Berta lachte kurz: »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich meine man bloß. Wär' nett von ihm. Na, du freust dich wohl schon

auf die Handelsschule?«

Berta sah erstaunt auf. Tante Grunow war ja heute so liebenswürdig?

Steckte da etwas dahinter? -- »Ach, ja, Tante -- die Gemeindeschule

kriegt man wirklich satt. Da sind die Mädchen doch alle so'n bißchen

ordinär.«

»Na, na,« murrte Onkel Tübbeke. »Bilde dir man bloß nichts ein. In der

Handelsschule kommst du auch nicht mit lauter Komtessen zusammen, und

mit der Prinzessin Viktoria Luise erst recht nicht.«

Die Kleine merkte den Spott. -- »Ach, die!« rief sie schnippisch und

etwas affektiert. »Die lieb' ich allerdings! Die lieb' ich!«

»Mach' du man deine Schule gut zu Ende«, sagte Tante Grunow. »Zu

vornehm bist du wahrhaftig nicht dazu. In der Handelsschule wird's

dann anders. Da heißt es, sich drauf vorbereiten, was ein Beruf ist

und sein Brot verdienen -- da wird man Buchhalterin oder so was.«

»Das weiß ich ja alles, Tante!« Berta hatte mal wieder ihren

arroganten Ton. Sie setzte sich ans Fenster, schlug die Beine

übereinander und vertiefte sich in ein Buch. Es war ein zerschlissener

Engelhornroman. Berta mußte die Augen dicht auf das Blatt senken.

»Warum trägst du denn die Brille nicht?« fragte die Tante streng. »Du

bist wieder ohne Brille nach Hause gekommen. Der Doktor hat extra

gesagt --«

»Ach, Tante, laß mich doch! Die Brille paßt mir, glaub' ich, nicht. Da

tun mir immer die Augen so weh. Die ist gewiß zu scharf.«

»Na, so was! 'ne halbe Stunde hat der Doktor dir die Augen untersucht,

und nun soll die Brille auf einmal nicht passen! Nein, ich will dir

sagen, was dir nicht paßt: Die Brille ist dir nicht schön genug! Wegen

der Leute! Aber ellenlange Hacken an die Schuhe, die übermorgen schief

getreten sind, bloß damit sie ein Endeken größer aussieht -- das geht!

Das paßt! Was sagst du zu so'n Jör, Adolf?«

»Ich werde ihr zu Weihnachten 'n Longjong schenken, mit'n langen Stiel

aus Schildpatt -- das ist auch was für Viktoria Luise«, meinte Onkel

Tübbeke paffend.

Berta sprang auf. Sie lachte, schluchzte aber auch plötzlich: »Ach,

Gott -- ich versteh' euch gar nicht! Also, damit ihr's wißt: Die

Brille ist zu scharf, und deshalb schiel' ich immer ein bißchen,

wenn ich sie aufhab'. Das haben sie mir in der Schule gesagt, und in

Wirklichkeit schiel' ich doch gar nicht, und ohne die Absätze halten

sie mich für bucklig!«

Man spürte ihre Erregung. Es war klüger, das Thema ruhen zu lassen.

Berta war jetzt von krankhafter Reizbarkeit. Früh setzten ihre

Entwicklungsjahre ein.

Jetzt latschte endlich Alfons in die Stube. Er fuhr sich mit beiden

Händen durch das Lockenhaar und sagte lakonisch: »Essen, Mutter!«

Man setzte sich. Es gab Mohrrüben mit Kartoffeln, ein Essen, das

Berta nicht liebte. Sie hatte sich bei Werkmeister und Retzdorff in

der Oranienstraße wieder ein Viertelpfund gefüllte Schokolade gekauft

und während des Heimweges aufgegessen. Gegen diesen plötzlichen

Heißhunger auf etwas Ungewöhnliches konnte sie sich nicht wehren. Die

Schaufenster der Delikatessen- und Konfitürengeschäfte bannten sie.

Was aus ihren Finanzen werden sollte, war ihr freilich ein Rätsel. Sie

bekam zwei Mark Taschengeld für die Woche und hatte am Mittwoch schon

eine Mark dreißig ausgegeben. Dann sollte sie noch die Pferdebahn

und womöglich Schulhefte bezahlen. In der Puppenklinik -- das wußte

niemand -- lag Viktoria Luise, ihr Liebling. Das arme Kind mußte sie

endlich auch einmal abholen. Das gab wieder eine Rechnung. Nun, Berta

fühlte sich, wie ein Börsenspekulant. Sie lebte und ließ sich treiben.

Zerstreut stocherte sie in dem Essen herum. Dieser Anblick ärgerte

Tante Grunow. Nun nahm sie ihr vollends den Appetit.

»Du, Mädchen, heute kann ich dir mal was von deine Mutter erzählen.

Ja, starr' mich nicht so an -- heute weiß ich wieder mal was von deine

Mutter!«

Bertas Gabel fiel auf den Teller. Onkel Tübbeke aber sagte entrüstet:

»Na, so was! Weißt du, Mathilde, ich begreif' dich manchmal garnicht!«

»Wieso denn? Sie will doch immer alles wissen? Du hast eben keine

Ahnung von so'n Kind!«

Berta saß zitternd da. Ihre Augen waren von Tränen gefüllt. -- »Was

ist denn mit Mutter, Tante?«

»Nichts Schlimmes. Hab' man keine Angst. Nun hast du doch jahrelang

nichts von ihr gehört, und nun weißt du doch wenigstens, daß sie

wieder Glück hat. Es ist ihr ja wirklich zu gönnen.«

Die Kleine starrte schweigend vor sich hin. Die Mutter war ihr so

fremd geworden, die kümmerte sich gar nicht mehr um sie. Dennoch --

sobald nur der Name genannt wurde, erwachte ein brennendes Interesse

in Berta. Es war der tiefste Zusammenhang, der nicht absterben wollte.

Jetzt griff Alfons ein. Er hatte eine riesige Portion Mohrrüben

vertilgt und sagte mit düsterer Miene: »Erwarte du dir man nichts

davon, Berta. Ich überseh' die Sache. Deine Mutter ist von die

Burschoa zu die Junkers übergegangen. Überall läßt sie sich ausnutzen,

überall ist es derselbe Verrat am Proletariat.«

»Quatsch mit Soße«, erwiderte Frau Grunow. »Sie hat sich

wiederverheiratet. Lange schon.«

Frau Rietschel das Kind · 第 55 / 97 题