Nein -- Prutz, Herr Justizrat ...«

»Herrgott, ja! Mensch, seien Sie doch nicht so schwer von Begriffen!

Frau von Rotkraut, meine Klientin, heißt mit Mädchennamen Prutz --

also die ist es nicht?«

»Nein, Herr Justizrat«, erwiderte der Schreiber, gekränkt -- »die

kenn' ich doch auch, die Dame aus Strelenwalde, nicht wahr? Aber die

Dame draußen, das ist überhaupt noch keine Dame, das ist höchstens ein

Mädel von vierzehn Jahren.«

Dem Justizrat fiel der Kneifer auf den Schreibtisch: »So alt erst --

taxieren Sie sie? Und sie behauptet, sie heißt Prutz?«

Herr Rudorff verbiß sich das Lachen: »Jawohl. Dagegen kann man ja

nichts machen.«

»Nein, nein -- selbstverständlich nicht -- der Name kommt ja öfters

vor -- hm ... Na, lassen Sie sie eintreten. Oder warten Sie mal -- in

zehn Minuten -- ich habe hier noch was -- -- sie möchte sich noch zehn

Minuten gedulden!«

Der Schreiber ging in das Vorzimmer zurück. Was war denn mit dem Alten

heute? So hatte er ihn noch nie gesehen.

Viktor Schwarz lief in seinem Zimmer umher. Jetzt überstürzte sich

sein altgewohnter Monolog. Er spürte einen heimtückischen Angriff.

Und jetzt gerade, wo er in Berlin den Gipfel erstieg -- wo er in der

Philharmonie vor dem ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹

sprechen wollte ... Da kam ihm dieses Wesen? ... Aber es konnte ja

auch ein Zufall sein. Der Name Prutz war durchaus nicht einzigartig.

Wer wußte, welche harmlose Sache das fremde Mädel zu ihm führte? Er

hatte sich wohl wieder einmal umsonst aufgeregt.

Jedenfalls war es unklug von ihm, daß er sie vorließ. Doch eine

Abweisung konnte erst recht auffallen. Rudorff wußte, daß er jetzt

nicht beschäftigt war. Eine Klientin unmotiviert fortschicken? Das

war unmöglich. Er mußte es wagen. Gewaltsam stellte er seine kalte

Ruhe her. Es konnte ja gar nicht sein. Diskret war Liese und vor

allem: sie fürchtete ihn. Der Major war noch schlimmer als der Baron.

Entschlossen ging er auf die Tür zu: »Bitte sehr!«

Das Mädchen stand in seinem Zimmer. Es erschien ihm zuerst sehr

kindlich. Dann aber sah er ihm ins Gesicht und erkannte, daß es älter

war, ja gerade so alt, wie er unwillkürlich nachrechnete. Es war ein

hübsches Ding -- das freute ihn irgendwie. Im nächsten Augenblick

ärgerte er sich über seine Freude.

»Nehmen Sie bitte Platz. Womit kann ich Ihnen dienen, Fräulein?«

Bertas Gedankenflucht stockte. Sie mußte jetzt ihr pochendes Herz

bezwingen. -- »Herr Justizrat,« stammelte sie, indem sie ihn mit

kindlicher Andacht ansah -- »ich heiße nämlich Prutz ...«

»Das weiß ich. Davon habe ich schon Kenntnis genommen.«

»Ja und eben -- ich wohne nämlich bei Frau Grunow -- der ihr

Pflegekind bin ich ...«

Viktor Schwarz trommelte nervös: »Aha -- so, so ... Und was hat dieser

Umstand -- verzeihen Sie, liebes Kind -- mit Ihrer Angelegenheit zu

schaffen?«

»Oh, viel -- denn sehen Sie, Herr Justizrat, Frau Grunow ist nämlich

die Schwester von Herrn Tübbeke ...«

Frau Rietschel das Kind · 第 58 / 97 题