VIERZEHNTES KAPITEL

Frau Grunow lauschte an der Tür, die zum Korridor führte. Nun

flüsterte sie Onkel Tübbeke zu: »Da kommt sie aus der Schule!

Natürlich wieder mit Alfons! Der erzählt ihr vom Zukunftsstaat, der

Dusel!«

»Na, zu mir hat sie gestern noch gesagt: ›Weißt du, was ich sein

möchte, Onkel? Die Prinzessin Viktoria Luise.‹«

»Unser Kaiser seine Tochter? Kunststück, 'ne Prinzessin hätt' ich auch

mal sein mögen. Aber wenn man im Dalles geboren ist ... Aber das von

ihre Mutter, das sag' ich ihr jetzt.«

»Von ihrem Vater? Bist du verrückt?«

»Mensch, sitzt du denn auf den Ohren? Von ihre ~Mutter~ hab' ich

gesagt! Ich kann nicht so schreien -- sie steht mit Alfons in der

Küche und nascht Backpflaumen.«

»Du willst ihr sagen, daß die Baronsche noch mal geheiratet hat? Und

daß sie wieder in Strelenwalde wohnt? Mathilde, du weißt doch, sie hat

sich extra ausbedungen, daß das Kind auch davon nichts erfährt.«

Frau Grunows magere Gestalt krampfte sich: »Ja, ja! Das weiß ich ja

alles! Aber die hat ja'n Vogel! Was die sich einbildet! Erst bringt

sie das Kind auf die Welt, und dann läßt sie's liegen, und dann angelt

sie wieder nach ihr, und dann schmeißt sie sie noch mal weg! So'n Kind

ist doch auch'n Mensch! Die wird ja ganz konfus gemacht, und an der

Mutter hängt sie! Pfui Deibel, sind das Leute!«

Onkel Tübbeke zündete sich gelassen seine Hängepfeife an: »Mathilde,

du redest immer, wie ~dir~ die Sachen passen. Was ein Jurist ist,

wie ich, der geht von den andern aus. Mit dem Baron ist es nichts

gewesen -- nun hat die Liese noch das Schwein gehabt, nun hat sie

einen richtigen Schentelmann gekriegt, einen adligen Offizier, wenn

sie ihn auch in Afrika kaputt geschossen haben. Es ist eben ein Mann,

der von ihre Vergangenheit nichts wissen darf. Die Hauptsache ist, daß

wir beide das Maul halten. Ich kenne Herrn Schwarz -- er ist übrigens

schon Justizrat. Mathilde, nicht mehr bloß Rechtsanwalt -- wenn der

das Kind nicht will und hört, daß ich mit Berta zusammenwohne, dann

bin ich auf meine alten Tage ohne Stellung!«

Frau Grunow sah, daß ihr Bruder vor Erregung zitterte. -- »Das ist

doch übertrieben,« sagte sie begütigend.

»Nee! Ich kenn' ihn!«

»Na, du kannst ganz ruhig sein -- vor ~ihm~ wird sie nie was

erfahren. So schlau bin ich auch noch! Ich werde uns doch nicht

unglücklich machen. Aber das von ihre Mutter, das soll sie jetzt hören

-- da brauchen wir ja keine Rücksicht zu nehmen, und man hat doch auch

'n bißchen Mitleid mit so'n Kind.«

Jetzt trat Berta in die Stube. Sie war klein geblieben, aber etwas

Zierliches und schnell Entschlossenes hatte sie. Ihr Wesen war nicht

gewöhnlich, man wurde auf sie aufmerksam. Aus dem nervösen Gesichtchen

blickten kluge, dunkle Augen. Sie schien beständig auf geheimer Suche

zu sein. Auch heute blickte sie wieder forschend auf die Anwesenden,

als sie die Stube betreten hatte.

»Mahlzeit, Onkel. Mahlzeit, Tante.«

»Mahlzeit, mein Kind. Läßt Alfons uns auch noch'n paar Backpflaumen

übrig?«

Frau Rietschel das Kind · 第 54 / 97 题