Onkel Tübbeke winkte ärgerlich ab: »Na, laß doch, Mathilde!«

»Ich will meine Mutter sehen!« rief Berta und stampfte mit beiden

Füßen.

Tübbeke drängte sich zu seiner Schwester: »Du kannst doch nicht mit

dem Kind vor die Bude gehn! Womöglich steht der Baron da!«

»Das glaub' ich nicht! Sie ging nicht mit ihrem Mann -- das sieht man

doch! Wir brauchen ja bloß mal vorbeizugehen, damit das Kind mal seine

Mutter sieht! Anquatschen ist ja gar nicht nötig! Verdirb ihr doch die

Freude nicht!«

Berta zog die anderen schon fort. Fräulein Milchner führte. Bald blieb

man in einiger Entfernung stehen, konnte aber den hellerleuchteten

Verkaufsstand gut betrachten. Berta starrte auf eine hohe, blonde,

vornehme Frau. Das mußte sie sein -- so hatte sie sich ihre Mutter

immer vorgestellt. Wie glücklich sie war -- wie sie lachte und

plauderte! Jedem Herrn gab sie ein gutes Wort.

»Na, nun gehn wir wieder«, drängte Onkel Tübbeke, dem die Situation

unheimlich war. Berta stand zwischen ihm und Fräulein Milchner,

aber Frau Grunow, die heute erstaunlich regsam war, entwischte. Sie

konnte nicht anders -- sie mußte sich bemerkbar machen. Dreimal ging

sie hinter den Herren, die mit der Baronin sprachen, vorbei. Beim

drittenmal gelang es ihr: Liese erkannte Frau Grunow. Sie verfärbte

sich, blieb aber jeder Lebenslage gewachsen. Rasch übertrug sie

einem jungen Mädchen ihr Amt, entschuldigte sich und verließ den

Verkaufsstand.

Sie wußte selbst nicht, was sie trieb. Sinnlose Jahre versanken.

Vielleicht war auch ihr Kind da. Sie ging auf Frau Grunow zu. Mit

ihrem fürstlichen Federnhut stand sie vor der alten Näherin: »Guten

Abend, Frau Grunow! Wie geht es Ihnen denn? Wo ist denn Berta?«

Die Alte war ganz bewegt von so viel Leutseligkeit: »Ach, Berta ist

auch da, Frau Baronin. Wir haben dem Kind mal eine Freude gemacht.«

»Wo ist sie? Bringen Sie mich zu ihr. Aber bitte recht unauffällig.«

Berta sah ihre Mutter auf sich zukommen. So etwas Schönes hatte sie

nie erblickt. Jetzt fühlte sie eine duftende Hand am Kopf und hörte

die leisen, unsicheren Worte: »Kind ... Ja, du bist wirklich hübsch

geworden ... Wie mich das freut! ... Du sollst ja auch so brav sein in

der Schule ... Ach, Herr Tübbeke ... Verzeihen Sie, Herr Tübbeke --

ich habe Sie noch gar nicht begrüßt ... und Fräulein Milchmann ...«

»Milchner«, verbesserte die Lehrerin. Onkel Tübbeke verbeugte sich

mehrmals, wußte aber nichts zu sagen.

»Ich muß wieder zu meinen Likören«, sagte jetzt die Baronin. »Eine

etwas anstrengende Sache, diese Wohltätigkeit, aber mein Gott, man tut

es für die Armen.«

Berta lauschte scharf auf jedes Wort. Sie konnte unterscheiden, daß

die ersten Worte der Mutter ganz warm und natürlich geklungen hatten.

Was sie zuletzt sagte, klang etwas künstlich und erinnerte sie an die

Dame, die den Prolog gesprochen hatte. Auch bemerkten die forschenden

Kinderaugen, wie müde und verbraucht das schöne, gepuderte Gesicht war.

»Ich muß fort«, sagte Liese nochmals, die Hand auf Bertas Schulter

legend. »Aber nun will ich das Kind doch öfter sehen. Jetzt ist es mir

egal, Frau Grunow. Man hat solch nettes Kind und kennt es kaum. Wissen

Sie, mein Mann ist jetzt verreist -- da geht es ausgezeichnet. Kommen

Sie doch nächsten Donnerstag um vier Uhr zu mir -- Roonstraße 3 B,

nicht wahr, dicht am Königsplatz -- kommen Sie mit dem Kind und gehen

Sie für alle Fälle über die Hintertreppe -- man kann ja nie wissen

-- ich werde den Portier instruieren. Also vergessen Sie nicht: die

Hintertreppe.«

»Gewiß nicht, Frau Baronin. Wir kommen ganz bestimmt, Frau Baronin.

Die Kleine freut sich ja schon so --«

»Das ist schön. Ich auch. Aber nun muß ich ihr doch etwas zum

Geburtstag geben --«

Liese sah sich suchend um. Da kam ein kleiner Verkäufer mit allerlei

Backwerk vorbei. Liese stopfte eine große Tüte voll und legte sie

Berta in den Arm. Dann eilte sie fort.

»Nun kommt man weiter«, drängte Onkel Tübbeke. »Es ist auch spät, wir

müssen nach Hause.«

Frau Rietschel das Kind · 第 44 / 97 题