Am Elisabethufer wurde eine Leiche aus dem Kanal gezogen, als die
Droschke, die Liese zu Frau Grunow trug, vor Nummer 24 hielt. Das
Ereignis hatte viele Menschen angelockt, die in einer eigentümlichen
Mischung von Grauen und Spott das Geländer säumten. Liese begriff,
was vorging, hütete sich aber davor, etwas erkennen zu wollen. Sie
bezahlte schnell und lief mit ihrem Kinde in das Haus.
Vier Treppen mußte sie steigen -- dann las sie endlich das kleine
Porzellanschild: M. Grunow, Näherin in und außer dem Hause. Darüber
befand sich eine größere Holztafel, die nach Lieses Eindruck ganz
geschmackvoll mit allerlei Nixen und Wasserpflanzen bemalt war.
Sie trug in Schnörkelschrift den Namen Alfons Grunow, Maler und
Innendekorateur. Auf einer vergilbten Visitenkarte stand noch:
Tübbeke, Bureauvorsteher.
Sie klingelte. Ein kläffender Hund wurde hörbar. Dann schlurfte es
heran, und eine bejahrte Frau öffnete mißtrauisch die Tür.
»Ach, Sie sind es, Fräulein«, sagte sie dann langsam. »Kommen Sie man
'rein.«
Die Stimme klang mürrisch. Das fahle Runzelgesicht heimelte Liese
nicht an. Sie war in Strelenwalde an glücklichere Erscheinungen
gewöhnt. In der Wohnung sah es sehr ärmlich aus. Zum erstenmal regte
sich ein dunkles Mitleid in Liese für das kleine Wesen, das hier
abgesetzt wurde.
Aber dieses Gefühl erstickte sie. Aufrecht saß sie der alten Näherin
gegenüber: »Ich bringe Ihnen das Kind, Frau Grunow. Ich bin mit Ihren
Bedingungen einverstanden. Herr Müffel hat Ihnen ja geschrieben.«
Frau Grunows verglommene Augen musterten Lieses Erscheinung. Sie
gähnte dann und strich das graue Haar aus der Stirn: »Ja, ja, -- ich
weiß schon. Müffel ist ein anständiger Mann. Sein Bruder, der war
anders. Gesoffen hat er, und gekommen ist er zu nichts, und dann hab'
ich ihn zwei Jahre hier krank gehabt. Aber Guido ist tüchtig. Kriegen
Sie nun wirklich die Stelle, Fräulein?«
Die Frage klang so skeptisch, daß Liese rot wurde. »Ich werde mir alle
Mühe geben, sie auszufüllen.«
»Ach, geben Sie sich man nicht zuviel Mühe. Die Hauptsache ist, daß
eine nett aussieht. Guido versteht den Zimmt. Ja, der eine hat Dusel,
und der andere muß sich sein ganzes Leben schinden und kommt zu
nichts.«
»Ach, wissen Sie, Frau Grunow, ich habe auch bis jetzt nicht viel
Dusel gehabt.«
»Na, was wollen Sie denn? So'n Kind das macht Ihnen doch nichts mehr?
Und mit die Männer -- lieber Gott, denen gefallen Sie wahrscheinlich
jetzt noch besser.«
Liese schnitt das peinliche Thema ab: »Nun kann ich wohl noch sehen,
wo das Kindchen schlafen wird?«
Frau Grunow machte eine ärgerliche Bewegung: »Schlafen tut se hier
-- da steht ja das Bettchen. Was soll ich Ihnen sonst noch erzählen?
Ich arbeite bloß noch zu Hause, seit ich die verfluchte Gicht habe.
Also da ist immer einer, und die Milch von Bolle kennen Sie doch? Die
Hauptsache ist, daß Sie genug Geld dalassen, damit ich was kaufen kann
fürs Kind. Was Sie da mitgebracht haben -- die zwei Windeln und das
fusselige Wolltuch -- damit kommen wir nicht weit.«
Es kochte in Liese. Sie hatte mit Tante Sanftleben alles so nett
gerichtet -- da ließ sie sich nicht angreifen. Aber sie bezwang sich.
