Liese lächelte: »Ihnen schon, Herr Hauptmann.«

Frau von Fransecky ergriff wieder das Wort: »Jedenfalls -- mein Neffe

kennt Ihren Gatten sehr gut. Ich möchte fast sagen: zu gut. Ich für

meine Person -- --«

Wieder brach die alte Dame ab und sah hilflos ihren Neffen an. Der

griff jetzt endlich ein: »Du möchtest sagen, Tante, daß du nicht über

August Bassenried informiert warst, als er in dein Haus zog. Du hast

ihn noch gesehen, wie in seiner Knabenzeit. In deinen Jahren ein

durchaus verzeihlicher Irrtum. Das werden Frau Baronin zugeben.«

Liese war unruhig geworden. Mit pochendem Herzen sagte sie: »Das

klingt ja beinahe, als ob mein Mann hier angeklagt werden soll. Als ob

Sie mich dazu eingeladen hätten, Exzellenz?«

Jetzt klappte Frau von Fransecky zusammen. Plötzlich weinte sie: »Aber

was sollte ich denn tun?! Liebste, Beste, was sollte ich anfangen? Ihr

Mann hat mein ehrbares Haus zu einer Spielhölle gemacht! Ihr Mann hat

hier Nacht für Nacht Orgien gefeiert! Der selige Fransecky hätte seine

Gäste mit der flachen Klinge hinausgejagt! Jahrelang habe ich das mit

angesehen und still geduldet -- aber gestern -- nun, ich will jetzt

nichts mehr zurückhalten -- gestern ist die Polizei bei mir gewesen!

Es war bei Gott der schrecklichste Tag meines Lebens!«

Liese schwankte es vor den Augen: »Was wollte denn die Polizei bei

Ihnen, Exzellenz? Was hat das mit meinem Mann zu tun und mit mir?«

Noch einmal fand die alte Frau ihren mütterlichen Ton: »Mit Ihnen

nichts! Ich weiß ja nicht, woher Sie stammen -- das lass' ich

ganz beiseite, aber wie die Dinge stehen, bin ich überzeugt, daß

~Sie~ eine Mesalliance gemacht haben, nicht er! Sie sind

Bassenrieds Opfer! Aber noch ist es Zeit, ihn zur Besinnung zu

bringen! Das können Sie allein!«

»Ich? Glauben Sie denn, Exzellenz, daß ich Einfluß auf ihn habe?«

Diese Worte kamen so ehrlich aus einer gequälten Seele, daß die

Generalin und ihr Neffe sich erschrocken ansahen.

»Kind -- armes, schönes Kind -- was soll aber werden? Die Polizei

nimmt den denkbar mildesten Standpunkt ein. Man will ... Ich kann

nicht mehr -- Hermann, sag' du es ihr. Ich mußte meinen Neffen in

alles einweihen. Sie können sich auf ihn verlassen.«

Jetzt hafteten Lieses verängstigte Augen an dem Hauptmann. Eine

Milde kam in seinen starren Blick, die ihr wohltat, indem er seinen

ergrauten Bart strich, sagte er: »Ich bin orientiert. Ich würde

mich niemals einmischen, wenn ich nicht tatsächlich meine Tante

unterstützen müßte. Also, zu fürchten ist noch nichts, Baronin. Die

Behörde hat den Standpunkt, daß vor allem das Haus Fransecky geschont

werden muß. So hat man also als Richtschnur gegeben: Die Sache soll

unterdrückt werden, wenn kein neuer Fall mehr eintritt. Die geringste

Wiederholung hätte polizeiliches Einschreiten zur Folge, das heißt

Verhaftung des Bankhalters, seiner Ehefrau und seiner Gäste.«

Eine dumpfe Pause kam. Dann fragte Liese, ohne aufzublicken: »Und was

soll ich dabei tun?«

Der Hauptmann wischte ein Stäubchen von seinem leeren Rockärmel:

»Ich kann Ihre Lage durchaus verstehen. Trotzdem bleibt nichts

anderes übrig -- Sie müssen Ihren Gatten warnen. Ich würde es selbst

übernehmen, aber die Folge wäre ein Duell. Ich kenne Bassenried. Er

zieht sich immer durch sinnlose Wut aus der Affäre.«

»Hermann!« rief die alte Frau. »Er wird ~dich~ doch nicht mehr

herausfordern?«

Die Augenbrauen des Hauptmann zogen sich zusammen: »Warum nicht,

Tante? Ich stände zur Verfügung! Mit der Linken schieße ich besser als

mancher mit der Rechten!«

»Ich lasse kein Verbrechen mehr geschehen!« rief Liese jetzt,

fliegende Röte in den Wangen. »Sie dürfen damit nichts zu tun haben,

Herr Hauptmann! Ich werde mit meinem Mann reden!«

Der Invalide sah sie mit verhaltenem Feuer an. ›Armer Trümmer‹, dachte

sie und schluchzte leise auf.

