Viktor Schwarz,
Rechtsanwalt.«
Liese erfuhr von diesem Briefe nichts. Tante Sanftleben ließ die Dinge
gerichtlich ordnen und beschränkte sich darauf, den Lebensmut der
jungen Mutter zu stärken. Als Liese genesen war, wollte sie fort. Der
Boden von Strelenwalde brannte ihr unter den Füßen. Das verstand die
Tante. Als sie aber Lieses Entschluß hörte, stutzte sie. Die Nichte
wollte nach Berlin? Es gab für sie keinen anderen Ort, um eine Zukunft
zu gründen? Hoffte sie doch noch auf den Verführer?
Und ihr Kind wollte sie mitnehmen! -- »Das kommt in Pflege«, sagte
sie. »Hier lasse ich es nicht. In Berlin ist man doch ein bißchen
heller und freier, Tante. Da macht man's keinem Menschen zum Vorwurf,
daß er auf der Welt ist. Nun komm' ich also doch noch nach Berlin --
auch wenn der Herr Rechtsanwalt mich nicht hinbringt. Ich spüre so
allerlei in mir. Man wird sich vielleicht noch wundern. In unserm
Froschteich bleib' ich jedenfalls nicht.«
Tante Sanftleben fügte sich. Sie konnte nur mit stummen Augen bitten:
Weiche nicht vom Pfade der Tugend.
Sie sorgte noch für eine möglichst gute Übersiedlung. In aller
Morgenfrühe brachte sie Mutter und Kind zur Bahn. Liese weinte erst,
als Tante Sanftleben ihr einen Frühlingsstrauß in die Hand steckte.
Dann faßte sie sich gewaltsam und lächelte die treue, alte Freundin
an: »Vater wird's ja doch bald hören, Tante -- wie?«
»Ich gehe heute zu ihm und teile ihm alles mit. Ich fürchte mich nicht
vor ihm.«
»Ach, dann sage doch auch Adele, sie soll ein bißchen besser für den
Peter sorgen! Du weißt doch, mein alter Schimmel! Er kam mir neulich
so mager vor! Adele denkt ja doch bloß ans Naschen! Sie soll gut Hafer
nehmen, zweimal täglich! Vater hat es ja dazu!«
Tante Sanftleben unterdrückte eine Antwort. Mit feuchten Augen rief
sie: »Gut, gut, liebes Kind! Ich werde alles in deinem Sinne ordnen!
Und nun leb' wohl! Und Kopf hoch, nicht wahr? Ach, wie dein Bertchen
dazu nickt!«
»Nein, Tante, sie nickt, weil sie schrecklich müde ist!« Der Zug fuhr
ab. Liese stand noch eine Weile am Fenster, im rechten Arm das Kind
und mit dem linken hinauswinkend. Dann kam eine Biegung -- Tante
Sanftleben verschwand.
Liese setzte sich. Draußen flogen die letzten Häuser von Strelenwalde
vorbei. Sie drückte das schlafende Kind an ihre Brust, aber die innere
Kälte wollte nicht weichen. Sie schloß ihre Augen und lehnte sich
zurück. Nach einer Weile spürte sie, daß sie nicht allein war. Sie
erinnerte sich eines kleinen, ziemlich umfangreichen Mannes, der nach
ihr eingestiegen. Er hatte sich sogleich in ein Notizbuch vertieft,
während Liese mit der Tante gesprochen hatte. Es war eine betonte
Diskretion. In ihrer Feindseligkeit gegen jeden Mann warf Liese auch
jetzt nur einen kurzen, grimmigen Blick auf den Reisegefährten.
Dieser aber zeigte einen eigentümlichen Wechsel zwischen sachlicher
Gleichgültigkeit und persönlicher Liebenswürdigkeit. Er saß in seiner
Ecke, Liese gegenüber, und blickte bald, die Lippen bewegend, auf
seine Notizen, als wollte er sagen: Mich geht kein Mensch was an --
bald ließ er seine klugen Äuglein hurtig über die junge Frau gleiten,
und sie wurde von einer warmen Sympathie berührt.
Nun faßte sie ihren Reisegefährten doch näher ins Auge. Er hatte
eigentlich etwas sehr Drolliges, und wenn sie nicht so traurig
gestimmt gewesen wäre, hätte sie lächeln müssen. Elegant und protzig
gekleidet -- eine doppelt goldene Uhrkette mit wunderlichen Anhängseln
um den geblümten Bauch -- dabei wirkte er, als ob er in seine Kleider
eingenäht wäre und immerfort etwas an ihm platzen könnte. Der bartlose
Kopf mit dem Stumpfnäschen und den pfiffig empfindsamen Augen konnte
mit Theater oder Zirkus zu tun haben, doch erinnerte die saubere
Korpulenz des ganzen Mannes wieder an einen geübten Wirt. Jedenfalls
mußte er recht klug sein und ein Berliner ganz bestimmt.
