»Ich glaube, nach Berlin! Aber ich weiß es wirklich nicht, Herr Prutz!
Ich will gar nichts gesagt haben! Es ging so über Hals und Kopf!
Vormittags schrieb Herr Assessor noch den Brief, und dann ist er gar
nicht mehr aufs Gericht gegangen, sondern gleich zum Bahnhof!«
Prutz wandte sich zu seiner Tochter. Die aber streckte nur die Hand
gegen Viktors Botin aus: »Geh weg, Adele!«
»Na, erlaube mal, du kannst dich doch wenigstens bedanken ...«
»Geh weg!!!«
»Man ist doch -- ein Stück Vieh ist man schließlich auch nicht!«
Wütend humpelte Adele hinaus. Der Konditor aber fragte: »Kann ich den
Wisch da lesen?«
Liese nickte. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen.
»Meine liebe Liese!
Nun ist doch alles anders geworden. Nachdem Du gestern bei mir
gewesen, bin ich mit mir zu Rate gegangen. Ich verbrachte eine
schlaflose Nacht, aber gegen Morgen kam mir die Erkenntnis. Liese,
es ist unmöglich, wir müssen vernünftig sein. Ich habe einen großen
Fehler begangen. -- Das gestehe ich freimütig ein. Ich hätte Dir
sagen sollen, welches Versprechen mir mein Onkel, der Justizrat
Joachim, abgenommen hat. Von diesem Mann hängt meine ganze Zukunft
ab. Da er sich unserer Heirat bis aufs Äußerste widersetzt, kommt
auch die Entscheidung Deines Vaters nicht mehr in Frage. Es hat
deshalb auch keinen Zweck, daß ich ihn heute besuche. Ich hatte
gehofft -- trotz allem -- ich wollte mit dem Kopf durch die Wand
-- aber das geht nicht. Meine herzliche Liebe bleibt Dir natürlich
gewiß. Ich werde Dich in schöner Erinnerung behalten. Aber zugrunde
gehen darf ich nicht. Ich muß fort, Liese. Eine entsetzliche
Platzfurcht ergreift mich. Schaden wird es mir genug, denn ich lasse
heute zum ersten Male mein Amt in Stich, aber von Berlin aus werde
ich den Herren alles auseinandersetzen. Glaube mir, Liese: Wenn Du
nicht ein wirkliches Erlebnis für mich gewesen wärst, würde ich
nicht so darunter leiden. Und nun sei getrost und gräme Dich nicht.
Du bist noch jung, Du wirst es verwinden. Ich wünsche Dir den Mann
in Deiner Vaterstadt, der Dich verdient! Den Du verdienst! Lebe wohl!
Dein schmerzerfüllter
Viktor Schwarz.«
Vater Prutz hatte zu Ende gelesen. Er begann noch einmal seinen Marsch
durch den Laden. Noch kämpfte das Mitleid mit seinem zerbrochenen
Kinde in ihm -- dann aber kam ihm ein Einfall, und er blieb mit
eiserner Miene stehen: »Du bist bei ihm gewesen?«
»Ja, Vater.«
»In seiner Wohnung?«
»Warum nicht?«
Jetzt tappte der Vater ein paar Schritte zurück: Er griff sich an den
Kopf -- die Konditormütze fiel zu Boden: »Kommst du von den Wilden?
... Habe ich dich nicht was andres gelehrt? ...«
»Doch, Vater. Aber das Leben reißt einen mit. Ich weiß nicht, wie es
gekommen ist. Jedenfalls durfte ich ihn besuchen.«
»Du durftest --?«
»Ich war schon seine Frau.«
Der Tisch, an dem Assessor Schwarz immer gesessen, fiel um. Teller und
Löffel kollerten umher. Vater Prutz hatte zuschlagen wollen, aber er
war gestolpert und brach nun in die Knie. Liese rührte sich nicht. Da
bimmelte wieder die Türglocke, und das kleine Fräulein Sanftleben kam
leise herein. Entsetzt erkannte sie, daß der Zusammenbruch da war. Sie
galt als eine ängstliche alte Jungfer, aber manche wußten auch, daß
sie im gegebenen Augenblick heroisch werden konnte. Sie ließ sich auch
jetzt nicht einschüchtern. Schnell war sie bei ihrem Schwager und half
ihm auf: »Mein Gott, was ist dir denn, Reinhold? Hast du eine schlimme
Nachricht erhalten?« Sie sah auf Viktors Brief.
»Nur 'ne Kleinigkeit! Liese ist 'ne Dirne! Sonst nichts!« Ein
gellender Schrei -- das Mädchen stürzte zur Tür. Aber an Tante
Sanftleben kam sie nicht vorbei. Sie, die sie immer gestützt hatte,
hielt sie jetzt mit stählernem Griff fest.
»Laß sie laufen!« brüllte der Konditor. »Sie weiß schon, warum! Wenn
sie außer der Schande auch den Tod will -- meinetwegen! Das ist ihre
Sache! Ich habe keine Tochter mehr.«
Tante Sanftleben hielt Liese, deren Kraft schon wieder erlosch: »Pfui,
Schwager, -- pfui, schäme dich doch! Du bist so erregt -- ich will es
nicht gehört haben, wie du dich versündigest!«
»Ich?«
»Ja, lache nur! Wir sind alle gebrechliche Menschen! Du auch! Wir
dürfen alle nicht den ersten Stein werfen! Jedenfalls, das sage ich
dir: Wenn du dein Kind verstößt, dann bin ich auch mit dir fertig!«
»Sei nicht so frech, Ottilie!«
»Doch, Reinhold! Wenn's drauf ankommt, bin ich auch frech! Ich will
jetzt gar nicht wissen, was geschehen ist -- ich sehe nur, wie Liese
leidet! Bei dir darf sie selbstverständlich nicht bleiben! Ich nehme
sie mit!«
»Tante!!« -- Liese schlang wie ein hilfloses Kind die Arme um das alte
Fräulein.
Vater Prutz ballte die Faust: »Du machst dich in Strelenwalde
unmöglich!«
Jetzt kam ein schönes Lächeln auf Tante Sanftlebens Gesicht: »Ach --
Reinhold -- das läßt sich ertragen.«
Sie führte ihren Schützling hinaus. Der alte Konditor war in seinem
Laden allein. Er starrte der Entschwundenen nach -- dann flüsterte er,
auf einen Stuhl sinkend: »Ich ertrag' es nicht.«