Vorläufig sah man sie ja nicht wieder. -- »Gut, also gut. Hier sind
noch dreißig Mark. Das wird ja wohl vorläufig genügen?«
»Und monatlich pünktlich schicken, nicht wahr? Auslegen kann ich
nämlich nichts. Uns geht's hier miserabel. Mein Bruder, was der
Bureauvorsteher ist, der ist ein oller Geizkragen, der sitzt auf seine
Kröten. Und mein Sohn, der Alfons, der könnte als Stubenmaler so viel
verdienen, aber der quatscht bei seine Partei, macht Versammlungen und
glaubt, daß übermorgen alles anders wird. Nee, Fräulein -- hier kommt
es bloß auf mir an. Das eine kann ich Ihnen man sagen: Dem Kind fehlt
nichts, und das kommt daher, weil ich noch fromm bin. Ich gehe nämlich
jeden Sonntag in die Kirche. Ja, so was gibt es noch in Berlin. Nu
können Sie sich ja vorstellen, daß es hier gut für so'n Kind ist.«
Liese widersprach nicht. Sie verabschiedete sich bald. Als sie in der
Pferdebahn saß und nach der Französischen Straße zurückfuhr, war sie
ganz beruhigt. Das Kind war untergebracht -- sie mußte jetzt selbst
durchkommen. --
Ihren Koffer hatte sie noch in einem Fremdenheim in der Mittelstraße.
Sie sagte Guido Müffel, ihrem neuen Chef, daß das Kind nun fort sei,
und daß sie zu ihm übersiedeln könne. Er sah sie strahlend an und war
mit allem einverstanden.
Liese hatte Talent für den neuen Beruf. Ihr Erfolg entsprach den
Erwartungen. Überrascht blickten Guido Müffels Gäste auf die neue
Büfettdame. Diese schlanke, blonde Person war keine zur Schau
gestellte Puppe, sondern ein tüchtiger Mensch. Sie versäumte keine
Freundlichkeit, aber sie bewährte sich auch hinter den Kulissen.
Das Geschäftliche ging am Schnürchen, und in der Küche merkte man
bald, daß Fräulein Prutz kochen konnte. Den Kellnern gegenüber hatte
sie ein glückliches Gemisch von Dame und Wirtschafterin. Aber es
erfüllte sich auch, was Frau Grunow prophezeit hatte: Der Instinkt der
lebenserfahrenen Herren spürte, daß Liese Prutz schon einiges »hinter
sich« hatte. Das aber gab ihr den höchsten Reiz. Man glaubte es nicht
mehr so weit zu haben bis zur Verständigung. Doch auch der keckste
Werber machte die Erfahrung, daß man eine mißhandelte Seele vorläufig
in Ruhe lassen mußte.
Freude hatte Liese an ihrem Beruf. Das Zerstreuende der täglichen
Pflichten und der Wechsel der Erscheinungen war das, was sie gebraucht
hatte. Auch gab es wirklich interessante Männer, die bei Guido Müffel
verkehrten. Nicht nur müde Geschäftsleute, die in der Erholungsstunde
materiell gestimmt waren -- es kamen auch viele Künstler, und ihre
selbstbewußte Art herrschte natürlich vor. Besonders ein bekannter
Sänger vom Königlichen Opernhause und ein anderer von der Operette in
der Friedrich-Wilhelm-Stadt beschäftigen sich mit Liese. Mit beiden
scherzte sie bald, als ob ihr überhaupt nichts Böses geschehen wäre.
Das Lokal war jeden Tag von Heiterkeit erfüllt. Guido wurde immer
stolzer auf seine Entdeckung.
Bald machten die Stammgäste sich einen Spaß, der aus guten Herzen kam.
Sie durchschauten, daß es sich bei Liese um einen Menschen handelte,
dessen Empfindlichkeit geschont werden mußte. Sie war immer nett und
sauber, aber dürftig gekleidet. Dies war der einzige Punkt, der Guido
Müffel Sorge machte. Zu der Seelengröße, seine Büfettdame entsprechend
einzukleiden, konnte er sich doch nicht aufschwingen. Da verschworen
sich nun die zahlungsfähigsten Verehrer, einen Fond zu gründen,
einen »Liese-Prutz-Fond«, dessen Mittel zur Beschaffung eleganter
Garderobe dienen sollte. Man hatte eine kindliche Freude daran, alles
zusammenzutragen, was dem hübschen Fräulein stand. Dabei wurde für
die Empfängerin jede Peinlichkeit vermieden -- bei keinem Gegenstande
kam es zutage, wer ihn gestiftet hatte. Man sprach immer nur von
»unserer« Liese, man wollte gleicherweise an etwas beteiligt sein,
was so viel Freude machte. Guido Müffel übernahm es, Liese in die
Sache einzuweihen. Es war eine heikle Aufgabe, aber sein Schützling
erleichterte sie ihm. Liese spürte, daß sie nichts hergab, was sie
sich wahren wollte. So erschien sie denn schelmisch lächelnd von
Zeit zu Zeit mit einer neuen Errungenschaft im Lokal, mochte es eine
seidene Bluse oder ein Schildpattkamm oder feine Schuhe sein. Immer
hörte sie das leise »Ah!«, das den Beifall der Verschwörer bedeutete.