Das Schweigen dauerte nicht allzulange. Mit einer devoten Bewegung zog
der Reisegefährte ein Fenster hoch und sagte: »Es könnte doch wohl
etwas ziehen für das Kindchen. Ein Fenster auf genügt doch wohl --
nich wahr, Madam?«
Er sprach gemütlich, aber auch energisch. In seiner wichtigen Art, die
ihn leicht außer Atem brachte, lag eine Ehrlichkeit, die Liese gefiel.
»Madam sind gewiß eine gebürtige Strelenwalderin, wenn ich mir diese
Frage erlauben darf?« fragte er nach einer Weile, indem er sich, ohne
um Erlaubnis zu bitten, eine Zigarre anzündete.
Jetzt wappnete sich Liese. Ausfragen ließ sie sich nicht. Man konnte
nicht wissen, von wem der Herr orientiert worden war. -- »Ja, ich bin
aus Strelenwalde«, erwiderte sie kurz.
Er paffte: »'n liebes, altes Nest, aber in den Ansichten schauderhaft
rückständig.«
Sie konnte ihm nicht widersprechen.
»Ich komme nämlich schon seit zwanzig Jahren hierher. Ich mache
nämlich meine Einkäufe immer persönlich, und gewisse Sachen kauft
man am besten in solchen Nestern. Strelenwalde zum Beispiel --
Ihre Spickgans is mir lieber als die Rügenwalder. Außerdem die
Bouillonstangen von Konditor Prutz --«
Jetzt klopfte Liese das Herz. War sie denn blind gewesen? Sie kannte
doch diesen Mann -- sie hatte ihn schon als Kind gesehen. Seinen
Namen wußte sie nicht -- aber früher war er oft im Laden ihres Vaters
gewesen.
»Solche Spezialitäten aus der Provinz lieben die Herren in Berlin am
meisten. Meine Frühstücksgäste --ich sage Ihnen, Madam, die lassen
Dressel und Borchardt dafür stehen. Ich bin nämlich der Besitzer der
allgemein bekannten Müffelschen Frühstücksstube, Französische Straße
siebenundzwanzig. Ich gebe das Brötchen mit echtem Rheinlachs für
fünfundsechzig Pfennige. Spezialität: Müffelbrötchen. Erlaube mich
ergebenst vorzustellen.«
Er senkte wiederholt seinen kahlen Kopf. Liese flüsterte: »Sehr
angenehm.« Ihren Namen nannte sie nicht.
Jetzt aber sah der Reisegefährte sie treuherzig an: »Aber Fräuleinchen
-- Sie kennen mich doch? Guido Müffel? Wie oft bin ich zu Ihrem
Papa gekommen! Bloß die letzten Jahre nich mehr. Da hab' ich die
Bouillonstangen aus Potsdam bezogen. Aber nun hab' ich mich mal wieder
auf die gute alte Quelle besonnen.«
Sie nickte hastig: »Ja, Sie waren bei meinem Vater -- ich weiß. Aber
wenn es Ihnen recht ist, Herr Müffel, sprechen wir lieber nicht davon.
Ich stehe nicht mehr gut mit Vater. Ich kann Ihnen das nicht so
erklären.«
Er betrachtete sie bewegt: »Als ob man keine Augen im Kopp hätte! Als
ob man nicht das Kindchen da gesehen hätte und die ganze Art, wie Sie
von Tante Sanftleben Abschied genommen haben! Halten Sie denn Guido
Müffel für schwach auf der Brust? Außerdem, wenn man in Strelenwalde
seine Geschäftsfreunde besucht hat -- da erfährt man doch mancherlei!«
Liese lehnte sich, die Augen schließend, zurück.
Jetzt rückte Guido Müffel ihr näher: »Fräulein Prutz -- es ist ein
furchtbar netter Zufall, daß wir zusammen nach Berlin fahren ... Ich
mische mich sonst nich 'rein; aber was ich von Ihnen weiß, kommt
nicht etwa von Ihrem Vater, sondern von seinem Konkurrenten -- Herr
Breitkopf oder Mohrenkopp, wie sie ihn nennen, hat es mir erzählt. Es
ist die alte Geschichte -- Sie kennen doch das berühmte Gedicht von
Heine? Das hat neulich Richard Kahle vom Königlichen Schauspielhaus
bei mir deklamiert. Ich sage Ihnen, uns sind die Tränen über die
Backen gelaufen.«
»Herr Müffel,« bat Liese mit stockender Stimme -- »was soll das alles?«
Er steckte die Hand, an der kostbare Ringe blitzten, zwischen
Oberhemd und Weste: »Zunächst -- es soll Ihnen sagen, daß ich
selbstverständlich die ganze Sache übersehe. Ich verurteile die
Handlungsweise Ihres Herrn Vaters, so sehr ich den Mann sonst schätze.
