Frau Grunow lauschte an der Tür, die zum Korridor führte. Nun
flüsterte sie Onkel Tübbeke zu: »Da kommt sie aus der Schule!
Natürlich wieder mit Alfons! Der erzählt ihr vom Zukunftsstaat, der
Dusel!«
»Na, zu mir hat sie gestern noch gesagt: ›Weißt du, was ich sein
möchte, Onkel? Die Prinzessin Viktoria Luise.‹«
»Unser Kaiser seine Tochter? Kunststück, 'ne Prinzessin hätt' ich auch
mal sein mögen. Aber wenn man im Dalles geboren ist ... Aber das von
ihre Mutter, das sag' ich ihr jetzt.«
»Von ihrem Vater? Bist du verrückt?«
»Mensch, sitzt du denn auf den Ohren? Von ihre ~Mutter~ hab' ich
gesagt! Ich kann nicht so schreien -- sie steht mit Alfons in der
Küche und nascht Backpflaumen.«
»Du willst ihr sagen, daß die Baronsche noch mal geheiratet hat? Und
daß sie wieder in Strelenwalde wohnt? Mathilde, du weißt doch, sie hat
sich extra ausbedungen, daß das Kind auch davon nichts erfährt.«
Frau Grunows magere Gestalt krampfte sich: »Ja, ja! Das weiß ich ja
alles! Aber die hat ja'n Vogel! Was die sich einbildet! Erst bringt
sie das Kind auf die Welt, und dann läßt sie's liegen, und dann angelt
sie wieder nach ihr, und dann schmeißt sie sie noch mal weg! So'n Kind
ist doch auch'n Mensch! Die wird ja ganz konfus gemacht, und an der
Mutter hängt sie! Pfui Deibel, sind das Leute!«
Onkel Tübbeke zündete sich gelassen seine Hängepfeife an: »Mathilde,
du redest immer, wie ~dir~ die Sachen passen. Was ein Jurist ist,
wie ich, der geht von den andern aus. Mit dem Baron ist es nichts
gewesen -- nun hat die Liese noch das Schwein gehabt, nun hat sie
einen richtigen Schentelmann gekriegt, einen adligen Offizier, wenn
sie ihn auch in Afrika kaputt geschossen haben. Es ist eben ein Mann,
der von ihre Vergangenheit nichts wissen darf. Die Hauptsache ist, daß
wir beide das Maul halten. Ich kenne Herrn Schwarz -- er ist übrigens
schon Justizrat. Mathilde, nicht mehr bloß Rechtsanwalt -- wenn der
das Kind nicht will und hört, daß ich mit Berta zusammenwohne, dann
bin ich auf meine alten Tage ohne Stellung!«
Frau Grunow sah, daß ihr Bruder vor Erregung zitterte. -- »Das ist
doch übertrieben,« sagte sie begütigend.
»Nee! Ich kenn' ihn!«
»Na, du kannst ganz ruhig sein -- vor ~ihm~ wird sie nie was
erfahren. So schlau bin ich auch noch! Ich werde uns doch nicht
unglücklich machen. Aber das von ihre Mutter, das soll sie jetzt hören
-- da brauchen wir ja keine Rücksicht zu nehmen, und man hat doch auch
'n bißchen Mitleid mit so'n Kind.«
Jetzt trat Berta in die Stube. Sie war klein geblieben, aber etwas
Zierliches und schnell Entschlossenes hatte sie. Ihr Wesen war nicht
gewöhnlich, man wurde auf sie aufmerksam. Aus dem nervösen Gesichtchen
blickten kluge, dunkle Augen. Sie schien beständig auf geheimer Suche
zu sein. Auch heute blickte sie wieder forschend auf die Anwesenden,
als sie die Stube betreten hatte.
»Mahlzeit, Onkel. Mahlzeit, Tante.«
»Mahlzeit, mein Kind. Läßt Alfons uns auch noch'n paar Backpflaumen
übrig?«