Liese schloß sich nach dem Zusammenstoße in der Küche drei Tage ein.
Das Schlimmste, was in ihrer Erinnerung haften blieb, waren die
entsetzten Augen des Kindes. Eine Beschämung ergriff sie, die nicht
wieder gutzumachen war.
Was ihr bisher nur gedämmert hatte, jetzt trat es in helles Licht:
Nicht Viktor Schwarz war der Verderber ihres Lebens -- von ihm
brauchte sie keinen Schimpf zu fürchten. Er wahrte die »Form.« August
von Bassenried aber hatte sie entwurzelt. In einem Sumpf watete sie.
Dieser Mensch würde sich nicht nach ihr umsehen, wenn sie versank und
erstickte.
Durch ihn konnte sie nicht Mutter werden, und nun mordete er die
Mutterschaft, die ihr gegeben worden. Sie fühlte, daß es zum
Widerstande zu spät war. Nicht zu ihrem Kinde konnte sie sich retten
-- sie hatte es versucht, und der Versuch war mißlungen. Nun gab sie
es auf. Berta hatte ihr wirklich nie gehört. Draußen, irgendwo in der
Fremde war ihr Platz.
Liese schauderte zusammen. Wenn sie ihm trotzte, würde er sie auf die
Straße jagen. Dem Elend war sie nicht mehr gewachsen. Einem seelischen
Besitz jedes Opfer zu bringen -- diese letzte Kraft des Weibes war in
ihr gebrochen. Nun mußte sie laufen, wie der Rattenfänger lockte.
Je mehr diese eisige Empfindung in ihr Platz griff, desto ruhiger
wurde sie. Da war es ihr am dritten Tage ihrer freiwilligen Haft ganz
lieb, als es pochte. Der Baron konnte es nicht sein, der hätte anders
getrommelt. Das Pochen kam von einem Untergebenen.
Sie öffnete -- Friedrich stand vor ihr: »Frau Baronin -- nun möcht'
ich doch mal nachsehen, was mit der Frau Baronin eigentlich los ist?
Heute ist der dritte Tag -- Frau Baronin hatten doch höchstens ein
paar Keks im Zimmer und den Madeira vom letzten Spielabend?«
»Ich habe nichts angerührt. Bloß Wasser hab' ich getrunken.«
»Mein Gott, nun müssen Frau Baronin aber gleich was zu sich nehmen.
Ich hab' schon was mitgebracht. Frischen Kaffee und Rührei und
Schinken -- auch ein alter Kognak wäre zu empfehlen.«
Jetzt spürte Liese doch Hunger, aber sie beherrschte sich: »Erst sagen
Sie mir mal, ob sie das von selber bringen, oder ob der Herr Baron es
befohlen hat?«
»Der Herr Baron? Den hab' ich ebenso lange nicht gesehen wie die Frau
Baronin.«
»Ist mein Mann verreist?«
»Das glaub' ich kaum. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Er wird
wohl wieder eingeladen sein.«
Liese wandte sich von dem tückischen Blick des Dieners ab: »Ich danke
Ihnen, Friedrich. Stellen Sie die Sachen nur hin. Ich werde später
ausgehen.«
Friedrich horchte auf. Das war ein neuer Ton der Dulderin. Sie hatte
das Leben wohl endlich begriffen. --
Als Liese eine Stunde später das Haus verlie,. dachte Friedrich mit
zynischem Lächeln: ›Tiptop! Ein schneidiges Weibsbild! Nun wird sie es
ihm besorgen, dem alten Laster!‹
Aber Liese ging dumpf und finster durch den hellen Tag. Sie haßte
jetzt Dinge und Menschen. Alles kam ihr so überflüssig vor. Die
einzige Belebung, die sie spürte, war der Drang, in ein Kaffee zu
gehen und drei Schnäpse zu trinken. Der Kellner machte große Augen.
Mit wirrem Kopf kam Liese in die Roonstraße zurück. Friedrich
überreichte ihr einen Brief. Das Mädchen der Frau Generalin habe ihn
abgegeben.
»Die schreibt an mich?« stammelte Liese mit berauschten Augen. »Die
alte Exzellenz schreibt ja noch sehr schön?« Sie las, und der Alkohol
plauderte weiter aus ihr: »Wahrhaftig eine Einladung zum Tee,
Friedrich! Für heute nachmittag! Ich bin zwar gar nicht in Stimmung,
aber da kann man wohl nicht absagen -- was meinen Sie?«
»Eine Einladung von Exzellenz?«
»Was wundert Sie dabei? Ich bin noch immer die Baronin Bassenried!«
»Ja, freilich -- selbstverständlich! Ich meine bloß -- Exzellenz leben
doch so zurückgezogen. Das muß schon einen besonderen Grund haben.«
»Werden ja sehen. Gehen Sie jedenfalls 'runter und bestellen Sie, ich
werde mit Vergnügen kommen.« --
Liese zog ein neues Kleid an. Es war aus grüner Seide mit echten
Spitzen -- sie hatte es noch nie getragen. Dazu nahm sie ihren
Perlenschmuck. Sie wußte selbst nicht, warum ihr daran lag, möglichst
vornehm zu erscheinen. Es galt doch nur die Plauderstunde mit einem
uralten Frauchen.
