Deine dankbare Nichte Liese Prutz,
bald Freifrau von Bassenried-Limprun.
Postskriptum: Nimm Dich vor Adele Schörg in Acht, daß die nicht
wieder horcht, wenn Du es Vater sagst. Und denke Dir, Tante: Viktor
Schwarz habe ich auch schon gesprochen. Das ist ein gefährlicher
Mensch. Aber er hat in Berlin kolossalen Erfolg und seine kranke
Frau wird er wahrscheinlich auch bald los. Es gibt Leute in Berlin!
Aber ich lasse das alles nicht an mich ran. Schwarz lernte ich
neu kennen, weil er der Rechtsanwalt meines Bräutigams ist. Mein
Bräutigam hat natürlich keine Ahnung. --‹
Die Gefühle, mit denen Tante Sanftleben diesen Brief las, waren
gemischt. An jeder Stelle spürte sie Segen und Gefahr heraus. Gewiß,
es war ein märchenhafter Aufstieg, aber um Liese war es schade. An den
Segen des neuen Glanzes konnte Tante Sanftleben noch nicht glauben.
Vornehmer Name, reicher Besitz waren nicht die höchsten Güter. Sie
wußte trotz allem von dem Manne, der Lieses Schicksal wurde, noch
nichts. Zwei Stellen in dem Brief taten Tante Sanftleben freilich
wohl: das war die kindliche Treue, die Liese ihrer alten Freundin
bewahrte, und ihr tiefes Bedürfnis, den Vater zu erfreuen. Aber warum
sagte sie garnichts von ihrem Kinde?
Immerhin -- sie wollte Lieses Wunsch erfüllen. Es war ein schwerer
Gang -- sie wollte ihn gehen. Fast ein Jahr hatte sie mit ihrem
Schwager nicht gesprochen. Der alte Prutz galt in der Stadt
als geistesgestört. Man sah ihn stundenlang umherwandern und
Selbstgespräche führen. Auch war es allgemein bekannt, daß sein
Geschäft in bedenklicher Weise zurückging. Schon hielt sich das
Gerücht, daß Konditor Breitkopf die Firma seines alten Konkurrenten
übernehmen wolle. ›Mohrenkopp‹ war zielbewußt.
So ging denn Tante Sanftleben schweren Herzens zu ihrem Schwager. Sie
betrat den Laden. Adele Schörg hinkte in Lackschuhen auf sie zu. Sie
trug einen Blumenstrauß an der seidenen Bluse, und ihr Gesicht war
gepudert.
Tante Sanftleben blieb ihrer Neugier gewachsen. Sie ging an Adele
vorbei und suchte Vater Prutz in der Backstube auf.
»Entschuldige, Reinhold -- aber ich muß dich hier aufsuchen, vorn ist
man vor Adele nicht sicher. Die horcht doch, wo sie kann.«
Vater Prutz machte einen verwilderten Eindruck. Ein Einsiedler, kein
Konditor in seiner Werkstatt. Er starrte die Schwägerin an. -- »Was
willst du?«
Da sagte sie ihm mutig, um was es sich handelte. Aber die Wirkung
wurde ihr nicht klar. Der alte Mann fuhr nicht auf, sondern sank noch
mehr in sich zusammen. Mit einem seltsamen Ausdruck schüttelte er dann
den weißen Kopf.
»Was sagst du dazu, Reinhold? Ist es nicht wunderbar?«
»Wunderbar mag es schon sein. Aber es geht mich nichts an. Wirklich
-- es geht mich nichts mehr an, Ottilie. Sie ist schon beim Zweiten
-- der Dritte und Vierte wird auch kommen -- ich habe keinen Einfluß
darauf.«
»So ist es ja nicht gemeint. Du vergißt, daß Liese ein selbständiger
Mensch ist. Sie lebt ihr eigenes Leben. Daß du nicht mehr gefragt
wirst -- so geht es jedem Vater, Reinhold. Hier handelt es sich um
Leben und Sterben, um die letzte Beziehung zueinander.«
»Laßt mich in Ruhe!«
»Reinhold, du bist alt und einsam geworden --«
»Nun ja! Wer ändert's?! Ändert das vielleicht der Wisch, den du
bekommen hast?!«
»Wer weiß -- vielleicht greift Lieses Bräutigam ein -- und alles wird
noch besser für dich --«
Jetzt richtete Vater Prutz sich bebend auf: »Nimm dich in Acht! Daß
du mir nicht Geschichten machst und Sachen vermittelst, die ganz
unmöglich sind! Das gäbe mir den Rest, du!«
Kopfschüttelnd sah Tante Sanftleben auf den schwer atmenden Greis.