Auf solche Weise konnte sie allen gehören --
Eines Morgens kam eine Postkarte von Frau Grunow, das Kind sei krank
gewesen, aber nun schon über den Damm. Sie wollte es der Mutter erst
schreiben, wenn alles überstanden war. Liese erschrak trotzdem, denn
sie schämte sich vor ihrem Kinde. Eines Sonntagnachmittags beschloß
sie wieder nach dem Elisabethufer zu fahren. Im Lokal war sie erst
abends nötig. Sie bat Herrn Müffel, eine Tüte mit allerlei Süßigkeiten
mitnehmen zu dürfen, und er füllte sie ihr selbst mit Datteln,
Traubenrosinen und kleinen Kuchen.
Liese kam überraschend. Es war Sonntag, und in Frau Grunows Wohnstube
befand sich eine lebhafte Kaffeegesellschaft. Liese staunte, wie
nett die arme, alte Frau alles herrichten konnte. Einen Napfkuchen
hatte sie gebacken, den Onkel Tübbeke alle fünf Minuten aufs neue
beurteilte. Außer dem Bruder der Frau Grunow traf Liese diesmal
auch Alfons, ihren Sohn, ferner Fräulein Milchner, eine benachbarte
Lehrerin, und Herrn Frosch, einen Friseur, der sein taubstummes
Töchterchen mitgebracht hatte, selbst aber außerordentlich beredt war.
Nicht weit vom Kaffeetisch lag Berta in ihrem Bettchen. Das erschien
Liese in Anbetracht der rauchenden Männer nicht ganz richtig, aber sie
wurde von Frau Grunow sogleich beruhigt. Die Hauptsache sei, man müsse
solch Kind an alles gewöhnen.
Liese bekam einen Ehrenplatz auf dem Sofa. Sie wurde überhaupt mit
großer Höflichkeit behandelt. Ihre elegante Erscheinung wirkte in
dieser Ärmlichkeit. Frau Grunow freute sich an der Tüte mit den
Süßigkeiten, bot aber, als sie den Inhalt übersehen hatte, nichts
davon an. Nur eine elegische Betrachtung knüpfte sie an das Geschenk,
die das unterbrochene Gespräch wieder in Gang brachte.
»Ja, ja -- da kriegt man mal wieder so'n Schimmer von dem, was andere
Leute jeden Tag haben. Unsereiner muß für Kartoffeln und Bohnen sorgen
-- weiter reicht es nicht.«
»An den süßen Sachen verdirbt man sich bloß die Zähne«, meinte Onkel
Tübbeke, obwohl er beständig Kuchen aß.
»Als zielbewußter Proletarier ziehe ich meine einfache Kost
entschieden vor!« platzte Herr Frosch heraus, indem er seine
flackernden Augen über Liese gleiten ließ. Dann tat er, was er
nach jeder Äußerung tat: er beugte den Kopf zu seinem taubstummen
Töchterchen, als wollte er sehen, ob es etwas wünschte. Es war auch
diesmal nur eine mechanische Bewegung.
Alfons Grunow, der einen überraschenden Haarwuchs hatte, richtete
seinen düsteren Künstlerblick auf Liese. Er ließ Herrn Frosch seinen
Parteigenossen, immer zuerst sprechen -- dann äußerte er gleichsam
die abschließende Wahrheit; »Der Tag wird kommen, wo es auch bei uns
Rosinen gibt. Aber die Knackmandeln, die wir vorher spendieren, werden
ein bißchen anders aussehen, was Bruno?!«
Frosch nickte eifrig und beugte sich wieder zu seinem Kinde.
Onkel Tübbeke, der mit seinem bartlosen Runzelgesicht und seiner
fuchsigen Perücke an eine Figur aus der alten Berliner Posse
erinnerte, sagte mit komischer Grimasse: »Na, Alfons -- sie werden
euch schon auch noch manches zu knacken geben -- warte man ab.«
»Onkel, du hast keine Ahnung von Morgenluft«, erwiderte der Neffe,
indem er mit beiden Händen in seine Lockenfülle griff.
»Als wie icke? Ich stehe doch jeden Morgen um halb sieben Uhr auf, und
um achte bin ich im Bureau.«
»Na ja, -- das mein' ich aber nicht. Du kommst von den Burschoa und
gehst zu den Burschoa. Du hast dir den Sturmwind der Zeit noch nie um
die Nase wehen lassen.«
»Dafür dank' ich auch, mein Junge. Davon kriegt man bloß'n Schnuppen.«
-- Jetzt kicherte Onkel Tübbeke. Vom Kichern kam er ins Husten.
