»Nein, Berta -- das ist nichts für dich.« Diese stereotypen Worte
griffen in ein Leben, das sich regen wollte. Sie bildeten Bertas
erste Erinnerung. Lieses Kind hatte das Dasein eines Käfers, der auf
einer Fläche umherkriecht und überall, wohin er sich auch wenden mag,
das Hindernis einer quälerischen Hand findet. Es war die schlimmste
Eigenschaft von Mutter Grunow, daß sie einschüchterte, wo sich
Hoffnung regte, niederzwang, wo eigener Wille aufkommen wollte.
Als sie eben damit umging, der kleinen Berta, die schon unbequeme
Fragen stellte, einen Begriff von ihrem geheimnisvollen Vater zu
geben, kam nach langer Pause wieder eine Nachricht von der Mutter.
Über Lieses Laufbahn wußte Frau Grunow durch Onkel Tübbeke Bescheid.
Sie glaubte natürlich, daß man bei solchem Aufstieg alles Vergangene
hinter sich ließ. Liese sandte ja zu jedem Quartal einen Zuschuß
für Berta -- das war die Hauptsache. Nun aber kam plötzlich aus der
glanzvollen Welt ein Brief von ihr.
Abends zeigte Frau Grunow ihn ihrem Bruder. Tübbeke las ihn, nieste,
nahm aus seiner Schnupftabaksdose eine reichliche Prise, nieste noch
einmal und sagte dann mit vielem Gesichterschneiden: »Ja, so sind die
Weiber. Sie kriegen nie genug. Und was 'ne Mutter ist, das ist eben
'ne Mutter. Aber sie muß mächtigen Bammel vor ihrem Baron haben, weil
du ihr postlagernd antworten sollst.«
»Das ist doch selbstredend, Adolf. Der Baron darf doch von dem
Kind nichts wissen. Der hält seine Frau wahrscheinlich für einen
Unschuldsengel, wenn sie auch mal im Friedrich Wilhelmstädtischen war.
Von mir soll er nichts erfahren. Aber was mir unangenehm ist -- die
Frau hat sonderbare Ideen im Kopp. Auf einmal will sie, daß die Berta
niemals wissen soll, wer ihr Vater ist. Jetzt versteht sie's ja doch
noch nicht, aber später mal. Wenn sie immer wieder fragen tut?«
»Na, was denn, was denn? Wir müssen uns selbstredend nach der Mutter
richten. Mein Rechtsanwalt hat ihr natürlich gesagt: Wenn ich dem
Baron nichts stecke, dann verlang' ich, daß du mich nicht mit dem Kind
blamierst. Ich denke, wir lassen die Sache an uns 'rankommen. Später
mal, wenn wir keine Rücksicht mehr zu nehmen haben, machen wir's so,
wie wir Lust haben. Es ist auch immer gut, wenn man dem Rechtsanwalt
gegenüber was in Reserve hat.«
Frau Grunow sah ihren Bruder forschend an, dann nickte sie: »Das hab'
ich mir auch schon gesagt.«
Sie ging in die Küche, kramte sich ein fettfleckiges Papier und eine
rostige Feder zusammen und öffnete ihr Fläschchen Kaisertinte. Dann
verrichtete sie unter schweren Seufzern die ungewohnte Arbeit, an die
Frau Baronin einen Brief zu schreiben. --
Liese las jede Einzelheit, die sie von Berta erfuhr, mit einem
Interesse, das sie selbst wunderte. Nun überlegte sie doch oft, ob sie
ihr Kind nicht wiedersehen könnte. Aber sie kam zu keinem Entschluß.
Schließlich starrte sie doch immer wieder in etwas Stumpfes und
Fremdes. So geriet sie, wenn sie in der Stadt war, dreimal in
Versuchung, einen Abstecher nach dem Elisabethufer zu machen, aber
immer wieder wurden es die Linden. Schließlich befand sie sich wieder
in der Roonstraße.
So kamen Jahre öden Weiterlebens. Berta wurde größer, sie war nun
ein richtiges Schulmädchen. Ihr sechster Geburtstag, der doch eine
besondere Bedeutung hatte, blieb ihr in böser Erinnerung: Vor dem
Gabentisch, in Gegenwart des wunderbaren Napfkuchens hatte Tante
Grunow ihr zwei Ohrfeigen gegeben. Dies war geschehen, als Berta
heute zum siebentenmal von ihrem Papa gesprochen hatte. Man konnte
auch wirklich die Geduld dabei verlieren. Das Kind hatte sich ein
unausstehliches Spiel mit dem Papabegriff angewöhnt. Es saß in einem
Winkel und spielte mit seiner Puppe und plapperte immerfort: »Papa,
Papa, wo mag Papachen sein?« Es klang wie Spott und mußte doch aus der
Tiefe kommen, denn Berta war ganz ernst dabei. Vermutlich hatte sie
es irgendwo aufgeschnappt. Es gab jetzt einen neuen Gassenhauer, den
alle Spielkinder sangen: »Alma -- Alma, wo mag das Mädchen sein?« Das
variierte sie nun in sonderbarer Ideenverbindung.
