Berta war es zufrieden, sie hatte ihre Mutter gesehen. --

Am Donnerstag nachmittag erwartete Baronin Bassenried zum erstenmal

Besuch in der Küche. Eigentlich war die Lage nicht ungefährlich, denn

der Baron konnte jeden Tag zurückkommen. Ziel und Dauer seiner Reisen

waren immer ungewiß, aber Liese hatte inzwischen so viel Einblick in

seine Geheimnisse bekommen, daß sie sich auch eines erlaubte.

Im übrigen war vorgesorgt. Friedrich, den Liese am meisten fürchtete,

hatte für den ganzen Tag Urlaub. Die Köchin war in die Stadt geschickt

worden und konnte erst abends zurückkehren. Auf die Portiersleute

durfte Liese sich verlassen. Die hielten es unbedingt mit ihr. Sie

grollten dem ›vornehmen‹ Herrn, der das Franseckysche Haus in Verruf

gebracht hatte.

Liese lächelte wehmütig, als sie den Kaffeetisch in der Küche

betrachtete. Die kleine Berta würde ihn gewiß sehr nobel finden.

Jetzt schlug es vier. Alsbald hörte Liese Schritte auf der

Hintertreppe. Sie öffnete vorsichtig die Tür -- Frau Grunow stand vor

ihr und hielt Berta an der Hand. Rasch wurden sie eingelassen. Liese

küßte das Kind und spürte, wie andächtig es den Duft ihres Kleides

einsog. Dann saß man am Kaffeetisch.

»Ich habe hier gedeckt, Frau Grunow. Hier ist es gemütlicher. Aber

nachher zeige ich euch die ganze Wohnung.«

Die letzten Worte sagte sie mit deutlichem Trotz. Frau Grunow

lächelte: »Na, es gab wohl 'ne Zeit, wo Frau Baronin nicht mal an so

'ne Küche gedacht haben.«

Liese errötete und sah auf Berta: »Da haben Sie recht, Frau Grunow.

Aber die Hauptsache ist, daß man selbst der alte bleibt. Es ist nicht

alles Gold, was glänzt.«

»Nein, Talmi -- gibt es auch 'ne Menge und sogar falsche Scheine.«

Liese wandte sich nervös zu Berta: »Nun erzähl' mir mal was von der

Schule, Kind!«

Berta sah erstaunt zu ihr auf. Konnte das ihre Mutter interessieren?

»Die denkt jetzt bloß dran, daß sie hier ist,« meinte Frau Grunow, das

feine Porzellan und die Wappen auf den silbernen Löffel musternd. »Sie

glauben ja nicht, Frau Baronin, was die uns zu Hause gequält hat. Wie

verhext ist sie gewesen, dabei war ich natürlich nicht so dumm, ich

habe ihr immer wieder gesagt: Kind, hab' ich gesagt, das ist nichts

für dich -- schlage dir solche Sachen aus 'm Kopp. Das ist doch viel

besser für so'n armes Mädchen, nicht wahr ...«

Liese nickte und sah dann unruhig auf die Tür, die zur vorderen

Wohnung führte.

»Haben Sie was?« fragte Frau Grunow, Kuchen essend.

»Nein, nein ... Ich dachte nur, ich hatte vorn etwas gehört, aber es

war eine Täuschung. Ich bin jetzt sehr nervös.«

»Gott ja, das vornehme Leben --«

»Sein Sie froh, Frau Grunow, daß Sie nichts davon wissen. Bertchen,

was hast du nur für nette schwarze Augen --«

Das Kind fuhr auf und griff sich unwillkürlich ins Gesicht. Zum

erstenmal wurde ihm etwas über seine Augen gesagt.

»Ach ja, die sind schon hübsch,« meinte Frau Grunow. »Bloß manchmal

hab ich Angst, daß sie's Schielen lernt. Sie ist nämlich sehr

kurzsichtig. Zu Ostern muß ich ihr 'ne Brille kaufen.«

»Aber pfui! Das sieht doch so häßlich aus.«

Berta sah mit harmlosem Staunen zu Liese auf. Warum denn das? Warum

sollte sie keine Brille tragen, wenn sie dadurch besser sehen konnte?

»Eßt Kuchen. Ich muß doch mal horchen. Einen Augenblick ...«

Liese stand auf, öffnete die Tür und lauschte in den Korridor. Das

wurde Frau Grunow allmählich unheimlich. -- »Sollen wir nicht lieber

gehen, Frau Baronin? Es ist schon halb sechs --«

Berta seufzte tief -- aber sie wagte keinen Widerspruch. Liese

kehrte an den Tisch zurück. Sie war blaß, und ihre ringgeschmückten

Hände fuhren unstet umher: »Nein, nein, Frau Grunow. Nach anderthalb

Stunden? Das lohnt sich doch kaum. Ich weiß gar nicht, was heute

mit mir los ist. Immer kriege ich gleich -- wie nennt man's doch?

-- neulich habe ich erst einen schönen Vortrag drüber gehört --

Halluzinationen, glaub' ich --«

»Ach ja, Halunkinazionen? Das ist was mit Nerven.«

Liese lachte müde: »Ja, gewiß! Aber man muß sich dagegen wehren. Man

muß -- --«

»Jetzt hab' ich auch was gehört!« rief Berta plötzlich, ihre schwarzen

Augen auf die Tür richtend.

Liese sprang auf -- der ganze Kaffeetisch klirrte. »Glaubt ihr, daß

jemand in der Wohnung ist?!«

Rasch entschlossen erhob sich Frau Grunow, packte Bertas Hand und zog

sie zur Treppentür: »Komm, Kindchen, komm! Adjö, Frau Baronin. Auf 'n

andermal!«

»Bleiben Sie ruhig -- --«

In diesem Augenblick wurde vom Korridor aus die Tür geöffnet. Liese

sah es nicht sogleich, denn sie wandte dem Eintretenden den Rücken.

Frau Grunow aber kam nicht mehr mit Berta hinaus -- davonlaufen war

nicht möglich.

Der Baron stand in der Küche. Sein harter Blick überflog das

überraschende Bild. -- »Guten Tag, Lies! Da bin ich wieder! Hier sind

ja sonderbare Zustände! Vorn kein Mensch, der mir den Koffer abnimmt

-- und in der Küche Kaffeebesuch? Was sind das für Leute!«

Frau Grunow zuckte zusammen: »Oh, so weit sehr anständige, Herr

Baron! Hochanständige, das kann ich Ihnen man bloß sagen!«

Der Baron sah die Alte von oben bis unten an: »Was wünschen Sie? Ich

kenne Sie nicht!«

Frau Rietschel das Kind · 第 45 / 97 题