Der Mann ist rückständig. Heutzutage verflucht man seine Tochter
nicht mehr. Das kommt bloß in faulen Theaterstücken vor. Aber ich
kenne auch den Kunden, der Ihnen mitgespielt hat -- na gut, na schön,
ich bin ja schon stille, ich rede keinen Ton mehr. Man weiß doch als
alter Wirt, wie man sich zu benehmen hat. Aber so viel will ich Ihnen
sagen: Sie müssen den Spieß jetzt umkehren! Sie müssen sich in Berlin
durchsetzen! Mit Ihrer Figur! Und mit Ihren Haaren! Die haben ja 'ne
ganz aparte Farbe! Und überhaupt: Sie besitzen savoir vivre, wie der
Franzose sagt! So 'n Kindchen -- das machen Sie nebenbei ab! Sie
verstehen mich hoffentlich, Fräulein Prutz?«
Liese sah eine Weile auf die Anhänger an Guido Müffels Uhrkette. Der
eine war das in Gold gefaßte Bildchen einer nackten Frau, der zweite
war ein Bulldoggenkopf aus Kristall mit Rubinaugen. Dann bemerkte sie
noch einen kleinen Neger, der an einem Baumast aufgehängt war. Nach
einer Pause erwiderte sie leise: »Durchsetzen will ich mich ja. Dazu
geh' ich ja nach Berlin, Herr Müffel. Aber für mich kommt nur was
Anständiges in Frage. Ich muß einen guten, ehrlichen Beruf haben.«
Guido Müffel schlug sich mit beiden Händen auf die Knie -- es
klatschte nur so: »Aber gewiß? Ich weiß doch, wo Sie herstammen! Sie
können Ansprüche machen, zum Donnerwetter! Woran denken Sie nun? In
welche Branche, wenn ich so sagen darf, wollen Sie 'reinkommen?«
»Ich war immer ganz geschickt im Hüte garnieren.«
Guido Müffel schnitt ein entwaffnendes Gesicht: »Putzmacherin? Um
Gotteswillen? Sie sind ja 'ne scharmante Person, aber nehmen Sie mir's
nicht übel -- Sie haben doch wahrscheinlich den kiebigen Strelenwalder
Geschmack! Damit können Sie in Berlin nichts machen. Höchstens, wenn
Sie sich 'n besonders nettes Geschäftslokal mieten, wissen Sie,
so'n Schmuckkästchen in der Friedrichstadt -- aber Sie haben doch
wahrscheinlich gar kein Betriebskapital?«
»Nein«, erwiderte Liese kleinlaut.
»Also was andres, Fräuleinchen -- was andres! Denken Sie mal nach!«
»Vielleicht versuch' ich es mit dem, was ich gelernt habe, und gehe
als Verkäuferin in 'ne gute Konditorei?«
Noch einmal schnitt Herr Müffel sein Gesicht: »Das is auch nichts! Was
kommt denn dabei 'raus? Das hat nicht den Berliner Stil -- Konditorei!
Ne, ne, Fräulein -- wenn Sie in Berlin Karriere machen wollen, dann
müssen Sie die Wurscht am Zippel fassen! Immer das Neueste, so kommt
man vorwärts! Haben Sie nicht 'n bißchen Vertrauen zu mir? Darf
ich Ihnen als erfahrener Geschäftsmann nicht einen guten Vorschlag
machen?«
Liese sah ihn verwirrt an: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Müffel
...«
»Zunächst -- ehe ich mit der Sache selber 'rausrücke -- was haben Sie
mit der kleinen Angelegenheit da vor?« -- Er deutete auf das Kind.
»Ich will sie nicht behalten. Ich will sie in Kost geben, irgendwo,
bei sauberen, zuverlässigen Leuten.«
»Bon! Gott sei getrommelt und gepfiffen! Ich dachte schon, Sie wollten
sich mit Ihrem Sprößling belasten! Also ohne Anhang -- ganz frei
wollen Sie sein?«
Jetzt leuchtete es wieder einmal in Lieses blauen Augen: »Jawohl, Herr
Müffel!«
»Ich biete Ihnen eine glänzende Stellung an! Meine Büfettdame geht zum
ersten August -- ich habe fünfundzwanzig Bewerberinnen, aber Ihnen
gebe ich den Vorzug! Kost und Logis und neunzig Mark monatlich, nach
einem Jahr hundert! Einverstanden?«
Er streckte ihr seine Hand hin.
»Ja, wenn ich solche Stelle ausfüllen kann --?«
»Einverstanden?!«