»Von Rotkraut heißt er. Lache nicht, Alfons -- du denkst natürlich
an Rotkohl. Der Mann ist Hauptmann a. D. Jetzt ist er sogar schon
glaub' ich Major. Er soll man bloß ein Krüppel sein, aber das macht
nichts. Deine Mutter hat einen vornehmen Mann, und der Baron war ein
Schubjack.«
»Sind sie in Berlin?« fragte Berta leise.
»Nein, Kind, die haben gewußt, was sie tun. Seit Jahren sitzen sie
schon in Strelenwalde, wo deine Mutter her ist, und da haben sie die
Konditorei von deinem Großvater geerbt.«
Alle schwiegen. Berta machte bei dem Wort Konditorei unwillkürlich ein
lüsternes Gesicht. Alfons aber schlug lachend mit der Faust auf den
Tisch: »Na, nu wird's Tag! Der Herr Major ist Konditor in Strelenwalde
geworden! Aber das gefällt mir von dem Mann! Der ziert sich nicht, der
macht jede Arbeit!«
»Rede nicht so'n Stuß, Alfons. Seine Frau führt natürlich das
Geschäft. Der Major kommt nicht mehr aus seiner Stube 'raus -- der
sitzt eine Treppe höher und liest die Kreuzzeitung.«
Berta war ruhiger geworden. Ein eigentümlich bitteres Lächeln kam auf
ihr blasses Gesicht. -- »Na schön«, sagte sie scheinbar gleichgültig.
»Es freut mich wegen Mutter. Mich geht die Sache ja schließlich nichts
an. Da sie mir nichts mitgeteilt hat ...«
»Was soll sie dir denn mitteilen?«
»Na, sie ist doch schließlich meine Mutter, Tante.«
»Das schon. Aber du mußt bedenken, Kind, der Major will ebensowenig
von dir wissen wie der Baron.«
»Aha!« stieß Alfons zwischen den Zähnen hervor. Mit drohendem Nicken
sah er Berta an: »Da haben wir's! Auf die Welt kommen, ohne gefragt
zu werden! Dann heißt es: Nun werde fertig mit der Welt! Nun laß
dich knuffen und piesacken und leiste noch was und werde noch ein
›nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft‹!«
Onkel Tübbeke rückte heftig mit dem Stuhl: »Weißt du, Alfons, wenn ich
nicht ein gebildeter Mann wär', tät' ich jetzt zu dir sagen: Halt die
Schnauze!«
Alfons sprang auf: »Ob du das sagst oder nicht, Onkel, das ist mir
Wurscht! Ich weiß Bescheid! Und Berta -- da verlaß dich drauf -- die
auch!«
Er verließ die Stube.
»Der Junge«, stöhnte Frau Grunow. »Der wird immer schlimmer. Hör' bloß
nicht mehr auf den, Berta -- dann ist es ganz mit dir aus.«
Berta schüttelte langsam den Kopf: »Onkel Alfons ist der einzige, der
richtig mit mir reden kann.«
»Na, du mußt es ja wissen. Du bist eben ein undankbares Balg. Ja,
das bist du! Willst du nun hören, was ich dir von deiner Mutter zu
erzählen habe, oder nicht?!«
»Die Tierquälerei halt' ich nicht aus!« -- Mit diesen Worten verließ
auch Onkel Tübbeke die Stube. Berta war mit der Tante allein. Sie
trotzte, aber sie fürchtete nur eines: daß die Tante jetzt gekränkt
sein und schweigen könnte. Das war das Schlimmste. Im Innersten sehnte
sie sich ja nur nach jeder Neuigkeit von der Mutter. Daß der Vater
für immer im Dunkeln bleiben würde, damit hatte sie sich abgefunden.
Tante Grunow ließ sich herbei. Da kamen nun wunderliche Dinge zu Tage.
Nicht nur die Tatsache: ihre gesunde, junge Mutter hatte einen alten
Invaliden geheiratet, sie führte als Frau Majorin eine Konditorei
weiter -- das war es nicht allein: ihr Gatte schien der reine
Märchenmann zu sein. Er hatte Afrika nach Strelenwalde gebracht. Wenn
es wirklich so war -- in dem Konditorladen bediente ein baumlanger
Neger? Strelenwalde mußte ja auf dem Kopf stehen.