Frau von Fransecky wandte sich mit zitternder Geschäftigkeit dem

Teetisch zu: »Aber nun wollen wir doch endlich zugreifen. Bitte, liebe

Baronin -- bitte, lieber Hermann --«

»Ich muß leider wieder um Beistand bitten,« flüsterte der Hauptmann.

Liese sprang auf: »Aber bitte! Wozu bin ich denn da? Was darf ich

Ihnen geben?« --

Als sie gegen Abend in ihre Wohnung hinaufkam, sagte Friedrich mit

verschmitztem Lächeln: »Herr Baron ist nach Hause gekommen. Er sitzt

im Eßzimmer und wartet.«

Sie nahm sich zusammen. Diese Gelegenheit ließ sie nicht vorbei. Rasch

trat sie ein. Bassenried fuhr auf. Sie hatte ihn seit der Szene in der

Küche nicht mehr gesehen. Nun spürte sie sofort, daß er Versöhnung

suchte. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Vorsatz abbringen.

Während er sie halb zärtlich, halb mißtrauisch betrachtete, aßen sie

schweigend. Dann sagte Liese ihm alles, ohne den Hauptmann zu erwähnen.

»Fatal«, murmelte Bassenried nach einer Pause. »Alles wird einem

abgeschnitten. Wie soll man doch existieren?«

»Anders, August.«

Er konnte ein höhnisches Auflachen nicht unterdrücken: »Das mußt

du mir erst mal vormachen! Für die braven Berufe der ›Verkrachten‹

bin ich nicht geeignet! Ich werde kein Versicherungsagent! Du bist

natürlich eingeschüchtert worden! Du siehst unsere harmlosen Abende

als Verbrechen an! Ich möchte nur wissen, wie die alte Mumie da unten

Wind bekommen hat! Da muß doch etwas dahinterstecken! Wir müssen

denunziert worden sein!«

»Das ist jetzt gleich.«

»Für mich durchaus nicht!«

»Ich bitte dich, August. So geht es nicht länger. Du mußt mir jetzt

versprechen, daß kein Anlaß mehr gegeben wird --«

»Ich verspreche gar nichts! Frauen habe ich noch nie etwas

versprochen! Aber ich werde selbstverständlich tun, was richtig ist!«

--

Sie kam nicht weiter. Die nächsten Tage schienen freilich zu

bestätigen, daß er gewarnt war. Er änderte sein Leben. Gäste brachte

er nicht mehr mit -- jeden zweiten Abend blieb er bei Liese. Sie hätte

den ungewohnten Frieden genießen können, wenn sie nicht deutlich den

Zwang gespürt hätte, den er sich auferlegte. Sein Blick wurde immer

abwesender, die Unterhaltung stockte. Er mußte furchtbare Sorgen

haben. Aber sie stand hilflos vor seiner Pein. Sobald sie in ihn

drang, fauchte er wie ein krankes Raubtier.

Müden Ekel schleppte sie von Tag zu Tag. Oft sehnte sie sich nach

den starren, aber ehrlichen Zügen eines Verstümmelten. Am nächsten

Sonntag kam der Baron mit einer Überraschung an den Frühstückstisch:

»Wir wollen heute nach Hoppegarten, Lies. Habe eben einen Jugendfreund

getroffen, Hauptmann von Rotkraut, von der afrikanischen Schutztruppe,

unglaublicher Kerl, total zusammengeschossen, aber immer noch ein

Mann. Übrigens Neffe von der alten Fransecky -- hast du mal von ihm

gehört?«

Liese schien sich zu besinnen -- dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Er ißt mit uns, und wir fahren nach Tisch. Will Rotkraut meinen

Reitstall zeigen. Den kennst du ja auch noch nicht?«

»Ist der nicht in Karlshorst?«

»Unsinn! Hoppegarten!«

Der Hauptmann kam. Er spielte seine Rolle noch geschickter als Liese.

Er ließ sich ihr vorstellen, als hätte er sie nie gesehen. Das

Bewußtsein, ein Geheimnis mit diesem Mann zu haben, hob Liese ein

wenig. Sie bewährte sich beim Mittagessen als graziöse Wirtin. Der

Blick des Hauptmanns versenkte sich oft in ihr Bild, und er überhörte

Bassenrieds Fragen. Der Baron nahm ihm das nicht übel. Hauptmann von

Rotkraut konnte ihm nicht gefährlich werden. Wohlwollend gönnte er dem

armen Jugendfreunde das bißchen Augenweide.

Sie fuhren guter Dinge nach Hoppegarten. Liese war jetzt doch auf

den Besitz ihres Mannes begierig. Hatte er wirklich noch Pferde? War

nicht alles längst verspielt? Aber sie schritten durch einen langen,

vornehmen Stall, und der Baron beklopfte einige Renner, wie es nur

stolze Besitzer taten. Liese war verwirrt. Sie wechselte Blicke mit

dem Hauptmann.

