Adele Schörg.«

Viktor Schwarz blickte scheu umher, als er diesen Brief gelesen hatte.

Nun wußte er genug -- mehr als genug. Das Weitere mußte er abwarten.

Zum erstenmal beschäftigte er sich eingehend mit Tante Sanftleben.

Von der war jetzt das Aktive in der Angelegenheit zu befürchten. Aber

mochte sie nur. Bis das Kind auf der Welt war, saß er als angesehener

Rechtsanwalt in der Taubenstraße. Die Kollegen in Strelenwalde waren

daran gewöhnt, unter sich ein Auge zuzudrücken. Außerdem verdarb es

niemand mit Justizrat Joachim. Alimente wollte er natürlich prompt,

wie das Gesetz es gebot, bezahlen. Ihm kam es nur auf die Diskretion

an.

So war er schon wieder ganz zufrieden mit sich. Als er auf die Straße

hinaustrat und die frische Herbstluft einatmete, verhärtete sich seine

Empfindung. Er schritt elegant und in der Haltung eines geschäftigen

Ehrenmannes auf die Potsdamer Brücke zu.

In dieser Stimmung war es Schicksal, daß er seiner Tante Klara

begegnen mußte. Die korpulente Frau Justizrat Joachim bewegte sich

aus der Straße Am Karlsbad, wo sie seit vielen Jahren wohnte, auf

ihren Neffen zu. Sie hatte mit ihrer Hakennase, ihren hervorstehenden

Augen und der hohen, grauen Frisur etwas altmodisch Majestätisches,

freilich eine Majestät, wie das Theater sie vorspiegelt. An eine alte

Hofschauspielerin erinnerte sie. Komödiantenhaft war sie auch durch

ihr aufdringlich kostbares Schmuckzeug.

Das Lebenselement von Tante Klara hieß: arrangieren. Jede ihrer

Gesellschaften diente einem mehr oder minder verhüllten Zweck. Sie

unterstützte Kunst und Wissenschaft, um Liebespaare hervorzuzaubern;

sie lud Verliebte ein, um die Kunst zu fördern. Selbstverständlich

fehlte nie die materielle Grundlage -- leere Romantik gab es nicht.

Viktor Schwarz stand jetzt im Mittelpunkt des Interesses, Tante Klara

war deshalb beglückt, als sie ihm an der Potsdamer Brücke begegnete.

Viktor war es weniger, aber er kannte die Bedeutung der Tante und

zeigte eine hocherfreute Ritterlichkeit. Sie wanderten dem Potsdamer

Tor zu. Es duftete und klapperte neben Viktor. Andächtige und

neidische Blicke hafteten an der offenkundig reichen Frau.

Ihre meisten Sätze begann Tante Klara mit: »Also«. »Also, man darf

dich wohl nicht stören, lieber Vicki -- du stehst vor dem Examen, das

du natürlich unberufen glänzend bestehen wirst -- und dann bist du

Rechtsanwalt, und dann wirst du also auch Augen für eine gewisse junge

Dame haben, die sich ganz schrecklich nach dir sehnt.«

»Wen meinst du denn, Tante?« fragte Viktor harmlos.

Tante Klara konnte nicht mehr ungezwungen lachen. Sie war zu dick

und steckte in einem panzerähnlichen Korsett. Außerdem fürchtete sie

für ihre falschen Zähne. Deshalb brachte sie nur ein »Hihi!« heraus:

»Also tu nicht so unschuldig! Du weißt schon! Das kann ich dir sagen:

Lene Kroner ist ein hübsches Mädchen geworden, ein wirklich hübsches

Mädchen!«

Über Viktors Gesicht flog ein Schatten: »Ist sie denn noch immer

magenleidend?«

»Also, das kann man wirklich nicht sagen. Sie lebt nach strenger Diät,

sie tanzt und turnt und marschiert, alles bloß deinetwegen. Ihr Magen

ist etwas schwach, das hat sie von ihrer Mutter geerbt -- aber alles

Nerven, alles nur Nerven -- wenn sie verheiratet ist, gleicht sich das

alles aus.«

»Ich kann aber nicht garantieren, Tante, daß ich Lene Kroner kuriere.«

»Hihi! Du bist ein Spaßvogel! Also wirklich ein Spaßvogel, Vicki!