»Damit du's ein für allemal weißt: Nach Papa fragt man nicht! Papa
gibt es hier nicht! Schäm' dich doch vor deiner Mutter!«
Von diesem ebenso empörten wie geheimnisvollen Ausspruch waren die
beiden Ohrfeigen der Tante begleitet gewesen. Er regte das Gemüt
des Kindes lange zum Grübeln an. Man durfte nicht nach seinem Vater
fragen? Alle anderen Kinder, die Berta kannte, hatten einen Vater und
sprachen täglich von ihm. Sie ruhten gleichsam in dem Bewußtsein,
ihn zu haben. Und sie? Warum sollte sie sich, wenn sie dasselbe tat,
schämen? Vor ihrer Mutter schämen? Sonst, wohin sie blickte, gehörten
Vater und Mutter zusammen. Mit Bertas Vater aber mußte das eine
besondere Bewandtnis haben.
Diese Überlegungen führten zu keinem Ergebnis. Berta nahm sie auch
in die Schule mit. Langsam ging sie mit ihrem Tornister, über dem
die schwarzen Zöpfchen baumelten, täglich nach der Oranienstraße.
Berta war sehr klein für ihr Alter, und ihre dunklen Augen blickten
fragend ins Unbestimmte. Ursachlos ergab es sich deshalb, was sie von
vornherein dem Leiden auslieferte: Die anderen Kinder rückten von ihr
ab. Das Schicksal einer Gezeichneten kam über sie. Noch wußte man ja
nichts von dem Rätsel ihrer Herkunft, oder man kümmerte sich nicht
darum. Es gab im großen Berlin so viele uneheliche Kinder. -- Wer frei
und frisch daherkam, wurde einfach mitgenommen.
Zum Glück verbesserten sich bald die häuslichen Verhältnisse.
Man wurde auch freigebiger gegen das Kind. Alfons Grunow war als
Teilhaber in eine sozialdemokratische Genossenschaft der Anstreicher
eingetreten. Da auch Onkel Tübbeke ganz gut verdiente, konnte Mutter
Grunow die Näharbeit aufgeben. Man leistete sich nun, was die
Nachbarschaft sich schon lange leistete. Sonntags fuhr man mit der
Pferdebahn nach Charlottenburg, und die beiden Herren, Onkel Tübbeke
und Onkel Alfons, kletterten mit Berta auf das Verdeck. Es war
prachtvoll, die lange Charlottenburger Chaussee unter den schattigen
Bäumen zu fahren -- Berta freute sich schon die ganze Woche darauf.
Draußen ging man dann in den Schloßgarten und stand andächtig im
Mausoleum, vor den bläulich schimmernden Marmorfiguren Friedrich
Wilhelms und Luisens. An großen Tagen betrat man auch die Flora,
das berühmte »Etablissement«, das mit seinem Rosenparterre lockte.
Dort bot sich auch immer das lustig aufregende Schauspiel eines
Fesselballons, der von schwitzenden Soldaten festgehalten wurde. Wann
er endlich in die Höhe stieg, nahm er zuweilen einen Ungeschickten
mit. Das gab immer ein Hallo, wenn der Mann am Seil herunterrutschen
mußte.
Auch in den Zoologischen kam man, seltener in den Grunewald. Hier
spürte man schon die Reise. Die Stadtbahn war noch neu -- man fand
sie entweder zu unsicher oder zu teuer. Draußen aber, in Hundekehle
oder in Paulsborn gab man sich mit Nachdruck dem Naturgenuß hin.
Träumerisch blickte man in die schwarzen Kieferkronen und ließ
Stullenpapier im Sande liegen. Onkel Alfons war ein Sportsmann und
ruderte die ganze Gesellschaft auf dem abendlichen See.
Onkel Alfons war es auch, der sich zuerst mit Berta beschäftigte.
Aber er war kein tiefer Mensch. Seine Überzeugungen hatte er aus
Parteiversammlungen. Außerdem rumorte immerfort der »Tick« in ihm,
als Künstler zu gelten. Wo eine Gelegenheit kam, tobte er seine
Phantasie aus. Es gab einen Weißbierwirt in der Naunynstraße, der
für Verschönerungen schwärmte. Der erlaubte Alfons Grunow seine
Kneipe auszumalen. Nun blickten die Gäste von Berlin SO in einen
italienischen Himmel voll Amoretten, die freilich alle etwas
schielten und nur linke Füße hatten. An der Decke des Hausflurs
sah man Hexen über den Blocksberg reiten -- sie erinnerten alle an
die biederen Marktweiber vom Oranienplatz. Sogar an einem stillen
Ort richtete sich der Blick auf ein Werk Alfons Grunows -- Fortuna
schüttelte mit holdem Lächeln ihr Füllhorn aus.