»Mit dir ist nichts zu machen. Soll ich ihr nun gar kein gutes Wort
von dir bestellen?«
Vater Prutz schwieg eine Weile. Dann flüsterte er: »Bestell' ihr --
daß ich ihr nichts Schlechtes wünsche.« --
Liese erhielt Tante Sanftlebens Bericht, als sie eben mit dem Baron
eine Droschke bestieg, um zum Standesamt zu fahren. Er sah sie blaß
werden, aber er hatte eine bewährte Technik, über Unangenehmes
fortzugehen.
In Liese aber blieb eine schwere Traurigkeit.
Bei der Hochzeit war sie nur mit halben Sinnen. Zu dem Diner in der
Hitzigstraße hatte der Baron etwa zwanzig Gäste geladen -- kein
einziger war darunter, der Liese näherkam. Aus einigen wurde sie
überhaupt nicht klug. Die Freunde ihres Gatten trugen hohe Titel und
Namen; aber die Damen, die sie mitbrachten, schienen bei aller Eleganz
aus einer zweifelhaften Sphäre zu stammen. So kam die hochzeitliche
Stimmung nicht über junkerliche Derbheiten und kreischenden Übermut
hinaus. Beim Tanzen erst wurde es lustig. Liese hätte sich gern die
Seele frei getanzt, aber nun war der Baron das Hindernis, denn er
litt an Schwindel. Ruhig trank er mit seinen bequemen Freunden eine
Flasche Rotspon nach der anderen. Heute wurden zum erstenmal seine
Jahre bemerkbar. Schließlich setzte sich Liese ans Klavier und begann
ihre Lieder aus der ›Tollen Lotka‹ zu singen. Da trat ihr Gatte hinter
sie, legte die Hände auf ihre Schultern und flüsterte: »Aber Kind, am
heutigen Tage! ...« --
Zwei Tage später reisten sie. Es war eine schwierige Abreise gewesen,
denn der Baron hatte bis zuletzt noch lästige Besuche empfangen, deren
Bedeutung Liese nicht klar wurde. Ziemlich gewöhnliche Männer standen
im Hause, bald oben, bald unten -- sie grüßten die junge Frau kaum und
trugen ein aufreizendes Benehmen zur Schau. Liese hatte eine kindliche
Furcht vor dem Baron, wenn er sich geärgert hatte. Daß er sehr brutal
werden konnte, spürte sie oft. Der Pferdemensch in ihm war nur halb
gebändigt.
Sie war froh, als man im Zuge saß und Berlin eine Weile hinter sich
lassen konnte.
Man fuhr durch den Gotthard nach Genua. Liese sah mit wirrem Staunen
auf die Bilder der Welt, die sich plötzlich vor ihr auftaten. Ihr Mann
hatte nur ein Ziel, das ihn anzog: Monte Carlo. Immer wieder hatte er
Liese davon erzählt, so daß auch sie den Höhepunkt der Reise darin
sah. Mit einem merkwürdigen Feuer, wie ein entschlossener Kämpfer,
sprach der Baron. In Genua bezwang er kaum seine Nervosität. Bis zum
Morgen zechte er mit Liese -- sie verstand diese Stimmung nicht und
schlief in seinen Armen ein.
In Monte Carlo aber merkte sie, was gemeint war. Der Baron verließ den
Spielsaal nicht mehr. Er vergaß vollkommen, daß er eine junge Frau
neben sich hatte. Auch als Liese zornig aufstand und sich entfernte,
kam er ihr nicht nach. Er war wie verzaubert, blind und taub für
alles. Liese hatte nur eine Stunde an dem phantastischen Bilde des
Spielsaales Gefallen gefunden -- dann widerten sie die verzerrten
Mienen an. Sie konnte diese Leidenschaft nicht verstehen, ihr Mann war
ja reich, er brauchte den Spielgewinn nicht. --
Als sie eines Abends ohne ihn durch den Park schritt, fiel ganz in
der Nähe aus dem Dunkel ein Schuß. Entsetzt blieb sie stehen. Dann
sah sie zwei Parkwächter einer bestimmten Stelle zulaufen. Sie folgte
ihnen, von Grauen angezogen. Bald wurde ein eleganter, junger Herr an
ihr vorübergetragen -- sie sah einen roten Streifen auf seiner weißen
Stirn -- sie hatte ihn mit lachenden Augen oft auf der Promenade
gesehen. Da rannte sie, von Angst geschüttelt, in das Hotel. Am Morgen
erst kam der Baron.
Er setzte sich an ihr Bett -- sie weinte sich bei ihm aus und
erzählte, was sie erlebt hatte. -- »O, das kommt hier öfters vor,
liebes Kind«, sagte er gleichmütig. »Das sind die Opfer, die das Klima
von Monte Carlo nicht vertragen können.«
»Das Klima?«
»Nun ja -- hier muß man starke Nerven haben. Ich zum Beispiel --«