»Na, was sagst du dazu? Das gefällt dir wohl! Was?« fragte Tante
Grunow nach einer Pause.
Berta nickte mit verträumtem Lächeln. Dann flüsterte sie: »Ich möcht's
gern sehen.«
Halb erschrocken, halb energisch erwiderte Tante: »Nein, Kind, das laß
dir man ja nicht einfallen! Das will deine Mutter auf keinen Fall! Sie
hat mir geschrieben: Berta darf ~nie~ nach Strelenwalde kommen!
Ich mein' es auch weiter gut mit ihr und schick' ihr immer was -- aber
sie paßt nicht mehr zu mir, ich habe Rücksichten zu nehmen!«
Nun war es gesagt. Berta schwieg dazu. Die erwartete Auflehnung kam
nicht. Sie schien ihr Schicksal hinzunehmen. Das einzige, was ihr
anzumerken war, blieb ihre gebückte Haltung. Die sah man sonst bei
einem Mädchen ihres Alters nicht.
Sie konnte es nicht begreifen. Tatsachen standen vor ihr, keine
Begründung. Wenn sie ein fleißiger, sauberer, anständiger Mensch wurde
-- wen konnte sie noch stören? Wer durfte sich ihrer schämen? So dumm
und grausam kamen ihr die Menschen garnicht vor. Vielleicht waren sie
nur in Strelenwalde so. Schwer empfand sie es, daß es keine Stelle
gab, wo sie sich aussprechen konnte. Onkel Alfons faßte immer alles
gleich politisch auf. Der kam auf das ganze Volk und schließlich auf
den Kaiser. Ihre arme, kleine Person ging bei den großen Reden leer
aus. Nein, es blieb ihr nur der eigene Weg -- aber der war steil und
dunkel.
Zuweilen versuchte sie es noch, sich traumhaft in die Romantik
von Strelenwalde zu versetzen. Sie spürte der Mutter mit ihrer
Phantasiekraft nach. Bald aber versiegte dieser Trieb vor den bösen,
kalten Worten: »~Nie~ darf Berta nach Strelenwalde kommen!« --
Eigentümlich gleichgültig blieb sie gegen den Menschen, dessen
Schutz sie empfohlen war. Sie wußte, daß sie einen Vormund hatte,
aber es fiel ihr niemals ein, Fräulein Ottilie Sanftleben in
Anspruch zu nehmen. Sie kannte sie nur von einem kurzen Besuch,
den die Strelenwalderin in Berlin gemacht -- eine halbe Stunde war
sie bei Tante Grunow gewesen. Ihre Absicht, das Mündel persönlich
kennenzulernen, war allzu pflichtgemäß erschienen. Die Dame hatte ein
feines, eigentümlich kühles Wesen. An ihrer Güte brauchte man nicht zu
zweifeln, -- aber sie schien nur mit kleinen Kindern umgehen zu können
-- das Problem des heranwachsenden Menschen war ihr zu bedrohlich.
Berta verfiel dem Irrtum, daß sie ihrem Vormund eine Last war -- das
wollte sie keinesfalls. Sie fühlte sich ohnehin genug umhergestoßen.
So kam denn allmählich der bedeutsame sechzehnte Geburtstag heran.
Berta war sich eigentlich nicht darüber klar, warum er solche
Bedeutung hatte. Im Grunde regte diese Lebensstufe wohl nur ihre
Pflegemutter auf. Erst am Geburtstage enthüllte sich die Ursache.
Berta war durch ihre ganze Entwicklung in eine Untugend geraten: sie
horchte gern. Man hatte sie immer so im Halbdunkel gelassen, man
machte aus Dingen, die jedem Kinde selbstverständlich waren, solches
Geheimnis, daß sie unfreiwillig zu dem verwerflichen Mittel griff. Auf
solche Weise erfuhr sie doch wenigstens hier und da etwas.
So kam es auch heute, daß man sie noch beim Bäcker glaubte, aber sie
war mit ihren flinken Füßen schon zurück und hörte im Korridor eine
laute Unterhaltung von Onkel und Tante. Freilich wurde sie auch jetzt
von den gewiegten Diplomaten getäuscht: ~ein~ Name kam niemals
über ihre Lippen. Wenn er einmal kam, so ganz gewiß nicht in der
Bedeutung, die Berta aufklärte.
