Der Hauptmann bekam diesen Brief nicht zu sehen. Liese zerpflückte ihn
und flüsterte mit bitterem Munde: »Nun ist er also wieder frei ... Man
sollte ihm eigentlich gratulieren.« --
Hermann von Rotkraut war ein Grübler. Immer witterte er Gefahr und
suchte ihr zu begegnen. Immer ging er mit sich selbst zu Rat. So ließ
er sich von den Tagen des ersten Glückes nicht den Blick trüben. Er
spürte, daß seine Berliner Junggesellenwirtschaft für eine junge
Frau nichts war. Die Wohnung war häßlich, und Simbas afrikanische
Gewohnheiten widersprachen Lieses märkischer Sauberkeit. Noch war
keine Klage laut geworden, doch der zartfühlende Mann wollte Lieses
Verstimmung zuvorkommen. Eines Mittags sagte er: »Kind, wir verlassen
Berlin.«
Liese wurde rot vor Freude: »Es ist merkwürdig, wie du immer
vorausweißt, was ich denke!« Sie streichelte ihn. »Die Wohnung ist
mir ja lieb, weil wir unsere erste Zeit hier hatten, aber auf die
Dauer ... Wir brauchen Licht und Luft, Hermann. Für uns ist es besser,
draußen irgendwo auf dem Lande, wenn's auch ganz bescheiden ist. Dann
kommen wir mit unsern paar Kröten aus.«
»Schade, daß wir nicht in deine Heimat ziehen können. Strelenwalde
stelle ich mir reizend vor.«
»Ja, es ist jammerschade. Aber du weißt ja, woran es liegt.«
Liese senkte den Kopf. Der Hauptmann schwieg bestürzt. Aber er ahnte
nicht, was in ihr vorging. Sie hatte ihm das Zerwürfnis mit dem
Vater geschildert, wie seine schlichte Soldatennatur es verstehen
konnte. Eine rückhaltlose Beichte war ihr bei ihm noch weniger als
bei dem Baron möglich. Angstvoll wachte sie darüber, daß dieser
redliche Geist seine schöne Meinung von ihr behielt. Er glaubte, daß
ihr künstlerischer Freiheitsdrang die Härte des Vaters verschuldet
hatte. Ihm erschien es möglich, daß ein Konditor in Strelenwalde seine
Tochter verstieß, weil sie in Berlin Sängerin werden wollte. Auch ihm
lag solcher Frauenweg fern, aber daß ein Mensch für seine Überzeugung
kämpfte, mußte er in jedem Fall respektieren. --
Sie kamen auf das Thema der Übersiedlung nicht mehr zurück, aber es
beschäftigte beide. Verträumt blickte sie auf ein mögliches Idyll. Da
kam wieder ein Brief in die Auguststraße, wieder mit einem Trauerrand,
diesmal aber schmal und bescheiden, und die Handschrift gab Liese eine
ganz andere Spannung. Der Hauptmann saß heute dabei. Er sah, wie sie
den Brief sinken ließ und ihr Taschentuch an die Augen führte.
»Was ist dir?« fragte er erschrocken. »Ein Verlust?«
Sie überwand sich zur Antwort: »Ja ... Mein armer Vater.« Dann reichte
sie ihm den Brief. Er las:
›Strelenwalde, den 5. März.
Liebe Liese!
Heute ist es ein trauriger Anlaß, daß ich nach langer Zeit die Feder
ergreife, um Dir zu schreiben. Ich fürchte ja fast, daß das Leben
uns entfremden konnte, denn Du gabst mir keine Nachricht mehr,
und nun ersah ich aus der Anzeige Deiner zweiten Vermählung, daß
Du inzwischen Schweres erlebt haben mußt. Nun, ich kannte Deinen
ersten Gatten nicht, und auch Dein zweiter Gatte ist mir fremd --
ich kann Dir nur immer das Beste wünschen. Es heute in die Form von
Glückwünschen zu kleiden, vereitelt aber das herbe Geschick. Ich muß
Dich zugleich von dem Ableben Deines lieben Vaters unterrichten. Er
starb am 20. Februar, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstage. Sein
Ende war sanft, Gott sei Dank. Adele Schörg buk eben Pfannkuchen,
und vom Bett aus rief Dein Vater ihr noch zu: Nimm mehr Butter,
sie sind für den Pastor! -- Dann brach er ab und verstummte. Adele
überhörte, weil das Fett so prasselte, seine letzten Seufzer. Ich
kam nach einer halben Stunde und ordnete alles. Mit Adele hatte ich
leider sofort einen Zusammenstoß. Sie wollte durchaus das Testament
sehen, das ich im Geldschrank Deines Vaters vorfand. Sie wurde so
frech, daß ich sie am liebsten geohrfeigt hätte, wenn es mir nicht
unmöglich wäre, einen Menschen zu züchtigen. Aber sie betritt das
Haus Deines Vaters nicht mehr. Ich fürchte überhaupt, sie hat dort
eine schlimme Rolle gespielt.
