Tante Sanftleben wohnte am Strohmarkt, aber der dürre Name hatte
ihren poetischen Sinn nicht gehemmt. Es gab wohl kein anderes Haus in
Strelenwalde, dessen Fenster so schön mit Blumen geschmückt waren.
Eine Besonderheit noch hatte der schmale, einstöckige Bau insofern,
als seit Jahr und Tag zwei Oleanderbäume in grünen Kübeln vor der
Tür standen. Ottilies Vater war ein angesehener Gastwirt gewesen,
dessen Lokal nicht mehr bestand. Er hatte die Oleanderbäume vor der
Tür gehabt, die manchen bezechten Strelenwalder vorbeigelassen. Man
erzählte sogar, daß der Herr Amtsrichter und der Apotheker einmal
die ganze Nacht weinselig auf den grünen Kübeln gesessen hätten. Nun
sahen die Oleanderbäume nur noch sittsame Ordnung. In ihrer Mitte, vor
Tante Sanftlebens Tür, saß Moritz, ihr schwarzer Pudel, und hütete die
Schwelle.
Aber aus dem tiefen Frieden hatte das alte Fräulein sich doch noch
einmal herausreißen lassen. Zur allgemeinen Bestürzung beging
Tante Sanftleben eine der revolutionärsten Taten der Strelenwalder
Moralgeschichte: sie nahm eine »Gefallene« auf. Sie erbarmte sich
eines Menschen, der allgemein verurteilt wurde. Liese Prutz war
genugsam um Assessor Schwarz beneidet worden. Nun, da von der ganzen
Herrlichkeit nur die Verstoßung durch den Vater übriggeblieben, ließ
man seinen Gefühlen freien Lauf. Doch der Sturm wurde durch die
herausfordernde Tat des alten Fräuleins um seine Entladung gebracht.
In Haß und Hetze kam doch allmählich mahnende Beschämung. Niemand
wagte die christliche Tat der mutigen Tante anzufeinden.
Es war Winter und Weihnachten geworden. Liese saß in dem Lehnstuhl,
den Tante Sanftleben ihr eingeräumt hatte. Er stand an einem
Fenster, und man konnte über den verschneiten Strohmarkt sehen. Viele
Leute gingen hier nicht vorüber; doch die einzige Unterhaltung,
die es gab, hatte die Tante ihren Gast überlassen. Liese war jetzt
zu philosophischen Betrachtungen geneigt, sie knüpfte an jeden
Vorübergehenden die Deutung seines Schicksals. Dazu kam die Arbeit,
die sie mit der Tante emsig durchführte -- die kleine Aussteuer für
das leidvoll Erwartete.
Es dämmerte schon. Plötzlich ging unten Vater Prutz vorüber. Er mochte
die Beobachtenden am Fenster spüren, denn sein heftiger Schritt, seine
trotzige Haltung sahen wie eine Kundgebung aus. Tante Sanftleben hatte
gehofft, daß Liese den Vater nicht bemerkt hätte; doch da sagte sie
schon: »Er sieht aus, als ob er es nicht mehr lange macht. Findest du
nicht auch, Tante? Der arme, alte Mann. Ich kann nur sagen: er hätte
es anders haben können.«
»Selbstverständlich«, flüsterte die Tante mit empörtem Blick.
»Es ist eben das traurige, daß er alles bloß wegen der Leute tut. Aber
so wird man in Strelenwalde.«
»Ich glaube, liebes Kind, so wird man auch in Berlin. Nur in größerem
Stil, möchte ich sagen. Hätte ein gewisser Herr sein Herz und sein
Gewissen sprechen lassen ...«
»Das konnte er nicht mehr, Tante. Herz und Gewissen hat er längst
verkauft ...«
Ein leises, schmerzliches Lachen kam in Liese auf, aber es ging
sogleich in Weinen über. Dann faßte sie sich: »Vater ist jedenfalls
noch schlimmer dran als ich. Ich glaube, das Geschäft geht auch
kaputt. Ich bilde mir ja nicht viel drauf ein, was ich mal gekonnt
habe, aber immerhin kommt es doch auf 'ne nette Bedienung an. Wenn
Vater jetzt im Laden steht mit einem Gesicht, als ob er jeden
auffressen wollte, und die Adele kommt gehumpelt -- das kann doch
nichts für die Herren sein.«
Liese ließ plötzlich ihre Häkelarbeit sinken und starrte vor sich hin:
»Ach Tante, das Leben ist eigentlich so sinnlos. Was soll denn der
Mensch auf der Welt, wenn er nicht aus Liebe geschaffen wird?«
Es war ein Schmerz in ihrer Stimme, der mehr sagte als jedes Wort.
