Viktor Schwarz, Rechtsanwalt und Notar.‹

Der Hauptmann bekam diesen Brief nicht zu sehen. Liese zerpflückte ihn

und flüsterte mit bitterem Munde: »Nun ist er also wieder frei ... Man

sollte ihm eigentlich gratulieren.« --

Hermann von Rotkraut war ein Grübler. Immer witterte er Gefahr und

suchte ihr zu begegnen. Immer ging er mit sich selbst zu Rat. So ließ

er sich von den Tagen des ersten Glückes nicht den Blick trüben. Er

spürte, daß seine Berliner Junggesellenwirtschaft für eine junge

Frau nichts war. Die Wohnung war häßlich, und Simbas afrikanische

Gewohnheiten widersprachen Lieses märkischer Sauberkeit. Noch war

keine Klage laut geworden, doch der zartfühlende Mann wollte Lieses

Verstimmung zuvorkommen. Eines Mittags sagte er: »Kind, wir verlassen

Berlin.«

Liese wurde rot vor Freude: »Es ist merkwürdig, wie du immer

vorausweißt, was ich denke!« Sie streichelte ihn. »Die Wohnung ist

mir ja lieb, weil wir unsere erste Zeit hier hatten, aber auf die

Dauer ... Wir brauchen Licht und Luft, Hermann. Für uns ist es besser,

draußen irgendwo auf dem Lande, wenn's auch ganz bescheiden ist. Dann

kommen wir mit unsern paar Kröten aus.«

»Schade, daß wir nicht in deine Heimat ziehen können. Strelenwalde

stelle ich mir reizend vor.«

»Ja, es ist jammerschade. Aber du weißt ja, woran es liegt.«

Liese senkte den Kopf. Der Hauptmann schwieg bestürzt. Aber er ahnte

nicht, was in ihr vorging. Sie hatte ihm das Zerwürfnis mit dem

Vater geschildert, wie seine schlichte Soldatennatur es verstehen

konnte. Eine rückhaltlose Beichte war ihr bei ihm noch weniger als

bei dem Baron möglich. Angstvoll wachte sie darüber, daß dieser

redliche Geist seine schöne Meinung von ihr behielt. Er glaubte, daß

ihr künstlerischer Freiheitsdrang die Härte des Vaters verschuldet

hatte. Ihm erschien es möglich, daß ein Konditor in Strelenwalde seine

Tochter verstieß, weil sie in Berlin Sängerin werden wollte. Auch ihm

lag solcher Frauenweg fern, aber daß ein Mensch für seine Überzeugung

kämpfte, mußte er in jedem Fall respektieren. --

Sie kamen auf das Thema der Übersiedlung nicht mehr zurück, aber es

beschäftigte beide. Verträumt blickte sie auf ein mögliches Idyll. Da

kam wieder ein Brief in die Auguststraße, wieder mit einem Trauerrand,

diesmal aber schmal und bescheiden, und die Handschrift gab Liese eine

ganz andere Spannung. Der Hauptmann saß heute dabei. Er sah, wie sie

den Brief sinken ließ und ihr Taschentuch an die Augen führte.

»Was ist dir?« fragte er erschrocken. »Ein Verlust?«

Sie überwand sich zur Antwort: »Ja ... Mein armer Vater.« Dann reichte

sie ihm den Brief. Er las:

›Strelenwalde, den 5. März.

Liebe Liese!

Heute ist es ein trauriger Anlaß, daß ich nach langer Zeit die Feder

ergreife, um Dir zu schreiben. Ich fürchte ja fast, daß das Leben

uns entfremden konnte, denn Du gabst mir keine Nachricht mehr,

und nun ersah ich aus der Anzeige Deiner zweiten Vermählung, daß

Du inzwischen Schweres erlebt haben mußt. Nun, ich kannte Deinen

ersten Gatten nicht, und auch Dein zweiter Gatte ist mir fremd --

ich kann Dir nur immer das Beste wünschen. Es heute in die Form von

Glückwünschen zu kleiden, vereitelt aber das herbe Geschick. Ich muß

Dich zugleich von dem Ableben Deines lieben Vaters unterrichten. Er

starb am 20. Februar, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstage. Sein

Ende war sanft, Gott sei Dank. Adele Schörg buk eben Pfannkuchen,

und vom Bett aus rief Dein Vater ihr noch zu: Nimm mehr Butter,

sie sind für den Pastor! -- Dann brach er ab und verstummte. Adele

überhörte, weil das Fett so prasselte, seine letzten Seufzer. Ich

kam nach einer halben Stunde und ordnete alles. Mit Adele hatte ich

leider sofort einen Zusammenstoß. Sie wollte durchaus das Testament

sehen, das ich im Geldschrank Deines Vaters vorfand. Sie wurde so

frech, daß ich sie am liebsten geohrfeigt hätte, wenn es mir nicht

unmöglich wäre, einen Menschen zu züchtigen. Aber sie betritt das

Haus Deines Vaters nicht mehr. Ich fürchte überhaupt, sie hat dort

eine schlimme Rolle gespielt.

