SECHSTES KAPITEL

Tante Sanftleben wohnte am Strohmarkt, aber der dürre Name hatte

ihren poetischen Sinn nicht gehemmt. Es gab wohl kein anderes Haus in

Strelenwalde, dessen Fenster so schön mit Blumen geschmückt waren.

Eine Besonderheit noch hatte der schmale, einstöckige Bau insofern,

als seit Jahr und Tag zwei Oleanderbäume in grünen Kübeln vor der

Tür standen. Ottilies Vater war ein angesehener Gastwirt gewesen,

dessen Lokal nicht mehr bestand. Er hatte die Oleanderbäume vor der

Tür gehabt, die manchen bezechten Strelenwalder vorbeigelassen. Man

erzählte sogar, daß der Herr Amtsrichter und der Apotheker einmal

die ganze Nacht weinselig auf den grünen Kübeln gesessen hätten. Nun

sahen die Oleanderbäume nur noch sittsame Ordnung. In ihrer Mitte, vor

Tante Sanftlebens Tür, saß Moritz, ihr schwarzer Pudel, und hütete die

Schwelle.

Aber aus dem tiefen Frieden hatte das alte Fräulein sich doch noch

einmal herausreißen lassen. Zur allgemeinen Bestürzung beging

Tante Sanftleben eine der revolutionärsten Taten der Strelenwalder

Moralgeschichte: sie nahm eine »Gefallene« auf. Sie erbarmte sich

eines Menschen, der allgemein verurteilt wurde. Liese Prutz war

genugsam um Assessor Schwarz beneidet worden. Nun, da von der ganzen

Herrlichkeit nur die Verstoßung durch den Vater übriggeblieben, ließ

man seinen Gefühlen freien Lauf. Doch der Sturm wurde durch die

herausfordernde Tat des alten Fräuleins um seine Entladung gebracht.

In Haß und Hetze kam doch allmählich mahnende Beschämung. Niemand

wagte die christliche Tat der mutigen Tante anzufeinden.

Es war Winter und Weihnachten geworden. Liese saß in dem Lehnstuhl,

den Tante Sanftleben ihr eingeräumt hatte. Er stand an einem

Fenster, und man konnte über den verschneiten Strohmarkt sehen. Viele

Leute gingen hier nicht vorüber; doch die einzige Unterhaltung,

die es gab, hatte die Tante ihren Gast überlassen. Liese war jetzt

zu philosophischen Betrachtungen geneigt, sie knüpfte an jeden

Vorübergehenden die Deutung seines Schicksals. Dazu kam die Arbeit,

die sie mit der Tante emsig durchführte -- die kleine Aussteuer für

das leidvoll Erwartete.

Es dämmerte schon. Plötzlich ging unten Vater Prutz vorüber. Er mochte

die Beobachtenden am Fenster spüren, denn sein heftiger Schritt, seine

trotzige Haltung sahen wie eine Kundgebung aus. Tante Sanftleben hatte

gehofft, daß Liese den Vater nicht bemerkt hätte; doch da sagte sie

schon: »Er sieht aus, als ob er es nicht mehr lange macht. Findest du

nicht auch, Tante? Der arme, alte Mann. Ich kann nur sagen: er hätte

es anders haben können.«

»Selbstverständlich«, flüsterte die Tante mit empörtem Blick.

»Es ist eben das traurige, daß er alles bloß wegen der Leute tut. Aber

so wird man in Strelenwalde.«

»Ich glaube, liebes Kind, so wird man auch in Berlin. Nur in größerem

Stil, möchte ich sagen. Hätte ein gewisser Herr sein Herz und sein

Gewissen sprechen lassen ...«

»Das konnte er nicht mehr, Tante. Herz und Gewissen hat er längst

verkauft ...«

Ein leises, schmerzliches Lachen kam in Liese auf, aber es ging

sogleich in Weinen über. Dann faßte sie sich: »Vater ist jedenfalls

noch schlimmer dran als ich. Ich glaube, das Geschäft geht auch

kaputt. Ich bilde mir ja nicht viel drauf ein, was ich mal gekonnt

habe, aber immerhin kommt es doch auf 'ne nette Bedienung an. Wenn

Vater jetzt im Laden steht mit einem Gesicht, als ob er jeden

auffressen wollte, und die Adele kommt gehumpelt -- das kann doch

nichts für die Herren sein.«

Liese ließ plötzlich ihre Häkelarbeit sinken und starrte vor sich hin:

»Ach Tante, das Leben ist eigentlich so sinnlos. Was soll denn der

Mensch auf der Welt, wenn er nicht aus Liebe geschaffen wird?«

Es war ein Schmerz in ihrer Stimme, der mehr sagte als jedes Wort.