Trotzdem wiederholte, er allmählich brüllend, indem er sich zu Liese
wandte: »Davon kriegt man bloß 'n Schnuppen.«
Alfons machte eine verächtliche Bewegung, die der Onkel übelnehmen
konnte. Fräulein Milchner glaubte wieder einmal vermitteln zu
müssen: »Ich glaube, wir werden für unser Leben mit den bestehenden
Verhältnissen vorliebnehmen müssen. Für uns heißt es: seine Pflicht
tun. Gerechtigkeit wird es wohl niemals geben.«
Jetzt schlug Herr Frosch mit der Faust auf den Tisch: »Das wollen
wir doch mal sehen, Fräulein! Da bin ich ganz anderer Ansicht!
Gerechtigkeit muß kommen! Da hätten Sie Bebel hören müssen in der
letzten Parteiversammlung! Und Paul Singer! Es wird anders! Alles wird
anders! Eher, als Sie glauben! Der Zukunftsstaat ist nahe!« -- Er
beugte sich zu seinem stillen Kinde.
»Vergeßt den Napfkuchen nicht«, sagte Frau Grunow, die wieder neue
Stücke schnitt.
Alfons saß düster zurückgelehnt: »Rege dir man nicht auf, Bruno. Du
vergißt immer wieder, daß wir von Burschoa umgeben sind. Es ist nicht
unser Horizont, lieber Freund. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich
singe.«
Jetzt wurde Fräulein Milchner energischer: »Entschuldigen Sie,
lieber Herr Grunow, da muß ich doch aber bemerken, daß eine
Gemeindeschullehrerin die Not des Lebens wahrhaftig besser kennt als
mancher geräuschvolle Arbeiter. Wir gehören zum geistigen Proletariat,
wir haben nicht mal Ihre Waffen. Wenn wir zu Ruhe und Frieden mahnen,
geschieht es einzig deshalb, weil wir ganz genau wissen, daß eine
Auflehnung gegen die Machthaber nur noch größeres Elend brächte.
Wir Lehrerinnen müssen den bestehenden Staat, der noch nicht der
schlechteste ist, stützen.«
Die Stimme des ältlichen Fräuleins bewahrte kaum ihre Festigkeit, aber
sie hatte etwas Respekt Gebietendes, vor dem auch der wilde, junge
Maler schwieg.
Jetzt wagte sich auch Liese vor: »Ach, ich glaube, wir Frauen lassen
überhaupt am besten die Finger davon. Politik ist nun mal nicht unsere
Sache.«
Man konnte das ihrer hübschen rosigen Erscheinung aufs Wort glauben.
Alfons aber flüsterte mit finsterer Ironie: »Besonders nicht in
gewissen Lokalen, wo die blauen Lappen fliegen.«
Onkel Tübbeke warf seinem Neffen einen strafenden Blick zu. Fräulein
Prutz gefiel ihm sehr, und er duldete keine Kränkung. -- »Sie haben
ganz recht, Fräulein. Hol' der Deibel die ganze Politik! Wir sind ja
doch bloß das affige Publikum, das die Puppen tanzen sieht -- von den
Drahtziehern sehen wir nichts. Wenn man siebenundzwanzig Jahre bei
Rechtsanwälten gearbeitet hat, wie ich, dann weiß man Bescheid.«
»Ja, ja, die Rechtsanwälte«, sagte Liese nachdenklich. Dann fragte
sie, indem sie mit der Hand über die Stirn strich: »Sie sind
Bureauvorsteher, Herr Tübbeke?«
»Ich war's schon fünfzehn Jahre bei einem der ersten Anwälte von
Berlin, Justizrat Joachim in der Taubenstraße. Von dem haben Sie doch
gewiß schon gehört?«
Es entging der Gesellschaft nicht, daß Liese Prutz nach dieser
Auskunft ihren Löffel in die Tasse fallen ließ. -- »Ach ja, von dem
hab' ich schon gehört ...« Man merkte ihr an, wie gierig sie auf
weitere Mitteilungen wartete.
Onkel Tübbeke ließ sich nicht lange bitten: »Nun ist der alte
Justizrat ja zurückgetreten. Sein Neffe hat die Praxis übernommen. Das
ist noch 'n janz junger Dachs, aber ich sage Ihnen: schneidig, der hat
was los.«
»Sind Sie auch bei dem -- Bureauvorsteher?«
»Selbstverständlich. Er hat mich geerbt. Ohne mich kann ja der kleine
Schwarz nicht auskommen. In sechstausend Akten finde ich mich zurecht.
Das Wichtigste weiß ich auswendig.«
»Dein Gehalt aufbessern sollt' er«, murrte Frau Grunow.
»Das ist ja erst geschehen. Aber ich werde schon an den reichen
Knauser wieder herantreten, wenn es so weit ist. Er ist nämlich
klotzig reich, Fräulein.«