Aber sie erfuhr etwas Wichtiges: ihr sechzehnter Geburtstag hatte eine
besondere Bedeutung dadurch, daß nicht mehr für sie bezahlt wurde! ...
Also das war es! Die ›Alimente‹ hörten auf! Der große Unbekannte wurde
endlich seine lästige Verpflichtung los ...
Es schüttelte Berta. Sie verriet sich fast. Ängstlich zog sie die
Hand von der Klinke. Halb fühlte sie sich gehoben, halb auch beiseite
gestoßen. Was ihrem Stolz wohltat, kam über Onkel und Tante nur als
neue Sorge. Aber ein Name fiel nicht. Berta fieberte und biß die Zähne
aufeinander -- ein Name fiel nicht! Nur aus dem Ton, wie man von ›ihm‹
sprach, entnahm sie, daß ihr Vater den beiden nicht unbekannt war.
Ja, Onkel Tübbeke mochte ihn sogar persönlich kennen. Berta stampfte
mit beiden Füßen. Tolle Gedanken kamen ihr: ›Ob ich ihn einfach mal
überfalle? Abends, wenn Onkel vom Stammtisch kommt und ein bißchen
angesäuselt ist? Dann stell' ich mich unten in den Hausflur und laure
ihm auf und lass' ihn nicht vorbei, bis er mir den Namen gesagt hat!
Was nachher kommt, ist mir schnuppe!‹
Aber sie vergegenwärtigte sich das Gesicht des alten Mannes, vor dem
sie doch einen gewaltigen Respekt hatte. Da ließ sie die verrückte
Idee wieder fallen. Sie mußte eben weiter tappen. Blind geboren war
sie wohl. Wenn nicht ein großer Zufall ...
Jetzt nahm das Gespräch in der Stube eine Wandlung -- man kam auf
die Mutter. Das fesselte Berta weniger, aber in ihrer Verlassenheit
horchte sie doch mit schmerzlicher Spannung. Tante Grunow schimpfte
wieder auf die Frau Major, doch Onkel Tübbeke sagte sarkastisch: »Laß
man -- die weiß, wo sie bleibt. Außerdem hat sie einen gewiegten
Rechtsbeistand.« -- »Wer is'n das?« -- »Na, rate mal. Schwarz heißt
er.« -- »Was? Dein Justizrat -- --??« »Derselbige. Das hat doch 'n
gewissen Humor, nicht wahr? Na, überhaupt die Weiber! ... Aber wo
bleibt denn eigentlich Berta? Die muß doch längst zurück sein?«
Onkel Tübbeke ging plötzlich auf die Tür zu. Berta konnte eben noch in
die Küche huschen. Als der Onkel erschien, sagte sie unschuldig: »Die
Hälfte hab' ich Kaffeekuchen nehmen müssen -- Streusel war nicht mehr
so viel da, Onkel.«
»Macht nichts«, meinte der Alte gemütlich und gab ihr einen Kuß.
Machte ihn der Geburtstag so empfindsam? Berta schämte sich. --
Aber sie wurde bis zum Abend von einem tiefen Triumphgefühl nicht
verlassen. Nun wußte sie doch etwas, etwas ganz Wichtiges, und niemand
hatte eine Ahnung davon: Sie kannte den Rechtsbeistand ihrer Mutter!
Oder vielmehr: Sie konnte ihn, wenn sie nur wolle, kennenlernen. Ob
dieser Mann ihr nicht die ersehnte Auskunft gab? Es mußte ja mit dem
Teufel zugehen, wenn der Rechtsbeistand ihrer Mutter nicht wissen
sollte, wer ihr Vater war!
Aber wie zu ihm gelangen? -- Plötzlich stand Berta wieder vor einer
hohen Mauer. Sie konnte natürlich jeden Nachmittag hingeben, sie wußte
seit Jahren, wo Justizrat Schwarz wohnte: Taubenstraße 24 -- aber im
Vorzimmer war das unüberwindliche Hindernis. Dort saß Onkel Tübbeke
als Bureauvorsteher! An ihm kam sie nicht vorbei. Schon schwammen
Berta wieder alle Felle weg. Wie gelähmt saß sie da, während die
Geburtstagsgäste freudig auf ihr Wohl anstießen.
