»Das hatte keinen Zweck und hätte dir nur die Reise verdorben!«
»Wenn an der noch etwas zu verderben war. Das Haus war doch so schön
-- warum hast du's denn verkauft?«
»Das kann ich dir nicht so kurz erklären. Es genüge dir, daß der
Verkauf sehr günstig war, und daß du in Berlin sofort in ein neues,
ebenso schönes Nest kommen wirst. Das ist doch die Hauptsache, nicht
wahr?«
»Wohin ziehen wir?«
»In eine Etage natürlich. Ich hoffe bei der alten Generalin von
Fransecky in der Roonstraße eine Wohnung zu bekommen. Die war eine
Freundin meiner Mutter -- schon über achtzig Jahre alt -- tja -- ihr
Haus ist sehr vornehm eingerichtet.«
»Du meinst wohl das Zubehör, denn Möbel haben wir doch?«
»Das wird sich alles finden. Die Hauptsache ist, daß es behaglich
wird.« --
In banger Benommenheit kam Liese nach Berlin. Der Baron hatte die
Etage in der Roonstraße gemietet, aber sie war mit den altmodischen
Möbeln der Generalin ausgestattet. -- »Unsere Sachen mußten auf den
Speicher kommen«, erklärte er Liese. »Das ging nicht anders, weil die
Villa schon während unserer Reise bezogen wurde. Entweder lasse ich
noch alles herkommen, oder wir leben vorläufig in Frau von Franseckys
Sachen. Das letztere scheint mir sogar das Praktischste zu sein.«
Liese schwieg dazu. Je mehr sie erfuhr, desto tiefer tappte sie im
Dunkeln. Ihr Versuch, durch einen Dritten Klarheit zu gewinnen,
scheiterte: Es stellte sich heraus, daß Frau von Fransecky ganz
unzugänglich war. Wie auf einer Insel lebte die Greisin in ihrem
stillen, vornehmen Hause.
Auch das eigene Leben in Berlin gestaltete sich anders, als Liese
erwartet hatte. Es war ihr schon oft bedenklich gewesen, daß der Baron
gar keinen Beruf mehr hatte. Er erzählte ihr zwar, daß er an seinen
›Memoiren‹ arbeite; aber diese literarische Tätigkeit beschränkte
sich darauf, daß der Autor jede Woche einmal alte Notizbücher
durchblätterte. Was ihn wirklich beschäftigte, war der Klub und der
Rennsport. Nach Hoppegarten fuhr er jeden Sonntag mit Liese -- im Klub
verbrachte er allein seine Abende.
Sie aber empfand das Schlaraffenleben als Qual. Sie war an Arbeit
gewöhnt. Als sie von all den neuen Genüssen genascht hatte, stand
sie vor einer erschreckenden Inhaltslosigkeit. Es war, als ob sie
in einem luftleeren Raum atmen sollte. »Ich muß einen Zweck haben«,
flüsterte sie. »Ich kann doch nicht nur essen und trinken und mich
putzen und Romane lesen.« Der Mensch, der allem, was sie umgab, einen
Sinn gegeben hätte, fehlte ihr. Baron Bassenried konnte oder wollte es
nicht sein. Sein spätes Feuer erlosch wieder.
Erst als er Lieses wachsende Melancholie bemerkte, begann er sein
Leben zu ändern. Er wurde häuslicher, er ›widmete‹ die Abende seiner
Frau, freilich in einer Weise, die noch bedenklicher war als das
frühere Leben. Bald wurden nämlich die Spielabende in die Roonstraße
verpflanzt. Liese fand einen Brief in dem Zimmer ihres Mannes -- er
war von seinem vornehmen Klub. Sie wurde aus dem Inhalt nicht klug --
nur so viel verstand sie, daß der Baron ausgeschlossen worden war. Nun
mußte also privatim weitergespielt werden.
Davor graute Liese, besonders weil diese Nächte gesellschaftliche
Verpflichtungen brachten. Die Hausfrau hatte für Bewirtung zu sorgen.
Das aber wurde Liese oft unmöglich gemacht, weil der Baron kein Geld
hergab und verlangte, daß sie bei Lieferanten zu borgen verstand.