Aber zur künstlerischen Betätigung kam Alfons nur selten -- daran
hinderte ihn seine Politik. Auf den Boden der schlichten Wirklichkeit
kam er zum erstenmal, als er sich mit der kleinen Berta beschäftigte.
Hier wurde ihm die Klassensünde greifbar. Ein Wildling wuchs auf, von
dessen Geburtsrecht nie die Rede war. Alfons gefiel sich darin, Berta
als Opfer des Kapitals zu betrachten.
Immerhin gewann er dadurch einen tieferen Einfluß auf sie. Berta
fühlte jetzt erst ihre Zurücksetzung. Er zeigte ihr das Problem des
unehelichen Kindes und stachelte sie zum Protest. Sie sollte im Leben
Sturm laufen und ihr Recht erobern.
Tief und quälend wurde in Berta die Sehnsucht nach dem Dasein der
glücklich Geborenen lebendig. Sie träumte mit wachen Augen. Alles
wurde ihr zum Gleichnis. Ein Stück Schokolade konnte sie in eine
Tiergartenvilla versetzen. Wenn sie am Sonntag ihre neuen Schuhe trug,
ließ sie insgeheim die Hand des Onkels los und wanderte mit einem
hohen Offizier. Dann stieg sie in einen Hofwagen, der die Kinder des
Kaisers fuhr. --
Als Berta acht Jahre alt geworden war, brachte Onkel Tübbeke aus
dem Bureau des Rechtsanwalts Schwarz einige Karten für ein großes
Wohltätigkeitsfest mit. Es sollte zum Besten notleidender Kinder bei
Kroll stattfinden. So konnte man den Geburtstag auf billige Weise
feiern. Berta berauschte sich schon vorher an allem, was vor ihr
auftauchen sollte -- Onkel Alfons aber »streikte« zum erstenmal.
»Da geh' ich nicht mit«, erklärte er mit gesträubten Locken. »Wo die
Weiber der Burschoasie sich in ihrem Fett wälzen und Sekt für zwanzig
Mark das Glas verkauft wird --«
»Hör' auf, Alfons,« sagte die Mutter, »du redest ja Stuß. Sie machen
doch ein Wohltätigkeitsfest.«
»Jawohl! In ihre eigene Tasche! Oh, ich kenne das!«
»Ich will aber hin!« rief Berta mit weinerlicher Energie.
»Natürlich gehn wir!« entschied Onkel Tübbeke. »Glaubt ihr denn, ich
bin 'n Affe mit meine schönen Biljets? Der Herr Rechtsanwalt hat
selber gesagt: ›Sie haben doch auch gewiß so'n armes Wurm in Ihrer
Familie, Tübbeke?‹ Also, hier sind vier Karten -- amüsiert euch gut!«
»Da hörst du's, Onkel! Herr Rechtsanwalt hat's selber gesagt!« rief
Berta mit roten Backen.
Es kam eine sonderbare Pause. Die Großen sahen sich an und lächelten.
Man entschloß sich aber. Onkel Alfons blieb zu Hause -- seine Karte
erhielt Fräulein Milchner.
Bei Kroll war Doppelkonzert. Kaum war im vorderen Teil des Gartens
die ›Tannhäuser‹-Ouvertüre zu Ende, so fing hinten schon der
›Bettelstudent‹ an. Man schob sich langsam durch das Menschengewühl,
man sah in die magischen Lampions und in das Gewirr der Gasflammen,
die sich in Prismen spiegelten. Wasserspiele gaben flüssiges Gold.
»Es ist feenhaft«, erklärte Mutter Grunow, während sie die ersten
Schinkenstullen verteilte. Ja, ›feenhaft‹, klang es in der kleinen
Berta nach. Das war das richtige Wort. Man wurde endlich dem gemeinen
Leben entrückt.
Onkel Tübbeke war ein Musikschwärmer. Er hielt es nicht lange bei
Bier und Stullen aus -- er wollte von Saro und seinen »Franzern« das
›Carmen‹-Potpourri hören. Dann zog es ihn zu Selchos Kürassieren, die
eine richtige Schlachtmusik mit Gebet und Kanonendonner produzierten.
Berta lief mit dem Onkel. Sie wollte keinesfalls etwas versäumen --
ihr Hunger war heute nicht groß. Als man eben von den Kürassieren
›Heil dir im Siegerkranz‹ gehört hatte -- drängte sich Tante Grunow
heran und flüsterte: »Bertchen, denke dir, dein Mutterchen ist hier!
Eben hab' ich sie gesehen! Sie ist an unsern Tisch vorbeigegangen,
zwischen zwei feinen Herren! Gott, so was Nobles! Und nun sagt mir
Tante Milchner, daß sie drüben in 'ner Bude steht und Schnäpse
verkauft!«
Berta vergaß alles andere. -- »Wo?« fragte sie. Sie war ganz bleich,
obwohl man eben rot beleuchtet wurde.