ZWÖLFTES KAPITEL

Liese schloß sich nach dem Zusammenstoße in der Küche drei Tage ein.

Das Schlimmste, was in ihrer Erinnerung haften blieb, waren die

entsetzten Augen des Kindes. Eine Beschämung ergriff sie, die nicht

wieder gutzumachen war.

Was ihr bisher nur gedämmert hatte, jetzt trat es in helles Licht:

Nicht Viktor Schwarz war der Verderber ihres Lebens -- von ihm

brauchte sie keinen Schimpf zu fürchten. Er wahrte die »Form.« August

von Bassenried aber hatte sie entwurzelt. In einem Sumpf watete sie.

Dieser Mensch würde sich nicht nach ihr umsehen, wenn sie versank und

erstickte.

Durch ihn konnte sie nicht Mutter werden, und nun mordete er die

Mutterschaft, die ihr gegeben worden. Sie fühlte, daß es zum

Widerstande zu spät war. Nicht zu ihrem Kinde konnte sie sich retten

-- sie hatte es versucht, und der Versuch war mißlungen. Nun gab sie

es auf. Berta hatte ihr wirklich nie gehört. Draußen, irgendwo in der

Fremde war ihr Platz.

Liese schauderte zusammen. Wenn sie ihm trotzte, würde er sie auf die

Straße jagen. Dem Elend war sie nicht mehr gewachsen. Einem seelischen

Besitz jedes Opfer zu bringen -- diese letzte Kraft des Weibes war in

ihr gebrochen. Nun mußte sie laufen, wie der Rattenfänger lockte.

Je mehr diese eisige Empfindung in ihr Platz griff, desto ruhiger

wurde sie. Da war es ihr am dritten Tage ihrer freiwilligen Haft ganz

lieb, als es pochte. Der Baron konnte es nicht sein, der hätte anders

getrommelt. Das Pochen kam von einem Untergebenen.

Sie öffnete -- Friedrich stand vor ihr: »Frau Baronin -- nun möcht'

ich doch mal nachsehen, was mit der Frau Baronin eigentlich los ist?

Heute ist der dritte Tag -- Frau Baronin hatten doch höchstens ein

paar Keks im Zimmer und den Madeira vom letzten Spielabend?«

»Ich habe nichts angerührt. Bloß Wasser hab' ich getrunken.«

»Mein Gott, nun müssen Frau Baronin aber gleich was zu sich nehmen.

Ich hab' schon was mitgebracht. Frischen Kaffee und Rührei und

Schinken -- auch ein alter Kognak wäre zu empfehlen.«

Jetzt spürte Liese doch Hunger, aber sie beherrschte sich: »Erst sagen

Sie mir mal, ob sie das von selber bringen, oder ob der Herr Baron es

befohlen hat?«

»Der Herr Baron? Den hab' ich ebenso lange nicht gesehen wie die Frau

Baronin.«

»Ist mein Mann verreist?«

»Das glaub' ich kaum. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Er wird

wohl wieder eingeladen sein.«

Liese wandte sich von dem tückischen Blick des Dieners ab: »Ich danke

Ihnen, Friedrich. Stellen Sie die Sachen nur hin. Ich werde später

ausgehen.«

Friedrich horchte auf. Das war ein neuer Ton der Dulderin. Sie hatte

das Leben wohl endlich begriffen. --

Als Liese eine Stunde später das Haus verlie,. dachte Friedrich mit

zynischem Lächeln: ›Tiptop! Ein schneidiges Weibsbild! Nun wird sie es

ihm besorgen, dem alten Laster!‹

Aber Liese ging dumpf und finster durch den hellen Tag. Sie haßte

jetzt Dinge und Menschen. Alles kam ihr so überflüssig vor. Die

einzige Belebung, die sie spürte, war der Drang, in ein Kaffee zu

gehen und drei Schnäpse zu trinken. Der Kellner machte große Augen.

Mit wirrem Kopf kam Liese in die Roonstraße zurück. Friedrich

überreichte ihr einen Brief. Das Mädchen der Frau Generalin habe ihn

abgegeben.

»Die schreibt an mich?« stammelte Liese mit berauschten Augen. »Die

alte Exzellenz schreibt ja noch sehr schön?« Sie las, und der Alkohol

plauderte weiter aus ihr: »Wahrhaftig eine Einladung zum Tee,

Friedrich! Für heute nachmittag! Ich bin zwar gar nicht in Stimmung,

aber da kann man wohl nicht absagen -- was meinen Sie?«

»Eine Einladung von Exzellenz?«

»Was wundert Sie dabei? Ich bin noch immer die Baronin Bassenried!«

»Ja, freilich -- selbstverständlich! Ich meine bloß -- Exzellenz leben

doch so zurückgezogen. Das muß schon einen besonderen Grund haben.«

»Werden ja sehen. Gehen Sie jedenfalls 'runter und bestellen Sie, ich

werde mit Vergnügen kommen.« --

Liese zog ein neues Kleid an. Es war aus grüner Seide mit echten

Spitzen -- sie hatte es noch nie getragen. Dazu nahm sie ihren

Perlenschmuck. Sie wußte selbst nicht, warum ihr daran lag, möglichst

vornehm zu erscheinen. Es galt doch nur die Plauderstunde mit einem

uralten Frauchen.