Ergriffen streichelte Tante Sanftleben ihren Arm: »So darfst du nicht

denken. Das sind schädliche Gedanken für dich. Solch Kind ist ganz

unschuldig --«

»Ja, Tante! An allem!«

»Ich meine -- das geht seinen eigenen Weg -- das wird ein Mensch für

sich -- außerdem hast du doch, als es geschaffen wurde, an Liebe

geglaubt.«

Liese schauderte zusammen. Dann sagte sie:

»Das ist das Schlimmste -- aber ich kann nicht anders -- an das Kind

denk' ich nicht gern, Tante.«

»Liese!«

»Ich fühl's in mir -- ich werd' es auf die Welt bringen -- aber es

wird mir ganz fremd bleiben. Immer werd' ich dran denken, daß es doch

der Grund von allem war, was ich auszustehen habe. Gewiß, es kann

nichts dafür. Meine Pflicht will ich tun -- aber zwingen tu' ich mich

zu nichts. Ich wünschte nur, daß es erst auf der Welt wär'.«

»Du sprichst sehr sündhaft. Liese, aber ich rechne es deinem Zustand

an. Wir wollen jetzt still sein. Wir wollen beide unsere Pflicht tun.«

-- --

Es wurde wieder Frühling. Da vollzog es sich in dem kleinen,

blumengeschmückten Hause am Strohmarkt. Ein Mädchen wurde geboren,

ein sehr winziges, aber gesundes Mädchen. Die erste Regung der jungen

Mutter nach langer Apathie war, daß sie, Tante Sanftlebens Hand

drückend, sagte: »Tante, darf ich es Ottilie nennen?«

Da gab die Gute nach kurzem Kampf eine überraschende Antwort. »Nein,

Liese. Tu das nicht. Versteh mich. Ich muß für mich bleiben. Nenn' es

Berta, wenn dir der Name gefällt. So hat deine Mutter geheißen.«

Verwundert, nicht gekränkt, schwieg Liese. Dann aber stimmte sie zu.

Die kleine Berta bekam im Himmel eine Patin.

Nun aber, während Liese sich erholte, entfaltete Tante Sanftleben eine

energische Tätigkeit. Sie wollte die Rechte des neuen Menschenkindes

sichern. Entwischen sollte der treulose Mann ihr nicht. Da ging sie

nun täglich in das ernste Gebäude, wo einst auch Viktor Schwarz

amtiert hatte. Mit seinen Kollegen bekam sie es zu tun, aber niemand

entzog sich der peinlichen Pflicht. Fräulein Sanftleben wurde zum

Vormund bestellt, und an den Vater des unehelichen Kindes eine

amtliche Weisung beschlossen.

Doch bevor sie ihn erreichte, schrieb Tante Sanftleben ihren Brief

an Viktor Schwarz. Die Antwort kam. Auf einem Geschäftsbogen mit

Bankkonto und Telegrammadresse standen diese Zeilen:

»Nach Empfang Ihres gefl. Schreibens vom 4. d. M. diene Ihnen zur

Nachricht, daß ich jegliche Einmischung bzw. Diskussion in der

fraglichen Angelegenheit ablehne. Dem von Ihnen erwähnten amtlichen

Schreiben sehe ich gern entgegen und werde es darauf prüfen, ob und

wieweit meine Person darauf zu reagieren hat. In jedem Fall erkläre

ich Ihnen hiermit wie jedem anderen Interessenten definitiv, daß für

meinen Standpunkt einzig und allein die gesetzlichen Bestimmungen

maßgebend sind.

Frau Rietschel das Kind · 第 26 / 97 题