Durch die alten Gassen von Strelenwalde zog Frühlingshauch. Es roch
nach Hyazinthen und Zwiebeln, und die große Lohgerberei von Brummel
Söhne machte sich auch bemerkbar. Ottilie Sanftleben stellte mit Hilfe
des Dienstmannes Musolf die beiden Oleanderbäume vor ihre Tür. Das war
in Strelenwalde die eigentliche Eröffnung des Frühlings. Nun kam auch
Schimke, der Briefträger, auf das alte Fräulein zu. Er gehörte zu den
Flotten im Städtchen und machte sich gern einen Spaß.
»Morgen, Fräulein Sanftleben! Da hab' ich wieder ein Briefchen!
Wahrscheinlich ein sehnlich erwartetes Briefchen! Na, ja -- die schöne
Jahreszeit!«
Lieses Tante strafte die grinsenden Männer mit Verachtung. Nach einem
Blick auf die Adresse sagte sie: »Von meiner Nichte aus Berlin.«
Der neckische Briefträger ging in das Nachbarhaus. Tante Sanftleben
aber stieg in ihre Wohnung hinauf. Dort las sie den Brief:
›Mein liebes, gutes Tantchen Sanftleben!
Nun habe ich so lange nichts von mir hören lassen, und nun wunderst
Du Dich gewiß über das pikfeine Briefpapier. Aber mache Dir nur
keine Gedanken. Ich bin solide geblieben, es geht mir ausgezeichnet,
aber ich habe tolle Sachen erlebt.
Also, denke Dir, Tantchen -- beim Theater bin ich nicht mehr, und zu
Herrn Müffel hinters Büfett bin ich auch nicht wieder gegangen. Aber
ich habe einen Mann kennengelernt, der mich in der nächsten Woche
heiratet. Nun sitze recht fest in Deinem lieben Großvaterstuhl -- da
sehe ich Dich nämlich jetzt -- lieber Gott, wie ich da noch gesessen
habe! Das ist lange her. Das ist schon kaum noch wahr.
Also, sitze recht fest, Tante. Mein Bräutigam ist der Freiherr
August Walter Leberecht von Bassenried und Limprun, ehemaliger
Leutnant im Gardekürassierregiment, jetzt Privatmann und
Hausbesitzer in der Hitzigstraße, Berlin W! Neunundvierzig Jahre
alt, aber noch sehr frisch und stattlich. Er hat sich im Theater in
mich verliebt und, wie gesagt, er heiratet mich. Seine Tochter aus
erster Ehe war dagegen, aber die ist nun mundtot und sitzt wieder
in der Schweiz. Ich werde in einem Paläh wohnen, Tante, in einem
richtigen Paläh mit zwölf Zimmern und Diener und Papagei, und die
Küche liegt im Keller, die Speisen kommen immer mit dem Aufzug
'rauf, direkt bis ins Eßzimmer.
Aber wohnen tun wir noch nicht gleich in unserm Hause. Erst machen
wir eine wunderbare Reise, wahrscheinlich bis nach Monte Carlo, wo
nur mit Gold gespielt wird. Das heißt, ich werde meinem Mann schon
sagen: Wenn ich dabei bin, gibt es so was nicht.
Was sagst Du, Tante? Hätte man das für möglich gehalten? Weißt Du
noch, wie Du mich in Strelenwalde in die Bahn gebracht hast, mich
und das Kind, und im Kupee saß Guido Müffel? Gott, war das ein
Elend. Und nun habe ich einen der reichsten Männer von Berlin. Ja,
das Leben ist erfinderisch, hat Müffel mal gesagt.
Aber in Strelenwalde erzählte ich es nur Dir, Tante. Sonst möchte
ich nicht, daß es rumgetragen wird, denn weißt Du wegen Viktor
Schwarz. Mein Bräutigam denkt sich natürlich manches, was in der
Vergangenheit liegt. Er ist ja ein lebenserfahrener Mann, aber er
hat es mir zur Bedingung gemacht: Nichts, was früher mal war, darf
an ihn rankommen. Er sorgt für mich, aber im übrigen -- Hände weg.
Das kann man ihm ja nachfühlen -- nicht wahr? Er hat eben einen
neuen Menschen aus mir gemacht.
Anders steht es natürlich mit Vater. Der muß es jetzt wissen.
Schließlich wird er ja doch noch was für mich übrighaben und sich
Sorge um mich machen, wenn er auch nichts sagt. Der arme, alte Mann.
Wo ich nun endlich glücklich werde, vergesse ich auch gern, was er
mir getan hat. Ich möchte ihm noch die Freude machen. Gehe zu ihm,
Tante, und erzähle ihm alles. Aber Diskretion ist Ehrensache, nicht
wahr? Schreibe mir bald, wie er es aufgenommen hat. Schreibe mir
auch, wie es Dir geht.