Du brauchst dir gar keine Sorgen zu machen! Außerdem werdet ihr in

Verhältnissen leben, daß du deine Frau jederzeit in das schönste

Sanatorium schicken kannst.«

Viktor horchte auf: »Na, ja ... Aber damit soll ich schon vor der Ehe

rechnen?«

»Man muß doch die Dinge nehmen, wie sie sind! 'n bißchen kränklich --

das macht doch nichts! Da richtet man sich sein Leben ein! Wenn sie

einen Geburtsfehler hätte -- aber ich sage dir, sie wird eine reizende

Figur neben dir machen! Schneiderrechnungen spielen bei ihrem Vater

keine Rolle! Also, das ist doch die Hauptsache! Sie repräsentiert!«

Viktor schwieg. Aber die Tante schwatzte fort: »Also, ich kann dir

nur sagen, die ganze gute Gesellschaft wünscht eure Verbindung! Jeder

sagt, es sei eine fertige Sache! Übrigens kann ich dich jetzt schon

auf das neue Sanatorium in Oberhof aufmerksam machen -- das soll

ausgezeichnet sein -- ein vorzüglicher Arzt und blendende Verpflegung

--«

»Warum machst du mich denn darauf aufmerksam, Tante?« fragte Viktor

mit etwas wirrem Blick.

»Na -- man kann doch nie wissen! Du sollst jedenfalls einen freien

Kopf behalten! Du sollst dein Leben genießen, mein Junge! Sollte Lene

Kroner wider Erwarten doch wieder bettlägerig werden, packst du sie

einfach auf, bringst sie nach Oberhof und besuchst sie alle acht Tage!

In Oberhof ist es zauberhaft schön, lauter Hochwald -- direkt Ozon! Da

hast du auch 'ne Erholung!«

Viktor blickte ziemlich dumm auf diese einleuchtende Erklärung. Sie

blieben am Potsdamer Platz stehen. So streiften sie fast einen alten

Herrn, der eben vorüberging und Frau Justizrat Joachim grüßte. Zu

seinem schwarzen Beamtenrock bildete der frische, feine Kopf mit dem

weißen Haar und den leuchtenden, blauen Augen einen merkwürdigen

Gegensatz. In dem Blick, mit dem er die alte Dame gestreift hatte,

lag ein schalkhaftes Kennertum.

Tante Klara aber grüßte mit voller Begeisterung wieder: »Guten Abend,

Herr Doktor! Guten Abend!«

»War das nicht Theodor Fontane?« fragte Viktor, ebenfalls von der

Berühmtheit der Begegnung ergriffen.

»Also, freilich, freilich! Jetzt les' ich eben ›Irrungen, Wirrungen‹!

Hat doch in der Voß gestanden! Na, mein Geschmack ist es eigentlich

nicht! Solche Sachen sind mir zu realistisch! Da ist mir unser Pietsch

schon lieber!«

»Aber Pietsch, Tante -- der ist doch nur ein Journalist.«

»Egal! Sein Stil ist großartig! Der und Wildenbruch! Übrigens

kennt Ludwig Pietsch sämtliche gekrönte Häupter! Wenn man den

Mann liest, atmet man auf! Da vergißt man mal diese unverschämten

Sozialdemokraten! Mein Mann sagt immer: ›Bebel wird direkt 'ne

Gefahr‹!«

Tante Klara war auf ein Gebiet gekommen, wo Viktor die Gefolgschaft

mied. Er stand zwar auf demselben Boden wie sie, aber ohne Logik mied

er jede Debatte. Er führte Tante Klara noch zu Josty hinein -- dann

verabschiedete er sich und wurde nicht losgelassen, ohne daß ein neues

Zusammentreffen mit Lene Kroner verabredet worden war.

