Es war noch das Berlin der achtziger Jahre, in das Viktor Schwarz
zurückkehrte, aber zum Unter- und Wiederauftauchen fand er schon das
rechte Wasser. Als er sich besonnen, kam eine ärgerliche Scham in ihm
auf. Wie hatte er nur so schmählich die Flucht ergreifen können, vor
den Spießbürgern von Strelenwalde!
Das Unwürdige seines Verhaltens kam ihm freilich dort, wo es am
nötigsten gewesen wäre, nicht zum Bewußtsein. An Lieses Not dachte er
kaum. Jetzt galt es ihm vor allem, wieder in den Sattel zu kommen.
Er mußte sich den Rücken decken. Konditor Prutz fürchtete er weniger
als die Herren vom Strelenwalder Amtsgericht. Die durften keinesfalls
glauben, daß er aus Schuldgefühl entwichen war. Feigheit würde man ihm
immer vorwerfen. Nein, er mußte eine einleuchtende Erklärung finden
und sich zugleich interessant machen.
In seiner lieben alten Wohnung am Tempelhofer Ufer kam ihm die
Erleuchtung. Er blickte auf die langen »Appelkähne« im schmalen
Kanal hinaus, und die Frische eines Mannes, der am Wasser wohnte,
erfüllte ihn. Natürlich -- so war es zu machen: nervöse Depression
infolge von Überarbeitung. Nicht etwa im Amtsgericht hatte diese
Überarbeitung stattgefunden -- das wäre den Herren dort nicht angenehm
gewesen -- sondern daheim, bei Sattlermeister Schörg, wo, wie man
jetzt erst erfuhr, dieser Musterassessor ein großes Werk über die
fiskalischen Ansprüche auf Rieselfelder entworfen hatte. Nächtliche
Pflichterfüllung hatte seine Gesundheit untergraben.
Nun faßte er sich. Nun setzte er den Kollegen alles auseinander --
erbat ihr Verständnis und ihre Entschuldigung. Das Zeugnis eines
bekannten Nervenarztes wurde beigefügt. Was noch fehlte, lieferte
Onkel Joachim. Der alte Justizrat zeigte sich anfangs peinlich
überrascht. Dann aber spürte er, daß sein eigener Machtspruch
die Ursache der Flucht gewesen, und daß nur ein radikales Mittel
Viktor vernünftig gemacht hatte. So hieß er es schließlich gut. Er
setzte seine Autorität dafür ein, daß man den entwischten Assessor
wohlwollend verabschiedete. Joachims Fürsprache war auch die baldige
Berufung an das Moabiter Landgericht zu danken.
»Alles geht gut«, konnte Viktor Schwarz nach einigen Wochen
händereibend sagen. Jetzt hatte er das alte Strelenwalde schon wieder
ganz lieb. Rührende Erinnerungen beschlichen ihn. Rechnungen waren
bezahlt, Abschiedsbriefe an Personen, die es wohl nicht erwartet
hatten, wurden mit bestrickender Liebenswürdigkeit geschrieben. Nun
kam sogar der tiefe, schmerzliche Druck zurück, daß in der Hauptsache
die Versöhnung fehlte. Von Liese hatte er nichts mehr gehört. Es war
ebenso unheimlich wie auffallend, daß ihr Vater keinen Schritt gegen
ihn unternahm. Was mochte da vorgefallen sein? Viktor Schwarz zählte
immer wieder an den Fingern, wieviel Monate Liese noch bis zu ihrer
schweren Stunde blieben. Es war ja ausgeschlossen, daß sie ihren
Zustand verborgen hielt. Besonders wenn er ihre Stimmung in Betracht
zog. Vielleicht hatten sich so schlimme Dinge ereignet, daß sie gar
nicht zu ihm gelangten? Jedenfalls konnte es aber nichts sein, was
die Öffentlichkeit beschäftigte, denn sonst ... Er las ja täglich das
Strelenwalder Kreisblatt.
Ganz losmachen konnte er sich doch nicht. Und was das Fatalste war --
je wohler er sich in Berlin fühlte, desto hartnäckiger beschlichen ihn
die trauten Bilder der Kleinstadt. Er vergaß wohl im Genuß, aber er
wollte sein bestes Erlebnis nicht missen.
Das steigerte sich allmählich zu Halluzinationen. Er hörte sich selber
»Engel« flüstern und bekam die rauhe Antwort »Schuft!« Es war ein
peinlicher Zustand. Nur Arbeit half darüber fort. Die leistete er,
unverdrossen und erfolgreich -- Onkel Joachim wurde immer zufriedener.
Es fehlte nicht viel, und er hätte vergnügt gesagt: »Siehst du, mein
Junge -- es war doch richtig, was dein alter Onkel gewollt hat!«
Richtig, ja -- aber ... Eines Abends faßte Viktor Schwarz einen kühnen
Entschluß. Er griff nach Schreibpapier und Feder. Aber er schrieb
nicht etwa an die Verlassene, sondern an ihren letzten Gegensatz,
an die kleine Adele Schörg. Auf eine andere Auskunftsstelle kam er
nicht. Die Tochter seines ehemaligen Wirtes war ihm verpflichtet --
er hatte ihr in der Aufregung der Abreise zwanzig Mark geschenkt. Das
war natürlich lächerlich viel. Aber nun konnte sie ihm auch noch einen
zweiten Gefallen tun.
Wenige Tage später erhielt er ihre Antwort:
»Hochgeehrter Herr Assessor!
Selbstverständlich sage ich niemand was von Ihrem Brief. Man weiß
doch auch, was diskret ist. Aber es ist mir eine Ehre, daß Sie sich
an mich gewendet haben, denn ich kann Ihnen ja die beste Auskunft
erteilen. Denken Sie sich: Herr Prutz war doch immer spinnefeind
mit meinem Papa, und nun auf einmal hat er mich als Ladenfräulein
engagiert. Ganz von selber hat er mich gefragt, aber mit einem
Gesicht, als ob er mich auffressen wollte. Ich habe aber keine
Angst vor ihm. Der arme, alte Mann ist ja jetzt so verlassen, denn
Sie wissen wohl, daß er seine Tochter verstoßen hat. Liese wohnt
bei ihrer Tante, und Herr Prutz sieht sie nicht mehr an. Er ist
ein harter, alter Mann. Liese kann einem doch leid tun, denn das
Schwerste steht ihr noch bevor. Dabei können Sie sich denken, wie
alle Leute sie behandeln. Sie wagt sich nur noch, wenn es dunkel
wird, auf die Straße. Und sie sieht aus -- so was von Veränderung
habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Alles wundert sich hier
aber über Fräulein Sanftleben. Daß die es noch mit so einer hält.
Für mich ist es natürlich viel besser gekommen, als ich jemals
gehofft hatte. Jetzt bediene ich in einem feinen, schwarzen Kleid,
mit einer blendend weißen Schürze die Gäste. Morgen kaufe ich mir
Lackschuhe. Der Alte ist mir ja unheimlich, denn ich weiß eigentlich
gar nicht, warum er mich gerade genommen hat. Man glaubt hier, daß
er nicht mehr recht bei Troste ist. Er spricht, wenn ich im Laden
bin, plötzlich ganz laut mit seiner verstorbenen Frau. Ich sage
Ihnen, da schmeckt einem manchmal kein Kuchen mehr. Aber meine
Selbständigkeit habe ich wenigstens. Denn Herr Prutz rafft sich zu
nichts mehr auf. Mit bestem Gruß, und wenn Sie mal wieder was hören
wollen, immer zu Ihrer Verfügung.