Da fügte es sich, daß der Baron mit seinem Jugendfreunde vor den

Stall hinaustrat, während Liese noch bei den Pferden blieb. Jetzt

sah sie, wie ein anderer Herr, den der Baron offenbar nicht bemerkt

hatte, durch eine Seitentür in den Stall trat. Der Jockei, der

Liese alles erklärt hatte, wandte sich sofort zu ihm, devot, wie zu

seinem eigentlichen Herrn. Als der Fremde durch die Seitentür wieder

verschwunden war, kam es über Liese, den Jockei zu befragen: »Wer war

das, bitte?«

Das harte Gesicht des Engländers lächelte: »Das war Graf Keßler, der

Besitzer des Stalles.«

»Aber der Stall gehört doch meinem Mann?«

Der Jockei zuckte die Achseln: »Tut mir leid, gnädige Frau. Ich kann

nur sagen, was ich weiß. Der Stall gehörte allerdings mal Ihrem Mann,

aber vor einem Jahr ging er in den Besitz des Grafen Keßler über.

Spielverluste, wie man sagt.«

Liese wußte genug. Sie trat zu den beiden hinaus. Schamröte war in

ihrem Gesicht, wie einst in Strelenwalder Tagen. Als der Baron eine

Frage an sie richtete, antwortete sie nicht. Er begriff, was geschehen

war. In stiller, bohrender Wut ließ er ihren Zorn über sich ergehen.

Sie war teilnahmlos für alles Sportliche. Nur wenn es galt, dem

Hauptmann behilflich zu sein, wurde sie lebhafter.

Bassenried haßte Liese von diesem Tage an. Er fühlte ihre Verachtung

-- die zerriß das letzte Band. Liese erwartete ihn an den nächsten

Abenden vergebens. Als er eine Woche verschwunden war, erschien

eines Morgens der Gerichtsvollzieher in der Wohnung. Er brachte

Forderungen von 125000 Mark. Ob Frau Baronin die decken könne? Liese

zuckte die Achseln. Sie habe 17 Mark 50 Pfennige im Hause. Da wußte

der Mann Bescheid. Er begann seine Arbeit. Alle Möbel, bis auf die

notwendigsten, wurden versiegelt.

»Ja, das ist peinlich«, sagte der Gerichtsvollzieher zu Liese, die mit

schlaffen Händen dabeistand. »Die Sachen hier kenn' ich nämlich schon.

Die hab' ich schon mal in der Hitzigstraße versiegelt. Aber damals hat

es die Familie vom Herrn Baron noch in Ordnung gebracht. Jetzt scheint

es damit auch Essig zu sein. Wo ist denn eigentlich Ihr Herr Gemahl?«

»Das weiß ich nicht«, flüsterte Liese. --

Auch Friedrich war fort. Am nächsten Morgen verschwand die Köchin. Die

Möbel wurden allmählich abgeholt. Man ging an der stummen, blassen

Frau vorbei, als ob sie ein wertloser Gegenstand wäre. Nur etwas

Schmuck und ihre Kleider ließ man ihr.

Sie faßte keinen Entschluß. Es war ihr völlig gleich, wo sie lebte, ob

sie lebte. Nach einsamen Tagen kam ein Brief:

Hamburg, 5. September.

Liebe Liese, ich mußte den Entschluß fassen, der alten Welt den

Rücken zu kehren. Forsche mir nicht nach, es hat keinen Zweck. Wir

werden uns nicht wiedersehen. Es zieht mich in das große Leben, für

das ich geboren bin. Ich bin ein Abenteurer -- leider kroch ich

viel zu oft bei den Philistern unter. Um deine Existenz brauche ich

mir keine Sorge zu machen. Du kannst noch mancherlei verkaufen,

außerdem bist du jung und schön und kannst wieder zum Theater gehen.

Ich überlasse es dir, ob du die Scheidung einleiten willst, oder

ob du es für nützlicher hältst, Frau Baronin Bassenried zu heißen.

Überlege es dir. Ich kann dir nichts hinterlassen als meinen Namen.

Lebe wohl. Ich sage nicht auf Wiedersehen.

August Bassenried.

Liese saß seit Stunden regungslos, den Brief in der Hand. Plötzlich

schloß die Portierfrau die Flurtür auf. Sie ließ Hauptmann von

Rotkraut ein. Liese zuckte zusammen, denn sie hörte den Invaliden über

den Gang tappen. Bald stand er vor ihr.

»Baronin,« sagte er leise -- »ich bitte tausendmal um Vergebung, aber

die Sorge veranlaßt mich ... Ich komme auch im Auftrage meiner Tante

... Wir mußten fürchten, daß Sie der Not ausgesetzt sind ...«

Jetzt hob Liese den Kopf: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Hauptmann. Aber

an mir ist nichts mehr gelegen. Mir ist auch nicht zu helfen.«

Der Hauptmann ließ sich bei ihr nieder: »Es wäre frevelhaft, wenn ich

dieser Behauptung zustimmte. Das Verbrechen, das Bassenried an Ihnen

begangen hat, muß wieder gutgemacht werden.«

Sie reichte ihm den Brief.

Frau Rietschel das Kind · 第 48 / 97 题