Doch über Nacht kam eine schwache Hoffnung: Mit Onkel Tübbeks Husten
war zu rechnen. Der arme, alte Mann bellte wieder zum Erbarmen.
Vielleicht wurde er doch einmal dienstunfähig. Berta wünschte es innig
-- ihm zur Erholung, sich zur Befreiung. Sobald er zu Hause bleiben
mußte, rannte sie zu Justizrat Schwarz -- das stand fest.
Aber Onkel Tübbeke war von einem fürchterlichen Pflichtbewußtsein.
Jeden Morgen und bei jedem Wetter zog er, in seinen Wollschal
gewickelt, los. Berta hatte das Nachsehen.
Sie tröstete sich, so gut es ging, mit Viktoria Luise. Von dem Gelde,
das ihr Alfons zum Geburtstag geschenkt, bezahlte sie die Rechnung in
der Puppenklinik. Nun holte sie ihren Liebling aus dem Krankenhause
ab. Daß sie schon zu alt fürs Puppenspielen geworden, war Berta wohl
bewußt -- sie verbarg es auch scheu vor dem Spott der Großen. Aber
diese Puppe hatte nichts Kindisches mehr für sie -- sie war ein
Gleichnis und der Hort ihres Herzens. Nicht ihre Tochter war Viktoria
Luise, sondern ihre einzige Freundin. Sie ruhte die unbefriedigte
Seele bei dem Traum aus, einer Prinzessin Freundin zu sein. Die
Kaisertochter erfüllte den Wunsch des gequälten Volkes: sie holte
ihre Vertraute von den Armen und Enterbten. So dichtete Berta. Das
Mißverhältnis der starren Puppe in ihren warmen Menschenhänden störte
sie nicht. --
Endlich -- eines Morgens sagte Tante Grunow verärgert: »Heute bleibt
Onkel zu Hause! Ich telephoniere nachher ins Bureau! Der Husten wird
ja immer doller -- ich tu' schon kein Auge mehr zu!«
Berta zeigte ein scheinheiliges Bedauern. Als die Tante ihr den
Rücken gekehrt, machte sie einen Freudensprung. Nun war der Weg frei.
Sie wollte es heute schon wahrnehmen. Nachmittags, wenn sie aus der
Handelsschule kam, konnte sie nach der Taubenstraße rennen. Onkel
Tübbeke erfuhr vielleicht später davon, aber dann war es ihr gleich;
dann wußte sie schon, was sie wissen wollte.
Der Nachmittag rückte heran. Nie war ihr eine Wartezeit so schwer
geworden. Die Spannung überwältigte sie fast. Sie ging wohl zehnmal
an dem Hause in der Taubenstraße vorbei -- dann wagte sie sich
endlich hinein. An Onkel Tübbekes Stelle saß heute Herr Rudorff, der
Schreiber, und fühlte sich. Er spielte den Vielbeschäftigten und ließ
Berta länger warten, als nötig war. Dem kleinen, befangenen Mädchen
legte er ohnehin keine Bedeutung bei. Es wolle den Herrn Justizrat
sprechen? In welcher Angelegenheit? Nun, da stand Berta wie vor den
Mund geschlagen. Die Ausrede, die sie erfunden, kam ihr jetzt zu plump
vor. Sie faßte sich mühsam und stotterte, es sei sehr wichtig, sie
könne aber nur mit dem Herrn Justizrat darüber reden. Herr Rudorff
sah sie mißtrauisch von der Seite an und ging zu dem Gestrengen hinein.
Viktor Schwarz hatte eben keinen Klienten vor, aber er war trotzdem
von den wichtigsten Geschäften in Anspruch genommen. Onkel Joachim war
nämlich gestorben -- ein alter Mann, der schon lange nicht mehr auf
ihn eingewirkt hatte. Aber nun, da er die Welt verlassen, ändert sich
doch viel für den Neffen. Eine große Erbschaft mußte für Tante Klara
verwaltet werden. Ihm ›brummte der Kopf‹. Verstimmt blickte er deshalb
auf Herrn Rudorff, der wieder mit einem lästigen Klienten kam. Den
Namen hörte Viktor Schwarz zuerst nur mit halbem Ohr -- er kramte in
seinen Papieren.
»Wie heißt die Dame?« fragte er nach einer Weile.
»Prutz, Herr Justizrat.«