»In gewisser Hinsicht muß man das leider werden. Sonst können Sie, wo
Sie nach mir fragen, nur das Gegenteil hören. Ich gelte als ein Mann,
auf dessen Charakter Tausende bauen. Aber ich habe bei jeder meiner
Handlungen die Gesellschaft zu berücksichtigen, der ich meine Stellung
verdanke. Ich darf mir keine Blöße geben. Wenn man im Begriff steht,
den ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹ zu gründen --«
»Was ist denn das?«
»Das kann ich Ihnen nicht so mit zwei Worten erklären. Jedenfalls --
ich zeichne verantwortlich. Ich verhüte aus eigenster Erfahrung, daß
uneheliche Kinder zur Welt kommen. Deshalb muß ich selbst natürlich
unantastbar bleiben.«
»Machen Sie sich meinetwegen keine Sorge. Ich habe kein Interesse mehr
dran, Sie in die Tinte zu bringen. Im Gegenteil. Mein Bräutigam darf
nichts ahnen. Ich bin verschwiegen, wenn Sie es sind. Außerdem kann
ich das Kind nicht ausstehen.«
»Warum?«
»Weil es Ihr Kind ist.«
Sie funkelte ihn an. Er aber wahrte seine Glätte: »Hm, So ... Ja, das
ist Ihre Sache. Sie müssen mir jedenfalls versprechen, daß das Kind
niemals erfahren wird, wer sein Vater ist. Sonst kann ich keinerlei
Rücksicht nehmen.«
»Was soll Ihnen denn solch armes Wesen schaden?«
»Sie müssen es mir versprechen! Nur unter dieser Bedingung bin ich
bereit, Ihnen beizustehen! Sie werden, solange ich lebe, einen echten
Freund an mir haben! Verstehen Sie mich? Ich will an Ihnen gutmachen,
aber die Frucht meiner Verwirrung darf nie ein Gläubiger für mich
sein.«
»Ich verspreche, was ich kann. Das Kind ist mir selber fremd -- das
geht seinen eigenen Weg -- von mir soll es nie was wissen.«
»Waren Sie sonst diskret?«
»Das können Sie sich wohl denken. Ich war doch ein anständiges
Mädchen. Meine Schande hab' ich für mich behalten.«
Viktor Schwarz stand auf und drückte Lieses Hand: »So, dann wären wir
also einig. Zeigen Sie Ihren Herrn Bräutigam ein recht fröhliches
Gesicht, damit er glaubt, daß ich Sie beruhigt habe. Und nun
entschuldigen Sie mich -- ich muß in meine Wohnung -- ich stecke
nämlich in den schwierigsten Umständen -- -- meine Frau reist ab.«
»Ihre Frau?«
»Ja, Sie wissen nicht, daß ich verheiratet bin? Das arme Ding ist
leider immer krank -- Magenkrebs -- ein schweres Schicksal. Endlich
hat sie sich dazu bewegen lassen, in ein Sanatorium überzusiedeln --
ich muß sie selber hinbringen -- es ist vielleicht ihre letzte Fahrt
... Ja, so sieht es aus, das Leben, liebe Liese.«
Er seufzte, aber sie hörte, daß kein Gefühl in seinem Seufzer war. Da
kam noch einmal das alte Grauen über sie -- sie verabschiedete sich
kurz und verließ ihn.
Auf der Treppe begegnete ihr eine auffallende junge Frau. Eleganz und
Parfüm kennzeichneten die Freundin, die gewisse Männer nicht entbehren
konnten. Unwillkürlich dachte Liese: ›Das ist keine Kundschaft.‹ Sie
blieb noch eine Weile stehen und hörte, wie die Dame oben von Viktor
Schwarz begrüßt wurde: »Ah, Gusti! Und ich will eben zu Lene! Na, komm
nur 'rein! Herr Tübbeke, führen Sie Frau Bernhardi in mein Zimmer! Ich
telephoniere nach Hause, daß ich eine Stunde später komme!«