Doch nun zu dem, was Dich angeht, liebe Liese. Du bist nun eine
Waise. Aber Deine alte Tante bleibt Dir immer nahe. Du wirst mich in
Strelenwalde brauchen können, denn Du bist nun doch die alleinige
Erbin Deines Vaters geworden. Zu meiner Überraschung enthält das
Testament nur die Bestimmung, daß Haus und Geschäft und der geringe
Barbesitz auf Dich übergehen sollen. Ob diese Verfügung noch eine
Sinnesänderung Deines Vaters bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Um
Deine erste Heirat hat er sich nicht gekümmert, die zweite teilte
ich ihm noch mit, indem ich ihm Deine Anzeige schickte. Ich weiß
über die Wirkung nur, was Adele Schörg mir sagte. Dein Vater soll
in seiner Sterbensmattigkeit noch gelächelt haben: ›Ein Hauptmann
von den Afrikanern -- na, das ist wenigstens was.‹ Er hat dann, wie
ich feststellen konnte, bald darauf Herrn Justizrat Burwig, unsern
Notar, zu sich gebeten. Das vorgefundene Testament ist erst in den
letzten Tagen niedergeschrieben worden. Vorher war keines vorhanden.
Deinetwegen bin ich tief beruhigt. Ich kenne ja die Verhältnisse
Deines zweiten Gatten nicht, aber ein ererbtes Vaterhaus ist immer
ein Rückhalt. Du bist auch die Frau, die es erhalten kann. Dein
Vater starb ohne Vermögen, aber auch ohne wesentliche Schulden, denn
er lebte wie ein Einsiedler. Immerhin ist die Prutzsche Konditorei
trotz aller Vernachlässigung ein gutes, solides Geschäft und kann
von jungen Kräften wieder hochgebracht werden. Freilich, Dein
Gatte ist Hauptmann. Du mußt nun sehen, wie Du das väterliche Erbe
verwalten kannst. Jedenfalls bitte ich Dich, Deine begreifliche
Scheu möglichst bald zu überwinden und wieder nach Strelenwalde zu
kommen, um Dich persönlich über die Erbschaft zu erklären. Herr
Justizrat Burwig erwartet Dich. Was nun noch zu tun ist, geht über
meine Kräfte. Ich bin älter als Dein Vater, liebe Liese. Aber
hoffentlich unterstützt Dich Dein Gatte. Ein tatkräftiger Mann ist
unschätzbar in solchem Fall. Empfiehl mich ihm unbekannterweise.
In treuer Zuneigung Deine
Tante O. Sanftleben‹
Der Hauptmann sah lange stumm auf diesen Brief. Liese beobachtete ihm
mit tränenden Augen. Dann richtete sich der Blick des alten Soldaten
mit einem merkwürdigen Respekt auf sie.
»Was sollen wir tun?« fragte Liese.
»Du hast zu bestimmen«, erwiderte er feierlich.
»Nach Strelenwalde könnten wir ja nun.«
»Ja, Gott sei Dank. Es ist eine schöne Fügung.«
»Das Haus wird dir gefallen. Und der Garten -- -- lieber Gott, ich
werde schon vor Sehnsucht krank. Es ist wahrhaftig genau das, was ich
für uns gewünscht habe.«
»Aber die Konditorei?«
»Ja, was fangen wir mit der an?«
Der Hauptmann strich sich den Bart: »Bist du nicht lange dort tätig
gewesen? Erzähltest du mir nicht --«?
»Gewiß. Ich könnte das Geschäft ganz alleine machen.«
»So tu es doch, Elisabeth.«
»Als deine Frau?«
»Du bleibst für mich, was du warst. Außerdem handelt es sich um das
Lebenswerk deines Vaters. Ich ehre jede verdienstliche Tätigkeit.
Du darfst nicht nur meine Pflegerin bleiben. Dazu bist du zu stark
und jung. Einen Gehilfen mußt du dir natürlich nehmen, denn zum
Kuchenbacken tauge ich nicht. Aber sonst: ich denke es mir prachtvoll.
Friede und doch Nützlichkeit.«
Liese sah vor sich hin. Dann kam ein eigentümlicher Ausdruck in ihre
Züge -- ein Zucken und Leuchten --, es konnte Lachen, aber auch Weinen
sein.
»Was ist dir denn?« fragte der Hauptmann erstaunt.
»Ach, ich muß nur dran denken -- an die Gesichter in Strelenwalde!
Wenn ich auf einmal als ›Frau Hauptmann‹ komme -- und in Vaters Haus
sitze und die Konditorei habe -- und wenn jemand in den Laden kommt,
steht ein baumlanger Neger da! Simba wird sich übrigens als Bedienung
ausgezeichnet machen!«
Der Hauptmann blickte auf Tante Sanftlebens Brief und schüttelte
langsam den Kopf: »Elisabeth ...«
Sie zuckte zusammen. »Ach, so! Mein Vater! Ja, das liegt daran, weil
ich so lange fort bin! Ich habe draußen zuviel ausgehalten! Ja, mein
guter, armer Vater!«
Weinend brach sie bei ihm nieder, und er streichelte ihren schönen,
zuckenden Leib.