Bei Frau von Fransecky fand man noch den echten Biedermeierstil. Ein

zarter, welker Duft war in den dämmerigen Räumen. Die alte Dame kam

Liese entgegen. Aus ihrem zerknitterten Gesicht blickten die Augen

noch recht lebendig. Liese empfand eine vornehme Freundlichkeit, aber

auch ein Mitleid, das ihr verdächtig wurde.

»Kommen Sie, liebe Baronin«, sagte die Exzellenz und führte Liese

in das Speisezimmer, wo der Teetisch gedeckt war. »Nebenan im Salon

sitzt noch ein Gast, den ich Ihnen gleich vorstellen werde. Eine

liebe Überraschung. Denken Sie, mein Neffe Hermann von Rotkraut, eben

aus Afrika zurückgekommen. Zwölf Jahre hat er bei der Schutztruppe

gekämpft -- nun bleibt er endlich in der Heimat. Aber leider, leider«

-- hier dämpfte Frau von Fransecky ihre Stimme -- »er kommt invalide.

Ich wußte es schon, aber meine Gäste muß ich darauf vorbereiten. In

den schrecklichen Kämpfen hat mein Neffe den rechten Arm und das linke

Auge verloren. Denken Sie, er selbst kann darüber scherzen, er hat

gesagt: ›Tantchen, ich bringe dir nur ein Fragment.‹ Er ist ein Held,

ein richtiger Held, er hat etwas Mythisches in dieser gräßlichen

Zeit. Deshalb sieht man natürlich über sein Unglück fort, aber eine

junge Dame muß ich vorbereiten ...«

Liese blickte finster und bleich vor sich hin. Dieser Hauptmann von

Rotkraut war ihr ganz gleichgültig. Das Einzige, was sie spürte, war

die Genugtuung, daß ihr solcher Mann nicht gefährlich werden konnte.

Als die Damen sich gesetzt hatten, erschien der Neffe der Generalin.

Er schritt langsam durch das Zimmer, als ob ein Mechanismus ihn

lenkte. Dabei wahrte er mit seltsamer Kraft die ritterliche Form.

Liese sah jetzt mit stärkerem Interesse in das Gesicht dieses Mannes.

Er mochte so alt wie der Baron sein, aber die Jugend, die alles in der

Gefahr gefunden, lag noch in seinen zerfurchten Zügen.

Man saß sich gegenüber. Die Unterhaltung kam nur schwer in Gang. Liese

wünschte sich weit fort, und die Generalin war zu alt -- auch schien

sie durch irgendeinen Vorsatz gehemmt. Sie warf von Zeit zu Zeit einen

bittenden Blick auf ihren Neffen. Hauptmann von Rotkraut schwieg. Er

war zur Verfügung, wenn man seiner bedurfte.

Jetzt gab die alte Frau sich einen Ruck. Sie hielt es nicht mehr aus,

sie mußte zum Thema kommen.

»Meine liebe Baronin -- Sie haben sich vielleicht über meine

plötzliche Einladung gewundert -- aber ich habe sie, das will ich

Ihnen ganz offen gestehen, mit einem bestimmten Zweck verbunden.«

»Was denn, Exzellenz?«

»Hören Sie zu. Sie müssen etwas Nachsicht mit mir haben -- ich bin

sehr alt -- der einzige Schutz, den ich noch auf der Welt habe, sitzt

vor Ihnen --«

»Fragmentarisch, Tante.«

»Ganz richtig, lieber Hermann. Aber das Herz ist unversehrt -- Gott

sei Dank. Du bist auch aus einem besonderen Grunde sehr geeignet,

jetzt mein Ratgeber zu sein. Sie wissen vielleicht gar nicht, liebe

Baronin, daß mein Neffe einmal sehr befreundet mit Ihrem Gatten war?«

»Davon hatte ich keine Ahnung. Mein Mann erzählt mir aus früherer Zeit

so wenig.«

Jetzt wurde der Hauptmann lebhafter: »Das kann ich mir vorstellen.

Es ist zu lange her. Wir waren junge Leutnants damals -- bei den

Gardekürassieren -- man würde es uns kaum noch zutrauen.«

Frau Rietschel das Kind · 第 47 / 97 题