»Also, weißt du, erbarm' dich,« sagte die Tante, als sie sein Zögern

bemerkte. »Sie ist solch nettes, wohlerzogenes Mädchen. Und so

bescheiden. Ich sage dir, du wirst an ihr eine wirklich bescheidene

Frau haben.« --

Als Viktor dann am nächsten Sonntag mit seiner Zukünftigen bei Onkel

Joachim zusammen gewesen, ging er in wachsender Beruhigung fort. Jetzt

klärte sich die Sache. Man machte es ihm bequem, und er wollte es sich

bequem machen. Mit jedem Wort begnadete er das blasse, unscheinbare

Geschöpf. Hier konnte er wirklich tun, was er wollte -- vorausgesetzt,

daß die Form gewahrt blieb. Man belastete ihn weder mit Liebe noch

mit Verantwortung. An Respekt für seine Frau brauchte er es ja

nicht fehlen zu lassen, denn sie gab seiner Existenz die Grundlage.

Lene Kroner konnte es vorzüglich bei ihm haben, wenn er ein weiser

Lebenskünstler blieb. Es kam nicht darauf an, was sie wissen wollte,

sondern was sie wissen durfte.

Ein Frohsinn, den er nur in den ersten Strelenwalder Tagen empfunden,

kam über ihn. Was eben jeder musikalische Mensch summte, das

Intermezzo aus »Cavalleria rusticana«, summte auch Viktor Schwarz.

Zufällig glitt sein Blick auf das Schaufenster einer Vogelhandlung.

Da verfärbte er sich. Papageien sah er in vergoldeten Käfigen. Er

gedachte der Bezeichnung, die sein Freund Lubasch einmal für Lene

Kroner gebraucht hatte: »Der kranke Papagei!« Er stampfte mit dem Fuß,

verwünschte Lubasch und ging weiter. --

Das Examen bestand er vorzüglich. Nun setzte die Reihe der

Joachimschen Feste ein. Beim zweiten wurde die Verlobung von

Rechtsanwalt Viktor Schwarz mit Fräulein Helene Kroner verkündet.

Es war ein sonderbares Glück, das über den Bräutigam kam. Nicht aus

dem Erlebnis seiner Seele kam es, sondern aus der Meinung fremder

Menschen. Was sonst dem Glück Verlobter nachgesagt wurde, daß sie

nur in ihrer stillen Zweiheit die Welt fanden -- bei Viktor Schwarz

und Lene Kroner stellte sich nichts davon ein. Sie konnten nur unter

neugierigen Blicken aufblühen, ihr Bündnis war eine allgemeine

Angelegenheit. So wurde auch die religiöse Zeremonie als Dekoration

erledigt. Die Hauptsache war das große Hochzeitsessen, das Justizrat

Joachim, wie man versicherte, dreihundert Mark das Gedeck kostete.

Fünfundsechzig Personen waren geladen. Also kostete die ganze Hochzeit

über zwanzigtausend Mark. Freund Lubasch hatte es ausgerechnet. Im

Laufe des Abends teilte er es jedem Gast mit.

Auch Schattenseiten hatte die schöne Feier. Erstens wagte das

Hotel, in dem die Hochzeit stattfand, einen kecken Betrug bei

der Verabreichung der Weine -- die Debatte darüber, die nicht

stimmungfördernd war, wurde bei Tisch nicht unterdrückt. Frau

Justizrat Joachim lieferte sogar ein heftiges Wortgefecht mit dem

Oberkellner. Ferner mutete die glückliche Braut ihrem schwachen

Magen Dinge zu, die streng verboten waren. Die traurige Folge war,

daß Viktor seine Liebe frühzeitig heimbringen mußte. Es wurde eine

schlimme Hochzeitsnacht. Die Reise mußte verschoben werden, und nun

sah die arme Lene wirklich wie ein kranker Papagei aus.

Viktor zwang sich zu frischer Ritterlichkeit, aber im Innersten war

er verstimmt. Es geschah doch allzufrüh, was er vorausgeahnt hatte.

Da half das Sanatorium in Oberhof nichts. Vorläufig lag Lene in der

Bendlerstraße fest. Ihre Magenkrämpfe trieben jedes Glück davon. Ein

böser Zwiespalt regte sich in Viktor Schwarz. Jetzt erst wußte er, wie

gleichgültig ihm der Mensch war, mit dem er verbunden worden.

Aber man bedauerte ihn allseitig, ihn viel mehr als seine Frau,

und das nutzte er aus. Er überließ die Kranke einer Pflegerin und

wandte sich seinem eigenen Interesse zu. Daß Onkel und Tante Joachim

bezüglich seiner Heirat ein schlechtes Gewissen hatten, war ihm gerade

recht. Jetzt konnte er ihre Verantwortung nach Belieben vergrößern.