Bei Frau von Fransecky fand man noch den echten Biedermeierstil. Ein
zarter, welker Duft war in den dämmerigen Räumen. Die alte Dame kam
Liese entgegen. Aus ihrem zerknitterten Gesicht blickten die Augen
noch recht lebendig. Liese empfand eine vornehme Freundlichkeit, aber
auch ein Mitleid, das ihr verdächtig wurde.
»Kommen Sie, liebe Baronin«, sagte die Exzellenz und führte Liese
in das Speisezimmer, wo der Teetisch gedeckt war. »Nebenan im Salon
sitzt noch ein Gast, den ich Ihnen gleich vorstellen werde. Eine
liebe Überraschung. Denken Sie, mein Neffe Hermann von Rotkraut, eben
aus Afrika zurückgekommen. Zwölf Jahre hat er bei der Schutztruppe
gekämpft -- nun bleibt er endlich in der Heimat. Aber leider, leider«
-- hier dämpfte Frau von Fransecky ihre Stimme -- »er kommt invalide.
Ich wußte es schon, aber meine Gäste muß ich darauf vorbereiten. In
den schrecklichen Kämpfen hat mein Neffe den rechten Arm und das linke
Auge verloren. Denken Sie, er selbst kann darüber scherzen, er hat
gesagt: ›Tantchen, ich bringe dir nur ein Fragment.‹ Er ist ein Held,
ein richtiger Held, er hat etwas Mythisches in dieser gräßlichen
Zeit. Deshalb sieht man natürlich über sein Unglück fort, aber eine
junge Dame muß ich vorbereiten ...«
Liese blickte finster und bleich vor sich hin. Dieser Hauptmann von
Rotkraut war ihr ganz gleichgültig. Das Einzige, was sie spürte, war
die Genugtuung, daß ihr solcher Mann nicht gefährlich werden konnte.
Als die Damen sich gesetzt hatten, erschien der Neffe der Generalin.
Er schritt langsam durch das Zimmer, als ob ein Mechanismus ihn
lenkte. Dabei wahrte er mit seltsamer Kraft die ritterliche Form.
Liese sah jetzt mit stärkerem Interesse in das Gesicht dieses Mannes.
Er mochte so alt wie der Baron sein, aber die Jugend, die alles in der
Gefahr gefunden, lag noch in seinen zerfurchten Zügen.
Man saß sich gegenüber. Die Unterhaltung kam nur schwer in Gang. Liese
wünschte sich weit fort, und die Generalin war zu alt -- auch schien
sie durch irgendeinen Vorsatz gehemmt. Sie warf von Zeit zu Zeit einen
bittenden Blick auf ihren Neffen. Hauptmann von Rotkraut schwieg. Er
war zur Verfügung, wenn man seiner bedurfte.
Jetzt gab die alte Frau sich einen Ruck. Sie hielt es nicht mehr aus,
sie mußte zum Thema kommen.
»Meine liebe Baronin -- Sie haben sich vielleicht über meine
plötzliche Einladung gewundert -- aber ich habe sie, das will ich
Ihnen ganz offen gestehen, mit einem bestimmten Zweck verbunden.«
»Was denn, Exzellenz?«
»Hören Sie zu. Sie müssen etwas Nachsicht mit mir haben -- ich bin
sehr alt -- der einzige Schutz, den ich noch auf der Welt habe, sitzt
vor Ihnen --«
»Fragmentarisch, Tante.«
»Ganz richtig, lieber Hermann. Aber das Herz ist unversehrt -- Gott
sei Dank. Du bist auch aus einem besonderen Grunde sehr geeignet,
jetzt mein Ratgeber zu sein. Sie wissen vielleicht gar nicht, liebe
Baronin, daß mein Neffe einmal sehr befreundet mit Ihrem Gatten war?«
»Davon hatte ich keine Ahnung. Mein Mann erzählt mir aus früherer Zeit
so wenig.«
Jetzt wurde der Hauptmann lebhafter: »Das kann ich mir vorstellen.
Es ist zu lange her. Wir waren junge Leutnants damals -- bei den
Gardekürassieren -- man würde es uns kaum noch zutrauen.«