Schließlich tat Liese, was sie am längsten vermieden hatte: sie
übertrug Friedrich alles Wirtschaftliche. Daß dieser Mensch vor allem
in die eigene Tasche arbeitete, war ihr klar, aber in dem Sumpf wurde
sie gleichgültig.
Trost und Ersatz fand sie in ihrem persönlichen Erfolge. Es wurde
immer deutlicher, daß der Baron mit ihrer Anziehungskraft rechnete. Er
sorgte dafür, daß sie bei jedem Gesellschaftsabend in neuer Toilette
erschien, er brachte ihr Schmuck und Parfüm mit und machte sie zu
einer Modepuppe. Wann und wie das alles bezahlt wurde, entzog sich
Lieses Kenntnis.
Es wurden tolle Nächte. Während im Salon gespielt wurde, tanzte man
im Speisezimmer. Der Baron hatte eine Glücksperiode, als er den
wilden Klub in seiner Wohnung aufgetan -- Sekt und Delikatessen
wurden verschwendet, man holte sogar eine Zigeunermusik. Eines
Abends verstand sich Liese dazu, ihr Kostüm aus der ›Tollen Lotka‹
hervorzusuchen. Es war das Kostüm der Seiltänzerin -- sie erschien im
Trikot und sang ihre Lieder. Jetzt erst fand sie vollen Erfolg. Nun
kam Vergessenheit über sie. Schließlich mußte der Baron sein trunkenes
Kind ins Schlafzimmer tragen. --
Am nächsten Tage wurde Liese freilich von tiefem Widerwillen gepackt.
Den Anstoß dazu gab Friedrich, der mit dem Trinkgeld unzufrieden
war und nun sehr deutlich wurde. Er ließ einfach den Wein, der
übriggeblieben war, verschwinden -- Liese fand nichts mehr davon.
Als sie ihn zur Rede stellte, sagte er: »Sein Sie ganz stille, Frau
Baronin. Ich rate Ihnen -- sein Sie ganz stille. Von mir hängt es ab,
daß hier nicht alles auffliegt. Wenn ich nicht Schmiere stände, hätten
Sie längst die Polizei auf'm Hals.«
Liese wußte nichts zu erwidern. Sie begriff jetzt, daß man von
einem Erpresser abhängig geworden. Verstört lief sie in ihr Zimmer
und weinte dort bis zum Abend. Als sie den Baron mit neuen Gästen
erwartete, ließ er ihr telephonieren, daß er heute nach Potsdam
eingeladen sei. Nun war sie mit ihren schweren Gedanken allein. Ratlos
stand sie am Fenster und starrte auf den dunklen Königsplatz hinaus.
Unter kahlen Bäumen sah sie eine arme Frau umhergehen, die ihr kleines
Kind trug. Es war ein Bild frostiger Verlassenheit, aber in Lieses
Seele entzündete es ein warmes Licht. Reuevolle Erinnerung überkam
sie: Auch sie hatte ein Kind.
Das lebte nun schon lange bei fremden, kümmerlichen Menschen. Drei
Jahre war die kleine Berta alt. Plötzlich wurde Liese von einer
bangen Neugier nach ihrem Kinde ergriffen. Sie fühlte selbst, daß es
keine Mutterliebe war. Auch wußte sie, daß der Weg zu Berta verrammelt
worden. Hier mußte sie den Zorn des Barons am meisten fürchten.
Er selbst war der Inbegriff der Unzuverlässigkeit -- von ihr aber
forderte er letzte Pflichterfüllung.
Sie durfte das Wiedersehen nicht wagen. Doch etwas beschloß sie --
das konnte der Baron ja nicht erfahren: Sie schrieb an Frau Grunow
und erbat ihre Antwort postlagernd. Dreimal entwarf sie den Brief
und zerriß ihn wieder. Dann genügte er ihr, und sie sandte ihn ab.
Als dies geschehen war, wurde sie etwas ruhiger. Sie hatte nun doch
auf einen echten Wert zurückgegriffen. Wenn sie auch ihr Kind nicht
wiedersah -- sie erfuhr doch, wie es sich entwickelte.