Daß er den Weg in die Zukunft frei bekam, war ihm die Hauptsache. Er

kannte schon das Achselzucken, das man seiner Ehe widmen würde. »Ich

bitte Sie, eine kranke Frau. Kann man's dem Mann verdenken?«

So begann er denn als kluger Architekt den Scheinbau seines Lebens.

Er war ein Faktor der Gesellschaft -- darauf kam es ihm an. Soweit

sie sichtbar blieben, galten seine Schritte. Im Dunkeln fehlte jede

Kontrolle. Natürlich gab ihm eine Eigenschaft als juristische Person

doppelte Sicherheit. Man wollte ihn als kühnen Geschäftsmann und

ernsten Hüter der Moral -- diese Vereinigung war ein Kunststück --

aber er leistete sie. Er wurde ein ausgezeichneter Schauspieler. Wenn

er abends bei Landvogt saß, Josty gegenüber, wenn er in einer Premiere

des Deutschen Theaters oder in der neu eröffneten Philharmonie

erschien -- immer umgaben ihn andächtige Blicke. Teilnahme für den

bedauernswerten Ehemann, Hingabe für den Überwinder des Daseins --

überall erntete er beides.

Immerhin wollte er sich allmählich auch mehr Bewegungsfreiheit im

eigenen Heim schaffen. Zum Arbeitssklaven war er sich zu schade. Doch

Lene blieb bettlägerig -- an die Reise nach Oberhof war nicht zu

denken. Da half ihm der Klub. Man spielte und machte Bekanntschaften.

Besonders auf einen interessanten Modesalon in der Neustädtischen

Kirchstraße wurde Rechtsanwalt Schwarz hingelenkt. Hier gab es

jene Berliner Welt, die noch nicht Halbwelt genannt werden durfte.

Gusti Bernhardi, die elegante jugendliche Besitzerin, betonte sogar

die bürgerliche Moral. Sie behauptete, nur anständige Damen zu

beschäftigen, aber eine Aufpasserin war sie nicht. Sie machte Viktor

Schwarz zu ihrem Rechtsvertreter.

Wieviel Freiheit und Bequemlichkeit konnte ihm doch von dieser

gesunden, vorurteilslosen Frau kommen! Wehmut erfüllte Viktor Schwarz

bei solchem Gedanken. Er fühlte sich gefesselt und verkauft. Zuweilen

stieg ein böser Haß in ihm auf, wenn er heimkam und durch mehrere

Türen den fatalen Medizingeruch spürte.

Vergebens überlegte er, wie er sich befreien konnte. Da erreichte ihn

plötzlich ein Brief aus Strelenwalde. Nicht von Adele Schörg kam er,

auch nicht von Konditor Prutz -- die Handschrift war ihm unbekannt.

Dann las er den Absender: O. Sanftleben. Aha -- nun wollte man doch

noch etwas von ihm.

Sehr geehrter Herr!

Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß ich die Sachwalterin meiner

Nichte Luise Prutz geworden bin. Ihr Vater, mein Schwager, hat

sich von ihr abgewendet, aus Gründen, die ich nicht zu erörtern

brauche. Ich teile seinen Standpunkt Luise gegenüber nicht, wohl

aber Ihnen gegenüber. Deshalb benachrichtige ich Sie in Kürze, daß

Luise in meiner Wohnung vor einigen Tagen einem gesunden Mädchen das

Leben geschenkt hat. Ihre Vaterschaft steht fest. Ich habe Ihre

Verpflichtung dem hiesigen Amtsgericht übergeben, von dem Ihnen das

Weitere zugehen wird. Persönlich bemerke ich noch, daß Sie sich am

besten vorstellen können, in welche furchtbare Lage meine Nichte

geraten ist. Ich hoffe und erwarte, daß Sie sich jetzt als Mann von

Ehre erweisen und etwas mehr an Mutter und Kind tun werden, als

das Gesetz befiehlt. Unendlich viel ist wieder gutzumachen. Eine

Lebenshoffnung ist zu gründen nach unverdienten Qualen.

Frau Rietschel das Kind · 第 24 / 97 题