Doch nun zu dem, was Dich angeht, liebe Liese. Du bist nun eine

Waise. Aber Deine alte Tante bleibt Dir immer nahe. Du wirst mich in

Strelenwalde brauchen können, denn Du bist nun doch die alleinige

Erbin Deines Vaters geworden. Zu meiner Überraschung enthält das

Testament nur die Bestimmung, daß Haus und Geschäft und der geringe

Barbesitz auf Dich übergehen sollen. Ob diese Verfügung noch eine

Sinnesänderung Deines Vaters bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Um

Deine erste Heirat hat er sich nicht gekümmert, die zweite teilte

ich ihm noch mit, indem ich ihm Deine Anzeige schickte. Ich weiß

über die Wirkung nur, was Adele Schörg mir sagte. Dein Vater soll

in seiner Sterbensmattigkeit noch gelächelt haben: ›Ein Hauptmann

von den Afrikanern -- na, das ist wenigstens was.‹ Er hat dann, wie

ich feststellen konnte, bald darauf Herrn Justizrat Burwig, unsern

Notar, zu sich gebeten. Das vorgefundene Testament ist erst in den

letzten Tagen niedergeschrieben worden. Vorher war keines vorhanden.

Deinetwegen bin ich tief beruhigt. Ich kenne ja die Verhältnisse

Deines zweiten Gatten nicht, aber ein ererbtes Vaterhaus ist immer

ein Rückhalt. Du bist auch die Frau, die es erhalten kann. Dein

Vater starb ohne Vermögen, aber auch ohne wesentliche Schulden, denn

er lebte wie ein Einsiedler. Immerhin ist die Prutzsche Konditorei

trotz aller Vernachlässigung ein gutes, solides Geschäft und kann

von jungen Kräften wieder hochgebracht werden. Freilich, Dein

Gatte ist Hauptmann. Du mußt nun sehen, wie Du das väterliche Erbe

verwalten kannst. Jedenfalls bitte ich Dich, Deine begreifliche

Scheu möglichst bald zu überwinden und wieder nach Strelenwalde zu

kommen, um Dich persönlich über die Erbschaft zu erklären. Herr

Justizrat Burwig erwartet Dich. Was nun noch zu tun ist, geht über

meine Kräfte. Ich bin älter als Dein Vater, liebe Liese. Aber

hoffentlich unterstützt Dich Dein Gatte. Ein tatkräftiger Mann ist

unschätzbar in solchem Fall. Empfiehl mich ihm unbekannterweise.

In treuer Zuneigung Deine

Tante O. Sanftleben‹

Der Hauptmann sah lange stumm auf diesen Brief. Liese beobachtete ihm

mit tränenden Augen. Dann richtete sich der Blick des alten Soldaten

mit einem merkwürdigen Respekt auf sie.

»Was sollen wir tun?« fragte Liese.

»Du hast zu bestimmen«, erwiderte er feierlich.

»Nach Strelenwalde könnten wir ja nun.«

»Ja, Gott sei Dank. Es ist eine schöne Fügung.«

»Das Haus wird dir gefallen. Und der Garten -- -- lieber Gott, ich

werde schon vor Sehnsucht krank. Es ist wahrhaftig genau das, was ich

für uns gewünscht habe.«

»Aber die Konditorei?«

»Ja, was fangen wir mit der an?«

Der Hauptmann strich sich den Bart: »Bist du nicht lange dort tätig

gewesen? Erzähltest du mir nicht --«?

»Gewiß. Ich könnte das Geschäft ganz alleine machen.«

»So tu es doch, Elisabeth.«

»Als deine Frau?«

»Du bleibst für mich, was du warst. Außerdem handelt es sich um das

Lebenswerk deines Vaters. Ich ehre jede verdienstliche Tätigkeit.

Du darfst nicht nur meine Pflegerin bleiben. Dazu bist du zu stark

und jung. Einen Gehilfen mußt du dir natürlich nehmen, denn zum

Kuchenbacken tauge ich nicht. Aber sonst: ich denke es mir prachtvoll.

Friede und doch Nützlichkeit.«

Liese sah vor sich hin. Dann kam ein eigentümlicher Ausdruck in ihre

Züge -- ein Zucken und Leuchten --, es konnte Lachen, aber auch Weinen

sein.

»Was ist dir denn?« fragte der Hauptmann erstaunt.

»Ach, ich muß nur dran denken -- an die Gesichter in Strelenwalde!

Wenn ich auf einmal als ›Frau Hauptmann‹ komme -- und in Vaters Haus

sitze und die Konditorei habe -- und wenn jemand in den Laden kommt,

steht ein baumlanger Neger da! Simba wird sich übrigens als Bedienung

ausgezeichnet machen!«

Der Hauptmann blickte auf Tante Sanftlebens Brief und schüttelte

langsam den Kopf: »Elisabeth ...«

Sie zuckte zusammen. »Ach, so! Mein Vater! Ja, das liegt daran, weil

ich so lange fort bin! Ich habe draußen zuviel ausgehalten! Ja, mein

guter, armer Vater!«

Weinend brach sie bei ihm nieder, und er streichelte ihren schönen,

zuckenden Leib.

Frau Rietschel das Kind · 第 53 / 97 题