Elsbeth nickte langsam: »Den heiraten Sie?«

»Ich will nur noch 'ne Aufgabe haben. Pflegen will ich ihn.«

Da legte das große Mädchen plötzlich den Arm um Liese und küßte sie

auf Mund und Augen. Dann lief sie zur Tür: »Verzeihen Sie! Ich tue,

was Sie wollen! Ich behalte das Geld, und wenn ich eine Existenz habe,

gebe ich es an Stiftungen! Ist es Ihnen so recht? Ich möchte nichts

mehr tun, was Ihnen nicht recht ist!« --

Lange noch dachte Liese an diesen sonderbaren Besuch. Dann wurde

es allmählich wieder heller um sie her. Der Scheidungsprozeß

verlief günstig. Lieses zweiter Heirat stand nichts mehr im Wege.

An einem schönen Wintertage konnte sie mit ihrem Invaliden vor den

Standesbeamten treten. Mit einem bescheidenen Frühstück, an dem nur

die beiden Zeugen, einstige Kameraden des Hauptmanns, teilnahmen,

endete die Feier.

Liese verließ nun die treue Exzellenz. Sie siedelte zu ihrem Mann

in die Auguststraße über. Da war es eng und häßlich, man sah aus

jedem Fenster auf eine rote Brandmauer, aber Liese war so hoch

gestimmt, daß ihr alles schön erschien. An dem Morgen, da sie die

Anzeigen ihrer Vermählung absenden wollten, kam ein feiner Brief mit

breitem Trauerrande zu ihr, ihr Herz zuckte, denn sie erkannte die

Handschrift. Innen fand sie eine gedruckte Anzeige:

›Am 20. Februar verschied in Dresden nach langen, mit edler Geduld

ertragenen Leiden meine teure Frau Helene, geborene Kroner. Ich

werde dieses Vorbild weiblicher Tugenden niemals vergessen. Allen

Freunden zur Kenntnis und mit der Bitte, von Beileidsbezeugungen

absehen zu wollen.

Frau Rietschel das Kind · 第 52 / 97 题