Ergriffen streichelte Tante Sanftleben ihren Arm: »So darfst du nicht
denken. Das sind schädliche Gedanken für dich. Solch Kind ist ganz
unschuldig --«
»Ja, Tante! An allem!«
»Ich meine -- das geht seinen eigenen Weg -- das wird ein Mensch für
sich -- außerdem hast du doch, als es geschaffen wurde, an Liebe
geglaubt.«
Liese schauderte zusammen. Dann sagte sie:
»Das ist das Schlimmste -- aber ich kann nicht anders -- an das Kind
denk' ich nicht gern, Tante.«
»Liese!«
»Ich fühl's in mir -- ich werd' es auf die Welt bringen -- aber es
wird mir ganz fremd bleiben. Immer werd' ich dran denken, daß es doch
der Grund von allem war, was ich auszustehen habe. Gewiß, es kann
nichts dafür. Meine Pflicht will ich tun -- aber zwingen tu' ich mich
zu nichts. Ich wünschte nur, daß es erst auf der Welt wär'.«
»Du sprichst sehr sündhaft. Liese, aber ich rechne es deinem Zustand
an. Wir wollen jetzt still sein. Wir wollen beide unsere Pflicht tun.«
-- --
Es wurde wieder Frühling. Da vollzog es sich in dem kleinen,
blumengeschmückten Hause am Strohmarkt. Ein Mädchen wurde geboren,
ein sehr winziges, aber gesundes Mädchen. Die erste Regung der jungen
Mutter nach langer Apathie war, daß sie, Tante Sanftlebens Hand
drückend, sagte: »Tante, darf ich es Ottilie nennen?«
Da gab die Gute nach kurzem Kampf eine überraschende Antwort. »Nein,
Liese. Tu das nicht. Versteh mich. Ich muß für mich bleiben. Nenn' es
Berta, wenn dir der Name gefällt. So hat deine Mutter geheißen.«
Verwundert, nicht gekränkt, schwieg Liese. Dann aber stimmte sie zu.
Die kleine Berta bekam im Himmel eine Patin.
Nun aber, während Liese sich erholte, entfaltete Tante Sanftleben eine
energische Tätigkeit. Sie wollte die Rechte des neuen Menschenkindes
sichern. Entwischen sollte der treulose Mann ihr nicht. Da ging sie
nun täglich in das ernste Gebäude, wo einst auch Viktor Schwarz
amtiert hatte. Mit seinen Kollegen bekam sie es zu tun, aber niemand
entzog sich der peinlichen Pflicht. Fräulein Sanftleben wurde zum
Vormund bestellt, und an den Vater des unehelichen Kindes eine
amtliche Weisung beschlossen.
Doch bevor sie ihn erreichte, schrieb Tante Sanftleben ihren Brief
an Viktor Schwarz. Die Antwort kam. Auf einem Geschäftsbogen mit
Bankkonto und Telegrammadresse standen diese Zeilen:
»Nach Empfang Ihres gefl. Schreibens vom 4. d. M. diene Ihnen zur
Nachricht, daß ich jegliche Einmischung bzw. Diskussion in der
fraglichen Angelegenheit ablehne. Dem von Ihnen erwähnten amtlichen
Schreiben sehe ich gern entgegen und werde es darauf prüfen, ob und
wieweit meine Person darauf zu reagieren hat. In jedem Fall erkläre
ich Ihnen hiermit wie jedem anderen Interessenten definitiv, daß für
meinen Standpunkt einzig und allein die gesetzlichen Bestimmungen
maßgebend sind.